Nordfriesland und das Ende einer Reise
Am nächsten Morgen setze ich mich früh in den Zug von Hamburg Altona nach Lunden. Die Strecke kenn ich wirklich wie meine Westentasche – oder wie heißt das so schön? Es geht nach Hause zu meinen Eltern. Ein letztes Mal will ich sie im Rahmen des Bahnlandes besuchen und gleichzeitig steht auch noch eine Familienfeier an. Wie passend. Blöd nur, dass die erst am Sonntag ist und meine schöne Bahncard bereits am Samstag ausläuft. So hatte ich das eigentlich nicht geplant, aber was soll man machen? Rückfahrticket ist gebucht und sogar bezahlt ;) Auf dem Bahnhof in Altona kaufe ich mir noch schnell ein Brötchen und bin mal wieder über die Brötchenpreise in dieser Stadt erschüttert. An den Brötchen-, wie auch den Dönerpreisen kann man immer sehr gut ablesen wie reich eine Stadt ist und Hamburg... Hamburg hat definitiv Geld! 42 Cent für ein einfaches Weizenbrötchen. Eine Schrippe also, die du in Berlin bei vielen Bäckern für 20 Cent bekommst! Das ist doch verrückt!
In Lunden werde ich von meiner Schwester und meiner Nichte abgeholt, die ebenfalls in Tönning leben. Es ist immer wieder schön nach Hause zu kommen.
Diesmal ist es aber auch etwas traurig, weil ich ja weiß, dass dies im Grunde die letzte Bahnland-Tour ist und in 3 Tagen meine Bahncard ausläuft. Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass ich heute hier stehe und darüber so traurig bin. Damals ahnte ich noch nicht, was ich alles mit dieser Karte bereisen werde. Ich hatte zwar gesagt, dass ich das meiste herausholen und ganz viel sehen will, aber dass es dann 6 Monate Reisezeit und über 160 Städte werden, hätte ich nicht gedacht. Natürlich ärgere ich mich etwas darüber nicht schon früher losgefahren zu sein und es gäbe sicherlich noch den ein oder anderen Ort, den ich gern gesehen hätte. Aber Deutschland hat nun mal einfach unglaublich viele schöne Gegenden, Ecken und Städte und eine gewisse Vorlaufzeit brauchte ich ja auch um alles zu organisieren und zu planen. Irgendwann musste es ja enden und mittlerweile ist es auch etwas zu kalt, um den ganzen Tag durch eine fremde Stadt zu wandern. Außerdem freue ich mich auch auf ein paar Tage Ruhe auf MEINER Couch, besonders nun zur Weihnachtszeit.
Das letzte halbe Jahr war unbeschreiblich schön und die Anfänge kommen mir vor, als wären sie schon ewig her. Ist es tatsächlich schon 6 Monaten her, dass ich in Frankfurt auf den Wolkenkratzern stand und in Mainz die grünen Sittiche entdeckt habe? Aus meinen geplanten 3 Monaten Reisezeit habe ich peu à peu 6 Monate gemacht. Ich konnte einfach nicht aufhören. Solange ich diese Karte in meinem Portemonnaie hatte, konnte ich einfach nicht still sitzen, ich musste einfach immer weiter reisen. Zum Glück, denn ich habe einfach so viel gesehen und so viele tolle Menschen kennengelernt und wiedergesehen.
In den ganzen 6 Monaten musste ich nicht einmal auf ein Hostel ausweichen, stets fand ich einen netten Couchhost, der mich aufnehmen konnte oder ich änderte meine Route und besuchte Freunde.
Mein letzter Host sind nun also meine Eltern und anstatt auf der Couch, schlafe ich in meinem alten Bett.
In Nordfriesland ticken die Uhren auch einfach noch etwas langsamer und so habe ich ein paar entspannte Tage zuhause. Am Samstag ist es dann tatsächlich soweit. Am Abend steht meine letzte Fahrt mit meiner BahnCard an. Ich fahre von Tönning nach Husum, eine Strecke, die ich noch besser kenne als die von Hamburg. Jahrelang bin ich genau diese Strecke mit der Bahn zur Schule gependelt. Morgens hin und nachmittags zurück. Heute zücke ich auf dieser Strecke das letzte Mal meine Schwarze Mamba. Die Fahrt ist letztendlich wirklich traurig und wenig erwähnenswert. Ich höre die Musik der letzten 6 Monate – den Soundtrack des Bahnlandes und verdrücke doch ein paar Tränen (Allen voran mein Bahnfahrlied Nr.1 „Below My Feet“ von Mumford and Sons)*. Ich überfordere mit meinem Emotionsausbruch den Mann auf dem 4er neben mir, der nicht so recht weiß was er machen soll. Nach nur 20 Minuten bin ich ja auch schon da und beruhige mich wieder. Ich steige aus und meine Zeit mit der Bahncard 100 ist vorbei.
Letzte Fahrt im Bahnland :(
Schon am kommenden Tag fahre ich wieder mit dem Zug. Doch als ob die BahnCard wie eine Glocke des Glücks über mir hing, bekomme ich nun, als normaler Ticketzahler bei der Fahrt die volle Breitseite der Bahn-Verspätungen zu spüren. Ganze 120 Minuten stehe ich am kalten Hamburger Bahnsteig und warte auf meinen ICE, der einfach zu spät bereitgestellt wurde. Im 10-Minuten Takt werden wir immer weitere 10 min vertröstet, sodass man rastlos auf dem kalten Bahnsteig stehenbleibt, denn die Illusion, dass der Zug jede Minute kommen kann, wird ja alle 10 Minuten aufrechterhalten, nur um dann auf weitere 10 Minuten vertröstet zu werden. Hatte ich die letzten 6 Monate wirklich so eine Art BahnCard-Glücks-Bonus? Ich fand Bahnfahren klasse und musste nie solch eine Verspätung in Kauf nehmen. So ist es also für Normalfahrer? Ich erinnere mich..
+++ etwa 120 Min später +++
Da bin ich also nun, angekommen zurück in der Welt der Normalfahrer, die auf die Bahn schimpfen, weil sie mal wieder zu spät ist. Das dies so früh passiert, hätte ich aber nicht gedacht.
„Below My Feet“ – Mumford and Sons (eigentlich das ganze Album „Babel“)
„Where You Stand“ – Travis
„Mountain Sound“ – Of Monsters And Men
„Dirty Paws“ – Of Monsters and Men
„The Lion’s Roar“ – First Aid Kit
„Dancing Shoes“ – Gavin DeGraw
„Wo Fängt Dein Himmel An“ – Phillipp Poisel