Ein Fall für Undine - Das Mädchen mit dem Hippogreif-Tattoo
Es hatte schon zu dämmern begonnen und sie war gerade im Begriff, die unterste Schublade mit der halbleeren Rumflasche aufzuziehen und sich ein Glas zu gönnen. Nicht die Schublade mit dem guten Rum, denn man konnte den heutigen Tag nicht wirklich als gut bezeichnen, und den guten Rum gab es nur an guten Tagen. Sie hatte schließlich Prinzipien. Ein Gläschen hatte sie sich dennoch verdient nach diesem mittelmäßigen bis unterirdischen Tag. Als Belohnung dafür, einen weiteren Tag in diesem alten, abgeranzten Büro abgesessen zu haben. Sie hatte Akten eingeheftet, die nie jemand lesen würde, ein paar Rechnungen über lächerliche Beträge geschrieben, von denen sie wusste, dass die Empfänger sie nicht zahlen würden, und sie hatte erfolgreich einen ganzen Tag lang nicht an Alkohol gedacht. Bis jetzt. Sie konnte den bitteren, billigen Geschmack des Rums bereits auf der Zunge spüren, als es an der Tür klopfte.
Am liebsten hätte sie so getan, als wäre sie schon nicht mehr da, doch sie konnte die Gestalt einer schmalen Person durch das Milchglasfenster ausmachen. Natürlich musste die Tür ein Milchglasfenster haben, auf dem in großen, markanten Druckbuchstaben „U. Akrutat, magische Privatdetektei“ stand. Eine Detektei ohne Milchglasfenster? Undenkbar, hatten sie gesagt. Aufgrund desselben, kindlichen Humors hingen auch ein Trenchcoat und ein Schlapphut an der Garderobe, die sie nur benutzte, wenn sie wirklich auffallen wollte.
Es klopfte wieder, energischer diesmal.
Sie kapitulierte. „Herein“, sagte sie mit einer Stimme, in der ihr Unmut über den gestörten Feierabend deutlich mitschwang. Eine zierliche Frau mittleren Alters betrat das Büro. Sie trug einen eleganten dunklen Reiseumhang und umklammerte eine Handtasche aus Leder, die ziemlich teuer aussah.
„Sind Sie U. Akrutat?“, fragte sie zögernd.
„Genau die“, antwortete Undine mit einem Tonfall, der deutlich machte, dass sie aktuell über diese Tatsache nicht sehr erfreut war.
Die Frau ließ sich davon nicht beirren. Sie kam einen Schritt näher und blieb unschlüssig auf halbem Weg zwischen Schreibtisch und Tür stehen. „Die Privatdetektivin?“
Undine nickte mit gequältem Gesichtsausdruck. Sie hasste diese Bezeichnung.
„Ich habe einen Auftrag für Sie. Es geht um meine Tochter.“
In Gedanken öffnete Undine bereits die Rumflasche. „Suche im Personenstandsregister fünf Galleonen, magisches Aufspüren zehn Galleonen, Hintergrundrecherche im Umfeld 25 Galleonen plus Spesen“, ratterte sie herunter.
„Das ist alles gar nicht nötig. Ich weiß, dass meine Tochter nicht mehr lebt. Und ich weiß auch, wer sie umgebracht hat.“ Tränen liefen der Frau jetzt über das Gesicht, doch ihre Stimme zitterte nicht.
„Und was kann ich dann für Sie tun?“
Die Frau straffte die Schultern, als müsse sie Kraft sammeln. Sie fixierte Undine mit einem entschlossenen Blick.
„Sie sollen den Kerl schnappen, der es getan hat.“
Undine seufzte. „Das nächste Aurorenbüro finden Sie im Wettloopsweg, es hat morgen ab acht Uhr geöffnet.“
Die Frau schien mit so einer Antwort gerechnet zu haben. Sie erwiderte nichts, zog lediglich ein zerknittertes Bild aus ihrer Handtasche.
„Vielleicht ändert das Ihre Meinung“, sagte sie und legte das Bild auf dem Tisch. Undine, auch nach all den Jahren nicht von ihrer angeborenen Neugierde geheilt, warf einen Blick darauf. Sie konnte nicht anders reagieren, als in Lachen auszubrechen. „So viel können Sie mir gar nicht bezahlen, als dass ich mich mit diesem Typen anlegen würde.“
Die Frau schien irritiert. „Man hat mir gesagt, dass Sie anders reagieren würden…“
Undine horchte auf. „Wer ist man?“
„Nun, man hat Sie mir empfohlen. Sagte mir, Sie wären eine Spezialistin auf Ihrem Gebiet.“ Ihre Stimme zitterte nun doch. „Und dass Sie sich der Sache auf jeden Fall annehmen würden, wenn Sie erfahren, dass er darin verwickelt ist.“
Undines Aufmerksamkeit war nun gänzlich nicht mehr dem nahenden Glas Rum gewidmet.
„Wer hat mich Ihnen empfohlen?“
Die Frau zögerte kurz. Ihr schien bewusst zu sein, dass sie erst jetzt Undines volle Aufmerksamkeit erlangt hatte.
„Laurente de Sagaire-Roux.“
Das verschlug Undine die Sprache.
„Surprise“, sagte das Porträt an der Wand mit französischem Akzent, sobald die Frau gegangen war und Undine ein deutlich größeres Glas Rum getrunken hatte als ursprünglich beabsichtigt. „Damit ‘ätte nun niemand gereschnet!“
„Du klingst, als freust du dich darüber“, sagte Undine und spielte mit dem leeren Glas. Es stand außer Frage, ein zweites einzuschenken, obwohl alles in ihr danach schrie.
„Das tue isch in der Tat. Es wird Zeit, dass du disch diesem Kapitel stellst, das ‘abe isch schon immer be’auptet.“
„Du hast gut reden“, antwortete Undine trotzig, stellte das Glas zurück in die Schublade und schob sie zu. „Du bist schließlich tot.“
Die Frau in dem Porträt zuckte mit den Schultern. Sie war in eine Ravenclaw-Uniform gekleidet, hatte dichte, kurz geschnittene Locken und schien die ganze Zeit zu grinsen. „Das war sehr taktlos“, sagte das Porträt von Laurente de Sagaire-Roux. „Aber du hast natürlisch rescht. Isch bin eindeutig tot. Wer ’at disch also dieser Frau empfohlen?“