39. Irgendwie verzogen (IV)
39. Irgendwie verzogen (IV) Kaum glänze ich eine Woche lang mit Abwesenheit, verändern sich die Grundfesten meines Kiez' dramatisch. Unser Lieblingsrestaurant mitsamt meiner Leib- und Magenspeisen ist nämlich verschwunden. Das ist eine Katastrophe! Nun bin ich gezwungen, etablierte Ernährungsgewohnheiten komplett neu zu strukturieren. Dabei hielt das BARINI am Böhmischen Platz all die kleinen wie großen Begehrlichkeiten parat, die mich glücklich und mit einem anhaltenden Lächeln nachhaltig sättigten. Dort aß ich meine ersten Arancini: frittierte Safranreisbällchen mit Bolognese-Füllung an Tomatensauce und Salat. Fortan war ich süchtig nach den goldbraunen, tennisballgroßen Kugeln. Was dieses kleine Restaurant jedoch so besonders machte, war das gekonnte Aufeinanderprallen italienischer und anatolischer Küche: Im Safranreis schmeckte man Koriander, die Bolognese war beseelt von Kreuzkümmel und Minze gab der Soße den richtigen Pfiff. Zu seinen Hochzeiten war das BARINI das erste Haus am Platz. Unvergessen jene Fete de la Musique, als man eine Bühne aufbaute und den Kiez bis Sonnenuntergang mit Italo Disco bespielte. Damals naschten wir abwechselnd Häppchen von der großen Vorspeißenplatte und tanzten zu Charlies "Spacer Woman". Ein grandioser Abend, der einander fremde Nachbarn hinauslockte und zusammenrücken ließ. Am folgenden Morgen war alles anders: nun kannte man sich, grüßte einander und traf sich fortan regelmäßig an der Tischtennisplatte zum Turnier. Über das Ende und seine Ursachen ließe sich trefflich streiten. Heute ist unklar, welcher Sargnagel zu erst eingeschlagen war: Lustlosigkeit oder Konkurrenz? Erstere wurde in Gestalt einer neu eingestellten Bedienung zelebriert: Eine gepiercte und gehackte Butch mit Undercut, bösem Blick und derartig schlechter Laune, dass es sich schon wie ein Rausschmiss anfühlte, wenn sie dir die Speisekarten auf den Tisch knallte. Tatsächlich brachte sie das Kunststück fertig, einen komplett wortlos zu bedienen. Zu jener Zeit verkam der Laden zum Cliquentreffpunkt: Eine handvoll etablierter Stammgäste lungerte im Bar- und Eingangsbereich mitsamt dazugehöriger Hunde herum und demonstrierte Verbrüderung, während Normalogästen ein von abschätzenden Blicken und Getuschel versehener Spießrutenlauf in den Gastraum zugemutet wurde. Zu verübeln war denen dieses solidarische Zusammengerücke und skeptische Geklotze allerdings nicht, steuerten sie doch sehenden Auges auf das Ende zu. Dieses Ende wurde in Gestalt einer ebenso zierlichen wie resoluten Bauleiterin zweimal wöchentlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorstellig und orchestrierte dort eine großflächige Kernsanierung teilweise bracher, teilweise entmieteter Gewerberäume in den Erdgeschossen vier aufeinander folgender Hausnummern. Heute befinden sich dort von rechts nach links: eine ansehnliche Pizzeria, ein gehobenes Foodstyle-Restaurant sowie eine internationale Kindertagesstätte; allesamt Symbole für einen im Wandel begriffenen Kiez, in dem kein Platz mehr für ein kleines, liebevolles, unaufgeregtes, authentisches und mit den Leibspeisen einer vergangenen Ära aufwartendes Lokal sein wird. Die Zukunft jedenfalls heißt Frühstück; zumindest wenn man den Neueigentümern Katie und Flo Glauben schenken möchte. Immerhin hat sich Skeeter schon eine Meinung gebildet und diese via Edding in Versalien der Nachbarschaft mitgeteilt: "NO MORE HIPSTER SHIT!"








