Der Pastor berichtet weiter. Nur ein paar Kilometer entfernt liegt ein Heim für behinderte Kinder in den Wäldern. Es wurde vor kurzem geschlossen. Der Grund war, dass immer mehr reiche Moskauer ihre Landsitze in dieser Gegend haben. Sie möchten die behinderten Kinder nicht sehen müssen. Zunächst haben sie eine zwei Meter hohe Mauer um das Heim gebaut, doch das reichte nicht aus, um dem Anblick der Kinder zu entkommen. So wurde das Heim geschlossen. Wo die Kinder nun stecken, weiß der Pastor nicht. Aber er kann von den Zuständen berichten, die dort geherrscht haben. Über 20 Jahre lang ging der Pastor regelmäßig zu diesem Heim und was er dort vorfand, ist kaum in Worte zu fassen. Die behinderten Kinder lebten in Käfigen. Sie waren hinter Gittern eingesperrt. Es gab keine Möbel, kein Geschirr oder Besteck. In den Käfigen gab es nur zwei Eimer. Einer war gefüllt mit Buchweizengrütze, den die Kinder mit bloßen Händen in ihre Münder schaufelten, der andere Eimer war für die Fäkalien. Der Pastor ist mit seinem Team in einer Nacht und Nebel-Aktion zu den Käfigen gegangen und hat die Schlösser geknackt, um die Kinder zu befreien. Über Jahre hinweg hat er regelmäßig Tische, Stühle und Geschirr ins Heim gebracht, welche er von Hilfsgüterlieferungen aus der Schweiz und Deutschland erhalten hatte. Doch jedes Mal waren die Güter verschwunden, wenn er ein weiteres Mal das Heim besuchte. Die Pfleger im Heim hatten einen solch geringen Monatslohn, dass sie die Güter für die Kinder sofort wieder verkauften. Nun ist das Heim geschlossen. Der Pastor weiß nicht, was mit den Kindern passiert ist. Er hat mehrfach Politiker und auch Medien dorthin geschickt, aber nie wurde berichtet oder etwas an den Umständen geändert. „Rubel und Wodka...“, sagte er. Hilfsgüterlieferungen aus der Schweiz oder Deutschland erhält er auch keine mehr. Putins neue Regelungen machen es ausländischen Hilfsorganisationen extrem schwer, Hilfsgüter ins Land zu bekommen. Eigentlich geht es offiziell nur noch über staatliche Verteilerstationen. „Und wo dann die Güter landen, ist ja wohl klar“, der Pastor rollt müde mit den Augen. Seiner Meinung nach hat Putin diese Regeln verschärft, um Außen hin zu zeigen, dass Russland kein armes Land ist. Russland braucht keine Hilfsgüter, ist Message. Es war ein Erlebnisbericht eines Mannes, der schon Jahrzehnte in Russland arbeitet. Natürlich habe ich die Zustände nicht mit eigenen Augen gesehen, aber mein persönliches Gesamtbild wurde durch diese Begegnung schon intensiv gezeichnet.
Es lässt sich rückblickend eins sagen. Je intensiver das Licht scheint, desto länger werden auch die Schatten. Doch so ist unsere Welt gestrickt. Wir entscheiden selbst, welchen Wolf wir füttern. Und wir entscheiden selbst, in welchen Farben das Gesamtbild unseres Horizonts erstrahlt. Es liegt in unserer eigenen Verantwortung. Und was ich von der kurzen Reise nach Russland mit nach Hause nehme, ist die Erkenntnis, dass Heimat immer dort ist, wo ich Menschen in Liebe begegnen kann.
Das anfängliche Zitat von Heinrich Jung-Stilling bestätigt sich auf jeder meiner Reisen.
“Die beiden schönsten Dinge sind die Heimat, aus der wir stammen und die Heimat, nach der wir wandern.“
Es ist wundervoll, einen festen Grund zu haben, das Wissen um die Heimat, aus der wir stammen. Dies ist eine unabdingbare Voraussetzung für einen stabilen, erwachsenen Geist. Und genauso wundervoll ist es, in die Fremde aufzubrechen, um einer neuen Heimat zu begegnen. Das ist die Voraussetzung für ein waches, mitfühlendes und vorurteilsfreies Herz. Und somit wird auch klar, dass wir uns eigentlich überall auf dieser Erde beheimatet oder befremdlich fühlen können. Hauptsächlich liegt es an uns selbst, an unserer Einstellung, an der Reinheit unseres Herzens und unseres Geistes, an unserer Offenheit, mit der wir Menschen und Kulturen begegnen. In dem Wissen, dass das Licht und das Dunkel, der Wolf der Liebe und der Wolf des Hasses, unsere steten Reisebegleiter sind. Welchen Weg wir einschlagen, liegt an uns. Und dies beginnt in den Gedanken und den Worten, die wir wählen. Können wir offen und verständnisvoll den Menschen begegnen, die uns vielleicht auch mal kritisieren? Achten wir auf unsere Worte und nutzen diese nicht als Waffen, weil wir uns in unserer Sichtweise angegriffen fühlen? Niemand kann uns unsere Sichtweise nehmen. Aber sind wir auch so besonnen, dass wir akzeptieren können, dass andere Menschen, ein anderes Gesamtbild, eine andere Sichtweise haben? Es ist leicht friedlich zu denen zu sein, deren Sichtweise wir teilen, aber der wahre Frieden beginnt da, wo du akzeptierst, dass dein Gegenüber deine Meinung nicht teilt.
In diesem Sinne blicke ich auf eine erfüllte, abenteuerliche, spirituelle, liebende, schockierende, fröhliche, emotionale, bereichernde und bunte Reise nach Russland zurück. Ich habe in meinem Farbkasten einige neue Farben dazugewonnen, mit denen ich meinen Horizont ausmalen kann. Und nun da ich die Grenzen überwunden habe und eine neue Heimat gefunden habe, kehre ich in die alte Heimat zurück und spüre die Brücke, die entstanden ist. Die Brücke aus Verständnis, Mitgefühl, Liebe... die Brücke, gebaut aus gemeinsamen Tränen der Freude und des Leids. Die Brücke der Verbindung zwischen Menschen in zwei unterschiedlichen Ländern, wohl aber mit der selben Heimat, die sich Mutter Erde nennt. Die Brücke, die ich selber bin.