Das Vegetier kriecht langsam aus seiner Wortspielhöhle, streckt schnüffelnd das Näschen nach oben, kann wegen chronischen Schnupfens aber nichts riechen, und verzieht das Gesicht zu einem ironischen Zwinkersmiley ;)
Es wohnt in der Nähe eines Campingplatzes für große Raubtiere. Recht ungeniert bewegt es sich dort zwischen ihren Beinen, denn es weiß, sie sind satt und träge. Unbeachtet von ihnen sucht es nach Badelatschen und Sandalen, auf denen es gerne herumkaut. Es mag die zähe Konsistenz und den käsigen Geschmack. Doch es zieht sich diese Schuhe nicht an. Das hat es nicht nötig. Wirklich nicht. Hin und wieder wird es von Leuten darauf angesprochen, aber eher scherzhaft. Dann sagt es einfach nur: „Sie sehen doch, dass mir diese Schuhe mehrere Nummern zu groß sind.“ Und die Leute wundern sich, wie gut sein Deutsch ist.
Natürlich ist das Vegetier unglücklich. Aber es hungert nicht. Essbaren Müll gibt es immer genug. Und sogar Schuhe zum Spielen. Und solange das Tier spielt, ist es frei, nicht wahr? Außerdem muss es nicht um sein Leben fürchten. Angst hat es schon. Doch nur vor ungefährlichen Dingen. Vor Blicken, Körperbehaarung oder Gemüse. Wenn sie kommt, verkriecht es sich schnell wieder in die Wortspielhöhle und macht sich ganz klein. Was gar nicht nötig wäre, denn klein ist es ja ohnehin.
Das Vegetier weiß, dass die Welt voller Raubtiere ist. Laut schmatzend fressen sie die warmen Eingeweide aus den Leibern ihrer noch lebenden Opfer, gierig und roh, dabei ihre gute Kinderstube gänzlich vermissen lassend, auf die sie sich im allgemeinen eine Menge einbilden. Widerlich und empörend ist das! Doch das Vegetier muss dankbar sein: ihm tun sie nichts. Obwohl sie es könnten, denn es ist ja so klein und harmlos und schwach.
Plötzlich reißt das Vegetier den Mund auf: Ein lautes Gähnen verhallt in der Wortspielhöhle. Das Vegetier lauscht ihm nach. Es hat einen guten Klang. Wie ein großes, einfaches Wort, das ein Gefühl genau auf den Punkt bringt; voller Pathos, aber in einem guten Sinn, und dabei direkt und unverstellt. Nein, das ist nicht nur Müdigkeit.
Das Vegetier fährt sein Fenster hoch. Es hat ein elektronisches Fenster, weil das sicherer ist und individuell konfigurierbar. Es legt sich ein Kissen zurecht und schaut hinaus. Es sieht ein Mädchen, das im Kaufland zwischen den Kühltruhen herumirrt und den Ausgang sucht. Sie musste irgendwo bei den Teigwaren hereingekommen sein, hatte aber die Tiefkühlpizzas, zu denen sie eigentlich wollte, nicht finden können. Dann war sie an Eis und Torten vorbei zu den großen nackten Vögeln gelangt. Hier wurde ihr bewusst, wie stark die Kälte war, die von den Schränken und Truhen mit den tiefgekühlten Lebensmitteln abstrahlte. Sie fror. Ihre Haut sah aus wie die der eingeschweißten Gänse hinter den Glastüren. Nach Pommes, Kroketten und Fisch erreichte sie die offenen Kühlregale, Butter und Milch gegenüber Käse, und schien schon fast draußen. Leider entschied sie sich dann, noch einen zweiten Versuch in Richtung Pizza zu starten.
Es ist das Ende einer jahrelangen Suche. Als sie ein kleines Kind war, gab es eine Pizza, die ihr von allem, was sie jemals gegessen hatte und noch essen würde, am besten schmeckte. In jedes Freundebuch hatte sie mit drei Ausrufezeichen und daneben geklebten Glitzersternchen hineingeschrieben: Lieblingsessen – Pizza!!! Doch plötzlich war diese Geschmackssicherheit weg gewesen. Sie aß immer noch gerne Pizza, ja sogar besonders gern Tiefkühlpizza, obwohl sie inzwischen wusste, dass es sich dabei eher um ein minderwertiges Fastfoodprodukt handelte, aber es war nicht mehr ihr Lieblingsessen. Sie hatte gar keines mehr. Wie sie auch keine Lieblingsfarbe mehr hatte und kein Lieblingstier. Sie konnte nicht sagen, was es war, aber irgendetwas musste furchtbar schiefgelaufen sein. Und dann hatte sie sich auf die Suche gemacht nach der einen Pizza, mit dem Geschmack von damals.
Das Vegetier sieht, wie das Mädchen in einem der Gänge zusammengesunken ist. Ab und an rauscht ein großer Einkaufswagen heran, doch der Gang ist breit genug, dass er problemlos an ihm vorbeikommt. Das Mädchen scheint von seiner Umgebung kaum noch etwas wahrzunehmen. Es bewegt sich auch nicht mehr, dabei hatte es vor einer halben Stunde noch stark gezittert. Draußen ist Hochsommer. Für die Umgebung zwischen den Kühltruhen war das Mädchen völlig falsch gekleidet. Als nach Geschäftsschluss um Null Uhr eine Frau aus der Putzkolonne es aufhebt, hat es keinen Puls mehr. Es ist erfroren.
Die Szene geht dem Vegetier sehr nahe. Es lehnt sich weit, sehr weit aus dem Fenster, öffnet den Mund und gähnt. Ich glaube, vielen von uns hat es damit aus dem Herzen gesprochen.