Kapitel 1 (2/4)
Sacoma lief einen schmalen Pfad folgend durch den Wald. Er war ihr Zuhause, bot ihr Schutz und Heimat. Sie kannte nur ein Leben umgeben von hohen Stämmen und dämmrigen, grünen Licht. In ihrem fünften Sommer bei Zaf war sie einmal bis an den nördlichen Rand des Waldes gelaufen. Allein dieser Weg hatte sie über zwei Wochen gekostet und weiter hatte sie sich noch nicht einmal getraut. Zaf hatte sie nur einen Moment angesehen und gefragt, ob sie gefunden hätte, wonach sie gesucht habe und das hatte sie. Sie war glücklich mit ihrem Leben, so wie es war. Sie kannte jeden Baum, jeden Strauch innerhalb des Schutzwalls der Bäume. An dieser großen Eiche dort, hatte sie Klettern gelernt und sich bei ihren ersten Versuchen den Arm gebrochen. Dahinten hatte sie zum ersten Mal ohne Hilfe ein Feuer entfacht. Genau hier hatte sie ihre erste Falle ausgelegt. Für sie war das nicht einfach nur ein Wald, nicht nur Bäume und Sträucher. Für Sacoma war jedes Blatt, jeder Grashalm eine Erinnerung. Blind hätte sie den Weg zum kleinen See gefunden, der eine Stunde östlich von Zafs Hütte lag. In seinen kühlen Wassern hatte er ihr das Schwimmen beigebracht. Wollte sie zur Höhle, aus der er sie gerettet hatte, müsste sie noch einmal zwei Stunden nördlich laufen. Sie wusste, dass der alte Wald an drei Seiten von Grasland umgeben war und nur an den gesamten Südrand drückte sich ein junger, lichter Wald, wie ein verängstigtes Kind an seinen Vater. Bald erreichte sie die erste ihrer Fallen und fand darin einen kleinen Hasen vor. Freudig befreite sie ihn von der Schlinge und nahm in gleich vor Ort und Stelle aus. Sie hatte schon ein Weilchen kein Fleisch mehr gegessen und freute sich daher umso mehr auf den Geschmack des flinken Tieres. Sacoma verstand nicht, wie Zaf vollkommen auf diese Köstlichkeit verzichten konnte. Als sie ihn einmal danach gefragt hatte, war seine Antwort undurchschaubar gewesen. Er hatte sich seine geliebte Pfeife angesteckt und nur gemeint, dass sein Gewissen es ihm nicht erlauben würde etwas zu essen, das einmal Gefühle gehabt hatte. Irritiert hatte sie damals gesagt, dass das aber der Lauf der Welt wäre. Die Starken würden immer die Schwachen jagen. Doch er war bei seiner Meinung geblieben und sie hatte sich damit abgefunden.
Als Sacoma zur kleinen Hütte zurückkehrte, war Zaf schon wach. „Ich dachte schon, du hättest unseren Unterricht vergessen.“ „Um nichts in der Welt würde ich den vergessen!“, ihre Worte troffen vor Ironie. „Womit darf ich mich denn heute beschäftigen?“ Während sie sprach hängte sie den Hasen an einen Haken und warf ihren Mantel über das Fußende ihres Bettes. Ihr Mentor reichte ihr stumm eine Rolle Pergament. Neugierig las Sacoma die ersten Worte darauf. Ein Igel ernährt sich hauptsächlich von Insekten und Würmern. Sacoma warf ihm mit hochgezogenen Augenbrauen einen kritischen Blick zu. „Jedes Lebewesen unter der Sonne ist wichtig. Selbst das kleinste kann den Lauf der Geschichte verändern!“ Die junge Frau verdrehte bei seinem belehrenden Tonfall nur die Augen. „Ich sag doch gar nichts.“ Seufzend setzte sie sich an den Tisch und begann die Schrift zu studieren. Dann lass mal hören, was du für ein ungemein spannendes Leben hast, mein stacheliger Freund. Seit fünfzehn Jahren verbrachte sie jeden Vormittag über Schriftrollen. Zuerst hatte Zaf ihr Lesen und Schreiben beigebracht und dann folgte die große und vielfältige Welt der Tiere. Sacoma konnte nicht einmal zählen, wie viele Arten sie im Laufe der Zeit schon kennen gelernt hatte. Aber damit war es nicht genug. Sie spielten oft ein Spiel, indem Zaf ihr Geschichten erzählte und sie musste die Handlungen der Menschen darin bewerten. Hatten sie gut gehandelt? Was hätte sie anders gemacht? Manchmal musste Sacoma mehrere Tage überlegen, bevor ihr eine Antwort einfiel, mit der Zaf zufrieden war.
Normalerweise machte Sacoma das Lernen Spaß, doch heute gelang es ihr nicht richtig sich auf die Worte zu konzentrieren. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu der vergangenen Nacht und ihrem Traum zurück. Sie hatte Zaf noch nie davon erzählt. Sie wusste nicht genau warum das so war, doch bisher hatten sie die Bilder auch nicht so verfolgt, wie heute. Unsicher sah sie zu ihrem Mentor. Wie immer saß er ihr Pfeife rauchend gegenüber und durchsuchte eine Kiste voller Schriftrollen nach neuem Lehrmaterial. Seit dem Tag, als er sie aus dem Sturm gerettet hatte, hatte er sich so sehr verändert. Sein einstmals dichtes Haar, war ihm Stück für Stück ausgefallen, sodass ihm die Vögel nun auf die altersfleckige Haut seiner Glatze schauen konnten. Zum Gehen brauchte er schon eine ganze Weile einen dicken Stock, auf den er sich schwer stützte. Seine starken Arme, die sie aus der Höhle getragen hatten, konnten nur noch leichte Lasten heben. Doch für Sacoma, sah er so aus, wie immer. Sie sah nicht seinen dahinscheidenden Körper, sie sah die Kraft in seinen Augen, hörte die Macht in seinen Worten und spürte die Stärke seines Geistes. Vielleicht weiß er ja, wieso ich immer wieder von diesem Mann träume. Warum er mich verfolgt. In diesem Moment sah Zaf auf, als hätte er ihren Blick gespürt. Vorsichtig ließ er die Schriftrollen in seiner Hand zurück in die Kiste gleiten. „Komm mit.“ Schon verschwand er durch die Tür nach Draußen. Jetzt oder nie. Entschlossen stand Sacoma auf und folgte ihrem Mentor auf die Lichtung. Sie fand ihn bei dem kleinen Gehege ihrer Ziege Imi. „Bring mir doch bitte den Milchkrug von dort drüben!“, er deutete in die Richtung des Kruges. Seelenruhig begann er die Ziege zu melken und Sacoma fragte sich schon, ob er vorhatte überhaupt noch etwas zu sagen. „Erzähl mir, was dich so ablenkt.“ Die junge Frau sah ihm eine ganze Weile zu und versuchte, ihre Gedanken in Worte zu fassen, zu erklären, was an einem einfachen Traum, sie so verunsicherte. Zaf drängte sie nicht. Das hatte er nie getan. Geduldig, wie er war, hatte er ihre jede Frage beantwortet. Eine Welle der Liebe für den alten Mann vor sich überschwemmte Sacoma. Ja, er würde Rat wissen. „Ich habe diesen Traum. Beim ersten Mal konnte ich mich nicht an viel erinnern. Doch in der letzten Zeit träume ich immer wieder das Gleiche.“ „Was passiert in deinem Traum?“ Seine Hände arbeiteten unablässig weiter, während er sprach. Sacoma schluckte schwer. Mit der Erinnerung kam das bedrückende Gefühl zurück, verfolgt zu werden. Fast konnte sie den Schwefelgestank wieder auf ihrer Zunge schmecken und die Stimme des Fremden klang in ihren Ohren nach. „Er verfolgt mich. Ich weiß nicht, wer er ist oder wo ich bin. Die Luft ist heiß und es stinkt. Er ruft mich!“, ihre Worte wurden immer kürzer. Sprudelten immer schneller aus ihr heraus. „Er nennt mich seine Geliebte! Ich versuche zu entkommen und dann…“, sie brach ab, um flüsternd den Satz doch noch zu beenden, „dann falle ich in brennendes Gestein.“ Plötzlich packten sie kräftige Hände und Zafs Gesicht erschien wenige fingerbreit vor ihrem eigenen. „Wie sieht er aus? Der Mann?“ Als Sacoma nicht sofort antwortete, wurde sein Griff schmerzhaft eng. In seinen Augen konnte die junge Frau die nackte Angst erkennen. „Sag es mir! Wie sieht dein Verfolger aus?“ Stotternd wandte Sacoma ihren Blick ab. Zafs Angst wachte ihre eigne nur um so mehr an. „Ich kann ihn nicht sehen. Nur… dieses Mal hat er mich gepackt und sein Arm… sein ganzer Arm besteht aus…“ „… Lava.“ Zaf hatte sie losgelassen, doch sie konnte sehen, dass er seine Hände zu Fäusten ballte. „Bitte, was hat das zu bedeuten?“ „Der Mann in deinem Traum. Der Mann, der dich verfolgt, das ist ParvanGor.“ Die Stimme ihres Mentors brach vor Abscheu, als er den Namen aussprach. Endlich drehte er sich zu ihr um und Sacoma war entsetzt in seinen Augen Tränen zu sehen. „Es gibt etwas, das ich dir schon sehr lange erzählen wollte. Doch du bist so jung.“ Es schien als würde Zaf nun mehr zu sich selbst, als zu der jungen Frau sprechen. „Ich wollte dich nur noch ein bisschen länger beschützen. Die Welt ist so grausam.“ „Ich verstehe nicht.“ Ihre Angst mischte sich nun mit Verwirrung. Von was redete Zaf da? „ParvanGor ist die Geisel Alomandriëns. Seit fast dreihundert Jahren sitzt er auf dem glühenden Thron in seiner Burg Muterces und in all dieser Zeit hat er nichts als Gewalt und Zerstörung über das Land gebracht. Doch seine größte Gräueltat wurde vergessen oder sollte ich besser sagen, wurde aus dem Gedächtnis der Menschen gebrannt. Damals, als er ganz Alomandriën von den weiten Eisfeldern im Süden über die grünen Lande bis hin zum Kliff im Norden, von den trockenen Sandmeeren im Osten über den großen Wald bis hin zur Arii-See in Flammen steckte.“ Zafs Blick glitt in die Ferne. Es war Sacoma als könnte sie in seinen Augen die dreijahrhundertealten Feuer lodern sehen. Seine Stimme, leise, wie ein Windhauch, klang rauer, als der Felsen Grund. „Das Blut. So viel Blut. Es färbte die Flüsse rot, bedeckte Wiesen und Felder. Seine schwarze Armee zog über das Land her, wie eine Plage. Er hat sie alle getötet. Sie alle!“ Die Tränen hatten sich endlich einen weg ins Freie gebahnt und liefen nun als stumme Zeugnisse entsetzlicher Trauer über seine vernarbten Wangen. Sacoma konnte nicht mehr tun als ein Wort zu flüstern. „Wen?“
















