Multiple Grid Theory
Unsere Ansichten und Überzeugungen führen oft dann zu Konflikten und Missverständnissen, wenn wir andere treffen, die widersprechende Überzeugungen haben. Doch was wäre, wenn wir eine Philosophie annehmen könnten, die uns erlaubt, verschiedene Perspektiven zu akzeptieren und zu verstehen, ohne in unüberwindbare Widersprüche zu geraten? Ich persönlich nutze dafür das Konzept der Grids und der Multiple Grid Theory. Ich möchte sie dir daher in diesem Post näher bringen.
Was sind Grids?
Um die Multiple Grid Theory zu verstehen, müssen wir zuerst verstehen, was Grids sind. Ein Grid ist ein Konstrukt oder Rahmen, durch den wir die Realität interpretieren und verstehen. Es ist das Produkt unseres konstruktiven Prozesses der Wahrnehmung und Interpretation, der von unseren kulturellen, sprachlichen und konzeptuellen Rahmenbedingungen geprägt ist.
Stellen Sie sich ein Grid wie ein Raster vor, durch das wir die Welt betrachten. Jedes Grid repräsentiert eine bestimmte Perspektive oder Sichtweise auf die Realität. Zum Beispiel könnte es ein wissenschaftliches Grid geben, das auf empirischen Beobachtungen basiert, oder ein religiöses Grid, das auf Glaubensüberzeugungen beruht.
In diesem Meme, das eigentlich dafür gedacht war, zu zeigen, wie irrational ein gewisses Grid ist (nämlich das der Verschwörungstheorie), kann man gut sehen, dass sich das zugrundeliegende „was ist“ nicht ändert, und aber die Wahrnehmung dessen. Hier sind also verschiedene Grids abgebildet. Für mich sieht übrigens nur eine Variante nach Spaß aus.
Die Multiple Grid Theorie
Die Multiple Grid Theorie besagt, dass zwei widersprechende Aussagen immer dann zeitgleich wahr sein können, wenn sie auf verschiedenen Grids liegen.
Ein Beispiel hierfür ist die biblische Schöpfungsgeschichte im Vergleich zur wissenschaftlichen Theorie (Big Bang + Evolution z.B.). Während das eine Grid die Welt als göttliche Schöpfung in sieben Tagen sieht, betrachtet das andere Grid die Welt als das Ergebnis eines langen evolutionären Prozesses.
Läge der Schöpfungsbericht auf dem selben Grid wie die wissenschaftliche Sicht, würden sie sich widersprechen. Mache ich aber ein zweites Grid auf, eines mit anderen Vorbedingungen, dann dürfen beide Berichte als wahr gelten. In dem Fall wäre z.B. ein spezielles mythisches Grid nötig.
Tatsächlich kann man den Schöpfungbericht sogar als eine Beschreibung der Entwicklung eines eigenen Grids betrachten. Gott eröffnet Widersprüche (Tag und Nacht z.B.) und erschafft daraus eine Sicht auf die Welt, die uns erlaubt, darin zu leben.
Dazu muss ich weder glauben, dass aus wissenschaftlicher Sicht jemals so ein Wesen existiert hat, noch muss ich das Grid gut finden. Aber ich kann darin eintauchen und für einen Moment diese Perspektive annehmen.
Und das ist die Multiple Grid Theory: Ich nutze mehrere Grids. Widersprüche sind okay – solange sie nicht auf dem selben Grid stattfinden.
Axiome
Jedes Grid, jede Weltsicht hat ihre eigenen Axiome. Das sind Aussagen, die einfach geglaubt werden müssen, die sich nicht anderweitig beweisen lassen. Beispielsweise müssen wir, um Wissenschaft betreiben zu können, glauben, dass Aussagen immer dann wahr sind, wenn sie mit empirischen Beobachtungen übereinstimmen. Diese Aussage selbst kann aber nicht als wahr identifiziert werden, ohne auf empirische Beobachtungen zurückzugreifen. Ich muss sie einfach annehmen.
Und da alle Axiome – bei jedem Grid, auch dem wissenschaftlichen – nicht bewiesen werden können, sind in Folge auch alle darauf basierenden Behauptungen nur innerhalb des Grids gültig. Außerhalb des Grids haben sie keinen Wahrheitswert. Eine wissenschaftlich korrekte Aussage hätte daher innerhalb des mythischen Grids keine Bedeutung, und umgekehrt.
Außerdem gilt: Aussagen, die auf den selben Axiomen basieren, liegen auch auf dem selben Grid.
Schlussfolgerungen
Spätestens seit Hegel versuchen wir das eine Grid zu finden, die unified theory of everything, in dem alle Widersprüche aufgelöst sind und mit dem wir das, was ist, unmittelbar begreifen können. Ich halte das für sinnlos. Jede Aussage, die ich mache, erzeugt automatisch ihren Widerspruch. Das kann ich im Schöpfungsbericht beispielsweise sehen: Gott erschafft das Licht, und damit ist auch die Dunkelheit definiert. Die Welt scheint in sich widersprüchlich zu sein.
Problematisch ist es, wenn wir das Grid mit dem „was ist“ gleichsetzen und nicht mehr akzeptieren, dass es sich um eine limitierte Sicht handelt. Beispielsweise können wir an der Kriminalgeschichte des Christentums sehen, wie sich das da ausgewirkt hat. Andererseits hat auch die Wissenschaft ihre Geschichte – bis heute werden Gruppen wie POC, Frauen, Behinderte und Kinder marginalisiert, weil angeblich ihre Gehirne nicht ausreichend entwickelt seien. Wir wissen mittlerweile, dass es so etwas wie ein „entwickeltes Gehirn“ nicht gibt. Mein Punkt ist hier nicht, dass die Wissenschaft sich geirrt hat – das ist gewollt und Teil des Lernprozesses. Mein Punkt ist, dass wir, wenn wir Wissenschaft als Sicht auf die Welt, die falsch sein kann, oder unscharf, oder unklar, wenigstens aber auf unbelegten Axiomen basierend begreifen, bescheidener sind. Ich jedenfalls würde niemanden wegen eines starken Verdachts klein halten, marginalisieren. Wissenschaft als „einzigen Weg zur Wahrheit“ oder gar als „die Wahrheit“ zu betrachten, erscheint mir als genau so problematisch wie es das beim Christentum war.
Wir alle raten uns durch die Welt. Für mich heißt das, ich kann mir und anderen mit mehr Mitgefühl begegnen. Die sind auch nicht schlauer als ich - und ich bin nicht schlauer als die.














