Ich lag gemütlich in meinem Zelt, einige Kerzen auf Kisten erhellten das Innenleben. Meine Felle lagen überall auf dem Boden verteilt und dämmten die von unten kommende Kühle. Obwohl ich mich nicht gänzlich in der Breite ausstrecken konnte, war dieses Zelt doch größer als ich dachte. Ich hätte darin sogar stehen können und es war lang genug, dass ich meinen Platz noch mit einer anderen Person teilen konnte, ohne dass jemand zu nahe am Rand lag. Draußen war es zwar windstill, aber die Verankerungen auf dem Boden lagen stramm genug, dass nichts nach Innen gekommen wäre, ebenso wenig, wie durch die Schnürung am Eingang.
Ich bemerkte, wie sich neben mir auf dem Boden etwas regte. Als wir uns aufrichteten sah ich eine korpulentere junge Dame neben mir liegen. Sie hatte ein langgezogenes ovales Gesicht, welches von schulterlangen leuchtend roten Haaren eingerahmt war. Ebenso wie ich, hatte sie nicht viel an. Die knappe Kleidung bedeckte im Grunde nur das wichtigste, aber es quoll an einigen Stellen ungünstig heraus. Zugegeben, ich hatte auch nicht viel an, allerdings war dies bei mir mehr der Wärme geschuldet. Ihr Auftreten und ihr Blick verrieten, dass sie versuchen wollte mich zu betören. Ich fragte mich, wieso ausgerechnet sie mit mir in meinem Zelt lag. Mit schmeichelnden Worten versuchte sie mich um den Finger zu wickeln, aber ich schaltete innerlich komplett ab. Über ihrer rechten Brust hatte sie ein Spinnentattoo, ähnlich dem, welches meine Frau an der selben Stelle hatte. Aber das, was ich vor mir sah, war schlecht gestochen. Unscharf und mit falschen Proportionen und Farben. Abgesehen davon, dass ich sie sowieso nicht attraktiv fand, widerte es mich an, dass sie versuchte jemand anderes zu sein um mich von meiner Frau abzubringen. Sie traute sich sogar mit ihrem Finger über meine Brust zu streichen. Die Stille der Nacht wurde unerwartet unterbrochen. Ich richtete mich auf, lauschte nach draußen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab es weiter zu versuchen.
„Was ist denn los?“ gurrte sie mich an.
„Moment.“ Ich hob den Finger.
„Bist Du jetzt still.“ Ich wurde ungewollt ernst.
Ich hörte Hufe auf der Straße. Wir hatten das Lager direkt daneben errichtet. Das Sonnensegel samt Feuerstelle und Tische waren unmittelbar am Weg, dahinter lag mein Zelt. Es waren langsame Schritte, die das Pferd tat. Ich spürte förmlich, wie die Blicke des Reiters sich durch das Lager bohrten während er voran ritt. Ich nahm mir meinen Gürtel, prüfte langsam mein Schwert und meine Sax, die ich immer daran hängen hatte. Ich hörte nur die Hufe, die zwar deutlich, aber leicht auf den Boden aufkamen. Der Reiter selbst musste leicht sein und wenig bis keine Rüstung tragen. Höchstens etwas Leder. Mit einem mal wurden die Hufe schneller, er galoppierte los. Ich sprang unmittelbar aus dem Zelt, versuchte ihm hinterher zu blicken, aber als ich einen Blick auf den Weg erhaschen konnte, war er schon weg. Die Morgensonne war bereits aufgegangen und vom Pferd war nicht einmal Staub aufgewühlt worden. Eine Vertraute Stimme drang an mein Ohr.
Eine warme sanfte Hand legte sich auf meine Schulter. Zufrieden ausatmend drehte ich mich um und konnte endlich meiner Frau in die Augen sehen. Ich lächelte, legte meinen Arm um ihre Taille, zog sie zu mich heran und küsste sie. In der hellen Morgensonne, die sich im sanften Tau auf der warmen Wiese spiegelte und den weiß leuchtenden Zelten wirkte dieser Moment perfekt. Für den Moment verlor ich mich in ihren strahlend blauen Augen.
Leider unterbrach das Gesumme einer Art Meditation den Moment. Reflexartig verfestigte sich mein Griff um die beiden Waffen, um zu testen ob sie noch da sind. Es waren aber nur einige bärtige Leute in weißen Kutten, die vor einem älteren noch bärtigeren Mann im Schneidersitz saßen und sich ihrer Geistlichkeit hingaben. Im Lager war sonst nichts zu hören, auch auf den Wiesen und an der Baumgrenze, gegenüber der Straße, war nichts verdächtiges.
Aber das schlechte Gefühl blieb. Ich nahm meine Frau bei der Hand und zog sie fast hinter mir her.
„Wo willst Du denn auf einmal hin?“ fragte sie mich verwundert.
„Ich weiß es nicht, aber ich habe gerade kein gutes Gefühl. Ich möchte die Waldgrenze einmal kontrollieren.“
Sie folgte mir schweigend.
Wenn sich mein Gehör nicht getäuscht hatte, gingen wir jetzt den Weg entlang, von dem der Reiter kam. Einerseits dachte ich etwas am unteren Hang an der Grenze zum Wald finden zu können, andererseits hoffte ich, dass mein Gefühl mich täuschen würde. Kurz vor der Grenze brach der Hang ein wenig ab, etwa in der Höhe eines kleinen Baumes, der dahinter versteckt stand. Wir verließen die Straße zur rechten Seite und gingen den flachen Pfad zwischen Hand und Baumgrenze ab. Nach nur wenigen Schritten sahen wir zwei Männer. Ihre Uniform bestand aus einem langen Ledermantel, der an mehreren Stellen mit Kreuzen bestickt war und einfachen Eisenhüten. Beide trugen ihre Schwerter an der Seite, schienen allerdings bemüht nicht einfach so in unser Lager einzumarschieren, welches sie gerade konzentriert ausspähten.
„Verzeiht, aber was tun Sie hier gerade?“
Die Frage scheuchte die beiden auf. Ihre Gesichter verrieten, dass sie nach einer Ausrede suchten, fanden aber einen Angriffspunkt in der rötlichen Haarfarbe meiner Frau.
„Wieso sollten wir jemanden eine Antwort geben, der in Begleitung einer Hexe ist?“
Inquisitoren oder Hexenjäger, dachte ich mir. Blinde Fanatiker bedürften immer einer besonderen Handhabe.
„Eine Hexe... Meine Frau... Werte Herren, ich fasse es schon fast als Beleidigung auf, dass Sie glauben, wir wären so dämlich und würden unser Lager ungeschützt mitten an einer Straße errichten, wenn wir so jemanden verstecken würden.“
Heimlich ergötzte ich mich daran, wie alleine die Länge der Aussage die beiden aus der Fassung brachte.
„Ja, uhhhhh, aber sie könnte trotzdem eine sein. Seht euch doch nur mal ihre Haare an.“
Der dominantere der beiden Männer trat auf uns zu, vorbei an meinem Blick, den ich auf seinen Kumpanen gerichtet hielt. Als er mir wieder unter die Augen trat, hatte er ein blankes Schwert in der Hand mit einer blassen orange-roten Klinge. Seines hing aber noch am Gürtel.
„Und was soll das denn hier sein? Ein Teufelswerk mit roter Klinge!“
In dem Moment war klar, dass es schwierig werden würde mit den beiden klar zu kommen. Ich drückte meiner Frau meine Waffen in die Hand, gab ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte ihr zu: „Geh wieder ins Lager, ich mach das schon.“
Sie machte auf der Hacke kehrt und ich wies dem leicht dicklichen Oberdeppen vor mir mit einer Handbewegung an mir das Schwert zu geben. Sie sahen skeptisch aus, dachten wohl daran ihr zu folgen, aber dann hätten sie mich im Rücken gehabt.
Die Waffe in meiner Hand war eigenartig. Der Griff war etwas zu dick und glatt, der Knauf schien mir viel zu leicht. Das Parier über der Hand war gearbeitet wie zwei geschmückte Flügel, dabei extrem wuchtig und schränkten die Bewegungen ein. Aber die Klinge verwunderte mich doch am meisten. Zum einen wurde diese knapp über der „Parierstange“ plötzlich sehr schmal, fast nur zwei Finger breit. Die Klinge selbst hatte keinen geraden verlauf, obwohl sie zur Spitze hin trotzdem schmaler wurde. Die Mitte des Stahls war nicht von einer Art Hohlkehle geziert, um die Führung zu verbessern, sondern war durchgehend gegratet, wie ein einziges Viereck mit zwei sehr spitzen gegenüberliegenden Winkeln.
Nachdem ich das Stück begutachtet hatte, sah ich den Hintermann misstrauisch an. Ich fragte mich, was sie mir gerade für einen Mist an Waffe in die Hand gedrückt haben. Der Fanatiker vor mir blickte schon fast triumphierend. Ich trat zwei Schritte zurück und schwang die Waffe einige Male um ein Gefühl für die Handhabung zu bekommen.
Unerwarteter Weise war das Schwert, trotz seines wuchtigen Aussehens, fast federleicht. Bisher hatte ich noch keine vergleichbare Waffe in der Hand gehabt. Jedenfalls vom Gewicht her. Dennoch war es schlecht ausbalanciert und das Parier behinderte viele Bewegungen, die aus dem Handgelenk kamen. Zum Schluss steigerte ich das Tempo und die Wucht der Schwünge, wobei mir das größte Problem des Übels, welches in meiner Hand lag, auffiel. Ich lachte los.
„Nun meine Herren, das hier hat nichts mit Hexerei zu tun. Mit der Waffe hat man Sie schlichtweg einfach nur verarscht.“
Ihnen fiel das Grinsen aus dem Gesicht.
Ich hob die Waffe senkrecht vor mir, sodass der Griff auf Brusthöhe stand. Dann klopfte ich mit der freien Hand gegen den Knauf. Die Klinge wackelte schlimmer als ein Seil im Sturm. Es war ein Wunder, dass sie nicht abbrach.
Jetzt war ich es, der triumphierend grinste und ging zu dem jungen Baum am Hang. Ich schwang das Schwert gegen den Stamm. Die Klinge drang zwar ins Holz, aber die Waffe wackelte mehr als der Baum. Nur mit viel Kraft konnte ich es wieder herausziehen und mit jedem weiteren Hieb, wackelte es mehr und mehr. Den Stamm habe ich dennoch nicht durchtrennen können. Es hat nicht einmal was gesplittert. Die beiden kamen näher.
„Das hier ist keine Zauberei.“
Ich warf dem Mann wieder seine Waffe zu.
„Das ist eine Grausamkeit am Schmiedehandwerk!“
Dann wurde es plötzlich dunkel.
Als ich erwachte, fand ich mich in einem Käfig wieder, welcher auf dem Boden irgendwo in einem riesigen Keller befand. Die Mauern waren aus dicken Felssteinen gebaut worden und verströmten unaufhörlich eine bittere Kälte, die einem bis in die Knochen drang. Mein Gefängnis stand mit zwei weiteren Leeren auf einer kleinen Anhöhe in einer Ecke des Raumes. Auf dem ebenen Boden vor mir stand lediglich eine Streckbank. Dahinter ein scheinbar endlos klaffendes Loch, an dessen Rand eine Treppe im Kreis stetig nach unten führte. In regelmäßigen Abständen waren Türen an der Treppe aus dickem Holz und mit Eisenbeschlägen. Dazu ein kleines Gitter, welches vor einem Loch auf Kopfhöhe angebracht war, welches man mit einer Scheibe Metall blickdicht verschließen konnte. Zwischen den Türen und an meinen Wänden hingen in breiten Abständen Fackeln, die rauchlos brannten. Es reichte gerade so um alles klar sehen zu können, aber zwischen den Abständen der Feuerscheine war stets ein Streifen dunkel, wie das Loch vor mir.
Auf meiner Ebene war ebenfalls eine solche Tür, an der äußeren rechten Wand. So weit von mir entfernt, wie es nur möglich ist, aber dennoch einsehbar. Zwei Gestalten tauchten vor mir auf und öffneten den Käfig. Entkräftet fiel ich hinaus. Es folgten Tritte gegen meinen Körper und das Gesicht. Jemand packte mich an der Schulter und drehte mich zu ihnen. Es waren die beiden Gestalten vom Waldrand. Anscheinend war wohl ein Dritter in der Nähe, hat mich bewusstlos geschlagen und auf dem Weg zum Verlies haben sie sich bestimmt eine Geschichte ausgedacht, worin ich wahrscheinlich einen Auftritt als Gotteslästerer hätte.
Es klopfte an der Tür. Eine Wache kam aus einer dunklen Ecke, schob die Platte zur Seite und öffnete danach die Tür. Trotz meines leicht verschwommenen Blickes konnte ich erkennen, dass meine Frau am Eingang stand. Sie trug ein wunderschönes grünes Kleid mit hellen Stickereien darauf, ihre Haare waren gänzlich blond und sie hatte einen Strauß weißer Blumen in der Hand. Ich lächelte als ich sie sagen hörte, dass sie zu ihrem Mann wolle.
Daraufhin rissen mich die beiden hoch und verschleppten mich zur Treppe. Dabei hörte ich die Wache noch scheinheilig sagen:
„Es tut mir leid, aber ihr Mann ist gerade unten und kann auch so schnell nicht hochkommen.“
Unten, in der Dunkelheit, folterte man mich. Man legte mich aufs Rad oder die Streckbank, schlug mich, lies mich frieren oder verbrannte mein Fleisch. Sie setzten mich unsäglichen Schmerzen aus, wobei sie stets darauf achteten, dass ich nicht starb oder mir etwas brach. Stattdessen prellte man mir Rippen und Gelenke, ließ Bärenfallen an allen Möglichen Muskeln zuschnappen. Später machten sie sich einen Spaß daraus meinen Kopf in eine Art umgekehrte Bärenfalle zu stecken, dessen Mechanismus sie in meinem Mund anbrachten und so durfte ich unter Schmerzen darum „spielen“, dass es mir nicht den Kiefer vom Schädel riss. Später sah ich die Opfer der Apparatur. Zur Unkenntlichkeit entstellt mit langen Zungen, die vertrocknet aus dem Hals hingen.
So zog es sich über Tage, Wochen, Monate. Jegliches Zeitgefühl ging mir verloren, auch weil sie mich nicht mehr schlafen ließen.
Stets sah ich die gleichen Gesichter. Aber nach einer gefühlten Ewigkeit, tat sich die vordere Tür auf und zwei gestandene Männer traten mit lauter Stimme ein.
„Was spielt sich hier ab?“
Die Peiniger, die mit dem Fuß in meinem Nacken meinen Kopf direkt in eine Bärenfalle drücken wollten, ließen ab und standen kerzengerade und salutierten.
„Nur unsere Arbeit, Hauptmann. Guten Tag, Feldwebel.“
Ich kippte erschöpft zur Seite und sah die Männer genau an. Ihre Uniformen waren stabiler, als die der anderen. Zusätzlich waren sie ausgeschmückter mit Zeichen auf den Schultern, speziellen Orden an der Brust und edleren Kopfbedeckungen. Das Gesicht des Hauptmanns war stark vernarbt und er trug ein bestimmtes Symbol an der Brust, welches der Feldwebel nicht besaß. Dafür fehlte ihm allerdings die Feder am Lederhut. Des Feldwebels Stimme war ruhig und eindringlich, was sie in Verbindung mit seiner Augenklappe besonders bedrohlich erscheinen ließ.
„Stimmt es, dass sie diesen Mann ohne richtige Anklage hier unten festhalten?“
Im ganzen Gewölbe wurde es still. Als würde seine Stimme bis tief in das Loch reichen.
„Für euch beide lasse ich mir noch was schönes einfallen. Hauptmann, gehen Sie mir zur Hand.“
Er nickte und beide hievten mich vom Boden hoch. Ich hörte noch eine weitere Person in den Raum kommen, mit leichteren Schritten. Anhand der verschwommenen Umrisse eines grünen Kleides und der blonden Haare, konnte ich erahnen, wer zu mir kam.
In der Zeit, in der ich eingesperrt war, konnte ich mir einen kleinen Luxus aushandeln. Eine regelmäßige Rasur. Ich wollte trotz des geschundenen Körpers sichergehen, dass man mich noch erkennen konnte. Oder eher, dass mich eine bestimmte Person noch erkennen konnte.
Sie kam näher, sah mich an, während ich mit den Armen auf den Schultern des Hauptmanns und des Feldwebels hing. Meine Frau hatte es tatsächlich geschafft mich aus dieser Hölle von Fanatikern zu befreien.
Vielleicht konnte sie ja doch zaubern.