Frei nach Hans Christian Andersen
„Oh nein!“ ruft Kira kleinlaut. Enno, Gottfried und sie haben es sich gerade auf dem Bett ihres Wohncontainers so richtig gemütlich gemacht. Während Enno fleißig ihre selbstgebackenen Plätzchen mampft, hat Kira sich gerade einen Becher Vanillepudding aus dem Kühlschrank geholt. „Jetzt habe ich den Löffel vergessen,“ sagt das kleine Mädchen enttäuscht und windet sich mühsam aus ihrem kuscheligen Kissen- und Deckenberg, als Gottfried sie stoppt. „Warte mal, Kira. Ich habe da vielleicht was für dich.“ Enno und Kira staunen nicht schlecht, als Gottfried ein Geheimfach an seinem Düsenmotor öffnet und einen kleinen, silbernen Gegenstand herauszieht. Es ist ein silberner Löffel mit einem wunderschön verzierten Griff! „Wow!“ ruft Enno und Kira meint nur kleinlaut: „Der ist doch viel zu schön, um damit Vanillepudding zu essen.“ „Ach, Quatsch mit Regenwurmsoße! Wie kommst du denn darauf? Meine sehr gute Flamingofreundin Kaja aus Polen hat mir darauf immer Würmer mir Ameisensauce serviert.“ „Igitt! Gottfried!“ ruft Enno, während Kira das silberne Souvenir mit einem vielsagenden Blick zurückgibt und sich einen anderen Löffel aus der Küche holt. „Ihr wisst ja gar nicht, was ihr verpasst! Dieser Löffel ist uralt!“ „Uralt?“ fragt Enno belustigt, „So alt wie dein geistiger Großvater, Napoleon?“ Enno weiß mittlerweile sehr genau, dass sein Turborabe manchmal zu Übertreibungen neigt, und seine Behauptung, Napoleons Enkel zu sein, ist eine davon. „Na, jedenfalls viel älter als neunmalkluge Kinder!“, verkündet Gottfried leicht beleidigt und bringt Enno und Kira zum Lachen. „Hinter diesem Löffel steckt eine ganz neue, großartige Geschichte!“ „Erzähl, Gottfried!“ ruft Kira begeistert. „Also gut, dann schalte ich wieder in den Märchenerzählmodus. Seid ihr bereit?“ Die Geschwister nickten eifrig.
„Kajas Ur- Ur- ich bin mir nicht ganz sicher wie viele Ur-s es waren, aber es waren auf alle Fälle einige, jedenfalls, Kajas Urgroßmutter hatte einen Löffel genau wie diesen. Um ihrem kleinen Sohn zu Weihnachten eine Freude zu machen, ließ sie den Löffel einschmelzen und von einem Zinngießer zu fünfundzwanzig genau gleich großen und gleich aussehenden Zinnsoldaten fertigen. Alle sahen mit starrem Blick nach vorn, hatten ihre Gewehre auf den Schultern und trugen eine Uniform, die in Rot, Blau und Goldfarben angemalt war.
Als der kleine Junge am Weihnachtsabend die Kiste mit den Zinnsoldaten öffnet, strahlt er vor Freude und stellt alle Zinnsoldaten in einer Reihe auf dem Wohnzimmertisch nebeneinander. Alle Soldaten blieben stramm auf dem Platz stehen, den ihr kleiner Oberkommandant ihnen zugewiesen hatte, nur einer fällt sofort um. Ihn aufzustellen ist schwierig, denn beim Gießen dieses letzten Zinnsoldaten war das Material knapp geworden und so hat er nur ein einziges Bein. Er muss weit weg von den anderen Soldaten, auf einer Kommode im Zimmer des Jungen übernachten, wo ihm einige Holzklötze das fehlende Bein ersetzen.
Als es Nacht wird und das Mondlicht genau richtig durch das Fenster fällt, bemerkt der einbeinige Soldat etwas ganz Besonderes auf der Kommode gegenüber. Die kleine Schwester seines Besitzers hat zu Weihnachten ein wunderschönes Schloss aus Papier bekommen, das nun im weißen Licht des Mondes strahlt. Durch die Fenster sind prächtige Papiersäle sichtbar, die Papierbäume vor dem Eingang scheinen silbern zu glitzern und spiegeln sich wie Eiszapfen im kleinen Spiegel vor der Tür, den das Mädchen als See in den Garten gepflanzt hat. Auf dem See schwimmen elegante Schwäne aus Wachs, aber der Zinnsoldat hat kein Auge für sie. Mitten in der Tür des Schlosses ist eine kleine Papierdame in weißem Kleid, nur sichtbar, weil das blaue Band um ihre Schultern sie von der restlichen Szenerie abgrenzt. Sie beginnt, um die Bäume und den See zu tanzen und für einen Moment, als sie in einer kunstvollen Pirouette ein Bein nach oben wirft, sieht es fast so aus, als ob auch sie, wie der tapfere Zinnsoldat, nur ein einziges Bein hat. Der Soldat will jetzt nichts mehr, als dieses wundervolle Mädchen kennenzulernen, doch sie lebt in einem Schloss und er in einer Holzkiste mit vierundzwanzig Brüdern. Er traut sich nicht, sich der Tänzerin auch nur zu nähern. Deshalb legt er sich hinter eine Schnupftabakdose, die auf dem Tisch liegt, und beobachtet die vornehme Dame aus der Ferne. So liegt er viele Stunden du beobachtet das Mädchen beim Tanzen, bis die Uhr 12 schlägt und plötzlich der Deckel der Schnupftabakdose aufspringt. Aus der Schachtel kommen zuerst zwei tiefrote Beine, dann ein ebenso roter Schnabel und zuletzt ein ganzer, kleiner Turborabe hervor. „Lass das lieber,“ meint der Turborabe zum Zinnsoldaten, „das ist doch viel zu schwierig mit so einem Mädchen. Such dir lieber eine nette Flamingodame.“
„Jetzt schwindelst du aber, Gottfried“, ruft Enno. „Damals hast du ja noch gar nicht gelebt. So alt bist du bestimmt nicht!“„Natürlich habe ich nicht nur einen geistigen Großvater wie Napoleon, ich habe auch einen echten Ur- Ur- Urgroßvater,“ antwortet Gottfried, „und der war so klein, dass er sich vor vorlauten Kindern in Schnupftabakdosen verstecken konnte!“ Als ihm weder Enno noch Kira widersprechen, brummt Gottfried zufrieden und erzählt weiter.
„Der Zinnsoldat hört natürlich nicht auf den Turboraben. Nicht einmal, als er ihm eine weitere weise Botschaft verkündet, die ihm eine lebensgefährliche Zukunft prophezeit, falls er die Tänzerin nicht sofort vergisst. Also verschwindet der Turborabe wieder in seiner mit Schlagsahne und Regenwürmern gefüllten Tabakdose und der Soldat schaut die ganze Nacht der Papierprinzessin beim Tanzen zu. Am Morgen kommt sein Besitzer, der kleine Junge freudenstrahlend in das Zimmer und beginnt, mit seinen Zinnsoldaten zu spielen. Aber da ihm der einbeinige Mitstreiter immer wieder umfällt, stellt er unseren tapfere Zinnsoldaten auf das Fensterbrett. Da passiert das Unglück. Eine Böe ergreift das Fenster, schlägt es auf und katapultiert den Zinnsoldaten in hohem Bogen nach draußen. Er fällt so schnell, dass ihn nicht einmal der Turborabe, der ihm natürlich todesmutig hinterherspringt, vor dem unsanften Aufprall auf dem Boden bewahren kann. Mit seinem einen Bein bleibt er zwischen zwei Pflastersteinen stecken und ist dort so gut versteckt, dass ihn das Dienstmädchen und der kleine Junge auch nach langer Suche nicht finden. Einen ganzen, unsanften Platzregen verbringt der Zinnsoldat im Asphalt, dann entdecken ihn zwei kleine Jungen und nehmen ihn mit. Danach landet er im Fluss, wo ihn eine böswillige Ratte herausfischt und fast auffrisst, wenn er sich nicht im letzten Moment auf ein vorbefahrendes Papierschiffchen gerettet hätte. Der Zinnsoldat fährt also den ganzen Fluss hinab und landet an einem Wasserfall, stürzt herunter und wird dann von einem großen Fisch verschlungen. Starr vor Schreck schläft der Zinnsoldat ein. Als er wieder aufwacht, ist er, wie durch ein Wunder, in der Küche seines Zuhauses. Der Zinnsoldat hätte nicht glücklicher sein können, in seinen Augen hat sich die ganze Irrfahrt jetzt gelohnt, denn nun kann er endlich seine geliebte Tänzerin wiedersehen! Der Turborabe, der in der Küche genüsslich ein paar gebratene Borkenkäfer verspeist, bemerkt natürlich sofort, dass der Zinnsoldat wieder da ist. Er packte ihn in seinen großen, roten Schnabel und trägt ihn zum Schloss der Papierprinzessin hinauf. Die Papierprinzessin und der Zinnsoldat sehen sich an und alles ist klar.“
„Hä?“ fragt Enno verwirrt, „was ist klar?“ Auch Kira ist nicht überzeugt: „Das kann doch nicht das Ende sein, Gottfried!“ „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich denke, das versteht ihr erst, wenn ihr selbst mal eine so tolle Flamingodame wie meine Kaja, kennenlernt.“ Die beiden Geschwister verdrehen die Augen und konzentrieren sich wieder auf ihre Süßigkeiten. Aber, noch am selben Abend, bastelt Kira eine kleine Tänzerin aus Papier und stellt sie neben Ennos Plastik-Feuerwehrmann. Er ist zwar kein ein Zinnsoldat, aber, wie Kira findet, trotzdem standhaft. Und definitiv ein wahrer Held.