August 1998
Telefonieren hüben und drüben
Nach Ende meines Studiums ziehe ich für einige Monate in die USA. Zu den Bereichen mit den deutlichsten Kontrasten gehört die Telefonversorgung. In meiner Berliner WG gibt es für vier Personen einen Anschluss und aufgrund ungeklärter Probleme mit der Telefondose kann man neben dem Festnetztelefon nur wahlweise den Anrufbeantworter oder das Modem für die Einwahl ins Internet anschließen. Eigentlich sollten alle drei Geräte parallel funktionieren aber irgendwie bekommen wir es nicht hin, dass der Anrufbeantworter anspringt, wenn auch das Modem angeschlossen ist.
Einerseits ist es praktisch, dass sich die Telefondose in meinem Zimmer befindet, denn ich habe den höchsten Internetbedarf. Andererseits muss dadurch natürlich auch öfter mal eine(r) der anderen Mitbewohner(innen) zum Umstecken in mein Zimmer kommen, was mal mehr und mal weniger stört. Das Telefon verfügt über einen Einheitenzähler sowie ein 10-Meter-Kabel, mit dem sich alle Ecken der Wohnung erreichen lassen, und die Altbautüren haben breite Spalten. Das Auseinanderdividieren der monatlichen Telefonrechnungen gehört zu den festen WG-Ritualen.
In den USA ziehe ich in eine 3er-WG. Mir wird sofort mitgeteilt, es lägen Leitungen für drei Anschlüsse im Haus und ich solle mal bei Bell South anrufen und den in meinem Zimmer wieder freischalten lassen. Dann wäre es eine Sache von 72 Stunden, bis ich meinen eigenen Anschluss hätte. Aus einem Land kommend, dessen Telefoninfrastruktur zwar den 2. Weltkrieg relativ unbeschadet überstanden hat, in dem aber jeder solche Vorgang das Ausfüllen von Formularen, mindestens drei Wochen Bearbeitungszeit und im Zweifel einen Technikerbesuch benötigt, bin ich schwer beeindruckt.
Ob ich einen Telefonapparat kaufe oder sich noch einer im Haushalt findet, weiß ich 2017 nicht mehr. Ebensowenig, wie teuer mich der eigene Anschluss zu stehen kommt. Einen Tag nach meinem Anruf bei der Telefongesellschaft ist er jedenfalls betriebsbereit. Ich erkenne es daran, dass mein Telefon klingelt. Noch bevor ich Gelegenheit hatte, jemandem meine Nummer zu geben, erreicht mich ein automatisierter Werbeanruf.
(Virtualista)












