Menschen, die mir Geschichten von ihren Reisen erzählen, öden mich an. Es ist keine Kunst, etwas zu erleben, wenn man auf Reisen ist. Selbst die langweiligste Person, stellt man sie in den Südamerikanischen Dschungel oder eine Indische Großstadt, wird durch ihr schieres fehl-am-Platz-sein eine für sie einzigartige Erfahrung machen, die dann auch in exotischen Farben geschildert werden kann. So eine Erfahrung zeichnet eine Person nicht aus, im Gegenteil – sie lässt umso klarer erkennen, wie sehr sie ein vollständiges Produkt der Erwartungshaltungen ihres kulturellen und sozialen Umfeldes ist.
Immanuel Kant, der immer herhalten muss, ich weiß, es tut mir Leid,
aber dieser Immanuel Kant hat nahezu sein gesamtes Leben in einer
einzigen Stadt verbracht. Jede Person, die den Tag in der stillen
Kammer verbringt, und am Abend dennoch eine spannende Geschichte, einen lehrreichen Gedanken, oder einen geistreichen Witz zu erzählen hat, interessiert mich um ein Vielfaches mehr als ein Mensch, dessen Erfahrungen sich durch die notwendige, beinahe mechanische Reibung zwischen generischem Charakter und ungewohntem Kontext fast schon ergeben mussten. Wer aus sich selbst schöpfen kann, kann etwas in die Welt bringen, wer in die Welt ziehen muss, um etwas zu sein, ist nichts und bringt der Welt nichts.
Nicht, dass Reisen etwas Ungutes wäre. Möglich sogar, dass es neue
Erkenntnisse bringt. Wenn wir die Austauschbarkeit von Urlaubsfotos
als Hinweis nehmen wollen, ist das aber nicht unbedingt wahrscheinlich. Schädlich wird es jedoch, wenn angenommen wird, dass die zuverlässig generierbaren Reiseerlebnisse einen anderen
Stellenwert hätten als eine Fernsehshow oder ein beliebiges Youtube-Video, dass das Reisen an sich einen Wert hätte, der auf die reisende Person überspringt und sie in den Adel der interessanten
Menschen hebt.
Wenn ein Mensch Reiseerlebnisse hat, dann spricht das vorwiegend
davon, dass dieser Mensch privilegiert ist. Daran ist nichts auszusetzen, aber es ist eben auch alles andere als interessant. Wer
reisen kann, hat Glück. Wer nicht reisen muss, könnte mich interessieren.