Majestäten
Legende, Herausforderung, spannender Tummelplatz für Bergsteiger hoch über dem Königssee und ein beeindruckender Anblick aus jeder Perspektive: der unbestrittene König der bayerischen Berge ist der Watzmann.
Dramatisch ist der Mythos Watzmann in jeder Hinsicht - der phantasievollen Bereicherung um Wasserfälle, bizarre Felsformationen oder ähnliche Kunstgriffe aus dem dramaturgischen Repertoire der romantischen Landschaftsmalerei hätte es eigentlich gar nicht bedurft:
Wolkenspiele über dem Watzmannkar.
Kapelle, Hütte, gefällte Bäume: unter dem Berchtesgadener Gipfelpanorama präsentiert Ludwig Richter die Natur als zwar beeindruckend und wild, aber gut erschlossen und dem Menschen dienlich.
Überwältigende Kulisse - der Berg ist was er ist: E.T. Comptons Ansicht der Mittelspitze.
Die Bergsteigerkönigin Marie von Preußen hat das Watzmann Hocheck mehrfach bestiegen, eine Gedenktafel bekam sie allerdings nicht, die blieb Kronprinz Friedrich Wilhelm, dem späteren Friedrich III., vorbehalten.
Die Königin unserer bayerischen Berge, die wir mit den Tirolern teilen, blieb Marie - zumindest zu Lebzeiten Ihres Mannes - ebenfalls versagt: die Zugspitze. Zu ungeeignet fand er deren Besteigung für eine Königin.
Damit hatte Max II. aus zeitgenössischer Sicht nicht unbedingt Unrecht: die Liebe zu ihrer (neuen) Heimat brachte Marie viel Sympathie ein, allerdings sorgte sie auch für Aufsehen, wenn sie in ihrem selbstentworfenen Bergsteigerkostüm mit Hosen unter dem skandalös kurzen Rock ausrückte. Wurde es dann ordentlich alpin, blieb sogar der Rock bei den weniger bergaffinen Begleiterinnen zurück, während Marie mit dem Bergführer zum Gipfel aufstieg.
Marie von Preußen und Max II. auf einem Gemälde von Philipp von Foltz. Wie praktisch, aber auch aufsehenerregend Maries Bergsteigerkostüm war, illustrieren ihre beiden Begleiterinnen, von denen eine, obwohl - so lassen Schuhe und Stock vermuten - ebenfalls mit auf Tour, jedoch ein ihrem sozialen Status angemessenes Kleid trägt.
Max II. Abfahrt nach der Jagd - Philipp von Foltz’ Gemälde bieten einen sympathischen, manchmal auch amüsanten Einblick in die Bergbegeisterung der Wittelsbacher: während Gipfelstürmerin Marie recht sportlich unterwegs war, ließ es Max, für den dem Zeitgeist entsprechend die Jagd zum höfischen Freizeitvergnügen und Naturerlebnis gehörte, schon mal etwas entspannter angehen.
Wäre die Zugspitze damals bereits so erschlossen gewesen wie heute, Max II. hätte es mit seinem Argument schwer gehabt; allerdings darf man bezweifeln, dass Marie mit einer Bahn- oder Gondelfahrt zufrieden gewesen wäre - ich ebensowenig.
Wenn man heute auf dem Zugspitzgipfel ankommt, ganz gleich aus welcher Richtung, ist vom Zauber des Berges auf den ersten Blick nicht mehr viel übrig. Mitunter scheint sogar vergessen, dass unter den Aussichtsplattformen, dem Beton, dem Stahl und dem Glas, unter den Restaurants und dem Bratwurststandl ein Berg aus Wettersteinkalk steckt, so fassungslos wird man beäugt, wenn man mit nach dem Aufstieg durch den steilen Schutt weiß gekalkten Schuhen über die Stiege hinter dem Souvenirladen mitten unter den Seilbahnfahrern auftaucht.
Und trotzdem: wider Erwarten ist eine Tour auf die Zugspitze ziemlich lässig, sofern man sich nicht von der angestrengten Verbissenheit so mancher Gipfelaspiranten anstecken lässt. Ein bisserl Extramotivation kostet sie mich dennoch - nicht wegen des technischen Anspruchs, sondern weil ich weiß, dass ich besonders gut drauf sein und einen Tag mit sensationellen Bedingungen erwischen muss, um die für den unvermeidlichen Trubel erforderliche Gelassenheit mitzubringen.
Großartiges Panorama vom Grat unter dem Zugspitzgipfel, an dem die Aufstiege über’s Zugspitzplatt und über die Wiener Neustädter Hütte zusammentreffen: ein ruhigeres Fleckerl mit vergleichbarer Aussicht lässt sich schwerlich finden.
Ausgefallene Termine bescherten mir unerwartet so einen perfekten Bergtag. Lange vor den Fahrzeiten der Ehrwalder Almbahn, mit der sich zwar der Hatscher zum Max-Klotz-Steig abkürzen ließe, aber ich will mir Zeit lassen können, um den Aufstieg zu genießen, und soweit es eben geht abseits des strapaziösen Treibens unterwegs sein, starte ich in Richtung Gatterl und Knorrhütte. Wie im Zeitraffer zieht der Nebel aus dem Gaistal herüber, und kurz bin ich versucht, auf der Ehrwalder Alm doch rechts abzubiegen, über’s Brendlkar zum Tajakopf aufzusteigen und die Zugspitze Zugspitze sein zu lassen - ihr Anblick über den Seebensee hinweg ist schließlich auch nicht schlecht.
So ruhig ist’s am Seebensee nur im Winter: perfekt spiegelt sich die Zugspitze, ehe Frost und Schnee den See zudecken, bis sich, wenn’s zum Frühjahr hingeht, die Sonne wieder über die Gipfel reckt und die Wärme zurückkehrt.
Ein Reh kreuzt gemächlich wenige Meter vor mir den Güterweg und verschwindet unter makellos blauem Morgenhimmel im Wald: also los, heut geht’s auf’s Münchner Haus - an der Hochfeldernalm vorbei weiter zum Feldernjöchl und, dann bereits mitten im wilden, mächtigen Wetterstein, hinüber zum Gatterl.
Auf der österreichischen Seite sind die Murmeltiere geschäftig auf den saftigen Hängen unterwegs, und nach der kleinen Kraxelei öffnet sich hinter dem ewig quietschenden Gatterl das beeindruckende Zugspitzplatt. Angesichts der Serpentinen, die sich durch das Geröll aus dem Reintal, das noch weitgehend im Schatten des Hochwanner liegt, emporziehen, ist der beinahe ebene Weg zur Knorrhütte gegenüber ein ganz sympathischer Anblick. Der Blick auf den imposanten Jubiläumsgrat und ins Reintal ist überwältigend, und die Aussicht auf eine sonnige Kaffeepause lässt den weiteren Aufstieg, der sich zum Teil bereits erschließt, gleich weit weniger kräftezehrend anmuten.
Mit einer kleinen Brotzeit einschließlich einem Stückerl Zitronenkuchen im Magen und frischem Wasservorrat geht’s weiter, sobald die Trüppchen aus dem Reintal an der Knorrhütte eintreffen - der späte Vormittag ist der perfekte Zeitpunkt, um weiterzuziehen, und auf dem Weg bisher kräftesparend unterwegs gewesen zu sein zahlt sich nun aus.
E.T. Compton - Knorrhütte. Größer als auf dieser Ansicht aus den 1890er Jahren ist die Hütte heute, an der Architektur, die sich an den Hang schmiegt und so auch Lawinen trotzt, hat sich wenig geändert.
Die Hausherren hier oben beobachten die Karawanen, die an ihnen vorbeiziehen, einigermaßen gelangweilt - auch ihnen dürfte so ein sonniger, damit entspannter und ereignisloser Tag ausnehmend willkommen sein.
Der Anstieg zum Nördlichen Schneeferner windet sich mal steiler, mal flacher, aber insgesamt recht gemächlich über das Zugspitzplatt, das durch seine raue, spröde Schönheit beeindruckt - nicht umsonst fällt immer wieder der Begriff Mondlandschaft, wenn es beschrieben werden soll. Manchmal reicht ein Päuschen von ein paar Minuten entlang des Weges schon aus, um völlig unerwartet ein Stückerl so gut wie allein unterwegs zu sein - bei solchen Aussichten finden sich diese paar Minuten immer wieder fast wie von selbst.
Leider sind die Spuren des Skizirkus überall sichtbar. Dazu das Schneefernerhaus, das wie das Hauptquartier eines James-Bond-Bösewichts verwegen am Hang thront, und das SonnAlpin,von dem man als absolut müheloses Gipfel- und Gletschererlebnis mit der Gondel von und zur Aussichtsplattform schweben kann - man möchte meinen, so ein Anblick brächte jeden, der größere Bauprojekte am Berg auch nur in Erwägung zieht, zur Vernunft (naives Wunschdenken, natürlich).
Noch dient der Nördliche Schneeferner Tausenden Besuchern zum Ski- und Rodelvergnügen - der Anblick ist bereits in Augenhöhe eher kein Grund zu Freude. Das letzten Mal, als ich auf der Zugspitze war, lag im Kar noch Schnee; nun freue ich mich auf die Aussicht weit über das karge Platt hinweg, auf den Anblick des Gletschers von oben eher weniger...
Unter der Gletscherbahn wartet schließlich die Passage, die die schwarze Wegmarkierung rechtfertigt: ein steiler Aufstieg durch Geröll, der direkt in einen versicherten Steig übergeht - technisch nicht ausnehmend schwer, aber Konzentration und Aufmerksamkeit ebenso wie ausreichend Kraftreserven sind gefordert. Ein gemütliches Pausenplatzerl findet man in dieser letzten knappen Stunde nicht mehr, ehe man auf dem Grat ankommt, an dem auch der Zustieg von der Wiener Neustädter Hütte auf den Gipfel führt.
Wie beinahe jeder, der den Aufstieg by fair means abschließen will, lege ich zu Füßen der Schuttreise eine kleine Pause ein, um kurz die Beine in der Sonne auszustrecken und die Akkus wieder aufzuladen, und passe einen guten Zeitpunkt ab, um in den Hang einzusteigen - ein wenig Abstand ist hier durchaus nützlich: wer unvorsichtig ist oder seine Trittsicherheit überschätzt, wird schnell auf den (steinigen) Boden der Tatsachen zurück geholt, gleichermaßen ist es mühsam, unter seinem eigenen Tempo aufzusteigen oder im losen Schotter warten zu müssen.
Ich komme zügig voran, und bald geht’s auf gut versichertem Steig in einer letzten, ausgedehnten Kraxelei hinauf zum Grat, auf dem mit gerade noch ausreichend Abstand zum begehrten und frequentierten Gipfel alte Holzbänke zur ersatzweisen Gipfelrast einladen.
Tiefblick nach Ehrwald: die Talstation der Tiroler Zugspitzbahn - dorthin geht’s im Anschluss zurück - und darüber die Wiener Neustädter Hütte. Nur eine Kletterin teilt sich mit mir die Bank auf dem Grat, wer sonst noch hier heraufkommt, nimmt sofort den Endspurt zum Gipfel in Angriff, den ich zugunsten dieses ruhigen, aussichtsreichen Fleckerls noch ein bisserl aufschiebe.
Wenn die hohen Gipfel bereits verschneit sind, ist’s auch rund um das Gipfelkreuz der Zugspitze deutlich ruhiger. Bei perfekten, sommerlichen Bedingungen geht’s nur im Gänsemarsch hinüber, Wartezeit und Anstehen eingeschlossen....
Da ich ohnehin keine Lust habe, mich durch die unzähligen Seilbahnfahrer zu drängeln um dann noch auf dem Steig zum Gipfelkreuz anzustellen, genieße ich die phänomenale Aussicht über die umliegende Bergwelt und bemühe mich, bei den traurigen Resten des Schneeferners nicht allzu genau hinzusehen... es wird nicht mehr lange dauern, und man wird ihn, ähnlich wie das Blaueis, nur noch aus Nostalgie Gletscher nennen können.
Üblicherweise beobachte ich Tiere, die Natur, wenn ich draußen unterwegs bin. Auf der Zugspitze auch seine Mitmenschen zu beobachten ist unvermeidlich. Ich gehöre eher nicht zu denjenigen, die einen Gipfel, der sich auf beinahe 3.000m erhebt, unterschätzen; gerade die Zugspitze scheint jedoch dazu zu verleiten. Es kann gut und notwendig sein, an seine Grenzen zu gehen - die Grenze zu Leichtsinn oder Überforderung zu überschreiten ist jedoch selten ratsam, auch wenn die Zugspitze, egal wie man sie erreicht und ob man sie als sportliche Herausforderung angeht oder als lediglich ein Ziel unter vielen auf seiner Liste an Sehenswürdigkeiten abhakt, immer noch ein ganz besonderer Sehnsuchtsort ist.
Als der Vermessungsingenieur Josef Naus mit seinen Begleitern im Auftrag Maximilian I. zur Kartierung des Werdenfelser Landes für das Königlich Bairische Topographische Bureau als dokumentierter Erstbesteiger im August 1820 den Zugspitzgipfel erreichte - vermessen konnte er ihn aufgrund eines Wettereinbruchs bei der Erstbesteigung nicht - war das Interesse an der Zugspitze noch deutlich geringer. Besonders glaubhaft wollte die Besteigung im Tal ohnehin nicht erscheinen, es bedurfte dafür mehrerer Anläufe mit verschiedenen Augenzeugen, bis man immerhin dem Schaf-Toni, dessen Schafe auf dem Platt weideten, und seinem Bericht von der Gipfelbesteigung Glauben schenkte.
Die Skepsis war vielleicht auch dem Aberglauben geschuldet: der furchterregende Zuggeist, ein mächtiger Zauberer und Herr über Berge und reiche Bodenschätze, sollte in Gestalt eines Bartgeiers, den man damals noch als unheimlichen Jäger fürchtete und ihm allerhand Schauergeschichten nachsagte, an der Zugspitze hausen:
Aus der dunklen Himmelsbläue schwebt er heran ohne Flügelschlag, schon aus der Ferne hört man ein gezogenes, anhaltend helltönendes »Pfy! Pfy!« fast mit dem Ausdrucke des Uebermutes, und bald rauscht der König der Hochalpen heran und kreist mit mächtig ausgespannten Flügeln über dem Beschauer, läßt sich etwas in die Tiefe, um zu beobachten, zu spähen, und erhebt sich ungeduldig in schraubenförmig gewundenem Fluge wieder in die oberen Lüfte in gerader Richtung hoch über die eisstrahlenden Gipfel. Er macht besonders auf Lämmer, Ziegen und Gemsen Jagd. Bei größeren Tieren hat er den ihm ganz eigenen Kunstgriff, daß er sie, wenn sie nahe am Abgrunde stehen, mit reißender Gewalt und der ungeheuren Kraft seiner Flügel gleichsam hinabzustoßen sucht; manchmal faßt er sie auch mit den Klauen und zwingt sie durch Flügelschläge und Schnabelhiebe, sich selbst in den Abgrund zu stürzen, wo sie sich entweder stark beschädigen, so daß er ihrer Herr werden kann, oder sich auch ganz zerschmettern. Er hat sogar schon Kühe und Ochsen angefallen, schlafende Hirtenknaben und mühsam emporklimmende Gemsenjäger in den Abgrund gestürzt, ja es werden von ihm auch Beispiele von Kinderraub erzählt.
Heute beneidet man den Schaf-Toni darum, dass er, wie er Naus und seinem Team berichtete, regelmäßig Bartgeier um den Zugspitzgipfel kreisen sah, auch wenn ein Großteil der Gipfelaspiranten diese beeindruckenden Vögel wohl kaum eines Blickes würdigen würde...
Carl Reiser - Zugspitze mit Eibsee. Diese Ansicht inspirierte nicht nur viele Künstler: sie dürfte eins der bekanntesten Postkarten- und Fotomotive aus der Zugspitzregion sein.
Das intensive Blau des Eibsees, das ihm den Beinamen bayerische Karibik einbrachte, kommt von oben am besten zur Geltung...
... der Tiefblick vom Watzmann, dem ein Seilbahnbau erspart blieb, steht ihm, einschließlich der Färbung des Königssees, jedoch in nichts nach.
Während die Dohlen hier vorsichtig zum Rucksack schielen, ob man nicht vielleicht eine Leckerei auspackt, die man möglicherweise zu teilen gewillt ist, sind ihre Cousins auf der Zugspitze deutlich kecker. Wer nicht ausreichend aufmerksam mit seinem Kaiserschmarrn ist, dem stibitzen sie flink ein Stückerl vom Teller.
Die Tierwelt erobert sich ihr Revier zurück, wenn sie kann - und gerade wenn wir ihr unsere Bauprojekte aufzwingen ist’s ein Glücksfall, dass es immer wieder gelingt. Wer meint, bestimmte Tierarten dürften sich ihren Platz in einer Welt, die unverkennbar menschliche Handschrift trägt, nicht suchen, der irrt...

















