Bildnis eines Jungen (Portrait of a Young Man) (1923) by Karl Kluth. Hamburger Kunsthalle.

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Bildnis eines Jungen (Portrait of a Young Man) (1923) by Karl Kluth. Hamburger Kunsthalle.
Binge-watched the first two seasons of the most expensive German TV series ever made, “Babylon Berlin”. It’s a heady mix of a police thriller and period drama. You’re dropped in Berlin, a city with jazz cabaret at the centre of its night life, during the late 1920s. Think the unstable “Weimar Republic” with extremist movements, political murders and generals who actively subvert the Versailles Treaty that ended World War I with an illegal rearmament effort. (All of this led to Hitler taking power, but you’re not there yet in this series.) Pretty funny: nobody sees Germany as a country that produces good drama but this is finally starting to change. (The series “Das Boot”, also financed by Sky, drew people’s attention as well.) Are you surprised that the German director Tom Tykwer - whose movie “Perfume” you’ve seen - is involved? I wasn’t! https://www.instagram.com/p/CATBBxdjlHq/?igshid=1oldto4l5qvtz
Berlin ist nicht Weimar, heißt es. Zu Recht? Unheilvolle Tendenzen aus der Weimarer Republik kehren wieder.
In Zeiten, in denen so viel von der „Spaltung der Gesellschaft“ die Rede ist, lohnt sich vielleicht, wieder einmal, ein Blick auf die Weimarer Republik. Sie bietet das Muster- und Schreckensbeispiel einer gespaltenen Gesellschaft und zeigt, was einer Gesellschaft, die sich der Tendenz zur Spaltung überlässt, droht. Und sie kann als Folie für die Einschätzung unserer gegenwärtigen Situation dienen.
Die Leitbegriffe, denen das politisch-kulturelle Denken und Handeln während der Weimarer Republik folgten, lauteten „Frontbildung“, „Unbedingtheit“ und „Hass“. Sie ergänzten einander, verwirklichten sich nach der revolutionären Etablierung der Republik in einer Reihe von Putschversuchen sowohl von rechts (Kapp-Lüttwitz 1920, Hitler-Ludendorff 1923) als auch von links (Mitteldeutscher Aufstand 1921, Hamburger Roter Oktober 1923) und führten, nach der ruhigen Phase der mittleren zwanziger Jahre, um 1930 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
Die Neigung zur Frontbildung, einem Erbe des Ersten Weltkriegs, lässt sich an den Titeln von programmatischen Büchern und Artikeln ablesen. Eine exemplarische Auswahl: 1920 schärfte der 1891 geborene Publizist Max Hildebert Boehm in den „Süddeutschen Monatsheften“ mit dem Aufsatz „Die junge Front“ den Gegensatz zwischen der älteren „wilheminischen“ und der jüngeren Generation der Frontkämpfer, die nun auch mehr politische Mitsprache verlangte. 1922 veröffentlichte Arthur Moeller van den Bruck unter dem Titel „Die neue Front“ eine erste Anthologie des neuen, sich „revolutionär“ gebenden Konservativismus. 1924 entstand der Rote Frontkämpferbund, der bald auch die Zeitschrift „Die Rote Front“ herausgab. 1927 proklamierte die KPD auf ihrem Essener Parteitag eine „rote Kulturkampffront“. Seit 1929 präsentierten sich die Nationalsozialisten im universitären Bereich mit dem „Akademischen Beobachter“, einer „Monatsschrift für nationalsozialistische Weltanschauung“, deren Untertitel „Blatt der neuen Front“ lautete. Der kommunistische Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller reagierte auf diesen Aufbau einer nationalsozialistischen „Kulturfront“ in der Zeitschrift „Die Linkskurve“ mit einer Serie von Analysen und mit einer Kampfansage unter der Devise „Einbruch in die Front des Gegners“.
Organisierte Front- und Lagerbildung
Angesichts dieser Front- und Lagerbildung ist es plausibel, dass der Staatsrechtler und Politiktheoretiker Carl Schmitt auf die Idee kam, das Wesen des Politischen nicht etwa in der Vermittlung oder in der Herstellung von Ausgleich und Solidarität zu sehen, sondern in der „Unterscheidung von Freund und Feind“, wie die Kernthese seiner Abhandlung „Der Begriff des Politischen“ (1928) lautet.
Front- und Lagerbildung wurde auch organisatorisch betrieben und demonstriert. Der „Rote Frontkämpferbund“ mit rund 100.000 Mitgliedern ist nur eine der vielen Vereinigungen, die ihre Ziele mit paramilitärischer Organisation, militanten Aufmärschen, strategischen Planungen und praktischen Übungen für den Bürgerkriegsfall verfolgten. Schon im Dezember 1918 war der nationalkonservativ ausgerichtete „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ gegründet worden, der um 1930 etwa 400.000 Mitglieder hatte. Ihm stellten die Parteien der „Weimarer Koalition“ (SPD, Zentrum und DDP) 1924 das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer“ entgegen, das bis 1932 auf dreieinhalb Millionen Mitglieder kam.
Gründe auf zwei Ebenen
Die Zahl der Bünde war so groß und deren öffentliche Präsenz so dicht, dass Friedrich Georg Jünger, der mit seinem Manifest „Aufmarsch des Nationalismus“ (1926) selbst dazu beigetragen hatte, 1931 in seinem Fotobuch „Das Gesicht der Demokratie“ befand, Deutschland gleiche einem „Heerlager“ und sei zum „Schlachtfelde aller Lehren und Ordnungen“ geworden. Im selben Jahr erschienen zwei taktische Anweisungen für den Bürgerkrieg, eine von links, eine von rechts, und in kommunistischen wie in nationalsozialistischen Romanen, zum Beispiel in Willi Bredels „Rosenhofstraße“ (1931) wie in Alois Schenzingers „Hitlerjunge Quex“ (1932), wurden Szenarien geschildert, die wie Instruktionen für den Bürgerkrieg wirkten. Sie folgten der Devise „Kunst ist Waffe“, die der kommunistische Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf 1928 mit einem vielbeachteten Artikel ausgegeben hatte.
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Die Gründe für diese Frontbildungs- und Kampfeswut sind auf zwei Ebenen zu suchen: Die eine ist die Ebene der teils realen, teils eingebildeten Probleme, mit denen die Weimarer Republik vom Anfang bis zum Ende zu kämpfen hatte und die zu heftigen Konfrontationen Anlass gaben. Zu nennen sind die Kriegsniederlage und die Kriegschuldfrage; die Deutung der Revolution, die nach Meinung der einen aus Mangel an Führung und Elan versandet war, nach Meinung der anderen von den SPD-„Volksbeauftragten“ Friedrich Ebert und Gustav Noske mit Hilfe der reaktionären Freikorps liquidiert worden war; dann der allgemein als ungerecht, demütigend und strangulierend empfundene Friedensvertrag von Versailles mit seinen horrenden Reparationsforderungen für Jahrzehnte und Verlusten von dreizehn Prozent des deutschen Territoriums; ebenso die Inflation, die das Vermögen zahlloser Familien vernichtete; die bleibende wirtschaftliche und soziale Unsicherheit; die Kluft zwischen einer breiten Schicht von Menschen, die am Existenzminimum lebten, und einer kleinen Gruppe von extrem Reichen; schließlich die Wirtschaftskrise mit exorbitanter Arbeitslosigkeit und Massenelend unerhörten Ausmaßes. Die andere Ebene ist die der politisch-kulturellen Einstellungen. Auf ihr spielen die beiden anderen der eingangs genannten Leitbegriffe, „Unbedingtheit“ und „Hass“, eine betrübliche Rolle.
Was brauchen wir?
Der Historiker Michael Wildt hat die Generation der noch jungen Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs, die in der Weimarer Republik politisch aktiv wurden, als „Generation des Unbedingten“ bezeichnet. Brutalisiert durch den Krieg, die Nachkriegsnot und die Militanz der Revolutions- und Putschjahre, waren viele Angehörige dieser Generation entschlossen, ihre Ziele ohne Rücksicht auf regulierende Normen und moderierende Moralvorstellungen mit unbedingter Konsequenz und notfalls unerbittlicher Rücksichtslosigkeit zu verfolgen; der 1902 geborene Ernst von Salomon, der am Ende des Kriegs in ein Freikorps eintrat und 1922 an der Vorbereitung des Mordes an Walther Rathenau beteiligt war, ist ein Beispiel dafür. In seinem autobiographischen Buch „Die Geächteten“ (1930), das über die Aktivitäten der Freikorps und der antirepublikanischen Organisation „Consul“ berichtet, schrieb er: „Wir glaubten, dass wir die Macht haben müßten, kein anderer als wir, um Deutschlands willen. Denn was die in Berlin taten, so dachten wir, das taten sie nicht unbedingt, es war Deutschland ihnen nicht der zentrale Wert, wie uns, da wir sagten, wir sind Deutschland. Das Unbedingte, das war es, was wir in Berlin vermißten, und darum dünkte uns Macht so gnadenvoll und leicht.“
Die Huldigung der Unbedingtheit ist allerdings nicht nur bei der politischen Rechten zu entdecken, sondern auch bei der Linken. Kurt Tucholsky schrieb im Februar 1926, von der Entwicklung der Republik enttäuscht, unter der Überschrift „Was brauchen wir?“ in der „Weltbühne“: „Es gibt zwei Mächte in Europa, die durchgesetzt haben, was sie wollten: der Faschismus und die Russen. Das entscheidende Moment ihrer Siege war eine tapfere Unbedingtheit.“ Die Antwort auf die Titelfrage, was die wirklichen republikanischen Kräfte bräuchten, lautete dann: „Den revolutionären, unnachgiebigen, intoleranten und klassenkämpferischen Erfolg.“
„Reich ohne Mitte“ oder „Republik der Extreme“
Zur Unbedingtheit gehören die Verachtung der bürgerlichen Mitte und des politischen Kompromisses sowie der Glaube an die produktive Kraft des Radikalismus. Die bürgerliche Mitte, die Thomas Mann 1926 in seiner Rede „Lübeck als geistige Lebensform“ als die den Deutschen eigentümliche Haltung bezeichnete, wurde von allen, die von einem neuen Deutschland oder einer neuen Gesellschaft träumten, als entscheidendes Hemmnis empfunden. So schrieb der konservativ-revolutionäre Politiktheoretiker Hans Schwarz 1930 in seinem Vorwort zur dritten Auflage von Moeller van den Brucks Buch „Das dritte Reich“ hinsichtlich der von seinesgleichen angestrebten „deutschen Führung“: „Nicht in der Konzession an die Mitte konnte ihre Gestaltung liegen, sondern sie musste von den politischen Rändern her und ihrer die Mitte zermürbenden Radikalisierung ausgehen, musste wie der überspringende Funke dort aus dem Hufeisen schlagen, wo sich seine Enden einander nahebiegen!“
Die Weimarer Republik wurde zu einem „Reich ohne Mitte“, wie der seinerzeit renommierte Schweizer Theaterkritiker Bernhard Diebold 1938 in einem aufschlussreichen Zeitroman mit demselben Titel schrieb, oder zu einer „Republik der Extreme“, die aber als solche keinen Bestand haben konnte, sondern „an einem Zerfall der politischen Mitte als Ganzer“ zugrunde ging, wie Herfried Münkler 2010 in seinem Buch „Mitte und Maß: der Kampf um die richtige Ordnung“ befand.
Vielfach gespalten, heftig zerstritten, hochgradig emotionalisiert
Zur Unbedingtheit gesellte sich der Hass. Als nach dem militärischen Zusammenbruch, der Matrosenrevolte und der Abdankung des Kaisers die Möglichkeit gegeben schien, die gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland radikal zu verändern, wurden in revolutionären wie konterrevolutionären Manifesten, Gedichten und Artikeln Hassparolen ausgegeben, die nicht wieder verstummten. Der dadaistisch-kommunistische Zeichner und Maler George Groszerinnerte sich 1946 in seiner Autobiographie: „Überall erschollen Hassgesänge. Alle wurden gehasst: die Juden, die Kapitalisten, die Junker, die Kommunisten, das Militär, die Hausbesitzer, die Arbeiter, die Arbeitslosen, die Schwarze Reichswehr, die Kontrollkommission, die Politiker, die Warenhäuser und nochmals die Juden. Es war eine Orgie der Verhetzung“, betrieben von einem Heer von Politikern, Propagandarednern und Publizisten, aber auch Gelehrten und Künstlern wie George Grosz selbst. Thomas Mann bezeichnete ihn deswegen in einem Brief vom 31. Januar 1927 als einen „graphischen Schriftsteller des Hasses“. In seiner Autobiographie hat Grosz selbst diesen Teil seiner Aktivitäten ausdrücklich „verdammt“ und Zeiten, in denen die Karikatur „zu sehr hervortritt“, als „Verfallszeiten“ bezeichnet.
Frontbildung, Unbedingtheit und Hass wirkten zusammen und führten dazu, dass die Gesellschaft der Weimarer Republik politisch vielfach gespalten, heftig zerstritten und hochgradig emotionalisiert war, in der es agitatorisch aufgepeitschte Großgruppen mit „Stoßtrupps“ gab, die es sich zur Aufgabe machten, die Unbedingtheits- und Hassparolen mit Gewalt in die Wirklichkeit zu überführen.
Nach fünf Tagen kam er wieder frei
In den unruhigen ersten Jahren blühte der politische Mord; der Heidelberger Statistiker und Pazifist Emil Julius Gumbel zählte bis 1922 insgesamt 376 politische Morde, 354 von rechts, 22 von links. Zu den Tätern gehörten nicht nur dumpfe Anbeter der Gewalt, sondern, wie an der Ermordung Walther Rathenaus zu sehen ist, intelligente, politisch bestens instruierte und planvoll handelnde Fanatiker, die mit Rathenau den brillantesten Vertreter des alten, verhassten Systems beseitigen und dessen finale Zerrüttung einleiten wollten. Wider Erwarten führte die Mordtat vom 24. Juni 1922 aber zu einer Solidarisierung der republikanischen Kräfte und zur raschen Verabschiedung des „Gesetzes zum Schutze der Republik“. Geheimorganisationen wurden verboten, politisch motivierte Gewalttaten stärker sanktioniert. Die Zahl der Morde ging danach zurück, bis die Radikalisierung der Extreme während der Wirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre sie wieder ansteigen ließ. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 1932 kamen bei politisch motivierten Überfällen sowie Saal- und Straßenschlachten mehr als hundert Menschen ums Leben, rund 4500 wurden verletzt.
Für diejenigen Zeitgenossen, die nicht fest einem der Lager angehörten, war es extrem schwer zu erkennen, in welche Front man sich von Fall zu Fall unbedingt einreihen sollte, und für den Historiker ist es mitunter nicht weniger schwer, die entsprechenden Parteinahmen im Einzelfall zu bewerten. Ein Beispiel bietet Thomas Mann: Als nach dem Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert und einem ergebnislosen ersten Wahlgang von konservativer Seite der ehemalige kaiserliche Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg zur Wahl vorgeschlagen wurde, kam von linker und liberaler Seite heftiger Protest. Johannes R. Becher, seit Jahren Mitglied der KPD, publizierte unter dem Titel „Der Leichnam auf dem Thron“ ein lyrisch gestaltetes Pamphlet, in dem Hindenburg mit einer nicht abreißen wollenden Reihe von Schmähungen überzogen wird. Der Berliner Polizeipräsident erstattete Anzeige, unter anderem wegen Aufreizung zum Klassenhass und Beschimpfung der republikanischen Staatsform. Das Buch wurde konfisziert, der Autor inhaftiert. Nach fünf Tagen kam er allerdings wieder frei, weil Hindenburg eine Reichsamnestie für jene 29.000 Bürger erließ, die in den Jahren davor wegen eines politischen Vergehens verurteilt worden waren (Politmörder ausgenommen).
Vielleicht hätte ein anderer ihn abgelehnt
Wie Becher, Tucholsky und andere linke Autoren protestierte auch der bürgerlich-liberale Thomas Mann mit einem Artikel, der am Wahltag, dem 29. März 1925, unter dem Titel „Rettet die Demokratie!“ in mehreren Tageszeitungen erschien, gegen die Kandidatur Hindenburgs: Sie sei eine „berechnungsvolle Ausnutzung der romantischen Triebe des deutschen Volkes“ und eine „wirkliche, menschliche und politische Schlechtigkeit“, die Deutschland mit Sicherheit wieder „in einen Zustand der Unruhe, der Unsicherheit und der inneren Kämpfe zurückwerfen“ werde. Aber während Becher und Tucholsky ihre Kritik an Hindenburg nach der Wahl fortsetzten, schwenkte Mann unter dem Eindruck des politisch zurückhaltenden Auftretens des neuen Reichspräsidenten um und sagte Anfang Juni in einem Interview mit der „Wiener Allgemeinen Zeitung“: „Das Ausland hat sich zu der Herzenswohltat, die die deutsche Nation sich da gegönnt hat, sehr vernünftig verhalten, und da auch Hindenburg entschlossen scheint, sich sehr vernünftig zu benehmen und zur Republik zu stehen, so ist beinahe zu hoffen, dass seine Wahl statt der befürchteten Verschärfung der inneren Spannungen einen gewissen innenpolitischen Ausgleich zur Folge haben wird.“
Stellungnahmen von national-konservativen Kreisen bestätigen diese Einschätzung, und dennoch ist sie heute als verhängnisvoller Irrtum zu erkennen. In der Endphase der Republik geriet Hindenburg immer mehr in die Hände von Kräften, die darauf aus waren, das republikanische System „mit Hilfe des Reichspräsidenten aus den Angeln zu heben“, und schließlich wurde er, wie der Hindenburg-Biograph Wolfgang Pyta feststellt, nolens volens zum „Moderator des Übergangs ins ,Dritte Reich‘“. Aber muss man den immer um Ausgleich bemühten Thomas Manns deswegen der politischen Kurzsichtigkeit bezichtigen? Hindenburg hat Hitler, den er einmal abschätzig als „böhmischen Gefreiten“ bezeichnete, nicht protegiert und zum Kanzler ausersehen; aber vielleicht hätte ein anderer Reichspräsident ihn nicht ernannt, sondern abgelehnt.
Wenn die Ungleichheit nicht abgebaut wird
Von den verwirrten, extrem zerstrittenen Zuständen der Weimarer Republik, von ihren schroffen Frontbildungen und ihrer ungehemmten Unbedingtheits- und Hassrhetorik sind wir weit entfernt – zumindest, was die offizielle politische Debatte und die allgemein akzeptierte öffentliche Kommunikation angeht. Kein Politiker hat bisher, wie Hitler im Herbst 1930 im Ulmer Reichswehrprozess, angekündigt, er werde nach einem Wahlsieg „Köpfe rollen“ lassen. Was in den elektronischen Kommunikationskanälen und in abgeschotteten Zirkeln geäußert wird, steht auf einem anderen Blatt und gibt allerdings zu Besorgnis Anlass. Auch gab es den NSU und gibt es weiterhin gewaltbereite Gruppierungen, rechte und linke.
Die meisten der scharfen Antagonismen der Weimarer Zeit sind, wie ihre Ursachen, geschichtlich erledigt und haben keine aktuellen Fortsetzungen oder Analogien. Für vier gilt dies aber nicht: für den Rassismus, das mögliche Zusammenwirken der Extreme, die Klassenkampfidee und die politisch-kulturelle Spaltung in Metropole und Provinz.
Rassismus ist offiziell geächtet und entbehrt infolge der wissenschaftlichen Aushebelung der sogenannten Rassentheorie, die in den zwanziger Jahren bei vielen Zeitgenossen als seriös galt, jeder legitimatorisch wirkenden Grundlage; dennoch ist er eine dauerhaft virulente Quelle gesellschaftlicher Feindseligkeiten. Ein Zusammenwirken von eigentlich antagonistischen extremen Parteien, wie es um 1930 einsetzte und eine vernünftige Politik des Ausgleichs und Kompromisses erschwerte, stellt noch keine aktuelle Gefahr dar, ist aber strukturell möglich und in Ansätzen schon zu beobachten. Die von Marx inaugurierte Betrachtung von Geschichte und Politik als Klassenkampf, die in den zwanziger Jahren eine große Rolle spielte, hat derzeit weder eine organisatorische Basis von der Offensivkraft der KPD noch eine literarisch-propagandistische Vertretung von der Art des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“, wie es ja überhaupt in der Bundesrepublik keine vergleichbare Agitprop-Literatur gab und gibt. Das könnte sich jedoch ändern, wenn die Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverhältnisse nicht abgebaut, sondern noch gesteigert wird.
Auch so wurde die politische geschwächt
Brisant scheint ein anderer Antagonismus zu sein, der aus der Weimarer Zeit bekannt ist: die soziokulturelle Spaltung der Bevölkerung in einen „urbanen“ Teil, der als progressiv galt und in Berlin sein Gravitationszentrum hatte, und einen „provinziellen“ Teil, der als reaktionär galt und auf den „platten“ Land existierte. Die Weimarer Republik hatte noch nicht einmal eine ordentliche Regierung und ein gewähltes Parlament, als der am Bodensee lebende und damals vielgelesene Romancier Ludwig Finckh im „Schwäbischen Merkur“ vom 10. Januar 1919 dazu aufrief, dem unruhigen und unbürgerlichen, revolutionären und internationalistischen „Geist“ oder eigentlich „Ungeist von Berlin“ den „Geist der deutschen Landschaft“ mit ihren Kleinstädten, ihrer Bürgerlichkeit, ihrem Heimatgefühl und ihrem Traditionsbewusstsein entgegenzusetzen. Dieser Appell wurde in Zeitschriften wie dem „Deutschen Volkstum“ während des folgenden Jahrzehnts unablässig wiederholt und verschärft. Berliner Publizisten antworteten darauf mit Berichten über Reisen in die Provinz, in welchen diese als Hort der Unaufgeklärtheit, des Illiberalismus, des Antimodernismus und des Antirepublikanismus dargestellt wurde.
An der Wirklichkeit gingen diese wechselseitigen Diffamierungen vorbei, aber sie beeinträchtigten die wechselseitige Anerkennung von „provinziellen“ und „urbanen“ Gesellschaftsteilen auf eine tiefgreifende Weise und trugen viel zur Vergiftung der politischen Kultur bei. Symptomatisch dafür ist, dass an der Frage, ob die deutsche Literatur wesentlich „Dichtung der Landschaft“ oder großstädtische „Asphaltliteratur“ sein solle, die nationale Berliner „Dichterakademie“ in ein Zerwürfnis geriet, das erst durch die nationalsozialistische „Säuberung“ und „Gleichschaltung“ mit betrüblichen kulturellen Folgen beendet wurde: Die Entfaltung der kulturellen Moderne, deren freiheitlicher, pluralistischer und emanzipatorischer Geist grundlegend für unsere Gesellschaft ist, wurde für anderthalb Jahrzehnte auf verheerende und lange nachwirkende Weise abgeblockt.
Auch diese unnötige Frontstellung zwischen metropolitanem und provinziellem Geist samt dem Unvermögen der beiderseitigen Repräsentanten, wechselseitiges Verständnis herbeizuführen, gehört zu den Umständen, welche die politische Kultur der Weimarer Republik schwächten und den Untergang begünstigten. Aktuelle Tendenzen ähnlicher Art sollte man nicht übersehen und unterschätzen. Sie zeigen sich derzeit vor allem in der Süffisanz und Herablassung, mit welcher Vertreter der (noch) dominierenden offiziellen öffentlichen Meinung in Talkshows vermeintlichen Hinterwäldlern und Finsterlingen aus Bayern oder Sachsen entgegentreten.
A new book tells the true stories behind Cabaret, and what was possibly the most thrilling gay party scene the world has ever known. Read an excerpt here.
From Queer Identities and Politics in Germany: A History, 1880-1945 by Clayton J. Whisnant