Der alte Chronotop zeichnete sich vor allem durch seine sequenziellen Zeitebenen aus: Der Mensch ließ beständig die Vergangenheit hinter sich und bewegte sich in einen offenen Möglichkeitshorizont hinein. Zwischen Vergangenheit und Zukunft schrumpfte die Gegenwart zu einem nicht wahrnehmbaren kurzen Moment des Übergangs zusammen. Dies sei, hier folgt Gumbrecht dem Historiker Reinhart Koselleck, das Habitat des cartesianischen Subjekts und seinen neuzeitlichen Vorstellungen von Subjektivität gewesen und auch das Begriffsinventar ‚Geschichte’ (Geisteswissenschaft) und ‚Evolution’ (Naturwissenschaft) hätte sich aus dem historistischen Paradigma herausgebildet. Für den neuen zeitgenössischen Chronotop gelten diese Charakterisierungen der Zeitebenen nicht mehr. Wir, so Gumbrecht, lassen die Vergangenheit nicht hinter uns, sondern leben nicht zuletzt aufgrund der medientechnischen Gegebenheiten mit pluralen Vergangenheiten und Erinnerungen, die sich eben nicht in einen abgeschlossenen Zeitrahmen einordnen lassen. In gleichem Maße wie die Vergangenheit an Komplexität gewonnen hat, erhöht sich auch das Bedrohungspotential der Zukunft. Im Gegensatz zum alten Chronotop wird die Dauer der Gegenwart ausgedehnt und in verschiedene simultane Ebenen aufgeschlüsselt. Gumbrecht schloss an seine Unterscheidung beider Chronotope eine bemerkenswerte Folgerung an: Möglicherweise sei Isers Emergenz-Theorie eine vorbewusste Reaktion auf den neuen Chronotop, der nicht mehr dem historistischen Paradigma zugerechnet werden könne. Begreift man Isers Ausführungen in diesem Sinne als Reflex auf das heutige Zeitgeflecht, wird erst die Provokation der Emergenz-Konzeption begreiflich, eine neue epistemologische Konfiguration noch vor ihrem vollständigen Erscheinen fassbar zu machen.










