Wie kann es sein, dass der Qualitätssicherung in Softwareunternehmen immer wieder ganz offensichtliche Fehler im Bedienkonzept durchgehen?
Vermutlich testen wir zu professionell. Unsere Testbenutzer sind alle mit Computern aufgewachsen und haben eine Vorstellung davon, wie die Maschine sich verhalten wird. Dieselbe Vorstelllung haben auch die Entwickler, und da liegt vermutlich das Problem. Denn Anwender - insbesondere solche, die Computer eigentlich nicht mögen - haben diese Vorkenntnisse nicht. Und deshalb probieren sie Dinge aus, auf die ein "professioneller" Anwender niemals käme. Sie sind dabei keinesfalls "dümmer" als die "Profis". Im Gegenteil. Was wir in den 80er und 90er Jahren als "intuitive Bedienung" bezeichnet haben wenden diese Personen an: sie vergleichen die Bildschirmdarstellung mit Situationen außerhalb der Computertechnik und probieren, den Computer "analog" zu bedienen. Oft sehr intelligent, aber auf eine Weise, die ein "Profi" nie anwenden würde - und sie daher auch nie testet.
Wie schafft man es nun, diese Bedienweisen in klassische Testzyklen zu implementieren? Sobald der Anwender zum wiederholten Male mit der Anwendung interagiert "weiß" er bereits, wie sie sich verhalten wird und stellt sich intuitiv darauf ein. Er kann damit seine eigene Verhaltensweise nicht zu 100% reproduzieren.
Das ist der Grund, warum wir gerne Entwickler in Projekte schicken. Setzen Sie sich einmal neben jemanden, der Computer nicht mag und Ihre Anwendung zum ersten Mal sieht. Geben Sie ihm ein paar Stichworte, lassen sie ihn machen und schauen Sie aufmerksam zu (aufmerksam bedeutet: halten Sie den Mund und beobachten Sie. Der Gedanke "er/sie stellt sich aber blöd an" ist explizit untersagt weil kontraproduktiv). Man kann unglaublichen Input dabei mitnehmen.
Das Problem ist, diesen Input sinnvoll zu verwerten. Natürlich, im ersten Schritt sollte man mögliche Fehler, die durch die "intuitive" Bedienweise auftreten, eliminieren. Das Problem der Umsetzung in Funktionalität besteht darin, dass ein immer größer werdender Anteil der Anwender bereits durch andere Applikationen vorgeprägt ist und daher diese Funktionalitäten übersehen wird.