Diese kleine Faultier-Dame hatte Trennungsprobleme. Die Tierschützer brauchten mehrere Anläufe, um sie zuerst vom Arm und Hosenbein zu trennen und sie dann erfolgreich an einen Baum heranzuführen. Aus dem Sloth Rehab Center Groningen, SR
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Diese kleine Faultier-Dame hatte Trennungsprobleme. Die Tierschützer brauchten mehrere Anläufe, um sie zuerst vom Arm und Hosenbein zu trennen und sie dann erfolgreich an einen Baum heranzuführen. Aus dem Sloth Rehab Center Groningen, SR
30./31.10.23
Worum's geht: Wanderung zum Schildpladdenberg, kleine Überlebenslektion im Video und ausgetrocknete Bäche.
Wanderstrecke und Anstieg zum Schildpladdenberg sind an sich keine Herausforderung. Doch wir stapfen durch unwegsames Gelände, wehren Mücken ab und bleiben immer wieder atemlos stehen, weil es etwas Seltsames zu hören gibt, jemand in ein immenses Spinnennetz läuft und vor der krabbelnden "Gefahr" gerettet werden muss (Sensi), oder weil wir grabende Wildschweine entdecken. In der Ferne grölen die Brüllaffen (Alouatta macconnelli), was schon zuvor und vor allem nachts für Gänsehaut gesorgt hat. Sensi erklärt, das Brüllen sei territoriales Verhalten und während er redet, kratzt er sich mit seiner Machete gemütlich den Arm. Wir können am Anfang der Wanderung Wasser in einem Bach nachfüllen, doch er führt wenig Wasser. Als wir am 31. Oktober ein ausgetrocknetes Flussbett überqueren, bleibt Sensi stehen und stützt die Hände an der Hüfte ab. Kopfschüttelnd blickt er um sich und murmelt: "In the twenty-something years that I worked as a tourguide, I have never seen this creek dry."
Später warten wir fast eine dreiviertel Stunde am Ufer des Gran Rio auf Bootsmann Hesti. Sensi schimpft wie ein Rohrspatz über die Unzuverlässigkeit seiner Leute. Wir können es nicht ganz ernst nehmen und selbst Freddy, der sonst wenig Emotionen zeigt, wendet sich ab, weil er sich ein Grinsen nicht verkneifen kann. Sensi kann nichts dafür, dass er selbst im Ärger bühnereife Komik beweist, indem er das Opfer seines Tadels mit hoher Stimme nachäfft. Der jüngere der beiden Brüder, mit denen ich reise, fragt, ob er heute wieder angeln gehen könne. Sensi hält inne und sagt dann: Natürlich. Aber ich bilde mir ein, dass er innerlich den Kopf schüttelt.
Jetzt ruhe ich mich in meiner Hängematte aus, frisch gebadet und doch erneut nassgeschwitzt. Die Brüder versuchen wieder ihr Glück mit Angeln, obwohl genug Fisch im Haus ist. Der jüngere der beiden besteht darauf, denn er hat gestern nichts an Land geholt, Freddy und ich hingegen schon (einen riesigen Piranha und einen Anyumara - ich berichtete bereits mit kaum verhohlter Schadenfreude und werde nicht müde, davon zu erzählen). Um mich herum schwirren die Fledermäuse. Ein weiterer heißer Tag geht zu Ende.
There was definitely more than one spider on board.
29.10.23
Worum's geht: Der Weg zum Sintia-Damm (Sintiadam).
Skizze vom Haus des Dorfnarren in Kajana. Die fensterlosen Wände sind bis unter das Wellblechdach mit unverständlichen Worten beschriftet. Der Eigentümer hockt auf seiner Terrasse und stiert vor sich hin, uns Touristen ignorierend.
Am nächsten Morgen brechen wir verhältnismäßig gemächlich auf. Eine lange Reise erwartet uns und je nachdem wie viel Pech wir mit dem Wasserstand haben, könnte sie sich bis weit nach Einbruch der Dunkelheit hinziehen. Eventuell ist aber das Glück mit uns: Vor ein paar Tagen regnete es und der Pegel stieg um 27cm. Das erspare uns mehrere Stunden auf dem Fluss, meint Sensi. Ein letztes Mal serviert uns Siera, eine Frau aus dem Dorf mit Baby auf dem Rücken und einem noch (viel zu) kindlichen Gesicht, das Essen.
Wir sind von 9-16 Uhr unterwegs, so die Rechnung. Es dauert nicht lang und ich ziehe mir stöhnend die Wasserschuhe aus, weil die Mischung aus Sand, Wasser und sprödem Kunststoff mir meine zahllosen Mückenstiche wundscheuert. Trotz Regens schrammt Hestis Boot manchmal gefährlich gegen Fels und Stein unter Wasser, und hin und wieder ist es doch "bloß" Sand, der das Boot zwar nicht beschädigt, aber in dem wir steckenbleiben könnten. So geschieht es dann auch und das einzige, das du tun kannst, ist ins Wasser zu springen und das Gefährt gemeinsam zurück zu ziehen. 30-40 Minuten hinter dem letzten Dorf müssen wir das Boot komplett entleeren und alles, nebst Motor, über eine ausgetrocknete Stromschnelle schleppen. Über Stock und Stein schultere ich 5-Gallon-Wassertanks, Sensi hat neben vollen Händen einen großen Sack Reis im Nacken und die beiden Brüdern mühen sich mit der Kühltruhe ab. Mit vereinten Kräften und der Zuhilfenahme von Bambusrohrstöcken auf dem Boden ziehen wir anschließend das Boot über den Fels. Nach vier Anläufen ist es endlich auf der Anhöhe und von dort lässt es sich in einem Ruck leicht ins seichtere Gewässer und schließlich in den Fluss ziehen. Dann müssen wir es wieder beladen, besteigen, weiterziehen.
Links und rechts erstreckt sich eine undurchdringliche Mauer aus Bäumen und Schlingpflanzen. Wir erhaschen Tukane, blaue Kingfishers (Vogel) oder den sonderbar gurrenden Glattschnabelhokko ("Waldhuhn") und hören Papageie und Aras von fern. Metallisch blaue Schmetterlinge, groß wie Lindenblätter, flattern träge über das Wasser. Kolibris surren um die blühenden Bäume, die tief über das Wasser hängen. Hin und wieder landet eine Libelle von ausgefallenstem Design auf unseren Ärmeln. Der Screaming Piha, auch Buschpolizei genannt, kündigt mit seinem Wui-Huu-Ruf unsere Ankunft im Dschungel an. Wir müssen so oft ins Wasser springen, dass ich befürchte, meine Klamotten nicht wieder trocken zu kriegen. Aber es herrscht eine solche Hitze, dass der Rand des Bootes zu heiß zum Anfassen wird. Ich muss mir also vermutlich keine Sorgen machen. Ich ziehe Hut und Hoodie tiefer ins Gesicht. Es ist heiß, doch Schutz vor der sengenden Sonne ist unerlässlich.
Als wir Sintiadam erreichen, bin ich im Boot eingenickt. Es ist noch hell, wir haben es tatsächlich ohne Zeitverlust geschafft. Müde packen wir unsere Sachen aus. Anschließend werfen die Brüder und ich uns ins seichte Wasser vor dem Damm und lassen uns einfach nur über die Sandbank treiben. Was für ein fantastisches, sorgenloses Gefühl.
27.-29.10.2023
Worum's geht: Die ersten Nächte auf meinem 6-Tages-Trip im Dschungel ("Softcore Amazonas"), Poledancers & bush negros
Habe die erste soweit geruhsame Nacht am Rande des Dschungels hinter mir, nachdem wir gestern von Atjonie fünf Stunden den Suriname River stromaufwärts gefahren sind, und zwar fast ohne Pause (eine Ausnahme bei der wir wegen des Wasserstands aussteigen und laufen mussten). Mir tat, gelinde gesagt, der Arsch weh. Die Sitzbank in dem dachlosen Taxiboot besteht aus einer einfachen Holzplanke und der Motor brummt unangenehm durch den ganzen Bauch. Wir sind in einem schönen Lodge in dem schwarzen Dorf Goejaba untergebracht; der Flair ist hipp aber einfach, Strom zum Handyladen sporadisch verfügbar und die einzigen Gäste sind junge modisch tätowierte Damen in bunten Strandtüchern, die mit ihren Tourguides kichernd baden gehen. Später werde ich mich bei dieser Erinnerung etwas angeekelt schütteln, denn da schwamm noch ordentlich viel Müll im Fluss; kein Vergleich zu dem trinkbaren Wasser am Sintiadam.
Meine Lodge-Nachbarn in Goejaba sind drei Surinamesen aus Paramaribo, die für das Wochenende ausspannen. Ich komme kurz mit ihnen ins Gespräch. Kevin, einer der drei, ist hocherfreut, als ich ihm von meinem IT-Job erzähle. Er selbst habe gerade seinen Abschluss in Informatik gemacht. Ich: "Really? I would not have guessed!" Warum ich das sage? Weil Kevin nicht dem Stereotypen des Informatikers entspricht. Er erinnert mich an die Theaterstudenten aus meiner Unizeit, allein von der körperbewussten Art, wie er sich bewegt, und von den kunstvollen Tattoos auf der nackten Brust. Kevin zuckt mit den Schultern, er nimmt mir meinen Kommentar nicht übel, da habe ich nicht Unrecht, meint er. Seine Reisebegleiterin (und Trainerin), die sich über das Geländer der Terrasse beugt, sagt, dass sie eine Truppe von Poledancers seien. Es dauert nicht lang, da zeigen sie mir verblüffende Videos ihrer Choreografien. Die Dame hat ihre eigene Tanzschule aufgemacht, obwohl der Stangentanz (noch) keinen guten Ruf in ihrem Heimatland genießt. Siehe Insta-Video unten (eventuell nur sichtbar mit Instagram-Konto).
Unsere Reisegruppe ist alles andere als sexy. Sie besteht aus mir, zwei jungen niederländischen Brüdern, die die meiste Zeit über ihre eigenen Füße stolpern, weil sie den Blick vom Handy nicht heben können, und Sensi, unserem gemütlichen und logistisch leider völlig untalentierten Buschmann und Tourguide. Morgen stoßen dann noch die Bootsmänner Hesti und Freddy hinzu. Am Ende der Reise werde ich erfahren, dass Sensi und ich wohl die einzigen waren, die so etwas wie Seife zum Waschen benutzt haben. Sensi fühlt sich im Regenwald merklich wohler als in der Logistik. Ich erlebe ihn in der Zivilisation als hektischen Mann, der bei der An- und Abfahrt im Hafen von Atjonie umkehren muss, weil er etwas vergessen hat einzupacken, oder der entgegen der persönlichen Planung plötzlich kein Eis für die Kühlbox (die 6 Tage lang halten muss!) auftreiben kann und auf der Autofahrt zum Hafen dreimal anhält, schließlich bei Familie/Freunden. Sogar das eigene Mittagessen vergisst er, also zeige ich Erbarmen und teile meins mit ihm. Ich erzähle dies mit aller Zuneigung und dem Respekt, der ihm für seine Leidenschaft gebührt, denn er ist ein ganz hervorragender und menschlicher Führer, der für seine KundInnen auch bereitwillig die Extrameile geht. Die kleinen Diskrepanzen haben das Dschungelerlebnis in keiner Weise geschmälert, sondern mir eher gezeigt, unter welcher Arbeitslast ein Freelancer wie er steht. Ab dem dritten Tag, als wir das letzte Dorf hinter uns gelassen haben und nur noch Regenwald vor uns liegt, fällt die letzte Hektik von Sensi ab und er wird der stille Meister mit der Machete.
Pic: Sensei Sensi sensing the wild.
Pic: Das Periodenhaus für die menstruierende Frau. In dieser Zeit darf sie nicht für die Gemeinde kochen. Fast wie Urlaub. Pic 2: Der Ceiba pentandra - ein heiliger Baum, unter dem sich die Hütten der Saramaccaner ducken.
Aber eins nach dem andern. Auch die zweite Nacht verbringen wir noch unter den Saramaccanern (einer der großen Afro-Stämme Surinams) und genießen den "Luxus" einfacher Holzhütten mit der unzuverlässigen Strom- und Wasserversorgung doch dafür mit der köstlichen surinamesischen Küche aus Fisch, Kassava und verschiedenen Soßen und Suppen. Aber keine Sorge, brummt Sensi und ein Grinsen stiehlt sich langsam auf seine Lippen, das werde sich am dritten Tag ändern. "Then you will have to work, guys. On the third day we will have left the last village behind. After that we are in the wild." Wenn ich nach diesen sechs Tagen feststelle, dass mich der Dschungel nicht in die Knie gezwungen hat, könne ich darüber nachdenken, auf eine seiner mehrwöchigen Expeditionen in unerschlossenes Terrain mitzugehen. Die Sintiadam-Tour ist ein Amazonas-Training in ultrasoft. Nicht ganz so weichgespült wie die Resort-Touristen, sagt er ganz barmherzig. Doch im Vergleich zu einer Expedition noch Pipifax. Später, als wir im Dschungel am Lagerfeuer, das in dieser Hitze niemals richtig ausgeht, sitzen, wird er uns von den deutschen Bundeswehrlern erzählen, die bei ihm Survival-Trips in entlegene Gebiete machen, oder von einem der größten Geflügelfleischproduzenten Deutschlands, mit dem er fast jährlich in den Amazonas verschwindet, zuletzt zum über 100 Jahre alten Grab des niederländischen Kartografen Johan Eilerts de Haan.
Sensi ist selbst Saramaccaner und hat in fast jedem Dorf dieser Ecke Verwandte. Am zweiten Abend nächtigen wir in Kosindo/Kajana, in dem gerade der Tod eines Gemeindemitglieds betrauert wird, und zwar ganz nach irischer Art: mit Musik und Alkohol. Auch eine zu Ehren des Toten bemalte Fahne wird durch das Dorf getragen und es bildet sich eine lange, jubelnde Schlange, die durch die unbefestigten Straßen zieht. Wir sollen, so Sensi, es lieber unterlassen Fotos von den bunt bekleideten Einwohnern zu machen; Auf der anderen Seite halten grölende Halbstarke uns ihr Smartphone ins Gesicht und filmen uns wie die Affen im Zoo. Nun ja, unser Tourguide besucht an dem Abend noch seine Großmutter im Nachbardorf. Ich frage ihn, ob er Geschwister habe. Er gibt eine lange Antwort. Unterm Strich: Er hat viele Halbgeschwister. Aber die "bush negros", wie er sich selbst bezeichnet, leben selten monogam.
Vorfreude auf Bootstour zum Sintiadam
Worum's geht: Fernweh in der Ferne, einige Bilder zu meinen Erlebnissen
Ich habe in den letzten zwei Wochen versucht, die Sehnsucht nach Abenteuer in Schach zu halten. Was hat funktioniert:
Eine tolle Delphinbeobachtung auf der Flussmündung des Commewjine und Suriname River mit Besuch einer alten Zuckerrohrplantage, auf der etwas Geschichte zur brutalen Sklaverei vermittelt wurde. Durchführende Organisation war Unlock Nature.
Ein spontaner Wochenendtrip ins Schildkröten-Paradies Galibi in West-Surinam mit einer Nacht in der Hängematte. Daran hängend außerdem
ein Ausflug nach Saint Laurent du Maroni in Französisch-Guyana, wo ein kleiner Traum in Erfüllung ging: die Besichtigung des berühmt-berüchtigten Gefängnisses, in dem Papillon inhaftiert gewesen ist (habe mir auch gleich ein T-Shirt mit seiner Häftlingsnummer drauf besorgt). Durchführende Organisation war Jenny Tours
Kostspielige Besuche zum Luxuspool des Torarica Resort in Paramaribo (mein Reisegefährte Brian bekniete mich geradezu, dass wir den Tag dort verbringen, da er wahnsinnig unter der Hitze leidet).
Zwei Besuche zum Restaurant und Eventort Spice Quest, an dem ich Freundschaft mit der Familie Woei schloss: erst mit dem Chefkoch Patrick, dann mit seiner Schwester und Goldschmiedin Pearl und schließlich mit dem Vater Paul, der Surinams berühmtester noch lebender Künstler mit chinesischen Wurzeln ist und an einem Abend sich zu mir und meiner Gruppe für ein weiteres kleines Schwätzchen gesellte.
Vergangenen Freitag besuchten wir eine private Rettungsstation für Faultiere in Groningen, die vom deutschen Welttierschutz e.V. getragen wird und ich hatte das seltene Glück, die Wiederfreilassung von zwei grundlegend verschiedenen Faultierarten (Zweizeh und Dreizeh) miterleben zu dürfen. Sowohl die Biologin Veronica und als auch Ed der freundliche Standortverwalter zeigten sich überaus erfreut über das Interesse unserer kleinen Gruppe. Anschließend wurden fleckige T-Shirts zu einem starken Discount verteilt. Mehr Infos unter https://greenfundsuriname.org/tag/sloth-wellness-center/
Das alles hat mein Fernweh wohl in Schach gehalten. Die Begegnungen und insbesondere die Freundlichkeit der Menschen sind außergewöhnlich. Kulturell und in der Natur gibt es noch so viel zu entdecken, dass ich bereits über einen zweiten Besuch von Surinam nachdenke. Nächstes Mal würde ich mir definitiv die Besteigung des Kasikasima und einen Abstecher nach (Britisch) Guyana vornehmen.
Auch die Jodensavanne nahe Bronsberg, eine verlassene jüdische Siedlung, die erst noch vollständig ausgegraben werden muss, stünde dann auf meiner To-Do-Liste. Diese habe ich aufgrund von wiederkehrenden Schwächeanfällen ausfallen lassen. Das schmerzt sehr, da der Besuch einer meiner Hauptziele für Surinam gewesen ist. Doch das Klima belastet mich zu sehr. Seit Ankunft vor 12 Tagen habe ich mich nur im nötigen Rahmen bewegt. Die Muskeln sind merklich geschrumpft und, obgleich man in diesem Klima weniger isst, der Fettanteil gewachsen.
Aber es ruft der Dschungel und es zieht mich so dringend fort aus der Zivilisation, dass ich manchmal weinen könnte. Morgen geht es los und für sechs Tage bin ich stromaufwärts zum Sintia-Damm (Sintiadam) unterwegs, immer den Suriname River entlang bis dieser auf den Gran Rio trifft und wo die letzten bekannten saramaccischen und Maroni Flussdörfer enden. Doch das erst morgen... Der Blick von meinem Zimmerfenster im zweiten Stock auf die Stadt ist wunderbar aber bittersüß. Ich höre manchmal eine Bigband spielen und Leute jubeln, jeden Morgen und Abend knatschen und krächzen die Papageie im Baum und abends weht ein frischer Wind hinein und befreit uns vom Geruch von Rott, Müll und Rauch. Besonders dann ist der Anblick der Stadtdächer und der vielen Palmen und Bäumen dazwischen nicht zu ertragen. In den Moment frage ich mich, warum wir in der deutschen Sprache kein passenderes Wort für Sehnsucht und Fernweh haben, denn beides trifft auf meine Gefühlslage nicht zu; das eine ist zu lokal, das andere zu romantisch. Echte Sehnsuchtsorte tun weh.
Es gibt Orte, die geben dir innere Ruhe und du fühlst dich sicher und auf angenehme Weise grundstimuliert: Das ist der Nordwesten Irlands. Die späte Ankunft in Dublin im Mehrbettsaal einer netten wenn auch leicht chaotisch geführten Jugendherberge. Das Wissen, dass es Ol' Pat in seinem geweißelten irischen Häuschen mit dem Gemüsegarten nebenan gut geht. Oder einfach das Wasserbett meines Freundes, das aber erst inklusive friedlich schlafenden Freundes vollkommenes Glück bedeutet. Darüber hinaus gibt es Orte aus deinen Träumen, die du dir zurechtspinnst und die alles verkörpern, was du gern hättest oder wärst. Doch sie bleiben, selbst wenn sie deine Erwartungen auf den ersten Blick erfüllen, eine Illusion. Ein schwarzes Loch, in dessen Ereignishorizont du gefangen bist; während das ganze Universum an dir vorbeizieht, bist du wie festgefroren und kommst dem Kern deiner Sehnsucht niemals näher. Es ist unerträglich.
Ich lese einen Onlineartikel der taz zum deutschen Waldsterben und die "Realpolitik" hat mich wieder. In einer Woche verlasse ich Surinam und in zweieinhalb Wochen bin ich wieder im deutschen Novemberwetter. Bis dahin gibt mir das Land die Gelegenheit entweder endlich das Herz der Finsternis zu erreichen oder es mir einfach selbst aus der Brust zu reißen.
Unterwegs mit Jerry dem fröhlichen Taxifahrer:
"So I heard there is some Dengue fever around here."
-"Yes, Dengue fever here in Suriname, but Paramaribo is good, no problem here. Where you stay?"
-"For now I'm at an Airbnb. On Friday I'm heading for the jungle. Down to Sipaliwini."
-"Ooh! Sipaliwini, I know, lots of Indian villages there!"
"Exactly. I'm looking forward to-"
-"Lots of Dengue Fever. A lot!"
"I can imagine."
-"Mosquitos bite you and you die. Many people die. Yes, very bad!"
"...Yes..."
(Macht Schüttelfrostbewegungen)
-"Terrible, you die, hahaha."
(Pause)
-"But enjoy the jungle, ne."
Surinam: Das Leben ist schwer geworden
Worum's geht: Key West, Surinam und die Wirtschaftskrise
Bye Bye Florida
Florida habe ich ziemlich leer und minus eins Backenzahn dafür mit abgeheilter Hand verlassen. Die abwechselnd schöne Stimmung und seltsame Spannung auf Key West erzeugte eine Vorfreude auf die letzte Phase, die Tropenphase, weswegen ich mir dort eine Seekarte mit Schiffbrüchen besorgte (und dann freundlicherweise eine Replik von einer Silberdublone vom Verkäufer geschenkt bekam) und meiner Begleitung für den Transport nach Deutschland in die Hände drückte. Wir verließen Key West viel zu früh. Aber nun bin ich ja hier, im ultimativen Land der unentdeckten Möglichkeiten - Surinam. Suriname.
Surinam - erster Eindruck und das liebe Geld
Mein erster Besuch auf dem südamerikanischen Festland. Die ersten paar Nächte lasse ich mal unerwähnt, aber nun, am dritten Tag, an dem ich mich akklimatisiert nennen darf, merke ich endlich die Abenteuerlust und kann die Füße kaum still halten. Es ist allerdings extrem heiß hier (38 Grad am ersten Tage und 36 Grad am zweiten, 30 Grad in der Nacht und sehr feucht). Ich war die ersten 48h mit mir selbst beschäftigt, für gewöhnlich ist das keine schlimme Angelegenheit, denn wir kommen gut miteinander aus. Doch bei der Hitze ist noch nicht einmal schreiben möglich, selbst das Denken verursacht Schweißausbrüche am ganzen Körper und permanent klebt und juckt die Haut. Meine AirBnB Host sagt, sie habe noch nie einen so heißen Oktober erlebt - und die Dame hat einiges erlebt, wenn man etwa an die beiden Amtszeiten von Präsident Bouterse denkt, unter dessen Diktatur die Decembermoorden stattfanden (1982) oder der kurze blutige Krieg mit Französisch-Guyana.
Surinam hat eine Einwohnerzahl von etwas mehr als einwr halben Million. Die größten Bevölkerungsgruppen bilden die Hindustanis, Afrikaner ("Maroons"), die Indigenen, Javanesen und Chinesen. Niederländisch ist die Amtsprache, mit Englisch kann man sich zwar durchkämpfen, aber sie meisten Museen und Kulturstätten werden nur in Niederländisch beschrieben und Tourguides sind immer noch überrascht, wenn man sie bittet, auf Englisch zu führen. Sehr weit kommt man mit der Kreolensprache Taki Taki (auch Sranantongo genannt) eine Art surinamsches Esperanto: Fawaka? - Ai go. Mi o si. (Wie läufts? - Geht gut. Bis später.) Pai o go? - Mi e go na osso. (Wo gehst du hin? - Ich gehe nach Hause.) Ein simples, englischbasiertes Sprachwerk.
Einer der Märkte im Herzen v Paramaribo, mit Gemüsesorten, von denen mancher Europäer noch nie etwas gehört haben dürfte: Ladyfinger, Shuru, Bittermelon. Und natürlich Fisch frisch aus dem Fluss oder Atlantik.
Surinam besteht aus überwiegend Wald. Selbst Paramaribo, ein wirres Holz- und Betonkonstrukt, dessen grüne und rote Dächer sich zwischen den Palmen und anderen Tropenpflanzen emporschieben, scheint im Dschungel zu ersticken. Die Korruption der letzten Regierungen führten zu einer maßlosen Verschuldung des Landes und in den letzten 15 Jahren sind Armut, Obdachlosigkeit und Kriminalität ein heißes Thema geworden. Mutige gehen in den Busch zum Goldschürfen, aber der Job sei gefährlich, sagt mir Taxifahrer und Ex-Goldtransporter Cendrino, denn es kommt dort zu Raubüberfällen und Morden. Sprit kann sich hier kaum noch jemand leisten und ich höre von ausnahmslos jeder Person, sei es Hausfrau, Taxifahrer, Security oder niederländischen Regierungsangestellten, dass die Menschen hier von der Inflation geradezu schlagartig getroffen wurden. Im Stadtzentrum und außerhalb zB in Leonsberg oder Meerzorg sieht man einige verbarrikadierte Läden (das "OPEN" immer noch dran geklebt) und auf den Gemüsemärkten stehen die Ladentische leer. Viele wirtschaftliche Effekte kommen mir aus Deutschland bekannt vor, aber wenigstens ist bei uns Korruption kein ernstes Problem.
Ein solider Ex-Präsident namens Johan Adolf Pengel vor dem Bankgebäude. Dicke Surinamesen sieht man eher wenig auf der Straße.
Hier hingegen ist die Krise so frappant, dass es auch der ohnehin magere Tourismus zu spüren bekommt: Banken schließen Geldautomaten, die Möglichkeit mit Visa abzuheben ist äußerst rar, man kann auch in größeren Geschäften selten mit Kreditkarte zahlen. Binnen vier Jahren ist der Wechselkurs von 7,5 Surinamesische Dollar (SRD) = 1 US-Dollar (USD) auf 37,5 SRD = 1 USD gefallen. Meine AirBnB Gastgeberin versucht mir stets ihre positive Lebensphilosophie zu vermitteln, aber auch sie kann sich gewisse Kommentare nicht verkneifen, wenn es ums Geld geht: Sie fährt nur noch Fahrrad, weil der eigene Bulli zu viel Benzin zieht, die Klimaanlage im AirBnB kostet jetzt extra pro Tag, Waschmaschine bitte nur nutzen, wenn es eine große Ladung Wäsche gibt, und das günstigste Essen findet man eh im eigenen Garten. Und so weiter. Sie nimmt mich in den ersten Tagen auf zwei Radltouren durch die Stadt und über den Suriname River mit, und ich zahle die meisten (stolzen) Gebühren für uns beide. Jede Verhandlung mit Händlern und Bootsleuten führt sie hart. Und dazwischen sagt sie: So sei das nicht immer gewesen; sieh her, ich war einmal eine erfolgreiche Shopmanagerin, ich habe zwei original koloniale Häuser erworben und einen erfolgreichen Sohn in den Niederlanden, den ich gern besuche. Doch das alles zerfällt. Bitterer Rauch liegt in der Luft. Die Leute verbrennen ihren Müll und es flammen täglich Waldbrände in dieser ungewöhnlichen Hitzephase auf. Nachts tue ich mich mit dem Atmen schwer.
Meine AirBnB Gastgeberin und ich auf dem Boot Richtung Meerzorg. Wir schippern an der Goslar vorbei, ein Kriegsschiff aus Nazideutschland, das von der eigenen Crew versenkt wurde, um nicht in den Krieg zurückkehren zu müssen.
Am vierten Tag lerne ich Marjolein kennen, die für das niederländische Gesundheitsministerium zum Thema Teenage Pregnancy (Schwangerschaft von Minderjährigen) in Surinam forscht. Wir begegnen einander erstmals auf einem Dolphin Watch, einer schönen Tour zu Wasser, und am nächsten Tag zufällig wieder am Fort und ehemaligen Sklavenumschlagsplatz Fort Zeelandia ehemals Fort Willoughby, wo vor 41 Jahren Bouterse eine Gruppe von Akademikern foltern und hinrichten ließ. Als einstige Bewohnerin von Paramaribo berichtet Marjolein, dass die Rückkehr nach Surinam voll bittersüßen Schmerzes gewesen sei. So viel Obdachlosigkeit habe man hier vorher nie gesehen, sagt sie. Hinzu kommt weiterhin die äußerst patriarchale Gesellschaft: Laut M bringe es notgedrungen zwar physisch und mental sehr starke Frauen empor, Frauen, die das meiste der Arbeit erledigen und die Finanzen der Familie managen; doch viele werden zu jung und zu oft schwanger, das erste Mal bereits mit 14 oder 15. Die Fruchtbarkeit der Frau wird hier zelebriert, indem junge Mädchen mit Einsetzen der ersten Periode eine besondere Schürze in der Öffentlichkeit tragen. Da hört die Verehrung der Weiblichkeit aber auch schon auf. Viele insbesondere afrikanisch stämmige Mädchen sind längst nicht die einzige Ehefrau im Rudel. Diese Kultur setze sich in der surinamesischen Diaspora der Niederlande fort, weswegen die Regierung dort nach Lösungen im Heimatland suche. In Surinam gebe es soziale Strukturen, um diese Familienführung zu ermöglichen oder zumindest zu stabilisieren. In Europa hingegen hätten Frauen und ihre Familien große finanzielle und soziale Probleme. Das und mehr erzählt mir M, während wir durch das rein holländisch-sprachige Stichting-Museum wandern und sie hier und dort eine Texttafel für mich übersetzt. Mehr zum Museum und das über 400 Jahre alte Fort Zeelandia gibt es hier.
Tourismus in Surinam schrumpft
Früher, sagt M auch, sei das Land eine attraktive Anlaufstelle für niederländische Studenten gewesen, etwa für ein Auslandsjahr oder als Übersee-Urlaub. Heute kommen die Leute überwiegend zum Arbeiten her. Kaum zu glauben, aber in Paramaribo gibt es nur (noch) ein aktives Hostel und die Zahl an AirBnB-Unterkünften ist ebenfalls überschaubar. Dafür glänzen an jeder großen Straße ein bis zwei Casinos. Die Businessbesucher, Biologen und Hobby-Birdwatchers tummeln sich in den überteuerten Hotels. Das Gros der Touristen stammt aus Curacao sowie den Niederlanden. In der Stadt sehe ich selten ein weißes Gesicht: Man bleibt lieber im Hotel-Distrikt am Wasser, kühlt sich am Pool ab und hat die Restaurantmeile mit Bami Goreng und Chicken & Fries direkt vor der Pforte. Die Dekadenz mancher Hotels kennt keine Grenzen; die Anlagen, durch die ich einmal schlendere, sind wie ein Safaritraum aus Tropenholz; garniert mit verschwenderischen Springbrunnen, Hochzeitspavillons, großen Freiluftbars mit Zigarrenmenüs in US-Dollar-Angaben und eigenem Hubschrauberplatz; das Personal hängt rum und hat nichts zu tun. Großmütig gestatten die Hotels Nichtgästen exorbitant bepreiste Tagespässe zum meist kleinen Pool, zum Spa-Bereich oder dem Tennisplatz. Paramaribo hat jedoch so wenig gut präsentierte Kultur und Erholungsorte zu bieten, dass selbst mein Reiseführer den Kunstwasserfall in Resort XYZ zu einer Touristenattraktion deklariert. Oder die ominöse Mickey Maus-Figur aus Bast in Galibi. In meinem bayerischen Heimatdorf, Vilsbiburg, steht ein Trojanisches Pferd am Flussufer und modert seit 15 Jahren vor sich hin. Verkanntes Touri-Potenzial? Es ist schade, wohin das Geld fließt. Denn allein Paramaribo hat bedeutsame Menschen und Architekturen (etwa die größte Holzkirche in allen Amerikas und idyllische Kolonialbauten in der ganzen Innenstadt) hervorgebracht und kann mit Kuriositäten wie dem deutschen Schiffswrack im Fluss punkten. Aber auch begabte Künstler, darunter Paul Woei - von dem ich eventuell in einem anderen Beitrag erzählen werde. Ebenso hat Surinam eine reiche, tragische Vergangenheit, die mit leicht erreichbaren Orten wie den zahlreichen alten Kaffee- und Zuckerrohrplantagen oder Fort Zeelandia mit dem Stichting Museum aufbereitet und zugänglich gemacht werden könnten. Die Möglichkeiten sind wahrlich unbegrenzt.
Und doch. Kaum jemand bleibt länger als 3 Tage in Paramaribo. Die meisten fliehen in Dschungel-Resorts oder sind auf Forschungsexpedition. Diese Expeditionen verlaufen teilweise kommerziell, d.h. man kann sich als Tourist einer anschließen, muss allerdings alles selbst mitschleppen, von den Vorräten bis zur Hängematte. Der Regenwald ist teilweise unerforscht und aufgrund der Anti-Indigenen-Politik für Reisende angeblich gefährlich geworden (so ein local Lehrer, der uns auf der Dolphin Watch Tour begleitet). Ich hätte ebenfalls die Möglichkeit gehabt auf eine solche Expedition zu gehen, doch kurioserweise sind sie ziemlich teuer und finden in großen Abständen statt. Es klingt auch nicht nach Spaß pur, wenn man 2 Wochen lang mit Gummistiefeln und feuchten, wundgescheuerten Füßen durch den mückenverseuchten Morast stapft, mit 50-60 Liter auf dem Rücken und am Ende des Tages ist noch nicht einmal eine Körperwäsche garantiert. Mein Dschungelhike am 27. September besteht aus sechs maßvollen Tage Richtung Sipaliwini inklusive mehreren Besuchen bei indigenen Flussdörfern und Wasserfall. Schön ruhig und konfliktfrei.
Ich blicke aus dem Fenster im AirBnB. Ein Unwetter scheint aufzuziehen. Alle beten, dass der Regen kommt und dieser Dürre ein Ende setzt. Oben auf dem Dach nebenan hockt ein Leguan und inspiziert den Himmel. Ja, wirklich alle.
Beliebte Touriattraktionen: Die hölzerne St. Petrus und Paul Cathedral im Zentrum, Fort Zeelandia, Delphine beobachten oder Ziplinen für viel Geld. Außerhalb der Stadt ist hauptsächlich Waldabenteuer angesagt.
Durga Puja feiern
Worum's geht: Teilnahme an einem Hindufest in Paramaribo, Surinam.
Mein AirBnB Host kam zu mir und fragte mich: Hast du heute Abend schon etwas vor? Natürlich nicht, so ganz ohne fahrbaren Untersatz und wegen der Hitze und Montagsruhe ans Haus gebunden.
Ich sage also Nein und darf, wenn ich Lust habe, den Ehemann Mr Mahala, die Tochter, die gerade erst Miss Teen Surinam geworden ist und auf hohen, cremefarbenen Pumps durch den Tempel stakelt, sowie ihre vier kleinen und sehr hibbeligen Cousinen und Cousins zur "Durga Puja" (ausgesprochen wie Durga Pudscha) begleiten. Die Familie - bis auf Mr Mahala - ist hinduistisch und feiert derzeit die neun Tage der großen Mutter/Mütter: Durga, Lakschmi und Saraswati. Neun Tage - je ein Arm der Mutter Durga, es wird gebetet und gemeinsam in einem hinduistischen Tempel (=Kirche) zelebriert. Der Tempel ist in diesem Fall eine einfache Halle mit Sitzbänken, die man aus der Kirche kennt.
Während der neun Tage wird rein vegetarisch gegessen und nach der allabendlichen Messe, deren Ablauf im Übrigen fast eins zu eins an eine gewöhnliche christliche Messe erinnert (inklusive Eucharistie, Gebetsliedern und gemurmelten "und mit deinem Geiste" aus dem Publikum), erst eine verteilte Süßigkeit verspeist und danach gemeinschaftlich Essen gefastet.
Der Ablauf protokollarisch erklärt: Der Priester sitzt in einem flitterbunten Priestersessel, rechts von ihm eine kleine Band mit Konzertina und Trommeln. An der Decke blinkt eine bunte Lichterkette und durch das Knattern der Ventilatoren ist der Prediger mit seinem winzigen Zopf kaum zu verstehen, was er auch einmal, glaube ich, auf Niederländisch entschuldigend anmerkt. Es sei eben so heiß. Nun ja, trotzdem müssen die Frauen in den Sitzreihen einen Kopfschleier tragen. Ich zerfließe unter meinem schreiend pinken Schal und hoffe, man sieht später keine Schweißmuster am Gesäß und Rücken. Gleichzeitig würde ich liebendgern Fotos machen oder wenigstens Audioaufnahmen von den Priestergesängen, aber dafür sitzen wir zu weit vorn und das würden alle mitbekommen. Keine Ahnung, ob das respektlos ist, daher lasse ich es und höre still zu. Ich kann mich einfach nur der feuchten Tropenluft ergeben und dem Hinduprediger lauschen, dessen mikrofonverstärkte Stimme immer noch gegen die Ventilatoren und den Zirpchor der Nachtinsekten kämpft. Der Augenblick ist gerade deswegen magisch und ich danke Frau Mahala für das Angebot mich mit ihrer Familie loszuschicken. Noch ein Abend der schwerseufzenden Melancholie im Restaurant wäre nicht zu ertragen gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal gebloggt werden...
Zurück zur Hindumesse.
Im Hintergrund des Priesterthrons ist die Wand mit Figuren und Postern von Gottheiten - Vishnu und Gemahlin, Ganesh, Krishna und Hanuman geschmückt. Der Priester redet in "deep Hindi" wie Herr Mahala es ausdrückt, ein Kalkhutta-Dialekt, den hier kaum jemand versteht, vor allem er nicht, da er aus christlichem Haus stammt. Doch zwischendurch höre ich niederländische Laute heraus, und ich nehme an, der Priester erzählt die Geschichte des Festes in Hindi und den Rest der Zeit, wenn er etwa einen lockeren Spruch raushängen lässt und die Gemeinde murmelnd lacht, spricht er Niederländisch, manchmal auch Sunami (den Hindi-Dialekt aus Surinam). Ein Junge zündet währenddessen lächelnd Kerzen an und verteilt später süße Milch, die wir aus der Hand trinken.
Ein Mann geht mit Spendenbeutel und Tablett, darauf eine Kerze und Blumenköpfe, herum und die TempelgeherInnen werfen einen 20 SRD-Schein hinein und holen sich ihren Segen ab: Eine Blume nehmen, sie dreimal um die Flamme kreisen lassen und dann mit beiden Händen die Wärme (oder den Segen) der Flamme über die Stirn geben. Mehrere Frauen und Männer wandern langsam die Ikonografien ab und schwenken ihre Kerzen und währenddessen spielt Musik und jemand bläst in eine Muschel.
Anschließend gehen alle in den Vorhof, waschen sich die Hände und versammeln sich zur gemeinsamen Speise. Ich ergreife die Gelegenheit und schieße rasch ein Foto vom Altarbereich. Es wird nun Reis mit Kartoffel-Curry, Dal und einem Melanzani-Chutney plus einen Becher Coca Cola serviert. Spätestens jetzt halten alle paar Minuten Männer der Gemeinde vor meinem Tisch an, fragen, ob es mir schmecke, ob es mir gut gehe, wo ich herkomme und sind beinahe freudig erstaunt, dass ich kein Dutch bin. Harold, ein Mann mit drahtigen, schwarzen Armen, freut sich, dass ich einen Vergleich mit der katholischen Messe äußere, denn er sei konvertiert und ursprünglich selbst Katholik gewesen.
Diesen Ritus des Betens und Essens wiederholen die Hindus nun sieben Abende lang und laut Shikita, der Tochter, fällt es vielen schwer, kein Fleisch zu essen. Der Abend hat knapp 2 Stunden angedauert, mir kam es wie eine vor.
Anschließend sitze ich zu Hause noch etwas mit der Familie zusammen und wir sprechen über alle möglichen Themen, den frühen Verlust des Bruders von Herrn Mahala, über die gesunkene Goslar im Fluss, über Schule und Corona-Pandemie und das alles beherrschende Thema: die rasante Inflation des SRD (Surinamese Dollar; vor 2 Jahren noch $1 zu SRD7, heute $1 zu SRD38). Shikita, selbst noch Teenager, erzählt mit einer erschreckend erwachsenden Melancholie, sie könne sich noch erinnern, wie man sich früher mit 1 SRD eine Süßigkeit leisten konnte. Heute sei das nicht mehr denkbar.
Ich bedanke mich artig für den schönen Abend und verabschiedete mich ins Nebenhaus.
Bleibe in Paramaribo von 14.-27. Oktober (Hauptstadt von Surinam)
Was so den ganzen Tag hier läuft...
Give a woman something to do and she will never miss home.
Title: Bored in Surinam 2023
Paramaribo. Picture under creative commons license CC BY-SA 2.0 DEED
Campingpläne für das Wochenende. Und ja, es werden 29 Grad, aber in Fahrenheit. Ich nehme alle Socken mit, die ich habe.
Kleine Bilderstrecke zu meinem Ausflug nach L.A..
Mit Besuch beim Broad-Museum, der Aussichtsplattform des Blue Ribbon (Disney Center), dem Last Book Store (man beachte die Sitzgelegenheit in der Horrorabteilung oder etwa den Tunnel aus Büchern, der allerdings von außen cooler aussieht), dem Bradbury Gebäude (ein Drehort aus dem Film Bladerunner), dem Grand Central Market und und und. Dann kamen die Nachtgestalten raus und ich habe mich verzogen.
Es gab bereits in den letzten Tagen Kontakt zu L.A.s einheimischen (Zoo)Bewohnern. Die Stadt bringt jedenfalls eine schillernde Farbpalette von eitlen, kaputten und kreativen Persönlichkeiten hervor. Für sie gebrochenen tut es mir leid, beispielsweise für Stacey, die ich in einem hippen Chai-Shop kennen gelernt habe. Und einige, wie mir scheint, sind einfach aus Luft und billigem Plastik, auf 'Zoo' sehr zutrifft. Ein wenig wie Jeff Koons' Luftballons, die man im Broad bestaunen kann. Ich verstehe nicht, wie man unter diesen Menschen achtsam und ausbalanciert bleiben kann. Meine Freundin Coni jedenfalls tut es seit gut 4 Jahren. Hut ab.
Kurzes Audio zu dem Bildausschnitt von JM Basquiat
Und Kara Walker.