Brokkoli, Donauweibchen und Wasserkraft. Ein Spaziergang zwischen Abbruchhäusern, Gemüsefeldern und erschlagenden Betonspeichern von Kaiserebersdorf über die Häfen Albern und Freudenau in den Wiener Prater. Auf der Suche nach schönen Hässlichkeiten in der Weite des Nichts.
Die Idee entlang der Stadtgrenze zu wandern ist nicht neu und mit Sicherheit nicht zwingend ohne Reiz. Ironischerweise fand an jenem Samstag, an dem ich mich von Kaiserebersdorf nach Albern und weiter wagte, der Trailrun “Wien Rundumadum” statt. Die Strecke führt entlang des Wiener Weitwanderwegs “rundumadum”. Ich bewegte mich also unwissentlich auf den Abschnitten 12 und 13.
Fällt man nach einer eher zähen Fahrt mit der Straßenbahnlinie 6 bis zur Endstation Kaiserebersdorf aus eben jener, wähnt man sich längst nicht mehr in der Großstadt. Sogar die vielen Wohnsilos rücken in deutliche Ferne. Eine Kreuzung weißt den Ort als wichtigen Verkehrsknotenpunkt aus: Bratislava, Schwechat, Albern, Freudenau. In Richtung Osten geht es zunächst also an der Kirche Kaiserebersdorf vorbei in Richtung Schwechat. Nach wenigen Gehminuten zeigt sich Kaiserebersdorf ruhig und beschaulich mit eindeutig ländlichem Dorfcharakter. Passanten führen ihre Hunde aus, das Lokal Tenne 11 erholt sich von der letzten Partynacht. Nach ca. 200 Metern beginnt Niederösterreich. Noch ein kurzes Stück weiter unter der Ostautobahn durch eröffnet sich weites, weites Land. Zwischen penetrant riechendem Brokkoli, Mangoldspinat und Kraut entlang wandernd bricht der graue Himmel im Wind auf und die Sonne bahnt sich ihren Weg. Die im Wolkenschatten schimmernden Strahlen werfen ihr wärmendes Licht auf die Dächer der vielen Glashäuser und die Strommasten des Umspannwerks. Der Tower der Austro Control in Schwechat ragt stolz inmitten des Nichts in die Höhe.
Hier irgendwo verläuft sie also, die Stadtgrenze. Am nördlichen Horizont erscheint eine lang durchgehende einstöckige Häuserfront. Rechts das Schild “Niederösterreich”, links davon “Wien”, keine zehn Meter voneinander entfernt. Plakate von Norbert Hofer säumen auf beiden Seiten die Straße. Ein Auto mit Schwechater Kennzeichen hält auffällig lange. Der Fahrer lächelt aus dem Seitenfenster und zeigt den nach oben gestreckten Daumen, während ich Fotomotive sondiere. Passiert hier vermutlich nicht oft, dass Touristen vorbei kommen.
Ich muss nach links, nach Wien, zum Alberner Hafen. Die Straße schlängelt sich dahin, nach wie vor ist weit und breit niemand zu sehen. Kürbisbauern haben den Ort mit ihrer bunten und vielfältigen Ernte aufgehübscht. Nach einer Reihe verfallener, mit kräftig rotem wilden Wein umwuchernden Mauerwerke und Hütten ertönt Blasmusik aus einem Lokal. Bald, bevor die Musik langsamer wird und irgendwann verstummt, übertönt Pfeiffen und Johlen die Melodie. Im einzigen Gasthaus wird der Auftakt der Wildsaison gebührlich gefeiert. Das erklärt die leeren Straßen. Vor einem Mahnmal für im zweiten Weltkrieg Gefallene steht das vorletze Hofer-Plakat entlang der Route.
Einfamilienhaus, Feld, Glashaus, Feld, Abbruchhaus, Feld, Traktoren. In diesem Rhythmus geht es weiter in Richtung Hafengelände. Die imposanten Güterspeicher sind von weitem bereits zu sehen. Eine Gruppe Radfahrer ignoriert die vorübergehende Sperre der Straße und fährt einfach weiter in Richtung Norden ans Donauufer. Bis zur nächsten Menschenbegegnung sollte es noch ein Weilchen dauern.
Wer gerade an Depressionen leidet, sollte den Alberner Hafen vermutlich meiden. Ich will nichts beschönigen: Die Speicher wirken ob ihrer Höhe beinahe bedrohlich, noch schlimmer ist die Stille. Und die ist nur vermeintlich, denn zwischen den vielen Fahrzeugen und Containern der angesiedelten Logistikunternehmen halten sich Menschen auf, Erwachsene und Kinder. Ein kurzer Blick auf einige Utensilien, etwa Heizquellen, Kanister und Spielzeug lässt vermuten, dass manche von ihnen hier wohl “wohnen”.
Ich begegne einem jungen Paar mit Kameras und bin einigermaßen beruhigt, mit der Idee hierher zu kommen nicht alleine zu sein. Direkt am äußeren Hafengelände befindet sich der Friedhof der Namenlosen mit einer kleinen Kapelle, wo beherzte Frauen die Gräber der unbekannten Verstorbenen für die bevorstehende Allerseelenzeit mit Kerzen bestücken und sich ein Stadtgärtner um die wuchernde Vegetation um die Gräber kümmert. Am Friedhof vorbei in Richtung Osten stromabwärts führt ein Gehweg ans Donauufer, wo Fischer ihre Ruten ins an diesem Tag auffällig ruhige Wasser werfen. Der erdrückenden Speicherkulisse entrückt möchte man hier gerne länger am Wasser verweilen und das Spiel zwischen Wolken und Sonne an der Oberfläche der Donau gespiegelt beobachten. Spätestens jetzt bin ich sehr froh, hier her gekommen zu sein.
Über Bahngleise verkürze ich den etwas langwierigen Marsch in Richtung des Hafens Freudenau. Dass immer wieder dieselben Autos auffällig langsam die Straße passieren, macht die Sache nicht besonders angenehm. So stellt man sich nächtliche Szenen in einem mittelmäßigem Austro-Krimi vor. Links und rechts der Albener Hafenzufahrtsstraße befindet sich außer einer niedrigen Betonmauer nichts, nichts und wieder nichts und das eine gefühlte halbe Stunde lang. Irgendwann landet man abseits der Zufahrt zum Hafen Freudenau, der für Radfahrer und Fußgänger nur über eine hässliche, schaurig-schöne Betonstiege und weiter über eine utopisch geformte Brücke führt. Schließlich eröffnet sich von oben kommend endlich der Blick auf das gesamte Freudenauer Hafengelände. Im Gegensatz zu Albern steppt hier der Bär. Zahlreiche Angler säumen das Ufer, Radfahrer und Jogger nutzen den abschüssigen Auslauf in Richtung Donaukraftwerk. Nur der Imbiss mit dem bezaubernden Namen “Donauweibchen” hat an diesem Samstag leider geschlossen. Die Abendsonne taucht Beton, Stahl, Container und den dichten Baumbestand entlang beider Donauufer in melancholisches Grau-Gold.
Linker Hand erstreckt sich das Gelände der Hafen Wien AG, wo so manch nostalgisches Logistikerherz angesichts der Containerverladestation höher schlägt. Auf der rechten Seite geht es abermals über eine Treppe empor auf den Aussichtssteg des Donaukraftwerks. Die letzten Wien Rundumadum Läufer schleppen sich keuchend in Richtung Lobau, während sie einander aufmunternd “Boid haumma’s g’schofft” zurufen. Die sinkende Sonne und der wieder stärker bedeckte Himmel lassen die Wasseroberfläche der Donau silbern schimmern, die Beleuchtung des Kraftwerks spiegelt sich darin. Es ist eine sonderbare Kulisse, still und verlassen, angesichts des Panoramas jedoch wieder friedlich und auf eigene Art wunderschön. Noch einen Moment innehalten und dem lauten Wallen der Wassermassen lauschen, die durch das Kraftwerk geschleust werden.
Der letzte Streckenabschnitt entlang des Treppelweges ist nun wirklich öde und auch sehr einsam. Die Silhouette der Stadt scheint noch relativ weit weg. Möwen sitzen lärmend in großen Gruppen am Wasser, ein Partyschiff gleitet gemächlich stromabwärts in die einsetzende Dunkelheit. Hier wohnt niemand, hier hält sich niemand auf, hier gibt es nichts zu sehen. Erst die Friedenspagode des Japanischen Buddhistischen Ordens unterbricht die Tristesse für einen kurzen Augenblick. Es wird langsam dunkel, der Wind bläst kräftig. In Sichtweite der Steinspornbrücke mischt sich der Geruch von Pferdestallungen aus der nahen Krieau in die kalte Luft. Noch eine halbe Stunde zu Fuß und man findet sich wieder so gut wie mitten in der pulsierenden Großstadt, im Wiener Prater, wo Nachtschwärmer und Adrenalinjunkies sich im lauten Getümmel verlieren. Schön wieder hier zu sein, in der Geborgenheit des urbanen Zentrums.
Am östlichen Rand ist die Stadt weit und verlassen. Richtiges Land ist hier nicht und auch noch nicht so bald dahinter. Wer mit hässlich-schönen Motiven und Industriehafen-Kulisse nichts anfängt, kommt sicher niemals hierher. Mich hat der Ausflug jedoch mit all seinen nicht alltäglichen Eindrücken mehr als belohnt.