Ich bin dann mal auf Facebook. Auf tumblr werde ich vermutlich nicht mehr schreiben, wissen sie. Kommse doch mit. Oh, und der Roman dürfte 2017 erscheinen, während ich bereits am zweiten sitze. Oder so. : )
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“Ist doch egal”
Während eines Kaffeegesprächs kommt etwas heraus. Er ist anscheinend sehr gut in dem, was er tut. Er ist beliebt, die Kunden, die Leute lieben ihn. Er ist Marketing Irgendetwas, früh Junior, dann Leiter geworden. Ein Durchstarter. Er gibt aber auch gern an, wie einer, dem alles gleichgültig erscheint. „Was viele da draußen nicht wissen: Meine Arbeitszeugnisse sind falsch“, lacht er. Ich verschlucke mich. Hat er die Zeugnisse gefälscht, und dann gibt er es zu? „Nein, nein. Gefälscht nicht. Nein, sie sind erfunden, verstehst du? Mein Bruder schrieb sie für mich. Er hat mehrere Unternehmen, mein Vater ebenfalls.“ Ich überlege. Nicht, dass ich Ahnung von Leuten wie ihn hätte. „Die Sache ist die. Wenn du Familie mit Unternehmen hast, arbeitest du halt im Unternehmen von kleinauf – und falls nicht, stellt dir dein Vater dennoch Zeugnisse aus, so als hättest du jahrelang mitgearbeitet. Das machen alle so. Nur, wer keine Eltern mit Unternehmen hat, macht Praktika und lechzt nach Zeugnissen.“ Ich müsste etwas sagen. Verstehe ich das richtig? Seine Familie hat Zeugnisse für ihn erfunden, während er sich eigentlich auf das Studium und die Girls konzentrierte? „Ja, ja, studiert habe ich. Das ist es ja. Ich habe ein sehr gutes Studium zusätzlich zu zwei herausragenden Arbeitszeugnissen hingelegt. Überleg mal, wie cool das aussah, als ich mich bewarb. So funktioniert die Welt. Wenn du keine Familie mit Unternehmen hast, tja, dann musst du ackern und dich auf deine Nachbarn verlassen.“ Immerhin ist er sehr gut in dem, was er tut, denke ich noch, andernfalls hätten sie ihm niemals so lange leitende Aufgaben, mit 28, übergeben, oder? Er grinst vergnügt, wie einer, dem alles zufliegt. Nachweisen wird ihm das eh keiner, weil der Aussteller der Vater ist. „Ist doch egal. Ich habe nur Starthilfe gebraucht. Ich bin schon sehr gut. Der Kaffee geht übrigens auf mich!“ Und weg ist er.
Studiobosse denken lassen
Eins der Dinge, die ich an alten Studiobossen fasziniert finde, ist ihr Talent große Welten, Marken, Franchises auferstehen zu lassen, die Millionen von Zuschauern, Lesern und Spielern über Jahre genießen. Ich meine nicht die unerreichbaren Welten von Star Wars, an die ohnehin kaum jemand herankommt, die so fern und omnipräsent sind, dass sie selbst Harry Potter oder, äm, die Bundeskanzlerin in den Schatten stellen? Ich meine die kleineren, die ein paar Millionen von uns begeistern. Ich weiß, dass nahezu alle meine Bekannten zu so etwas nicht imstande sind. Sie reden recht viel, aber wenn wir ehrlich sind – keine Chance. Sie schaffen es gerade so recht interessante bis persönliche Geschichten oder Welten auferstehen zu lassen. Für nicht wenige besteht in der ersten Veröffentlichung die Errungenschaft ihres Lebens. Dem gegenüber habe ich an alten Bossen großer Kreativschmieden entdeckt, dass sie ein Gespür für große Welten, Marken und Franchises haben. Sie wissen, wie man Millionen Herzen bewegt. Ich weiß, dass die meisten von uns so etwas nicht wissen. Sie entscheiden allerdings auch binnen Minuten, ob etwas zieht oder nicht zieht. Zur Zeit pitche ist wieder etwas – wir erinnern uns. Ich spreche u.a. zu einem der fünf größten Medienkonzerne der Welt, aus Asien. Ab und zu fällt mir auf, wen ich anpitche, und ich krieche unter den Schreibtisch, schlafe ein, schlafe aus, gehe duschen, und fahre in meinem Singsang fort.
Das Pulverfass
Er sitzt auf einem leeren Pulverfass, nippt am Tee, die Bedienung verdreht die Augen, als er sie mit den Worten „Also isch möchte, du meine Perle, einen weiteren Täh, Täh möschte ich“ anschnulzt. Ihre Augen rollen nach oben, in die Augenhöhlen, und rutschen von dort heimlich an der Seite, aus den Ohren auf den Boden, von wo aus sie ihren restlichen, leicht paralysierten Körper an den Händen aus dem Raum in die Küche führen. „Die nächsten Tage könnte es ein Feuerwerk geben“, sage ich. Ein Feuerwerk? Er wirkt frisch, jung, als wäre er verliebt, und stößt mit einem Glas Tee auf mich an. Der Tee dampft. „Auf das Feuerwerk! Ein Feuerwerk für uns alle. Ja, aber wo ist sie nur, meine Perle“, stutz er. Weil er ihr doch Liebesbriefe schreibt. Er schreibt ihr alle paar Tage einen Brief und sie antwortet sogar. Jawoll, manchmal Whatsapp’t sie zurück „Echt jetzt?“ oder „Spack ab“, was für ihn ein Zeichen dafür sei, dass sie ihn liebe, dass sie ihn möge, andernfalls würde sie ihm nicht antworten, oder? Oder was? „Nein, nein. Ich meine etwas anderes“, seufze ich, und der Tee zieht, und ich sage: „du, ich hab vorhin drei Einschreiben abgeschickt, eins an den Partner einer der größten Anwaltskanzleien der Welt.“ „Ist das die berühmte Nichte da?“ so er. „Wenn du es so sagst, klingt es weniger bedrohlich“, erwidere ich. Ich sei hart im Nehmen, hätte mir einiges antrainiert, aber a bissl mulmig ist mir schon dabei, wenn ich von “Betrugsverdacht” schreibe und um Stellungnahmen von vermögenden Anwälte bitte. „Weil, was ich gelernt habe in all der Zeit, ist doch, dass die meisten Richter flapsig und unsachlich sind, und dass am Ende nicht die Rationalität, sondern die rhetorische Erfahrung des Anwalts entscheidet, und die besten Anwälte sind nun mal die teuersten, und sie ist teuer, kennt also sehr teure Anwälte, die zwanzigtausend Euro die Stunde kosten. Überleg mal. Zwanzigtausend Euro, die Stunde.“ Er zwinkert seiner Perle zu, die mit eingezogenen Schultern aus der Küche auf ihn zugeht. Der Koch lehnt sich an den Türrahmen. Klong. Sie hatte eine Bratpfanne dabei. Die Bratpfanne trifft ihn an der rechten Backe. „Wenn du mir noch ein Mal schreibst, baller ich dir richtig eine, so richtig, dass dich deine Mama nicht wiedererkennt. Hörst du mich? So richtig eine“, sagt sie. Er schüttelt sich. Der Koch zwinkert mir spöttisch zu. Sie verschwindet in der Küche. Aber, wo ist unsere Pizza? Er nickt genüsslich, während er seine rote Backe streichelt. „Hab ich’s nicht gesagt? Sie liebt mich. Orr, diese Frau.“
Crisis in six scenes ist ein typischer Woody Allen. Es beginnt mit dem schlichten Schwarz-Weiß-Schriftzug, es kommen Jazz-Lines vor und eine junge Blondine (Miley Cyrus) und endet mit den üblichen Neurosen.
Ha ha, aus: ZEIT Online
Rechnen und sich blöde fühlen
Die Tochter einer Freundin fällt mit 5,5 Jahren bei einem Schultest dadurch auf, dass sie nicht rechnen kann. Sie wusste keine Antwort auf die Frage, wie viele Finger fehlen, wenn man von der Hand zwei wegnimmt. Sie versuchten es noch anders, wollten prüfen, ob Aufregung sein könnte, doch der Eindruck bestätigte sich, dass die Kleine mathematisch sehr schlecht sei – so wie ihre Mutter und ihr Vater und die anderen Geschwister, mit Ausnahme eines Bruders. Zu den Eltern komme ich noch, sie sind jung, wunderbar und erfolgreich. Die Mutter wollte nach dem Studium schnell vier Kinder haben, daher sind alle vier in nur 5,5 Jahren zur Welt gekommen. Nur die Sache mit Mathe hängt ihnen ein Leben lang nach. Ihr Mann fuchste sich über die Jahre in zumindest Rechnen hinein, sie nicht, und nun also die Kinder. Und, im Gegensatz dazu: ein ganz anderes Mädchen, 4 Jahre, die laufend 2+2, 3+4 und 4-1 rechnen kann, manchmal auch 2x3; sie kann bereits lesen und lernt gerade schreiben. Natürlich ist es den Eltern zu verdanken. Lesen und Rechnen muss trainiert werden. Aber sie zeigt ein natürliches, spielerisches Interesse an diesen Dingen und am Lernen. Oder, im Extrem, ein anderes, etwas quirliges, schwieriges Mädchen, das mit 1 Jahr bereits einfache Sätze sprechen konnte. Wie sie auf einer Party neben einem gleichaltrigen Mädchen steht und empört fragt, warum die andere denn „Wau wau“ sage, „Mama, warum sagt sie Wau wau, es ist ein Hund“, und die Mutter erwidert, den Blick der anderen Mütter auf sich gerichtet, dass sie das Wort „Hund“ wohl noch nicht kenne, bei manchen dauere es eben etwas.
Lasst euch nie reinreden, dass ihr zu blöde, zu langsam für etwas seid. Es gibt natürliche Veranlagungen, aber diese treffen nur auf sehr, sehr wenige zu, oftmals abhängig von glücklichen Umständen und Zufällen – und wenn ihr, zB in Mathe, Schwierigkeiten habt, versucht nicht “sehr gut” darin zu werden, sondern es abzuhaken und durchzukommen – und versucht wo anders herausragend zu werden. Nicht wegen der Anderen, sondern weil ihr Erfolge braucht, um euch groß und wichtig zu fühlen. Ohne Erfolge werdet ihr an euch zweifeln, die Fehler in eurem Körper und in Krankheiten suchen, die anfangs vielleicht nicht da sind, aber mit der Zeit sich einschleichen, umso mehr ihr davon redet. Und, falls ihr euch die Rechenkünstler der Schule erinnert: die meisten würden kein Mathematikstudium bestehen. Rechnen ist nicht akademische Mathematik. Während des Mathematikstudiums wird kaum gerechnet, dafür abstrahiert und bewiesen. Die schulische Mathematik ist eigentlich Rechnen und bereitet euch auf das Berufsleben vor und ist lediglich eine Vorstufe für die wenigen, die Mathematik studieren. Nein, auch die meisten Informatiker taugen nichts im Mathematikstudium, was diese dann merken und wissen; sie sitzen oft schnell in den hintersten Reihen, so wie Chemiker und Physiker. Also, wenn ihr wieder das Gefühl habt, dass man gewisse Rechnungen hätte mit einem Taschenrechner erledigen können, gibt ihr damit dem Gespött meines Ex-Profs recht, der in jeder Lesung über die Rechenkünslter und die Schule lästerte. Ich hatte etwas Mathematik studiert, bevor ich zur Philosophie wechselte. Mir fallen solche Dinge leicht, aber ich verstehe, besonders, wenn die Eltern an sich selbst zweifeln oder an Mathematik zweifeln, warum man einfach keinen Zugang zu Mathe findet. Das ist nicht so wichtig. Kommt durch – und versucht euren Wert zu finden, worin ihr gut seid, was ihr wichtig findet. Das zählt. Und lasst euch nicht auf Zweifler und Hater ein. Die zählen auch nicht. Die meisten Menschen sind untereinander Zweifler und Hater, welcher Ursachen auch immer, doch was zählt, ist, dass ihr euch wertvoll und wichtig findet. Übrigens, die Mutter von der 5,5 Jährigen stammt aus Kanada und wurde als Kind als „mathematisch problematisch“ eingestuft. Trotzdem hat sie einen Abschluss in Politologie – und ihr Mann, ebenfalls Matheproblemkind, ist offenbar ein weltgereister Geschäftsmann geworden. Mythen und so.
Doch die Chance, moderne Stücke und starke Frauenfiguren zu spielen, bekam ich viel zu spät. Anfangs sollte ich liebliche Mädchen spielen, die sich über Männer identifizieren. Das ist einfach nicht meine Stärke.
http://www.zeit.de/campus/2016-09/schauspielerin-gehalt-stadttheater-arbeitsbedingungen
Die kleenen Sieger
Er hasse Berge. Berge und Wandern. „Mein Vater. Er macht mich fertig. Jedes Jahr geht die Familie wandern, samt Kindern, Enkeln, Säuglingen, Müttern“, verdreht er die Augen. Wo andere sich zusammen unterm Weihnachtsbaum am ersten Weihnachtstag erholen, beharrt der Großvater darauf, dass alle gemeinsam „für n paar Stunden“ wandern. Natürlich mache sein Vater da mit. Die Ehre der Familie. Tradition. Kirschenpflücken. Er zeigt auf das Photo an der Wand. Es zeigt den Harz, sagt er, er kenne den Harz wie seine Westentasche. „Es soll Leute geben, die Eltern haben, die nichts verstehen, die vor sich dösen, die rumlabern oder was weiß ich, such’s dir aus. Dann lästern sie über ihre Eltern, dass sie keinen Ehrgeiz, Wohlstand oder Verstand haben, oder keine Ahnung, aber meine Familie“, schnauft er. Er flucht drei Stunden lang. Nach vier Stunden schlage ich schließlich vor: „Habt ihr schon mal geskatet? Skateboards? Ja, diese Bretter mit Rädern. Rauf und runter gibt’s auch auf dem Parkourplatz.“ „Oder Rollschuhe? Ich werde meinem Vater Rollschuhe mitbringen“, lacht er. Nach dem letzten Bier fügt er an: „Das ist eine Siegerfamilie. Wir wollen siegen. Berge und Hügel besteigen wie im Bootcamp. Meine Schwester, vier Kinder, schleppt vier Kinder über den Berg, weil Großvater wegen der paar Kinderlein nicht Halt macht, damit sie – die ja keine Deutsche, sondern Amerikanerin ist – lernt, wie das läuft. Und die Kinder müssen von kleinauf, die Kleeenen, lernen, wo der Biber springt!“ Sind die nicht alle vier unter sieben Jahre? “Skateboards also”, lacht er auf.
I was cursed with poetry very young, it creates extremely unrealistic expectations.
SEINE 9 MM
UND DANN SCHNAPPTE ER SICH DIE 9 MM DIE PISTOLE ER MÜSSE LOS NICKT ER UND DIE MUTTER BESCHÄFTIGT MIT ANDEREM WIE IMMER MERKT SEIN NICKEN NICHT ABER ER DENKT ACH SIE WIRD SICH DIESES AUGENBLICKS NOCH LANGE ERINNERN UND GEHT AUS DER TÜR AUF DIE STRASSE WO DIE FEUERSPINNEN IN DEN BAUMKRONEN WOLKEN WEBEN. ABER WO WILLST DU HIN HM MÖCHTE ICH WISSEN FRAGE ICH DOCH ER ANTWORTET NICHT. DENN ER MÖCHTE ALLES RICHTIG MACHEN RICHTIGSTELLEN AUF DASS SIE SICH SEINER ERINNERN LACHT ER AUF. HA HA ERSCHRECKEN DIE FEUERSPINNEN ALS ER 9 MM SCHIESST BAMM BAMM GLUCKST ER BAMM BAMM. ER WAR NIE EIN LAUTER REDNER EIGENTLICH MEHR EIN FLÜSTERER DAS FLÜSTERN HAT ER GERN WEIL MIT DER ZEIT DEN JAHREN ENTDECKTE ER EINE GEHEIMSPRACHE SEINE SPRACHE DER LANGSAMKEIT UND DES LEISESEINS ODER DER STILLE WIR SAGEN NATÜRLICH STILLE UND ER STECKT DIE 9 MM EIN WAS HATTE ER NOCH MAL VOR. ICH MÖCHTE ICH WEISS NICHT EIN MEHR EIN UNERSCHÖPFLICHES UNAUSRADIERBARES UNENDLICHES MEHR FÜR MICH UND FÜR ALLE EIGENTLICH FÜR ALLE DESWEGEN MACHE ICH ES ICH WERDE BLUT VERGIESSEN FÜR UNS ALLE ICH MACHE ES FÜR SIE EUCH FÜR IMMER EWIGE ZEIT EWIGLICH STRAHLT ER UND DOCH SCHALTET DIE AMPEL NICHT GRÜN SIE BLEIBT ROT UND DER BUSFAHRER HUPT VERDAMMTE PISSER KÖNNT IHR NICHT DIE STRASSE WECHSELN ABER NIEMAND BEWEGT SICH WEIL DER BUS AUF DER KREUZUNG MIT RADBRUCH STEHT UND DIE PASSAGIERE AUS DEN FENSTERN WIE MURMELN FALLEN DIE BAHN IST AN ALLEM SCHULD WOFÜR ZAHLEN WIR STEUERN UND SIE ROLLEN ZUM ALEX ZUM BRANDENBURGER TOR WO DIE HOHEN EICHEN STEHEN. DIE FEUERSPINNEN ER ERINNERT SICH WIEDER DIE 9 MM AN DER BRUST ER IST SICH WIEDER SICHER WENN ICH DOCH NUR NÄHER KÄME ABER DER BUS LÄSST IHN NICHT LOS RÜHRT SICH NICHT UND AUCH DIE AMPEL SCHALTET NICHT DIESE PISSER. ER STUTZT ER DENKT ER WIRD ABER NOCH BEVOR ER ZU ENDE DENKEN KANN QUASI IM TRAUM VON DREI SCHWERGEPANZERTEN MÄNNERN ZU BODEN GEWORFEN UND SIE WERDEN SICH SEINER NICHT ERINNERN DENKT ER SCHÖNE SCHEISSE.
Der Mann und die Telefonzelle
„Wo ist die nächste Telefonzelle?“ fragt ein gut gekleideter Mann Mitte vierzig mit dicken Hosentaschen. „Telefonzellen, wie… im Film?“ staune ich. Ich verstehe nicht, wovon er spricht, ich habe von Telefonzellen gehört, kann mich allerdings nicht erinnern, in den letzten Jahren einer begegnet zu sein, zumal hier in der Stadt, auch wenn man Telefonzellen wahrscheinlich nicht “begegnet”, sondern welche findet, über welche stolpert, denke ich noch. Er suche und suche, er suche immerzu welche, finde aber keine mehr, trotzdem er so viele Groschen gespart hat. Ich zücke Google Maps auf meinem Smartphone und gebe ein, „Telefonzelle“, vergebens. Er lacht leise. Ja also Smartphone wieder. Also damit kämen wir nicht weiter. Er brauche eine Telefonzelle, ob ich das nicht verstehe, die Sache mit den Münzen? Er zeigt mit dem Zeigefinger auf eine Münze in seiner Hand. „Groschen geht rein in Kiste. Kiste macht Telefonat. Hörer an Kopf. Telefonat. Verstehen sie? Das Telefonat braucht einen Groschen. Alle wahren Telefonate beginnen mit einem Groschen!“ Seit Jahren spare er in seinen Taschen Groschen, Dutzende, Hunderte, daheim Millionen, aber er könne niemand mehr anrufen, seitdem die Telekom alle Telefonzellen abgebaut hat. Seitdem irrt er in der Stadt umher auf der Suche nach einer Telefonzelle. Seit Jahren fände er keine mehr, er wisse mittlerweile nicht einmal mehr, wo er wohne, er verliere sich in der Stadt und wenn er mit anderen über sein „Problem“ spricht, lachten sie ihn aus, ja, sie verstehen nicht, dass er mal telefonieren müsse, ja, eigentlich alles dabei hätte wie Groschen und die Nummer. Nicht einmal die Polizei wolle ihm helfen. Die sperren ihn ein und machen Versuche. Sezieren. Ich hebe die Hand. „Ich, Moment, ich muss eigentlich weiter, aber wenn sie möchten, können sie mein Smartphone benutzen, um zu telefonieren?“ sage ich. Er lacht los. Er lacht so laut, dass die Kacheln von den Dächern rutschen. „Ja, so schlau. Ein richtiger Blitzdenker. Wie soll ich denn den Groschen in das Phone stecken?“
Köln ist doch schön, ge?
“Köln ist eine schöne Stadt”, sage ich. Der Taxifahrer, Mitte fünfzig, grau, drahtig, verdreht die Augen, zögert, biegt nach rechts und erwidert schließlich, dass er nicht verstehe, was schön an Köln sein solle. „Wenn ich auf Köln schaue, sehe ich nur Dreck, Gestank und Lärm“, sagt er. „Sie meinen, sie würden lieber auf dem Land leben?“ Er seufzt, als hätte er gar keine Lust sich zu unterhalten, weil ich ihm egal bin, schließlich will er doch nur seinen Job in dieser versifften Stadt machen. „Ich finde, Köln ist recht nett für eine kleine Stadt.“ Kleine Stadt? Da horcht er auf. Also das könne man nicht sagen. „Nun, verglichen mit Berlin oder London, meine ich. Ich meine“, versuche ich schnell etwas Kluges zu sagen, weil es doch so blöde ist, dass wir eine ganze Stadt durch den Kakao ziehen, „Berlin ist verteilter, fragmentierter, ohne Zentrum. Schmutzig und laut ist es dort auch. Köln hat ein altes Zentrum. Wie viele deutsche Städte, wurde sie nicht von Deutschen gegründet, die Deutschen kamen dazu, das ist doch interessant.“ Keine Reaktion. Ich verliere den Faden. Was wollte ich noch einmal sagen? Eigentlich möchte ich nur, ach, sagen, dass ich die paar Tage in Köln schön fand. Sonne. Wind. Am Weiher die nackten Frauen. Das Crepe-Cafe, in dem ich Crepe mit Hack und Chilisoße aß, dazu ein Kölsch. Der Domplatz. So was. Ich mag auch das Zentrale, das sich alles um den Kölner Dom windet. Der Fahrer schüttelt den Kopf. „Ne“, sagt die alte Tante in ihm, aber immerhin wünscht er mir durch das Drahtgesicht einen schönen Tag, woraufhin ich erwidere, Ihnen och, ge?
The two most important days in your life are the day you are born and the day you find out why.
Mark Twain
NUR MUT
Eine lange Leitung zu sich haben
In diesem Zimmer ist es wärmer als im Rest des Apartments. Die Handwerker haben drei riesige Wärmer aufgestellt, welche eine Wand im Nebenzimmer trocknen. Ein Rohrbruch. Die Wand will trocken gelegt werden. Als ich heute Morgen, nach meinem morgendlichen Spaziergang, zurückkehrte, spürte ich, wie wonnig warm es im hinteren Teil des Apartments geworden ist. Nicht, dass es wichtig wäre. Kürzlich sprach ich mit einem Bekannten darüber, dass er seine Gefühle nicht wahrnimmt. Ein Eisberg, so er. Er sagt es seit Jahren, daher nahm ich ihn lange nicht sonderlich ernst, aber neuerdings besteht er darauf, dass es wichtig sei. Als ich heute Morgen im Coffeeshop wartete, dass der drahtige Eigentümer aufhört in Gedanken mit seiner Mitarbeiterin zu knutschen, standen vor mir zwei Elektriker, die sich über nichts unterhielten, aber immer einen Spruch auf Lager hatten. Einen Spruch nach dem anderen. Ich weiß, dass wir bei der Arbeit mitunter in eine Rolle schlüpfen, aber vielleicht, vielleicht gehören diese beiden da zu denen, die ebenfalls nie über sich sprechen können, dachte ich. Das kommt ja vor, bei vielen sogar, angeblich bei den meisten, wie mir einst jemand erzählte, der einen Titel in Psychologie hat. Bei meinem Bekannten und vielleicht auch bei den Elektrikern geht es um die, die von Haus aus so erzogen werden, dass sie später sich selbst nie zu fassen bekommen. In der Regel wissen die Betroffenen erst nach vier Wochen, dass sie traurig waren. Es ist, als hätten sie eine sehr lange Leitung zu sich selbst. Ein Psychologe sagte mir einst, dass es gar nicht so viele Asperger geben kann, wie viele Menschen es gibt, die eine lange Leitung zu sich haben. Warum reden alle von langen Leitungen, dachte ich damals, der es gewohnt ist sich selbst schriftlich zu dekonstruieren und dann hoffentlich wiederzusammenzufügen (zweifellos etwas, das mir mit 14 weniger gelang als heute, fällt mir auf). Aber vielleicht ist ja was dran. Nicht alle sind wie ich. Die Hab-dich-nicht-so-Mentalität der Familie. Wer kennt sie nicht. Doch was, wenn einige unter uns – ob nun genetisch oder biographisch bedingt – offenbar unfähig sind, auf sich selbst zu hören. Oder keine Ahnung, was Menschen dazu bewegt, erst nach Wochen festzustellen, dass sie vor Wochen traurig oder überfordert waren. Verzögerungen von einem Tag kommen mir bekannt vor, aber mehrere Wochen oder Monate? Ist mir noch nie widerfahren, glaube ich. Und da gab ich meinem Bekannten recht. Ja, kann sein du, sagte ich zum ersten Mal, dass du eine lange Leitung zu dir hast. Und, welches Licht wirft es auf die Wärme dieser Menschen? dachte ich. Um wieder bei meinem Apartment zu sein. Weil das sind ja mitunter sehr nette Leute, die auch nett zu ihren Kindern sind. Also kalt müssen sie nicht sein. Nur zu sich selbst vielleicht.
In Kalifornien wäre er Surfer
“Ich hab die Stelle ganz knapp nicht bekommen. Eigentlich wollte ich sie gar nicht. Ich hatte mich aus Spaß beworben, während ich an meiner Masterarbeit schreibe“, erzählt er. Wir sind verwandt. Ich fragte, was er so mache, wohin er steuere. Er ist das Küken seiner Familie, der Jüngste, der, so heißt es, stets mehr Freiheiten als seine Geschwister genoss. „Ich bewarb mich bei Microsoft.“ „Bei Microsoft?“ hake ich nach. „Ja, die brauchen auch Soziologen. Ich hätte Director werden können. Junior. Leute führen und so“, so er. Ein Bewerbungsverfahren über zwei Tage. Ich mochte an ihm immer seine Leichtigkeit, die Frechheit, mit welcher er durch die Welt stolziert und diese Überheblichkeit, dass er so tut, als würde ihm alles mit links gelingen, auch wenn er – Mitte zwanzig – bis auf eine Masterarbeit nichts vorzuweisen hat. Er hat auch einen Drall zu hübschen, ebenso leichtlebigen Freundinnen, schon immer. Wäre er in Kalifornien aufgewachsen, wäre er Surfer geworden. Das Strahlen. Das Augenzwinkern. Ein cooler Junge, der einen riesigen Freundeskreis hat, auf den sich seine „Leute“ verlassen können, so was. „Aber dann sollte es nicht werden. Es war eine knappe Absage. So knapp“, zeigt er mit der Hand, „und alles, weil ich keine technische Erfahrung vorweisen konnte. Ich bin halt kein Techie. Hinterher fiel mir ein Computerkurs ein, den ich mit achtzehn machte, der mich als Microsoft Etwas zertifizierte“, seufzt er. So knapp. Doch bevor ich nachhaken kann, fügte er an. „Na, so richtig toll war das eh nicht. Ich hab sie nach der Work Life Balance gefragt. Die erwarten von Führungspersonen schon, dass man mehr als 50 Stunden die Woche schuftet. Mindestens“, sieht er mich mitleidig an. Und dann hätten sie über Urlaub gesprochen. Er stelle sich sein Leben schon anders vor als die Anderen. „Hattest du das vor oder nach deren Absage gefragt?“ „Zum Ende hin, vor der Absage.“ Plötzlich schießt ein Surfing Bird aus dem grünen Busch hinter ihm über unsere Köpfe hinweg in die Spree, die Wellen und die Girls hinter sich.