Die verpasste Möglichkeit der Spannung
Was kann Theater, was eine Kurzgeschichte nicht kann? Oder besser gesagt: Wie macht man aus einer Kurzgeschichte ein eigenständiges Theaterstück, das auch die Zuschauer überrascht, die die Geschichte bereits kennen? Diese Frage muss sich auch Marie Schleef mit ihrer Inszenierung von Die Möglichkeit des Bösen gestellt haben, denn hier transponiert sie die gleichnamige Kurzgeschichte der, in ihrem Heimatland USA als „Queen of gothic fiction“ bekannten Shirley Jackson (1916-1965) auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Doch die Frage, die sich dem Zuschauer nach der Vorstellung aufdrängt, ist mindestens genauso schwer zu beantworten: Ist Marie Schleef ihr Vorhaben gelungen?
Eine der Möglichkeiten, ein Stück zu schaffen, das auch den Lesern der Kunstgeschichte neue Perspektiven bildet, ist die visuelle Darstellung. Und die ist hier wirklich gut gelungen: Ji Hyung Nams Bühnenbild, das sich trotz begrenzter Zeit und Mittel leicht in einen dornigen Rosengarten, ein Neonfarbenes Puppenhaus mit dunklen Abgründen, sowie den Hintergrund projizierter Filmszenen verwandelt, gibt der Geschichte einen passenden Rahmen, den sich trotzdem wohl kein Leser so hätte ausmalen können. Das strahlende Pink und Grün, die einfachen Formen, sowie die riesige Rose, die über alles hinausragt und in deren Mitte ein, mal wachsam geöffnetes, mal verschlossenes Auge prangt, versetzen die Zuschauer in das beunruhigend perfekte Kleinstädtchen der Kurzgeschichte. Auch die Kostüme von Teresa Vergho, die bekannte Retro-Silhouetten mit überraschend verträumten Stoffen und Texturen mischen, erschaffen ihre eigene, faszinierende Welt zwischen künstlicher Schönheit und Zerbrechlichkeit. Durch diese starken visuellen Eindrücke wird klar: Es ist etwas faul im Vorzeigestädtchen. Aber leider auch in der Inszenierung.
Weil gerade die visuelle Ebene schon so gut die versteckte Möglichkeit des Bösen illustriert, fällt das eindrücklichste Stilmittel von Marie Schleef’s Vision ziemlich flach: Die „radikale Entschleunigung“, wie sie die Abendzeitung nennt, und die sich darin präsentiert, das alles, was auf der Bühne geschieht in gestelzter Zeitlupe passiert, überrascht und fasziniert zu Beginn, wirkt aber schnell sehr langwierig. Zwar illustrieren die, durch die langsame Bewegung hervorgehobenen und besonders von Hauptdarstellerin Johanna Eiworth bis aufs kleinste Detail perfekt dargestellten künstlichen Gesten sehr gut die schon oben gesetzte Aufgesetztheit der Charaktere sowie die Eintönigkeit des Kleinstadtlebens, doch wird dadurch eine Spannung aufgebaut, die nie ihre Katharsis findet, und somit dem Stück jegliche Dynamik absaugt. Gerade die interessantesten Teile der Kurzgeschichte gehen im langsam vor sich hinplätschernden Zeitstrom unter: die Innerlichkeit der Charaktere und besonders die faszinierenden Kluften in der Psyche der Adela Strangeworth, dem Prototyp des Trolls, einer alten Jungfer die durch anonyme Lästerbriefe Angst und Schrecken in ihrer geliebten Kleinstadt verbreitet, um sie vor sich selbst zu schützen, kommen dank fehlendem Dialog und der hochkünstlichen Spielweise nicht zur Geltung. Es ist schon traurig, wenn das Interessanteste an einer Adaption eines Textes nicht etwa die dramaturgischen Veränderungen oder das spezifisch Theatrale sind, sondern die Teile des Originaltextes, die in den Übertiteln präsentiert werden.
Vielleicht versucht Marie Schleef hier etwas von der Subtilität der originalen Kurzgeschichte einzufangen. Diese liegt gerade darin, dass die Spannung unmerklich weiter und weiter steigt, und man sich der verstörenden Wahrheit nur schrittchenweise bewusst wird, ohne am Schluss den Knall des großen Zusammenbruchs serviert zu kriegen. Und teilweise scheinen auch in der Vorstellung faszinierende Elemente durch, die den Zuschauer in den Bann ziehen: das seltsame Kichern und die verkrampfte Körperhaltung der Miss Strangeworth, als sie ihre Briefe schreibt. Das Öffnen und Schließen des Auges in der Rose. Die Geräuschlandschaft, die am Höhepunkt des Stücks anschwillt, nur um dann wieder zu brechen. Doch werden diese Elemente von der Wahl, das Stück vor sich hin kriechen zu lassen und diesen Rhythmus nicht einmal, nachdem die Wahrheit enthüllt wurde zu brechen wie verschluckt und verlieren schnell ihre Wirkkraft.
So erscheint die Entscheidung für die Entschleunigung im besten Fall wie ein ästhetischer Fehlgriff mit interessantem Ansatz, im schlechtesten, wie ein Versuch, eine recht kurze Geschichte auf einen ganzen Theaterabend zu strecken. Leider kann diese Vorstellung trotz der längeren Dauer der Kurzgeschichte wenig Interessantes hinzufügen, und wenn man sich eine Stunde sparen möchte, kann man sich als Zuschauer auch gut zuhause auf dem Sofa entspannen und Shirley Jackson’s Prosa genießen.














