13 zu viel.
Witten
Wir befinden uns gerade mitten in der Festivalsaison. Für eine Band wie uns heißt das, dass man mal das große imposante Southside und Hurricane-, mal das kleine liebevolle Jukuu- und mal ein für alle zugängliches Stadtfestival spielt. Man kommt an Orte die man kennt, die man mag oder nicht mag und man lernt neue Dörfer kennen, die einen herzlich überraschen mit Gastfreundschaft und der Freude an Musik. Vorurteile, die man nun mal als verwöhnter Städter entwickelt, ob man will oder nicht, suggerieren einem ja nicht unbedingt eine Rockmetropole zu erwarten, wenn man vom Dorf Odensachsental hört. Doch ist es schön, manchmal vom Gegenteil überrascht zu werden.
In einer dieser kleinen Städtchen die von den jugendlichen Einwohnern uns gegenüber als „ganz schön tot“ beschrieben wurde, waren wir vorige Woche. Wie aus einem Nagel-Roman entsprungen, lag da Witten vor uns. Mit Liebe gemacht und mit freiem Eintritt für alle die Interesse an einem Tag in der Stadt haben. Von afrikanischen Foodtrucks bis zum Hinterhofrave hatten die Veranstalter an alles gedacht. An was wir denken bei dieser Art von Konzert ist, dass man es weder in der Hand hat, noch absehen kann, wer vor der Bühne steht und einem zuhört. Das ist eine gute Möglichkeit um neuen Zuschauern die Musik zu präsentieren, an der man im letzten Jahr gearbeitet hat und vielleicht den ein oder anderen neuen Hörer zu gewinnen. Wenn es nur so simpel wäre. Als wir zum ersten Lied raus kamen lächeln uns junge und Junggebliebene entgegen, singen mit und fangen an sich mal rhythmisch, mal gar nicht so rhythmisch zu unserem Set zu bewegen. Und da steht er. Der auf den man nicht gewartet hat, der aber irgendwann ja mal auftauchen musste. Der obligatorische Fan einer Band, deren Fronter einer Rechtsrock Vergangenheit hat. In großen Lettern, als ob man allen zeigen muss – ja jetzt erst recht, ich bin Fan – leuchtet der Bandname auf der Brust und auf dem Rücken des Jungen in der ersten Reihe. Puh. Wie jung der Kerl noch ist, sieht man ihm sofort an. Ich hatte zwischen meinem 14. und 17. Lebensjahr auch eine Zahnspange und viel älter schätze ich den Spangenträger vor mir auch nicht ein. Es dauert nicht mal ein Lied, da fliegen ihm die ersten Mittelfinger entgegen und er wird im Minutentakt von Konzertbesuchern beschimpft. Es gipfelt in einer Aktion eines Fotografen, der erst ein Foto seiner Kumpels mit ausgestreckten Mittelfingern hinter dem Rücken des Jungen macht, dann plötzlich hinter uns auf der Bühne auftaucht und den Kerl in der ersten Reihe ablichtet. Bravo. Was mir beim Beobachten des Jungen auffällt legt jedoch einen Schalter in meinem ebenso Vorurteils-behafteten Kopf um. Er scheint keine Ahnung zu haben warum die Leute so zu ihm sind und fragt seinen großen Bruder – der mit einem Shirt einer Punkband, neben ihm steht – was denn los sei.
Das kommt mir bekannt vor.
Vor zwei Wochen auf dem Weg von meinem WG-Zimmer zum Bahnhof laufe ich auf einen lächelnden Jugendlichen zu, der unter einem Sonnenschirm steht und mir einen Flyer der AFD in die Hand drücken möchte. Ich war gerade mit meiner Oma am Telefon und konnte es mir dennoch nicht verkneifen ihm zu sagen er möge sich verpissen. Verdutzt und weiter lächelnd versucht er seinen Dreckspropagandawisch dem nächsten Passanten in die Hand zu drücken. Hinter ihm stehen zwei Erwachsene die seine Eltern sein könnten. Jede Familie verbringt eben das Wochenende anders. Die einen gehen Angeln, die anderen bauen einen Stand einer rechtspopulistischen Partei auf und nerven die Anwohner meines Viertels. Der Junge konnte es sich nicht aussuchen in welche Familie er geboren wird und wäre heute vielleicht auch lieber beim Angeln mit Uwe, Jutta und Torben. Als ich im Zug saß und darüber nachdachte, hatte ich gar nichts davon ihn beschimpft zu haben. Weder ein „Geschieht ihm recht!“, noch ein „Ha! Dem hab ich’s jetzt aber gezeigt.“- Gefühl machte sich in mir breit. Was hab ich ihm denn gezeigt? Gar nichts. Aber das hätte ich gerne. Ich hätte ihm gerne einen Flyer von „meiner“ Partei gegeben. Eine Alternative neben der Alternative. Einen Weg der ihm vielleicht noch unbekannt ist. Einen Weg den ihm seine Eltern nie zeigen werden, weil sie schon zu eingeschossen auf ihre lächerliche Angst vor einer Überfremdung sind. Natürlich habe ich so einen Flyer nicht und trage auch nicht immer eine Platte mit mir rum, die mir behilflich war bei meiner Entwicklung. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich das nächste Mal besser reagieren möchte.
Zurück in Witten.
Wir unterbrechen das Konzert. Ich kann mir das nicht ansehen und frage den Jungen wie alt er ist. Da haben wir es: 17 Jahre jung. Kurz davor wählen zu dürfen. Ich frage ihn ob ihm bewusst ist, warum er hier die ganze Zeit angepöbelt wird. Er guckt mich verwirrt an. Ich frage ihn ob ihm bewusst ist, was er da anhat und ob ihm die Vergangenheit des Sängers der Band ein Begriff ist. Er guckt nervös und noch verwirrter. Es wäre so einfach den ganzen Mob der vor mir steht anzustacheln ihn vom Platz zu entfernen. Bereit wären dazu die meisten. Aber wäre das richtig? Wir entscheiden uns dafür: wir sagen ihm für was wir stehen und der Junge bekommt ein Shirt von uns. Wir lassen ihm die Wahl ob er Bock hat seinen Design-fail auszuziehen oder nicht. Als wir uns vom Publikum verabschieden mit dem Credo frei zu bleiben klatscht er. Als wir sagen, es ist wichtig weiterhin offene Arme zu bewahren und die Grenzen offen zu lassen, klatscht er. Mittlerweile trägt er unser Shirt.
Nach dem Konzert suche ich ihn, stelle mich vor und wir unterhalten uns 15 Minuten. Vielleicht ist es vermessen zu sagen, dass das alles etwas bewirkt hat. Aber am Ende haben wir es versucht. Warum wir ihn nicht rausgeschmissen haben? Weil er an anderer Stelle mit offenen Armen begrüßt werden wird. Und dort warten schon zu viele. Wir dürfen es doch der falschen Seite nicht zu einfach machen oder? Was, wenn er heim geht mit dem Gefühl von den Punks verstoßen zu werden? Richtig, ja, dafür gibt es Gründe. Aber sollten wir nicht lieber aufklärend und verändernd wirken? Sollten wir nicht unsere Offenheit ausleben und Köpfe zum umdenken anregen? Was, wenn aus den 13% mal 20% werden? Was, wenn sich ein Horst Seehofer an seinem 70. Geburtstag dafür feiert, 70 Menschen heimgeschickt zu haben? Was, wenn es noch viel mehr sind? Was, wenn NGO’s und private Helfer es noch schwerer haben werden, Menschen auf Seenot zu retten? Können wir den Horst nicht heimschicken, aus den 13% eines Tages 0% machen und dafür sorgen, dass dem Gedanken der Überfremdung ein Interesse für Neues weicht?
Das mag nun alles etwas pathetisch klingen, aber für mich haben auch die größten Themen ihren Ursprung in der kleinsten Geste. Köpfe sind zum denken da und zum umdenken gemacht.
Bochum Total.
Eine Woche ist seit dem Konzert in Witten vergangen und da erspähen wir jemand in der ersten Reihe. Sein Shirt spricht Bände. Schön, dass du da warst!
PS: wir applaudierten gestern aus der Ferne vom Deichbrand Festival nach München an die Veranstalter & allen Teilnehmern von „ausgehetzt“!
PPS: Ein Reminder: am 14.Oktober sind Landtagswahlen in Bayern. (Good)bye Seehofer.











