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Ein Mann und eine Frau sammeln vor dem zerstörten Reichtagsgebäude Brennholz.
Deutschland II: «Ich wurde von vielem abgeschirmt»
Juliane Hollah erlebte eine behütete Jugend als Kind eines Fabrikdirektors: «Wir hatten in den letzten Kriegswochen vor allem eine Angst, und die hing ständig über uns: dass die Russen bei uns das Regiment übernehmen», erinnert sich die heute 88-jährige Juliane Hollah. Sie erlebte den Krieg und die Kapitulation als Kind in Oker am Rand des Harzes, heute ein Vorort von Goslar.
«Wir hörten ständig von Greueltaten russischer Soldaten, vor allem wir Frauen fürchteten uns.» Eigentlich lächelt Frau Hollah gerne und viel, ihre Erzählung wirkt eher wie eine Anekdote als ein Bericht über dramatische Zeiten. Aber wenn die Sprache auf «die Russen» kommt, verdunkelt sich ihr Gesicht, und die Stimme wird leiser.
An den Tag der offiziellen Kapitulation erinnert sie sich nur vage. Sie war damals 13 Jahre alt. «Vor allem mein Opa sass schon die Tage davor ständig vor dem Radio. Man erwartete ja stündlich das Ende. Als es dann so weit war, waren wir alle dankbar und erleichtert.» Aber irgendwie hätte sich die Naziherrschaft schon davor aufgelöst, «sie verschwand täglich mehr».
Gefühlsmässig war nämlich der Krieg in Oker bereits fast einen Monat früher vorbei gewesen. Anfang April rollten amerikanische Panzer durch den Ort. Dann marschierten Fusssoldaten durch weitgehend leere Strassen. Später kam es zu Kämpfen in Höhlen und in den dichten Waldgebieten im Harz mit dort verschanzten Wehrmachtssoldaten. Doch daran kann sich Hollah nicht mehr so richtig erinnern.
Sehr präsent ist ihr hingegen das kollektive Aufatmen Ende April, als feststand: Die Briten übernehmen Goslar, die Russen bleiben 15 Kilometer östlich davon stehen. Das war für das Harzstädtchen entscheidend: Goslar gehörte deshalb später zur Bundesrepublik, das rund 24 Kilometer entfernte Wernigerode hingegen wurde Teil der DDR.
«Die Briten waren eigentlich ganz angenehm», sagt Frau Hollah. Vereinzelte Plünderungen, in ihrer Erinnerung waren es Polen in britischer Uniform, tut sie mit einem Schulterzucken ab. «Die zogen uns die Uhren oder Ringe von den Händen. Aber wir blieben körperlich unversehrt, das war das Wichtigste.» Frau Hollah sieht aus der Distanz vor allem das Gute in den damaligen Erlebnissen. Traumatisiert wirkt sie nicht, das sei sie auch damals nicht gewesen, versichert sie.
«Ich bin fest überzeugt, ich bin ein Glückskind.» Schon im Krieg hätten sie und ihre Familie immer wieder Glück gehabt: Ihr Vater, Direktor der Hüttenwerke Oker, wurde nicht eingezogen. Er sei auch kein Parteimitglied gewesen – erstaunlich bei einem Mann in dieser Position. Aber die Angst, dass er doch noch für den Krieg mobilisiert werde, liess die Familie nie los.
Von den Zwangsarbeitern in der Firma ihres Vaters, so sagt sie, habe sie ebenso wenig gewusst wie von den Todesmärschen der Insassen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora, die im April 1945 durch den Harz getrieben wurden. Ihre Eltern hätten sie vor vielem abgeschirmt. Als die wenigen Juden im Ort plötzlich weg waren, hiess es, sie seien ausgewandert. «Ich habe das geglaubt.»
Oker und auch Goslar blieben von Bombardierungen verschont. Aber Juliane Hollah kann sich an den Weg zur Schule nach Goslar im Winter 1944/45 erinnern. «Immer wieder mussten wir uns vor den herandröhnenden Tieffliegern in die extra ausgehobenen Gräben neben der Strasse werfen. Angstvoll kauerte man dann da. Aber es hat uns nie getroffen.»
Ein Glück für das Mädchen war auch der Einzug von Oma und Opa in ihr Haus. Sie waren bereits 1943 aus Berlin zwangsevakuiert worden. «Für mich als Einzelkind war das natürlich schön.»
Allerdings hatte die Familie nun auch eine neue Sorge: Der Opa hasste den Krieg und Hitler und hatte ein aufbrausendes Temperament. «Oft hat man mich abends in die Gastwirtschaft geschickt, um Opa rechtzeitig von seiner Skatrunde zu holen», erzählt Juliane Hollah lächelnd.
Auch wenn sie sich an den Sommer nach der Kapitulation erinnert, fällt ihr so manche glückliche Fügung ein. «Unser Haus wurde nicht beschlagnahmt. Wir bekamen zwar Nachbarn und einen Flüchtling einquartiert. Aber wir behielten unseren Garten, der ein Kartoffelacker geworden war, samt Obstbäumen und Beerensträuchern.»
Das erwies sich in den kommenden Monaten als Segen. «Für mich war 1945 von Hunger geprägt», sagt Frau Hollah. «Es gab wirklich wenig zu beissen. Mein Puppenwagen brachte uns zwei Eier ein. Als die Briten dann in Oker wohnten, hat meine Mutter dem deutschem Koch Platten mit frischem Obst gebracht. Im Gegenzug bekamen wir Pfannen mit Fettresten zum Auskratzen. So hatten wir wenigstens ab und zu etwas, in dem wir unsere Kartoffeln anbraten konnten.»
«Ein strammer kleiner Nazi»: Die letzten Zeitzeugen berichten über das Ende des 2. Weltkriegs | NZZ
Die Menge feiert am 8. Mai 1945 den britischen Premierminister Winston Churchill und sein Kabinett.
Grossbritannien: «Das Gefühl einer enormen Erleichterung»
Trevor Dannatt – als junger Architekt im kriegsversehrten London: Trevor Dannatt freut sich am Interesse an seiner Person, aber er befürchtet auch, den Fragesteller zu enttäuschen. Er habe keine dramatischen Kriegserinnerungen, sagt er mehrmals, wie zur Entschuldigung. Auch am Victory in Europe Day (VE Day), dem Tag der deutschen Kapitulation vor 75 Jahren, habe er wohl ein Beispiel an englischer Zurückhaltung abgegeben; «keine Strassenpartys, falls Sie das meinen». Aber die Erinnerung kommt beim Erzählen – mit jedem Satz gewinnen die Bilder vor dem inneren Auge des Architekten, der im Januar seinen hundertsten Geburtstag feiern konnte, an Kontur.
Am Nachmittag des 8. Mai 1945 sei er vom Studio, wo er als Assistent von Jane Drew arbeitete, einer später wegweisenden Architektin und Stadtplanerin, zu Freunden aufgebrochen, statt nach Hause zu gehen, sagt Dannatt. Der Weg vom St.-James-Quartier nach Holland Park, wo die Freunde wohnten, führte über den Hyde Park. Das Wetter war mild.
Von überallher seien Menschen gekommen, um vor dem Buckingham Palace zu jubeln. «Meine Freunde und ich, wir gehörten eher zu denen, die die Feiern beobachteten», sagt Dannatt. Hitlers Niederlage habe in der Luft gelegen, der Bombenterror schon Monate zuvor aufgehört. Aber aufgeatmet habe man schon. «Ich erinnere mich an das Gefühl einer enormen Erleichterung.»
Wir sitzen Dannatt im modernen Anbau eines Backsteinhauses aus dem 19. Jahrhundert in Südlondon gegenüber. Der Autor mehrerer architektonischer Bücher trägt einen karminroten Schal und gleichfarbige Socken, Hosen aus Moleskin und ein dezent kariertes Jackett. Das dichte, weisse Haar ist über die hohe Stirn gekämmt.
Dannatt überlegt sich die Antworten reiflich und spricht druckreif. Dazwischen wandert der Blick in den von der Märzsonne durchfluteten Garten. Eine Katze leistet uns Gesellschaft. Es ist heller in dem Wintergarten als im danebenliegenden Wohnzimmer, wo eine von der Königin unterzeichnete Gratulationskarte zum hundertsten Geburtstag auf einem Sims aufgestellt ist.
Dannatt hatte bei der militärischen Aushebung bei Kriegsbeginn Glück und wurde wegen einer Herzschwäche als dienstuntauglich eingestuft. Seine zweite Frau, eine pensionierte Ärztin, stellt die Diagnose infrage und glaubt, ihr Mann sei wohl eher so schmal und schlank gewesen, dass den Armeearzt ein ungutes Gefühl befallen habe.
Sein bester Schulfreund kam auf einem Torpedoboot vor der nordafrikanischen Küste ums Leben, es blieb der einzige persönliche Verlust Dannatts. Der ältere Bruder leistete in einer Planungsabteilung der Armee Bürodienste an der Heimfront; ein Cousin, der als Leutnant der Sanität bei der Royal Navy Dienst leistete, überlebte ebenfalls unversehrt.
Nicht, dass der Krieg ohne Schrecken blieb. Dannatt nennt den «Blitz», die Bombenangriffe auf die Hauptstadt. Er war in Blackheath aufgewachsen, einem Quartier im Südosten Londons, und lebte fast bis zum Kriegsende bei den Eltern. Das Gebiet lag in der Anflugschneise der Bombergeschwader, die Kurs auf die Docks am nahen Themseufer hielten. «Ich erinnere mich mit Grauen daran», sagt er.
Die Familie konnte ein Haus von Freunden in Halstead mieten, einem Dorf in der Grafschaft Kent. Dannatt pendelte danach mit der Vorortsbahn in die Stadt. Es sei erstaunlich, wie gut die Züge immer funktioniert hätten, bemerkt er.
Im letzten Kriegsjahr nahm die Gefahr erneut zu, als die deutschen V1-Drohnen von Holland her im Tiefflug über Kent Richtung London donnerten. Dannatt ahmt den Ton nach, ein düsteres Brummen, das Überlebenden bis heute in den Knochen sitzt. Wenn Hitlers «fliegende Bomben» ihr Ziel erreicht hatten, stockte das Triebwerk, der Ton brach ab, alle rannten in Deckung.
Im Jahr 1943 hatte Dannatt das Architekturstudium abgeschlossen, danach arbeitete er mit Jane Drew. Die Bürogemeinschaft wurde vom Informationsministerium beauftragt, an der Stelle eines ausgebombten Warenhauses an der Oxford Street eine Ausstellung über die Nachkriegszeit aus dem Boden zu stampfen.
Das sei Propaganda gewesen, aber gute. «Wir sollten zeigen, wie die Zukunft aussehen könnte.» Skizzen von Sozialbauten, neuen Städten, Lehranstalten gehörten dazu. Dannatt kümmerte sich um das Konzept einer modernen Küche, das den effizienten Ablauf der Küchenarbeit unterstützte. Es war von der Bauhaus-Schule inspiriert, zu der Dannatt über seinen Tutor Peter Moro, einen deutschen Exilierten, einen Bezug hatte.
«Ich war voller Ideen», sagt Dannatt. Man habe gewusst, dass man Deutschland und die Nazis nicht in einen Topf werfen konnte. «Der Unterschied war ins Kriegsende eingeschrieben, anders als nach dem Ersten Weltkrieg.»
Persönlich entdeckte Dannatt im Krieg – er war zwischen 20 und 25 Jahre alt – die Kultur. «Ehrlich gesagt hatte ich eine wunderbare Zeit», meint er. Die Museen hatten zwar die meisten Kunstwerke aus der Stadt geschafft und in Höhlen in Westengland in Sicherheit gebracht. «Trotzdem war viel los in London. Wir haben eine Sache geliebt. Wir konnten in die Nationalgalerie gehen, der Kurator stellte jeweils ein Bild der Woche vor. Das schaute man sich lange an. Es gab Konzerte im Museum, und das Theater war interessant.»
Während eines Spätsommers meldete sich Dannatt zum freiwilligen Landdienst auf einem Bauernhof in Westengland, und ein paar Mal liess er sich im Bürogebäude im St.-James-Quartier zur nächtlichen Feuerwache einteilen. Im Übrigen wurde er erwachsen. «Ich habe», sagt er, «während des ganzen Krieges keinen Toten gesehen.»
«Ein strammer kleiner Nazi»: Die letzten Zeitzeugen berichten über das Ende des 2. Weltkriegs | NZZ
Ein Opfer zeigt seine Wunden: Verbrennungen durch die Atombombe, die am 6. August 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde.
Japan: «Plötzlich leuchtete der Himmel unglaublich hell»
Sumako Hamada – als Bauerntochter auf einer Insel südlich von Hiroshima: Als Sumako Hamada davon erfuhr, dass der grosse Krieg sein Ende gefunden hatte, überraschte sie das nicht. Die Radioansprache des Tennos, Kaiser Hirohito, war zwar ein Ereignis für sich. Bis zu jenem 15. August 1945 hatten die allermeisten Japaner noch nie die Stimme ihres für gottähnlich erklärten Staatsoberhaupts gehört.
Doch für die 15-jährige Sumako hatten die Worte kaum noch Informationswert. «Ich hatte das Gefühl, dass die Niederlage nur noch eine Frage der Zeit sei.» Erleichterung empfand der Teenager dennoch: «Der Krieg hatte uns alle müde gemacht. Mich auch.»
Heute an diese Zeit zurückzudenken, ermüdet Sumako Hamada erneut. Die Frau mit den kurzen Haaren ist 93 Jahre alt und lebt in einem Altersheim in ihrer Heimatstadt Matsuyama. Wenn es um die Kriegsjahre geht, zwingt sie sich ein Lächeln ins Gesicht. Schliesslich war die Zeit der Entbehrungen und Gefechte, die in Japan schon 1931 mit der Invasion der Mandschurei in Nordostchina begann, für Sumako Hamada eben auch ihre Jugend. «Ich kann nicht nur traurig sein, wenn es um diese Jahre geht.» Gern denke sie an die Schulzeit zurück. Und irgendwie auch an die Tage auf den Feldern, auf denen sie jeden Tag arbeitete.
Matsuyama, heute eine Stadt mit 500 000 Einwohnern im Nordwesten der Insel Shikoku, liegt südlich der japanischen Hauptinsel, auf der sich nördlich die Metropole Hiroshima und weit östlich die Hauptstadt Tokio befindet. Vor 75 Jahren galt die Gegend als Peripherie. Grundlegend hat sich daran bis heute nichts geändert. Die Industrialisierung, die Japan nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte, fand anderswo viel stärker statt. Der Bevölkerungsanteil, der von der Landwirtschaft lebt, ist hier noch immer höher als in vielen Regionen des Landes.
Im Spätsommer 1945 war diese vermeintliche Rückständigkeit Sumako Hamadas Glück. Nachdem Nazideutschland schon drei Monate zuvor kapituliert hatte, lag das japanische Imperium, das seine Einflusssphäre gewaltsam über den gesamten pazifischen Raum ausgedehnt hatte, in Trümmern.
Viele Menschen hungerten. «Ich war eher pummelig», sagt Sumako Hamada, auf der Bettkante ihres Zimmers sitzend, und schaut sich schmunzelnd alte Bilder an. «Wir waren eine Bauernfamilie, wir hatten unsere eigene Ernte.» Die Hamadas bauten vor allem Reis und Äpfel an. «Dafür mangelte es an Kleidung. In unseren Ort kam schon länger kein Stoff mehr.»
Der Vorbote des nahenden Kriegsendes zeigte sich am Morgen des 6. August. Sumako war gerade im Garten und wusch die alten Kleider ihrer Eltern. «Plötzlich leuchtete der Himmel unglaublich hell. Ich war alt genug, um zu wissen, dass das nicht die Sonne sein konnte.» 80 Kilometer nördlich war über Hiroshima die erste Atombombe der Geschichte explodiert.
In diesen Tagen flog die amerikanische Luftwaffe auch einen Angriff über Matsuyama. «Fünf meiner Familienmitglieder und Freunde starben. Ich hatte höllische Angst, weiter auf dem Feld zu arbeiten.» Sie ging trotzdem. Dass ihr Land wirklich bis zum letzten Mann kämpfen würde, wie es das japanische Militär drohend behauptet hatte, konnte sich Sumako Hamada nicht mehr vorstellen.
Sie lag richtig. Sechs Tage nach dem Abwurf der zweiten Atombombe über Nagasaki, am 9. August, erklärte Kaiser Hirohito die bedingungslose Kapitulation Japans. Fortan gaben die Amerikaner den Ton an.
Die Mangelwirtschaft dauerte noch einige Zeit an, aber Sumako Hamadas Angst, sich vor Bomben ducken zu müssen, verflog allmählich. Die Rückkehr ihres Bruders sechs Monate nach Kriegsende half bei der Verarbeitung des Erlebten.
«Drei Jahre später heiratete ich meinen Mann. Meine Eltern hatten den Kontakt zu seinen Eltern hergestellt.» Und als sie von dessen Erlebnissen hörte, fühlte sich die junge Frau fast privilegiert. «Er war als Soldat in Yokohama stationiert gewesen, südlich von Tokio. Nach den grossen Luftangriffen im März musste er sein Mittagessen zwischen Leichen zu sich nehmen.»
Noch 75 Jahre später vergeht Sumako Hamada beim Gedanken der Appetit. Wenn sie ihren zehn Enkeln vom Krieg berichtet, spart sie dieses Detail denn auch aus. «Ich erzähle ihnen gern von den guten Tagen, die es immer auch gab. Wenn wir uns den Magen mit Reis vollschlugen.»
«Ein strammer kleiner Nazi»: Die letzten Zeitzeugen berichten über das Ende des 2. Weltkriegs | NZZ
Ein Zeitungshändler verkauft am 8. Mai 1945 beim Hauptbahnhof Zürich die NZZ. Schlagzeile: «Kriegsende in Europa».
Schweiz: «Wir waren gut trainiert»
Carl Miville – als Jungsozialist im Aktivdienst in der Schweiz: Plötzlich hingen weisse Leintücher aus den Fenstern der Häuser auf der anderen Seite des Rheins. Die Deutschen hatten sich den Alliierten ergeben. Kampflos, irgendwann Ende April 1945. Carl Miville kann sich nicht mehr an das genaue Datum erinnern, doch die Bilder haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Er ist heute 99 Jahre alt, körperlich geschwächt, aber noch immer ein temperamentvoller Erzähler.
Damals stand Miville als Korporal an der Schweizer Grenze in Rheinfelden. «Auf einmal kamen französische Soldaten über die Brücke. Sie wollten uns Gegenstände verkaufen, die sie den Deutschen abgenommen hatten. Ich leistete mir einen Westinghouse-Feldstecher und einen SS-Dolch», sagt er und lacht. «Dieser Handel wurde dann von Bern aus rasch unterbunden.» Den Dolch hat er später dem Historischen Museum seiner Heimatstadt Basel vermacht, wo er noch heute lagert.
Miville ist ein in der Wolle gefärbter Basler. Er hat grösste Verdienste als Dialektexperte und Dichter von Schnitzelbänken. Vor allem aber ist er eine politische Ausnahmefigur, war jahrzehntelang Stadtparlamentarier, Nationalrat, Ständerat – ein Urgestein der Schweizer Sozialdemokratie. Schon während des Zweiten Weltkriegs präsidierte er die baselstädtischen Jungsozialisten. Linkssein und Militärdienst: Wie geht das?
«Ich wuchs in einem politischen Haushalt auf. Mein Vater, Carl Miville senior, war SP-Regierungsrat im roten Basel, bei uns daheim verkehrten die Schwergewichte der Partei.» Schon in jungen Jahren beschäftigten ihn der Spanische Bürgerkrieg und das Naziregime. Man habe genau beobachtet, was drüben im «Dritten Reich» vor sich gegangen sei, erzählt Miville. «Als Gymnasiast hatte ich eine Pistole in der Nachttischschublade. Für den Fall, dass die Nazis über die Grenze kommen.» Abgesehen von einigen unverbesserlichen Pazifisten sei die Linke damals dankbar gewesen für General Guisan und die Armee. Gleich nach der Matur 1941 rückte Miville in die Rekrutenschule ein und stiess danach zu seiner Grenzschutzeinheit, dem Bataillon 58. «Mein Vorgesetzter sagte zu mir: ‹Hier wird gekämpft, hier wird gestorben!› Das fuhr mir ein.»
Dass seine Einheit aus Wehrmännern beider Basel und des Fricktals bis zum letzten Atemzug Widerstand geleistet hätte, ist für ihn klar. «Wir waren gut trainiert, Defätisten gab es bei uns keine.» Die Offiziere hätten zwar Respekt vor den militärischen Erfolgen der Deutschen gehabt und die Wehrmacht-Zeitschrift «Signal» gelesen, seien aber sicher keine Nazis gewesen. «Das waren richtige Bürgerliche!»
Der Militärdienst taktete fortan Mivilles Leben, unterbrochen nur vom Jus-Studium. Auch als die Bevölkerung am 8. Mai 1945 auf den Strassen von Basel, Zürich oder Genf den Frieden feierte, war er im Militär. 1400 Diensttage leistete er insgesamt, die WK der Nachkriegszeit dazugerechnet. Entbehrungsreich war das, aber der Genosse hat es auch geschätzt. «Im Gegensatz zur herrschenden Ideologie in meiner Partei war ich immer ein bisschen ein Militärkopf. Die Einheit war für mich wie Familie. Es waren ja immer die gleichen Personen, man stand sich über die Zeit sehr nahe. Der Geruch von Wolldecken, Stroh und Motorenöl hatte etwas Vertrautes, Heimeliges.»
Mädchen und Knaben ziehen am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation Deutschlands, mit Schweizer Fahnen durch die Strassen von Zürich.
Vielleicht hatte die Geborgenheit im Aktivdienst auch mit seinen schwierigen Familienverhältnissen zu tun. Sein Vater trat nämlich als amtierender Regierungs- und Nationalrat 1944 in die neu gegründete PdA über, zu den Stalin-hörigen Kommunisten. Der Junior blieb in der SP. «Sein Wechsel führte zum Zerwürfnis. Ich war der Meinung, der Sozialismus aus der UdSSR ist nicht schweizerisch, so denkt der Arbeiter hierzulande nicht.»
Der Roten Armee brachte Miville aber grossen Respekt entgegen, schliesslich befreite sie Osteuropa von den Nazis. Und der Hass auf die Deutschen war grenzenlos. «Ich weiss noch genau, als die Briten Dresden bombardiert haben. Es gab Abertausende von Toten. Und wir jubelten. Es konnten nicht genug Deutsche umgebracht werden! Heute schäme ich mich dafür.» Nach dem Krieg dauerte es sehr lange, bis sich ein halbwegs entspanntes Verhältnis mit dem nördlichen Nachbarvolk einstellte. «Wenn man von Basel rüber nach Lörrach ist», erzählt Miville, «dann hat man bei jedem Mann, dem man begegnete, gedacht: Bisch au debii gsii? Hast du auch im KZ Juden vergast?»
Schon bei Kriegsende war dem Linken bewusst, dass auch die Schweiz nicht ohne Fehl und Tadel war: das Anpassertum, die Flüchtlingspolitik. Die Auseinandersetzung mit den «Schatten des Zweiten Weltkriegs» kam erst in den 1990er Jahren. «Ich fand es richtig, dass endlich die Wirtschaftsverstrickungen mit Nazideutschland untersucht wurden. Aber dass einige Historiker dabei die Leistung der Armee kleinredeten, ärgert mich noch heute.»
«Ein strammer kleiner Nazi»: Die letzten Zeitzeugen berichten über das Ende des 2. Weltkriegs | NZZ
Amerikanische Soldaten posieren am 21. März 1945 nach der kampflosen Einnahme der Stadt Saarbrücken mit Hakenkreuz-Fahne und Hitler-Portrait.
Deutschland I: «Ein strammer kleiner Nazi»
Klaus Kellermann erlebte den Einmarsch der Amerikaner in Deutschland: Für ihn waren es Vorboten der Niederlage, nicht der Befreiung, die amerikanischen Truppen, die im April 1945 in das mitteldeutsche Dorf Geismar südlich von Göttingen einrückten. Der zehnjährige Klaus Kellermann sah vom Dachfenster aus, wie Erdfontänen hochspritzen, als die Geschosse in die braunen Äcker am Rand des Bauerndorfes einschlugen.
«Meine Mutter war eine mutige Frau», sagt Kellermann. Für die ehemalige Arztgehilfin war sofort klar, was zu tun war, als sie nur fünfzig Meter vom Haus entfernt den verwundeten Amerikaner am Boden liegen sah. Die 34-Jährige machte ein Bettlaken zur weissen Fahne und ging los, um zu helfen. Doch da waren schon die Sanitäter, die sie nach Hause schickten.
Auf dem Rückweg fand sie einen amerikanischen Stahlhelm und brachte ihn Klaus. Das war ein Fehler. Als wenig später Infanteristen das Haus nach Heckenschützen durchsuchten, sahen sie auf dem Küchentisch den Helm. Ein Soldat, der ihn für eine Trophäe hielt, schrie die Mutter an und stiess ihr die Maschinenpistole in den Bauch. Klaus und die zwei Schwestern sahen von der Treppe zu. «Es war schrecklich.»
Doch dann verstummte der Gefechtslärm, und ein paar schöne Frühlingswochen brachen an. Mutter Kellermann war die einzige Person im Dorf, die Englisch sprach. Sie dolmetschte jetzt und vermittelte zwischen den Besatzern und den Bauern.
Die Bewohner des 500-Seelen-Dorfes waren der alleinerziehenden Städterin mit den drei Kindern feindlich begegnet. Jetzt war alles anders. «Plötzlich gab es genug zu essen.» Und der amerikanische Kommandant schenkte der Dolmetscherin sogar Kanister mit Dieselöl, die sie sorgsam hortete. Die blonden Schwestern erhielten Schokolade von den GI, er selber, sagt Klaus, sei meist leer ausgegangen.
Nach einigen Wochen zogen die Amerikaner plötzlich ab. Die Gegend war der sowjetischen Besatzungszone zugeteilt worden. Es wurde wieder still im Dorf. Dann tauchten von Osten lange Kolonnen von abgezehrten Gestalten auf. Es waren Zivilisten, aber auch Wehrmachtsangehörige in zerfetzten Uniformen. «Macht weg, die Russen kommen!», riefen sie. «Macht weg!» Und auch jetzt wusste Mutter Kellermann, was zu tun war.
Im Nachbardorf gab es einen LKW. Die Mutter einigte sich mit dem Besitzer, sie hatte schliesslich den Diesel. Auf einem Passierschein wurde die kleine Familie eingetragen. Dann ging die Fahrt los. Die Reise, die heute fünf oder sechs Stunden dauert, zog sich über drei quälend lange Tage hin.
Ob die Grosseltern noch lebten, das Haus in Düsseldorf noch stand, wussten sie nicht. Mutter Kellermann war mit ihren Kindern nach Geismar geflüchtet, als die Alliierten 1943 die Stadt zu bombardieren begannen. Gross war die Erleichterung nach der Rückkehr: das Haus unbeschädigt, nur die Grossmutter sehr abgemagert.
«Ich war ein strammer kleiner Nazi», sagt Kellermann. «Die Indoktrination in der Schule hatte gefruchtet.» Als der kleine Klaus zur Belohnung für eine gute Note zwischen Radiergummi und Löschblatt mit Führerbild wählen durfte, zögerte er nicht.
Der erste Zweifel am «Endsieg» war ihm im Herbst 1944 gekommen. Die Finnen, die an der Seite der Deutschen gekämpft hatten, unterzeichneten einen Waffenstillstand mit den Sowjets. Ausgerechnet die Finnen, die sich Klaus als grossgewachsene Kämpfer vorstellte: blond, blauäugig, arische Helden. Doch er hoffte weiter, zuerst auf die V-1, dann die V-2 und schliesslich die V-3, die raketengetriebenen vermeintlichen Wunderwaffen, mit denen der «Führer» die Wende im Krieg herbeiführen würde.
Klaus war mit Mutter und Geschwistern im Haus des Grossvaters aufgewachsen. Dieser, ein mittlerer Beamter, war streng deutschnational und ein Antisemit. In «der Partei» war er nicht. Die Grossmutter dagegen verkehrte in den Kreisen der bald verbotenen Bekennenden Kirche, die vom dissidenten Pastor Martin Niemöller ins Leben gerufen worden war.
Die beiden gerieten immer wieder in Streit über die sogenannten Arbeitslager. Der Grossvater fand es völlig in Ordnung, dass «diebische Zigeuner und anderes Gesindel» dort «arbeiten lernten». Die Grossmutter sprach von schrecklicher, unmenschlicher Behandlung. Doch sie wurde wegen ihrer Frömmigkeit belächelt und nicht recht ernst genommen.
Wie seine Mutter dachte, weiss Kellermann nicht. Sie blieb stumm oder mahnte die Eltern, ihre Diskussionen nicht vor Kinderohren zu führen. Darauf verfiel die Grossmutter in Schweigen, während der Grossvater meist noch eins draufsetzte.
Nach dem Krieg kam die Wahrheit allmählich ans Licht. In den Wochenschauen, die zuvor von den Nazis als wirksames Propagandainstrument eingesetzt worden waren, wurde nun über die Verbrechen berichtet, mit denen Deutschland den Kontinent überzogen hatte.
Kellermann blieb noch lange ein unpolitischer Mensch, wie viele aus seiner Generation. Mitte der 1950er Jahre nahm er ein Medizinstudium auf. Sein Ziel war es, möglichst schnell einen Abschluss zu machen, zu arbeiten und so lange als möglich ein ruhiges Leben zu führen.
Denn am Horizont lauerte schon die nächste Gefahr: der Atomkrieg mit den Russen, den er und viele seiner Kommilitonen für unvermeidbar hielten. Die Sowjetunion würde losschlagen, wenn sie ihren wirtschaftlichen Rückstand gegenüber dem Westen für uneinholbar hielt. Das stand fest.
Erst im Laufe der 1960er Jahre entspannte sich die Lage. Kellermann spezialisierte sich als Kinderarzt und wurde später Neurologe. Heute, 75 Jahre nach dem Ende des Krieges, sagt er: «Die Generationen nach uns spielen schon wieder mit dem nationalistischen Feuer. Es kann immer wieder passieren und überall – nicht nur in Deutschland.» Das hat die Geschichte den 85-Jährigen, der heute in der Schweiz lebt, gelehrt.
Am stärksten aber ist die Erinnerung an die mutige, liebevolle und kluge Mutter, die ihn und seine Schwestern durch den schrecklichen Krieg brachte.
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