Mädchenästhetik revisited (2)
... (siehe Teil 1)
Wie also kann die Mädchenästhetik helfen, um diesen Risiken vorzubeugen? Die dem Ansatz der Mädchenästhetik folgende Didaktik sagt: Nimm dir, was du hast und was du kannst! Nutze, was dirgegeben ist! Lerne, es wertzuschätzen und einzusetzen! Ermächtigung durch die Hintertür: Das Wolkenmalen, das Tassenuntersetzer häkeln, das Glitzereinhorn-Basteln wird nicht mehr beklagt als schwache, aufgezwungene Form des persönlichen Ausdrucks, sondern transformiert in ein ernst genommenes Mittel zum Zweck der eigenen Emanzipation. Um überhaupt erst verstehen zu können, in welchen gesellschaftlichen Bahnen mensch sich als Mädchen, später als Frau bewegt, wo und wie eine sich vielleicht irgendwann als weiblich verstehende Person auf dem Kunstmarkt wiederfindet, müssen zuerst Symbolisierungsvorgänge analysiert werden. Welche Ästhetik wird mit Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden und warum? Was bedeutet es, dass die eine als stark, technisch orientiert und kantig, die andere als weich und ruhig eingeordnet wird? Das Hinterfragen dieser Zuschreibungen und das Nachvollziehen historischer Prozesse ist innerhalb von Emanzipationsprozessen notwendig und kann einerseits vermittelnd und beschreibend, andererseits auch praktisch erfolgen. Wenn die Mädchenästhetik positiv gewertet wird, kann zum Beispiel das Arbeiten mit von den Schülerinnen als körpernah definierten Stoffen, Materialien und Techniken befreiend, bereichernd und fortschrittlich sein, ganz im Gegensatz zu unbewussten, nicht selbst gewählten und als aufgezwungen empfundenen Tätigkeiten. So können mädchenästhetische Ausdrucksformen progressiv zu „Brückenpraktiken“ werden, zu produktiven Methoden innerhalb von Emanzipationsprozessen. Der Sprung ins kalte Wasser verwandelt sich in einen nachvollziehbaren, reflektierten Weg, zu einer Entwicklung, die aus dem eigenen, kreativen Ausdruck hervorgeht.
Dieser Zugang zur Mädchenästhetik durch das Nutzen von Brückenpraktiken ist eine Methode von vielen. In den 1980er Jahren verwendet, erscheinen Begriffe wie „Wolkenmalen“, „weich“ und, ja, „Mädchenästhetik“ mittlerweile schon ziemlich weit entfernt und vielleicht ersetzungsbedürftig. Als Möglichkeit bleibt dieses didaktische Prinzip allerdings bestehen, denn ausklammern kann man genderspezifische Ausdrucksweisen im Kunstunterricht noch nicht, seien sie nun auf erzwungen, selbst ausgesucht oder gerade neu entdeckt.
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