Unser Abschlussbericht für das STADTDENKER-Projekt an der Flensburger Hafenspitze: http://www.flensburg.de/PDF/Hafenspitze_Abschlussbericht.PDF?ObjSvrID=2306&ObjID=3105&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1476086341
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@die-stadtdenkerei
Unser Abschlussbericht für das STADTDENKER-Projekt an der Flensburger Hafenspitze: http://www.flensburg.de/PDF/Hafenspitze_Abschlussbericht.PDF?ObjSvrID=2306&ObjID=3105&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1476086341
Ein Rahmen muss her, eine Basis für das ganze Mobil: Wir bauen einen circa 185x185 cm großen Rahmen aus Kanthölzern (6x6 cm); die Ecken steifen wir mit Winkeln aus, das reicht für’s Erste. Das Kantholz, das innerhalb des Rahmens liegt, markiert die Breite des für problemloses Treten der Pedale vorgesehnen Loches.
Wir bauen die Plattform, auf der später Fahrgäste und/oder Lasten spazierengefahren werden können. In diesem Fall haben wir uns für 12 mm starke OSB-Platten entschieden. Die haben Nut und Feder, was an den Stößen für Stabilität sorgt. Wir sägen die Platten zunächst so zurecht, dass sie auf den Rahmen passen und Raum lassen für den Fahrradantrieb; dann befestigen wir sie mit Schrauben auf dem Rahmen.
Für zusätzliche Stabilität schrauben wir Dachlatten (3x5 cm) von unten gegen die Platten. Diese werden so biegesteifer, die ganze Konstruktion gewinnt an Robustheit.
Es folgen die Räder: in Ermangelung »echter« Schienenräder bauen wir uns eine Hilfskonstruktion. Zusätzlich zu den Laufrädern, die wir so fertig im Baumarkt erstehen konnten und die später auf den Gleisen rollen sollen, befestigen wir kleine Rollen an Winkeln, die wiederum am Rahmen angebracht werden: diese sind dazu vorgesehen, unser Gefährt in der Spur zu halten; sie drücken von innen gegen die Seite der Schienen.
Als Antrieb dient uns ein altes Fahrrad. Wir bauen das Vorderrad mitsamt Schutzblech und Bremse aus, auch den Ständer brauchen wir nicht.
Um das modifizierte Fahrrad ausreichend befestigen zu können, benötigen wir zunächst ein Auflager für die Vorderachse. Wir bauen uns aus Plattenresten und Dachlatten einen Bock, verschrauben die einzelnen Teile und messen aus, auf welcher Höhe die Vordergabel des Fahrrades sitzen soll.
Nun wird ein Loch durch den Bock gebohrt, durch das der Stift geführt werden kann, der am Ende die (feststehende) Vorderachse des Fahrrades darstellt. Voilà: An einem Punkt ist unser Antrieb nun schon mit der fahrbaren Plattform verbunden.
Um das Hinterrad, das auf einer Schiene aufliegt und ein entscheidender Teil des Antriebs ist, in der Spur zu halten und das Kippen des Fahrrades zu verhindern, stellen wir eine zweite Verbindung zur Plattform her. Ein Stahlrohr durchbohren wir an beiden Seiten quer zur Achse. Wir nehmen uns zwei Klötze, zwischen denen das Stahlrohr auf der einen Seite eingespannt wird; gehalten wird dieses Konstrukt durch eine Schraube, die durch alle drei Komponenten geschoben und mit Muttern fixiert wird. Am anderen Ende des Rohres befestigen wir eine Rohrschelle.
Die Klötze, zwischen denen das Stahlrohr klemmt, wird auf die Plattform geschraubt. Die Rohrschelle bringen wir an der Sattelstange an. Nun kann das Fahrrad nicht mehr kippen, auch rutscht das Antriebsrad nicht mehr so einfach aus der Spur (und vom Gleis).
Ganz stabil ist der Antrieb noch nicht: vor allem unter Belastung, also bei starkem Treten der Pedale, rutscht das Antriebsrad von der Schiene. Wir befestigen Lochbänder an beiden des Fahrradrahmens und verbinden sie mit der Plattform, sodass das Wegrutschen des Rades minimiert wird.
Für eine möglichst langlebige Konstruktion sind die Rollen entscheidend: wir haben mit Baumarktrollen gearbeitet, die vor allem aus Plastik und Hartgummi bestehen – und bei längeren Fahrten (es entsteht Hitze!) oder großen Lasten leider schnell in die Knie gehen. Empfehlenswert sind Schienenrollen; die sind aus Metall und äußerst stabil.
Damit das Fahren nicht zu anstrengend wird, empfiehlt es sich, ein Fahrrad mit sehr kleiner Übersetzung zu verbauen: im ersten Gang wird die Fahrt zwar nicht exorbitant schnell, dafür kann sie auch mit Mitfahrenden fortgesetzt werden – selbst, wenn eine Steigung auf der Strecke liegt!
Auch die Größe des Fahrradrahmens ist nicht unwichtig: je größer der Rahmen, desto höher befindet sich die Achse über dem Sockelbau. Ist der Abstand zwischen Basis und Achse groß, nimmt die Gefahr des Kippens und des seitlichen Ausscherens zu – je kleiner das Fahrrad ist, desto stabiler wird die Angelegenheit.
Diverse Optionen sind es auch wert, ausprobiert zu werden:
Eine Plattform mit zwei Fahrrädern – entweder fahren die in die gleiche Richtung, was die Geschwindigkeit steigert und den Kraftaufwand schmälert. Oder sie werden in entgegengesetzter Richtung angebracht, damit die Draisine bei einem Richtungswechsel nicht aus den Schienen gehoben werden muss.
Ein fester Antrieb – der Antrieb könnte, ganz wie beim Tretboot, auch fixiert werden: das ist äußerst stabil und garantiert, dass das Antriebsrad nicht von der Schiene rutscht.
Eine Draisine für alle – zahlreiche Fahrräder verfügen über eine Schnellspanner-System, mit dem die Laufräder in Sekundenschnelle ausgebaut werden können. Entwickelt man ein System, das auf diesem Mechanismus beruht, könnte theoretisch jedes Fahrrad mit Schnellspannern als Antrieb für die Draisine benutzt werden.
Rückeroberung des vergessenen Stadtraums
Die Bahndämme, die nach Süden hin aus dem Flensburger Hafengebiet führen und die Hafenspitze vor den mehrspurigen Straßen in westlicher, südlicher und östlicher Richtung abschirmen, liegen wie vergessen inmitten der Stadt. Während sich die Autos auf dem Hafendamm und der Norderhofenden wie an einer Perlenkette dicht an dicht reihen und auf der staubigen Fläche der Hafenspitze rege Betriebsamkeit herrscht, scheinen die Bahndämme, durch Baumbewuchs und die Böschung zu jeweils beiden Seiten hin geschützt, einen Dornröschenschlaf zu schlafen.
Auf einem unserer Spaziergänge durch Flensburg folgten wir den Gleisen vom Hafen aus gen Süden, überquerten dabei vier Brücken und durchschritten zuletzt eine Unterführung. Wir liefen im Gleisbett, tänzelten von Schwelle zu Schwelle und balancierten auf den Schienen. Wir genossen Ausblicke aus dem ungenutzten Raum, wo wir Brücken überquerten, an denen der Sichtschutz der Bäume unterbrochen war; bestaunten Einblicke in das städtische Leben, wie man sie von den Vorder- und Straßenseiten aus nicht haben kann; freuten uns an Street-Art und romantischen Botschaften, die im Laufe der Jahre vor allem an den Brücken angebracht worden waren. Die Bahndämme, die sich so mitten in der Stadt befinden und dennoch so außerhalb des Fokus’ der Flensburgerinnen und Flensburger zu liegen scheinen, haben es uns sofort angetan: das Verwunschene, scheinbar Abgelegene, das Verlassene, Verfallende, das latent Gruselige, das irgendwie Verbotene – dieser Ort bietet Inspiration für eine ganze Sammlung von Geschichten und Erzählungen!
Stadt lebt von Bewegung. Aus dem Stand lassen sich nicht die vielfältigen Perspektiven entdecken, die Kontraste spüren, die unterschiedlichen Straßen, Quartiere, Stadtteile erfahren. Die Schienen auf den Bahndämmen standen einst für Bewegung, für verladene Güter, für Handel, für Betriebsamkeit, für die große, weite Welt. Wie schön und wie angemessen wäre es – dachte wir uns –, könnten wir diesem toten Winkel Flensburgs wieder Leben einhauchen, Leben und Bewegung! Wir hatten von Radwegträumen gehört, von nicht zu Ende gebrachten Diskussionen, von Ansätzen, die unterwegs irgendwo versandet waren und ihre Existenz als verblassende Erinnerung fristen. Und uns wurde mit einem Schlag klar: es ist alles bereit! Der Ort ist wie dafür geschaffen, die Ideen wurden schon ausgesprochen – was soll uns davon abhalten, die Gleise tatsächlich wieder in Betrieb zu nehmen? Als Radwanderweg, Promenade, Aussichtspunkt, Laufsteg, Abkürzung, Treffpunkt, Stadtgarten, Abenteuerspielplatz!
Am zweiten Abend unseres einwöchigen Aufenthaltes, montags, war das – und was war das für ein schöner Augenblick des gedanklichen Erwachens! Uns schwebte vor, wie wir die Gleise bis zum Ende unseres Aufenthaltes vom Bewuchs befreien würden, um längere Streckenabschnitte zurücklegen zu können, ohne entwurzelten Bäumen und wuchernden Hecken ausweichen zu müssen. Im Hinterkopf, da bin ich mir sicher, schwebte bereits bei uns allen die vage Idee eines Schienenfahrzeugs, mit dem wir die Bahndämme erobern würden! Dennoch dauerte es noch geschlagene drei Tage, bis die Idee erstmals ausgesprochen und eine kurze Planungsphase eingeläutet wurde: beim Tüfteln am Programm für den #Brückentag stand der Draisinen-Gedanken auf einmal im Raum, war zum Greifen nah und für alle Anwesenden gut vorstellbar.
Kurze Bildrecherchen im unzeitgemäß langsamen Baucontainer-Internet und erfolglose Bauplan-Suchen führten bei uns zu der Gewissheit, das Gefährt selbst konzipieren zu müssen, mit den Materialien, die in jedem Baumarkt zu haben sind. Die Vorlaufzeit war inzwischen eindeutig zu kurz geworden, um geeignete Schienenräder aufzutreiben, innerhalb von 24 Stunden wollten wir unseren Protoyp auf dem Gleis stehen haben!
Der Freitag, Anfang der Woche intern zum #Brückentag auserkoren und als angemessener Rahmen für die Draisinen-Sache angedacht, begann mit allerlei Überlegungen und Kopfzerbrechen, wie so eine Draisine am günstigsten und einfachsten zu konzipieren sei. Doch es half alles nichts: die Zeit drängte unerbittlich, der #Brückentag war längst angebrochen, und wir mussten unseren Ideen und Träumereien Taten folgen lassen!
Nach einem ausgedehnten Baumarktbesuch ließen wir uns mit den Ausgangsmaterialien an unseren Containern an der Hafenspitze nieder und begannen mit der Handarbeit: das Fahrrad, das uns als Antrieb dienen sollte, hatten wir von einem Fahrradladen gespendet bekommen; Werkzeug wurde uns von Flensburgerinnen und Flensburgern geliehen – es war alles da, um unser Projekt zu verwirklichen!
Bald verlagerte sich der Arbeitsraum von der Hafenspitze auf den Bahndamm. Hier wurden wir beinahe permanent neugierig gemustert, befragt und durchaus auch tatkräftig unterstützt. Das Interesse an der Wiederbelebung der Bahndämme durch die Einführung einer Draisinen-Linie war enorm – wie gerne hätten wir diese Aktion früher beschlossen, um im großen Stil zum gemeinsamen Draisenbau-Workshop aufzurufen!
Wenig überraschend ging nicht unser gesamter Plan auf: der Bau der Draisine dauerte länger als erwartet, die Stabilität des Gefährts ließ zunächst zu wünschen übrig. Doch konnten wir den Samstagvormittag nutzen, um einige Kleinigkeiten zu verbessern – und schließlich war unser Fahrzeug bereit für seine Jungfernfahrt! Es wurde ausprobiert, gestaunt, fotografiert. Eine Zeitlang nutzten Kinder und Jugendliche das Gefährt für das erste Flensburger Draisinen-Zeitfahren (der Welt!), über mangelnde Aufmerksamkeit konnte sich der Schienenbetrieb sicherlich nicht beklagen!
Doch schon am späten Nachmittag rächte sich die kurze Vorlaufzeit: die Gummirollen hielten der Beanspruchung nicht mehr stand, Gewicht und Reibungshitze wurden zuviel: als wir die beiden Container der Stadtdenkerei ihrer silber-orangenen Verkleidungen entledigt hatten, war die Draisine nur noch sehr bedingt fahrtüchtig. Dennoch: der Schienenfahrzeug-Crashkurs war ganz bestimmt nicht umsonst – sein Ergebnis war ein erster Prototyp, der so lange weiterentwickelt und verbessert kann, bis Draisinenfahrten entlang der Hafenspitze und Richtung Weiche am Südrand des Stadtgebietes eine Flensburger Selbstverständlichkeit sein werden! Die Erkenntnis, dass das tatsächlich machbar und mit etwas gemeinsamer Anstrengung, geringem Materialaufwand und gutem Willen zu erreichen ist, lässt sich nach unseren ersten Geh- beziehungsweise Fahrversuchen auf diesem Terrain nicht von der Hand weisen. Und: Spaß machen das Planen und das Bauen garantiert – ganz zu schweigen von dem Glücksmoment, wenn sich das Fahrzeug tatsächlich fortbewegen lässt
Fazit
Unsere Aktionswoche an der Flensburger Hafenspitze ist am Samstag zu Ende gegangen. Wir blicken auf eine tolle Woche zurück, die wir an einem traumhaft schönen Ort mit wahnsinnig netten Flensburgerinnen und Flensburgern verbracht haben, die uns sehr ans Herz gewachsen sind. Wir sind auf unglaubliche Hilfsbereitschaft gestoßen und haben uns sehr über das Vertrauen gefreut, das uns entgegen gebraucht worden ist.
Wir haben während unserer Aktionswoche mit vielen Bürgern gesprochen und haben viel über die Stadt erfahren. In den ersten Tagen wurde viel gemeckert. Die Flensburgerinnen und Flensburger kamen gezielt, um Dampf abzulassen und ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Nachdem der Zulauf der „Wutbürger“ nach zwei Tagen nachließ, haben wir uns weiter auf den Platz hinaus gewagt und haben Bürger angesprochen, die nicht von selbst auf uns zukamen. Zu unserer Überraschung waren auch sie wütend. Insgesamt haben wir in den Gesprächen jedoch festgestellt, dass ihre Wut sehr häufig undifferenziert war und gar nicht klar war, gegen wen sich die Kritik tatsächlich richtetet – gegen den Bürgermeister? Die Politik? Das Planungsamt? Es wurde aber auch explizite Kritik am Planungsamt laut. Es seien zu viele Projekte und Aktionen, die durchgeführt würden – am Ende folge aber nichts daraus, haben wir oft gehört. Aktueller Aufreger war das Verhalten der Stadt in Bezug auf die Harniskaispitze, aber auch das Projekt an der Schiffbrücke, in dem 13 Parkplätze temporär zweckentfremdet werden sollen, wurde immer wieder ins Feld geführt. Auch wir als STADTDENKEREI waren zum Teil massiver Angriffe ausgesetzt, da wir von der Stadt beauftragt und als weiteres „sinnloses Projekt“ angesehen wurden. Es gab aber auch andere Stimmen, so z.B. äußerte ein Bürger, dass es möglicherweise auch an den Flensburgern liegen könne, dass so viel gemeckert werde, und dass insbesondere das Planungsamt „gar nicht so verkehrt“ sei. Den Eindruck hatten wir tatsächlich auch. Die Stadt sollte sicherlich aufpassen, sich nicht in Aktionen zu verzetteln. Sie sollte darauf achten, dass am Ende auch das Engagement der Bürger belohnt wird und etwas Konkretes aus den Aktionen hervorgeht (also künftig keine STADTDENEREI mehr!). Wir fordern aber auch die Bürger zu etwas mehr Nachsicht gegenüber der Stadt auf! Wir haben festgestellt, dass außergewöhnlich viele Mitarbeiter der Stadt aus allen erdenklichen Bereichen bei uns waren und sich für unsere Arbeit interessiert haben. Und insbesondere das Planungsamt, das uns engagiert hat, macht einen sehr ambitionierten und engagierten Eindruck. Es ist ein junges Team, das Sachen ausprobieren und anders machen will. Man muss ihnen aber auch die Chance dazu geben!
Über die Hafenspitze, um die es uns ja in erster Linie ging, wurde ebenfalls viel gemeckert. Ziel unserer einwöchigen Aktion war es, mit den Bürgern der Stadt ins Gespräch über die Anlage zu kommen. Es ging noch nicht darum, Vorschläge oder Gestaltungswünsche abzurufen, sondern zunächst einmal darum, einen liebevollen Blick auf das zu richten, was da ist, und zu gucken, was funktioniert, was vielleicht auch schützenswert ist. Dieser unbebaute, freie Platz mitten im Herzen der Stadt ist ein enormer Luxus. Er kann von allen Bürgern angeeignet werden, wird zum Spielen, aber auch zum Feiern genutzt, dient als Raum für Veranstaltungen und bietet einen wunderschönen Blick auf die Förde und die Altstadt. Die größte Gefahr – zu dem Ergebnis sind wir gekommen – besteht darin, dass die seit 20 Jahren stillgelegten Bahndämme, die die Hafensitze umschließen, niedergelegt werden, wie beispielsweise Henri Bava, der letzte der fünf Flensburger Stadtdenker, es vorschlägt. Natürlich würde davon der südlich angrenzende Stadtraum sehr profitieren, da der Hafen früher sichtbar würde. Für die Hafenspitze wäre dieser Eingriff jedoch verheerend. Sie würde nicht davon profitieren, wenn der südliche Stadtraum mit seinem großen Stadtbausteinen, dem vielspurigen Verkehr und dem ZOB mit einem Mal sichtbar würde. Außerdem bringen die Bahndämme Grün mitten ins Herz der Stadt. Wir empfehlen, die Dämme unbedingt zu erhalten und sie umzunutzen – als Fahrradweg, Fußgängerpromenade, Draisinenstrecke oder wie auch immer.
Flensburg ist eine wunderschöne Stadt und die Hafenspitze ein fantastischer Ort!
Was wir gemacht haben...
Zum Auftakt hatten wir die Flensburgerinnen und Flensburger dazu aufgerufen, den fünf Ortsunkundigen unter uns die Stadt zu zeigen. Zu unserer großen Freude kamen tatsächlich sehr viele, so dass Simon, Carina, Dörte, Luisa und Constantin jeweils getrennt von drei bis fünf Bürgern geführt werden konnten. Die Routen waren zum Teil überraschend – alle aber sehr spannend. Durch diese Aktion haben wir innerhalb kürzester Zeit einen Einblick in die aktuellen politischen Themen und Auseinandersetzungen bekommen haben, was daran lag, dass sich die Stadtführer ja auch untereinander zunächst mal verständigen und einigen mussten.
Am Montag, unserem zweiten Tag, haben wir mittags eine interessante Führung von Stefanie Hagen bekommen. Sie ist Stadtplanerin und arbeitet für den städtischen Sanierungsträger FGS an einer „Vorbereitenden Untersuchung Hafen Ost“ und hat uns einen Einblick in die aktuellen Themen und Überlegungen der Stadt gegeben. Wir sind auf bizarre Rätselhaftikeiten wie die „Europawiese“, aber auch jede Menge Potential für künftige Entwicklungen gestoßen und sind gespannt, was aus der Harniskaispitze werden wird.
Nachmittags ist ein Teil unserer Gruppe mit Kay Peters unterwegs gewesen. Kay ist Vorsitzender des Vereins Klassische Jachten und Tischler im Hafenwerk. Diesmal haben wir die westliche Hafenseite unter die Lupe genommen, haben aber auch noch mal einen wunderbar gemäßigten Einblick in die Auseinandersetzung zwischen Stadt und Wagenburg an der Harniskaispitze erhalten. Bis auf Kay, so haben wir festgestellt, haben alle in der Stadt, die wir gesprochen haben, stark polarisiert und haben entweder mit der einen oder anderen Seite sympathisiert.
Abends sind wir zu einer ersten eigenen Entdeckungstour aufgebrochen und sind den Bahndamm abgelaufen, so weit wir kamen. Ungefähr auf Höhe Schleswiger Straße haben uns umgestürzte Bäume zur Umkehr gezwungen. Es war ein ausgesprochen inspirierender Spaziergang. Es lag eine wunderschöne, fast verwunschene Atmosphäre über dem Bahndamm, und wir haben die unerwarteten Ein- und Ausblicke genossen. Insbesondere die Brücken, die uns wie echte Logenplätze erschienen, haben es uns angetan. Während des Spaziergangs ergab ein Wort das andere und so kam es, dass bereits am Montagabend die Idee stand, den Brückentag (nach Himmelfahrt) zum #Brückentag zu deklarieren. Bereits am Mittwoch haben wir den Bahndamm zum Botanischen Garten Flensburgs erklärt und haben mit der Hilfe einer pflanzenkundigen Flensburgerin, Sabine Almenritter, Flora und Fauna entlang der stillgelegten Strecke erkundet. Am #Brückentag haben wir, wie es in Botanischen Gärten üblich ist, einen beschilderten Lehrpfad angelegt, der auf die Pflanzen aufmerksam macht, die heimisch geworden sind. Andere Aktionen an dem Brückentag waren die Seifen-Station für Kinder auf der Brücke über dem Hafendamm.
Hier hatten Kinder die Möglichkeit, zusammen mit Mareike Franke, der Inhaberin der Kreativwerkstatt „meerspurig“, Seife zu machen, während Eltern und Großeltern sich den außergewöhnlichen Ort aneignen und genießen konnten. Abends hat Torben Dittmar vom Chaostreff Flensburg die Brücke auf ihrer Innenseite mit Lichtgraffiti bespielt. Wir haben unsere Biertische und -bänke unterhalb der Brücke, die wir ja als Golden Gate Bridge deklariert hatten, direkt in den Eingang zur Hafenspitze gestellt und haben den Anblick genossen. Es war ein Effekt mit einer erstaunlichen Wirkung. Der ZOB und das ehemalige Grandhotel im Hintergrund wirkten plötzlich sehr urban – das Szenario hätte sich auch in New York abspielen können. Der Höhepunkt des Brückentags war jedoch der Bau unserer Draisine...
Die STADTDENKEREI arbeitet immer mit einem liebevollen Blick von außen, und versucht, die Wahrnehmung aufzubrechen und zu verändern. Es geht darum, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was im Alltag übersehen wird, unbeachtet bleibt oder nicht betrachtenswert erscheint. Wir bieten alternative Stadtwanderungen an und nutzen spielerischen Methoden, um die Wahrnehmung zu verändern. Wann immer es möglich ist, verzichten wir darauf, zu informieren oder zu belehren – im Zweifelsfall greifen wir lieber zu fiktiven Geschichten und anderen kleinen Verfremdungen. Das haben wir auch in Flensburg an der Hafenspitze gemacht. Einen ersten Denkanstoß hatten wir bereits bei unserer Ankunft im Gebäck: Eine Postkarte, auf der wir die Brücke über dem Hafendamm einem „Reframing“ unterzogen haben, wie die Psychologen so einen Akt der Umdeutung bezeichnen. Wir haben sie vergoldet und zur Flensburger Golden Gate Bridge deklariert. Würde man die funktionslos gewordene Brücke als „Tor zur Hafenspitze“ inszenieren, wäre das auch eine Möglichkeit, den Hafen schon früher im südlich anschließenden Stadtraum sichtbar zu machen und auch eine Verbindung zwischen Rathausstraße und Hafenspitze zu schaffen. Mit Hilfe dieses Denkanstoßes haben wir viele Gespräche eröffnen und auch Bürgerinnen und Bürger zum Schmunzeln bringen könne, die zunächst einmal weniger positiv gestimmt waren.
Als sehr wirkungsvolles Instrument haben sich auch unsere Spielkarten erwiesen, die wir die Bürger haben ziehen lassen. Sie enthielten mehr oder weniger abstrakte Aufträge – z.B. „benennen Sie drei Dinge, die Ihnen noch nie aufgefallen sind!“ oder aber auch „Stellen Sie sich vor, die Hafenspitze wäre ein Mensch. Wie sieht er aus? Wie ist er gekleidet, wie alt ist er?“ Diese Karte war insbesondere interessant, wenn die Leute sich zuvor über die Hafenspitze aufgeregt hatten. Wir bekamen Dinge zu hören wie „sieht älter aus als sie ist!“, „“zu viele Falten für ihr Alter“ oder „es ist ein Arbeiter, der ein Leben lang geschuftet hat“. Übereinstimmend wurde gesagt, dass er oder sie nicht besonders gut gekleidet sei – aber spätestens wenn wir nach seinem oder ihrem Wesen gefragt haben, wurden die Antworten eigentlich immer (auch zur Überraschung unserer Gesprächspartner) erstaunlich positiv: „sie ist weltoffen“, „er hat ein freundliches, offenes Wesen“, „sehr angenehm“, „bodenständig“ usw. Interessant waren auch die Antworten auf die Frage: „Sehen Sie sich die Hafenspitze an und stellen Sie sich vor, sie hätten die gesamte Anlage entworfen. Begründen Sie, warum die Hafenspitze so aussieht wie sie aussieht!“ Nur einer unserer vielen Gesprächspartner blieb in seiner negativen Auffassung und sagte, dass mehr einfach nicht drin gewesen sei, da er einfach kein Geld für die Planung zur Verfügung hatte und sich daher auch keine Mühe gegeben habe. Die meisten konnten über diesen kleinen Trick dazu gebracht werden, sich die positiven Anlagen des Platzes zu vergegenwärtigen und damit anzugeben.
Auch unsere Spiele „Titelbilder“, „Da ist was – was ist denn das?“ und die „Schnipseljagd“ für Familien zielten darauf ab, die Wahrnehmung zu schärfen und unter veränderten Vorzeichen die Hafenspitze und ihre unmittelbare Umgebung, in die sie eingebettet ist, genau zu betrachten. Mit der Nachtwanderung „Unter dem Pflaster die Förde“ haben wir den Bereich der Hafenspitze radikal in den südlichen Stadtraum bis zur Angelburger Straße ausgedehnt. Heute erscheinen die östlichen Altstadtgebiete merkwürdig abgetrennt und unverbunden zu der westlichen Altstadt. Das liegt daran, dass ursprünglich der Hafen die natürliche Verbindung war. Und wie natürlich sich Hafen und Altstadt miteinander verbinden, lässt sich ja von der Hafenspitze aus gut erkennen: Hafen und Stadt verbinden sich organisch miteinander und bauchen keinerlei Überleitung. Dieser vermittelnde Raum, der sich mit allem verbindet, fehlt heute südlich der Hafenspitze. Eine echte Chance, diese Verbindung zumindest symbolisch wieder herzustellen, bietet der stillgelegte Bahndamm. Er hat sich zu einem ungeplanten Grünraum entwickelt. Durch die herausgehobene Position ergibt sich ein Überblick, der auch vermittelnd wirkt. Um das zu veranschaulichen haben wir ihn zum Botanischen Garten Flensburgs erklärt, haben die Brücken bespielt und eine Draisine gebaut. Innerhalb von 24 Stunden wurden aus der Idee Konstruktionszeichnungen und aus den Konstruktionszeichnungen innerhalb weniger Stunden eine fahrende Draisine! Dass Architekten gerne Bilder hinterlassen, ist bekannt – normalerweise werden sie mit Photoshop digital erzeugt. In diesem Fall ist jedoch ein echtes, funktionsfähiges Objekt entstanden. Viele Bürger waren überrascht und teilten uns mit, dass sie sich seit Jahren mit der Idee tragen, eine Draisine zu bauen oder ihren Bau zu fordern. Staunend konnten sie dabei zusehen, wie die Idee innerhalb von nur 24 Stunden realisiert wurde!
Unsere Empfehlung: erweitern Sie die Hafenspitze mithilfe des Bahndamms Richtung Süden. Machen Sie ihn zugänglich als Fahrradweg, Fußgängerpromenade oder ähnliches! Der Bahndamm – so sehr er auf den ersten Blick die Stadt in eine Ost- und eine Westhälfte teilt, hat das Potential ein Bindeglied zu werden!
Streetart am Brückentag
Meistens sind es die kleinen Geschichten, die so eine Stadtdenkerwoche zu etwas ganz Besonderem machen – das haben wir schon in Paderborn erlebt. Das Schönste, was mir während der Zeit in Flensburg passierte, war eine Begegnung mit einer älteren Dame, die am Freitag zur STADTDENKEREI kam und sich bitter über uns beschwerte – besser gesagt über unsere „Schmierereien“, die wir auf den Stufen vor dem Margarethenhof hinterlassen hatten. Wir saßen gerade alle draußen – Constantin und Simon werkelten an der Draisine, wir anderen bastelten an den Schildern für den Botanischen Garten – es war ja „#Brückentag“, und es war viel zu tun.
Schuldbewusst habe ich ihr erklärt, was es mit der gesprühten orangefarbenen Linie, die einmal über den ganzen Platz lief, auf sich hatte – dass nämlich das der ursprüngliche Verlauf der Hafenkante im Mittelalter gewesen sei. Ich habe ihr erklärt, dass wir am Mittwochabend im Schutz der Dunkelheit mit ca. 35 Flensburgerinnen und Flensburgern unterwegs waren usw. Ich habe erklärt, dass es sich um Kreidespray handelt, das nach ca. vier Wochen nicht mehr sichtbar sein werde und habe ihr auch erklärt, dass wir die Sprühdosen aus der Hand gegeben hatten und die Bürger auch ein bisschen albern und ungestüm gewesen seien, wodurch die Linie nicht ganz gerade geworden sei. Das verstand sie alles – in Ordnung fand sie es jedoch nicht. Ich habe daraufhin zu unserer Golden Gate-Postkarte gegriffen und ihr erklärt, wie wir arbeiten. Ich habe ihr erklärt, dass wir zu kleinen Abstraktionen und Verfremdungen greifen usw. Da musste sie schon ein bisschen schmunzeln und fand uns gar nicht mehr so schlimm – aber in Ordnung fand sie unsere „Schmiererei“ trotzdem nicht. Ihre Sorge war, dass sich dadurch weitere Graffiti-Schmierer ermutigt fühlen könnten, ebenfalls ihre Zeichen und Krizeleien zu hinterlassen – sie hätten damit ein echtes Problem. Ich konnte das durchaus nachvollziehen. Unser Gespräch nahm dann einen Schlenker; wir sprachen über Graffiti und schließlich auch Streetart. Auf das Stichwort „Streetart“ hin stutzte sie plötzlich und sagte: „ An der Brücke hinter der Angelburger Straße ist so ein großer Kalk-Sinterfleck. Ich laufe seit Jahren dort vorbei. Er sieht aus wie ein Troll – er bräuchte eigentlich nur Augen – im Prinzip ist er schon da!“ Da wurde ich hellhörig – Brücke – #Brückentag – „Was haben Sie gesagt? An einer Brücke? Was ist das für ein Fleck? Wie groß ist er? Könnten Sie sich vorstellen, mit mir hinzugehen und die Augen zu malen?“, fragte ich sie. Um Gottes Willen – sie war total empört! „Das geht doch nicht, da sind doch so viele Leute… aber“, sie stutze wieder, „ich laufe seit Jahren daran vorbei und eigentlich ist er schon da der Troll...“ Als ich ihr vorschlug, das Ganze mit Wasserfarben zu malen, fiel ihr Entschluss: „Nein, ich habe Acrylfarben! Ich muss noch eben ein paar Besorgungen machen und komme dann wieder!“
Sie ist tatsächlich wiedergekommen! Sie ist mit mir zu der Brücke (Heinrichstraße) gegangen und hat den Troll vervollständigt – ganz leicht nur, so dass es kaum auffällt. Sie wusste ganz genau, was zu tun war. Für sie war der Troll schon lange da – sie brauchte wirklich nur wenige Pinselstriche, um ihn sichtbar zu machen. Es war auch kein Pinselstrich zu viel – sie wusste was sie tat und hatte sichtlich Spaß dabei.
Diese Geschichte führt noch einmal wunderbar vor Augen, wie die STADTDENKEREI arbeitet: Wenn Bürger kommen, um sie über die Gestaltung oder Nichtgestaltung der Hafenspitze aufzuregen, werden sie, bevor sie recht verstehen, was geschieht, dazu gebracht, ihr etwas Positives abzugewinnen. Kommt jemand, um sich über unsere Kreideschmierereien zu beschweren, wird er nach einem kurzen Gespräch dazu gebraucht, mit Acrylfarbe öffentlich Wände im Stadtraum zu bemalen…
Die Jungfernfahrt unserer Draisine am Samstag, den 7. Mai in Flensburg an der Hafenspitze...
Eine Woche lang haben Stadtdenker und Bürger über die Gestaltung der Fördestadt gegrübelt – und sich allmählich angenähert
Die Draisine ist fast fertig. Um 21Uhr ist Jungfernfahrt! Weitere Testfahrten sind morgen um 11Uhr bei unserer Abschlusspräsentation.
Morgen um 11 Uhr findet unsere Abschlusspräsentation an der Hafenspitze statt.
NACHTWANDERUNG: UNTER DEM PFLASTER DIE FÖRDE.
Am Mittwochabend haben wir uns mit ca. 35 Gästen auf die Spuren des mittelalterlichen Verlaufs der Förde begeben. Da wir es als Stadtdenker nach Möglichkeit immer vermeiden, die Bürger zu informieren und zu belehren (das können die ortsansässigen Hobby-und Profihistoriker viel besser) und stattdessen, wann immer möglich lieber zu fiktiven Geschichten greifen, haben wir eine imaginäre mittelalterliche Bootsfahrt im Schatten der Dunkelheit vorgenommen. Wir haben ausgespäht, wo man sicher an Land gehen kann, und haben unserer „Nachhut“ Markierungen hinterlassen. Gestartet sind wir am Schiffbrückplatz bzw. in der Speicherline und sind, wann immer es möglich war, so nah wie möglich ans Ufer herangerudert. Wenn die Küstenlinie zu gut gesichert war durch Küstenwache (Polizeistation Norderhofenenden) oder feindliche Galeeren (Holmpassage, Karstadt-Parkhaus oder die Flensburg Galeer(i)e) und es ratsam erschien, einen größeren Abstand zum Ufer zu halten, haben wir das getan. Ansonsten sind wir, wann immer es möglich war, an Land gegangen und haben den Zugang mit einer orangefarbenen Linie und unserem Logo (DIE STADTDENKEREI) markiert. Wir haben in den Mühlenteich geguckt, und sind dann auf der östlichen Fördeseite entlanggeschippert und haben einen längeren Landgang im Johannisviertel gewagt…
Wo immer Sie heute eine mit STADTDENKEREI beschriftete orangefarbene Line finden, wissen Sie, dass hier die die alte Hafenkante verlaufen ist! Sie ist in vielen Hinterhöfen aber auch noch ohne unsere Markierung gut ablesbar, da die alten Speicher – der Westindienspeicher z.B. – natürlich am Hafen standen.
#BRÜCKENTAG FREITAG AB 13UHR
Ab 13Uhr ist #Brückentag! Mit Seifenwerkstatt (ab 15Uhr), Eröffnung des Botanischen Gartens und gemeinsamen Bau der Draisinen (13Uhr) und Freilegung der Fahrbahn (16Uhr) bespielen wir die Brücken und ihre Zwischenräume.
FREITAG AB 13UHR
Ab 13Uhr bauen wir eine Draisine und sind auf ihre Hilfe angewiesen. Wir wollen die Bahntrasse wieder in Betrieb nehmen.
Dafür brauchen wir: Hölzer und Winkel, Akkuschrauber, Sägen, Hämmer, Nägel, Sitzmöbel und ihre Ideen und Muskelkraft. Wir sind SEHR gespannt!
Heute (05.04) zwischen 14 und 17 Uhr laden wir kleine & große Flensburger Entdecker ein, durch die Stadt zu jagen, suchen, raten, fragen, (er-)finden, kombinieren, und dichten. Kommt zahlreich.
Heute (05.04) ab 11 Uhr spielen wir an der Hafenspitze. Kommt dazu, bringt Bälle, Wikinger Schach, Slacklines, Instrumente, Brettspiele oder worauf ihr sonst Lust habt! Lasst uns das, was hier sowieso geschieht und so schön ist, einmal auf die Spitze treiben.
WIE EINE PERLE IN IHRER UNSCHEINBAREN MUSCHEL
… liegt sie da: die Flensburger Hafenspitze. Auf der Innenseite durchläuft man Schritt für Schritt eine Postkartenidylle nach der anderen. Zu beiden Seiten des Hafen fächert sich die Stadt mit ihrer kleinteiligen historischen Bebauung auf, bekrönt von den großen Stadtkronen, die wie eine Perlenkette den Hang erhöhen und abschließen. Die Hafenspitze ist das Herz der Stadt, der Nabel, oder die „Piazza“, wie Arno Brandlhuber, der erste der fünf Flensburger Stadtdenker es formuliert hatte. So pittoresk die Hafenspitze von ihrer Innenseite erscheint, so spröde erscheint sie von ihrer Rückseite. Von drei Seiten ist sie sechsspurig mit Verkehr umspült - die autogerechte Stadt lässt grüßen! Außerdem lagern sich hier eine Reihe von merkwürdig undefinierten Restflächen an, deren Genese sich eigentlich erst erschließt, wenn man sich mit der historischen Entwicklung des Gebietes beschäftigt (mit der Geschichte der Eisenbahn!). Das Gebiet wird geprägt vom ZOB in der Mitte, dem stillgelegten Bahndamm auf der einen Seite und den städtebaulichen Großbausteinen, wie dem Karstadt-Parkhaus, der Holmpassage, die Flensburg Galerie und C&A auf der anderen Straßenseite. Dass diese beiden Zonen, die städtebaulich unterschiedlicher kaum sein könnten, so schön voneinander separiert sind, ist den beiden Bahndämmen zu verdanken, die die Hafenspitze auf ihrer Südseite umschließen und schützen. Für die Innenseite ist das ein Glücksfall, weil nicht nur der Verkehr und der Blick auf die Großbausteine auf diese Weise ausgeklammert werden. Für die Außenseite hingegen ist es natürlich ein Nachteil. Sie könnte natürlich davon profitieren, wenn der Hafen Richtung Süden früher ins Blickfeld geraten würde (so wie es Henri Bava, der 5. der Flensburger Stadtdenker vorgeschlagen hat). Denn je nachdem, von wo aus man sich der Hafenspitze nähert, ist sie mehr oder weniger gut mit der Stadt verbunden. Kommt man vom Nordermarkt über den Schiffbrückplatz, verbinden sich die Altstadt und der Hafen nahezu organisch. Ganz anders die Situation, wenn man sich hingegen von der Rathausstraße nähert. Von hier aus ist die Hafenspitze unsichtbar. Man muss wissen, dass sich hinter dem Bahnwall, der in nördlicher Richtung sanft ausläuft, die Hafenspitze befindet. Und man muss auch wissen, dass unter der stilgelegten Eisenbahnbrücke, die die Rathausstraße überspannt, ein Zugang zur Hafenspitze liegt.
Als Denkanstoß haben wir vorgeschlagen, die stillgelegte Doppelbrücke über der Rathausstraße einer Umdeutung, einem Reframing zu unterziehen. Von Reframing sprechen Psychologen, wenn traumatischen Geschehnissen eine andere Bedeutung oder ein anderer Sinn gegeben werden, indem man versucht, sie in einem andern Kontext oder Blickwinkel zu sehen. Das heißt, das Ereignis wird dadurch nicht ungeschehen gemacht, aber es wird vielleicht erträglicher. Die stillgelegte Brücke über der Rathausstraße kann natürlich eine stillgelegte Brücke bleiben. Sie könnte aber auch als Tor zur Hafenspitze betrachtet oder sogar inszeniert werden, ohne dass große Eingriffe notwendig wären. Die vorgefundene Raumdramaturgie hat fast schon barocke Qualität. Sie funktioniert nach dem Prinzip der Verengung und Öffnung von Raum. Der Besucher, der den Straßenraum unter der Brücke betritt, bemerkt wie sich der Raum senkt und verdunkelt. Im Vorangehen öffnet sich plötzlich der Raum über ihm zwischen den beiden Gleissträngen und der gerahmte Blick in den Himmel wird möglich, während sich hafenseitig der Raum seitlich öffnet und zur 90°-Drehung einlädt. Damit eröffnet sich der Blick auf das Hafenpanorama, das zusätzliche Tiefe dadurch erhält, dass die perspektivische Tiefenstaffelung durch die sich aufweitende trichterförmige Komposition der Anlage verstärkt und unterstrichen wird. Vergoldete man die Brücken-Pylonen, würde die Brücke über die Assoziationskette „Goldenes Tor“ – „Golden Gate“ unversehens zur Flensburger Golden Gate Bridge …
Heute um 21:00 Uhr machen wir eine Nachtwanderung. Wir starten an der Hafenspitze.
Heute um 13:00 Uhr starten wir an der Hafenspitze zu einer Expedition in den botanischen Garten mit der Pflanzenexpertin Sabine Almenritter. Komm mit!
Die „Stadtdenkerei“ will mit Aktionen die Bürger zum Nachdenken bringen. Der Auftrag kommt von der Stadt selbst.