""Es interessiert mich einen Rettich, ob wir in die Geschichte eingehen. Ich will gewinnen", schnaubte der Trainer des FC Barcelona vor dem Rückspiel gegen Paris St. Germain. Läuft alles normal, wird dieses Achtelfinale der Champions League das letzte Europapokalspiel des 46-Jährigen an der Seitenlinie des spanischen Rekordmeisters sein. [..] Plötzlich wird ihm seine distanzierte Art als mangelnde Leidenschaft ausgelegt, seine Knurrigkeit als Maulfaulheit und die wechselnden Aufstellungen als unentschlossenes Lavieren. [..] Zu viele lange Bälle, zu wenige kurze Pässe. Die Spieler würden sich mehr bewegen müssen als der Ball. Das ist nicht mehr Barça, stellten die großen Sportzeitungen Mundo Deportivo und Sport ernüchtert fest. [..] Enrique habe Barcelonas Seele verpfändet. Genauer gesagt an den Dreizack. "El Tridente", die drei Stürmer Lionel Messi, Luiz Suarez und Neymar. Um sie besser ins Spiel einzubinden, hatte der Trainer einst ein schnelleres Überbrücken des Mittelfeldes angeordnet. [..] Anders als Guardiola, der stets um Eintracht mit seinen Wunschspielern bemüht war, allen voran Lionel Messi, scheute Enrique keine Konfrontation. Bis heute gelten er und die Spieler als Zweckgemeinschaft. Liebe war es nie. Gleich zu Beginn seiner Zeit als Cheftrainer verstieß er gegen ein unausgesprochenes Gesetz und setzte Messi auf die Bank, als der übermüdet und kraftlos von einem Länderspiel aus Südamerika zurückkam. Der Argentinier ignorierte seinen Trainer, wie er es einst mit Guardiola auch getan hatte, vermied jedes Wort. Im Grunde schien Enrique da schon erledigt. Nur dem Vermittlungsgeschick des damaligen Kapitäns Xavi Hernandez war es zu verdanken, dass sich die beiden Sturköpfe wieder näherten. [..] in seinem ersten Jahr nur Guardiola geschafft. Bis heute kommt Enrique auf acht von zehn möglichen Titeln und ist schon jetzt einer der erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte. Die Bilanz geriet nach dem Debakel von Paris aber in Vergessenheit, als es darum ging, sein Wirken beim Club zu bewerten. Der Guardian fand gar, er habe die Mannschaft in den drei Jahren nicht weiterentwickelt und kritisierte die Ideenlosigkeit des Trainers. Das 0:4 sei das Ende einer Ära. [..] Dabei sind Enriques Verdienste nicht wegzudiskutieren. Als er die Mannschaft 2014 übernahm, lag sie am Boden. Zum ersten Mal seit Beginn der nuller Jahre musste eine Saison ohne Titel beendet werden, die Trainerwechsel von Guardiola zu Tito Vilanova, von Vilanova zu Gerardo Martino hatten die Mannschaft verunsichert und in einen physisch schlechten Zustand versetzt. [..] Enrique vertrieb die Agonie, machte Barcelonas Spiel vertikaler und körperlicher, indem er sich für die Verpflichtung des robusten, aber technisch begabten Ivan Rakitić einsetzte [..] so, wie man sich das von ihnen erhofft hatte. Seit Xavi, Iniesta und Messi haben es die Nachkömmlinge aus "La Masia", dem Nachwuchszentrum, besonders schwer, weil sie stets an ihren Vorgängern gemessen werden. Vergessen wird, dass es sich bei den drei um Ausnahmen handelt, Fußballer, wie es sie nur alle Jahrzehnte gibt. Selbst der FC Barcelona ist nicht in der Lage, Talente dieser Klasse zu reproduzieren. [..] Von Enrique wird nicht weniger erwartet als ein Wunder an diesem milden Märzabend im Camp Nou. Ist das vollbracht, muss er nur noch die Champions League gewinnen, Meisterschaft und Pokal sowieso. Standard beim FC Barcelona."













