Stadtratsrede zu Heizpilzen
083/15 Verbot von Heizpilzen
Sehr geehrte Frau Stadtratsvorsitzende, Herr Oberbürgermeister, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Bürgerinnen und Bürger,
Ganz offensichtlich erhitzen die Terrassenstrahler nicht nur die Luft, sondern auch die Gemüter. Sowohl die Kommentare in den blogs als auch die BILD-Zeitung von gestern belegen das ja eindrücklich.
Worum geht es? Heizpilze erzeugen Infra-Rot-Strahlung. Und die wärmen einem angenehm den Rücken oder den Bauch, wenn man bei ungemütlichen Temperaturen vorzugsweise im Winter im Freien sitzt, etwa vor einer Gaststätte.
Dafür brauchen die Terrassenstrahler eine Menge an Energie, sei es nun Propangas oder Strom. Mit einem Heizpilz auf Propangasbasis und rund 14 Kilowatt Leistung, der im Freien ca. 5-6 qm bestrahlt, könnte man problemlos eine 150 Quadratmeter große Wohnfläche heizen. Und ein elektrisch betriebener Strahler verbraucht pro Quadratmeter etwa 3 mal so viel Energie wie ein Niedrigenergiehaus, sagt das Bundesumweltamt in seiner Studie von 2009. Man kann es auch etwas plastischer machen: mit der Energie, die ein gasbetriebener Heizpilz pro Stunde verbraucht, können Sie für knapp 7 Stunden einen Wohnraum von ca. 25 qm in einem Niedrigenergiehaus heizen. Und teuer ist der Gas-Strahler so wie so. Vier Pilze für 30 Tage a 10 Stunden kosten knapp 2000 €. Und natürlich legt etwa ein Gastwirt diese 2000 € gerne auch auf die Preise um.
Energie-Vergeudung ist das eine, Umweltschädlichkeit ist das Zweite. Vier Gas-Heizpilze an 30 Tagen a 10 Stunden emittieren ungefähr die Menge an CO2, die ein Mittelklasse-Wagen im ganzen Jahr bei einer Fahrleistung von 12.000 km produziert, nämlich etwa 2,5 Tonnen. Ein elektrisch betriebener Strahler emittiert übrigens das 4-fache an CO2, also mehr als 10 Tonnen CO2 – bei 4 Strahlern a 30 Tagen an 10 Stunden. Sie haben einen veritablen Dieselmotor neben sich stehen, während Sie draußen unterm Pilz essen.
Terrassenstrahler sind also – und da führt nun gar kein Weg vorbei – ausgesprochen Klima-schädlich. Sie emittieren mit Wucht eben jenes Gas, das für die Erderwärmung und den Klimawandel mit verantwortlich ist: CO2.
All diejenigen, die für die Energie-Wende und damit für den Klimaschutz eintreten und all diejenigen, die Verantwortung für die Zukunft übernehmen wollen (also CDU, CSU, SPD, Die Linke und die F.D.P.), können eigentlich gar nicht anders, als sich gegen Heizpilze auszusprechen.
Und so haben Städte wie Stuttgart, Bremen, Tübingen, Köln und Berlin die Heizpilze untersagt. Die Bezirksausschüsse im München – darunter auch der von Schwabing-Freimann – haben die Untersagung befürwortet. Und das Bundesumweltamt selbst optiert ganz eindeutig für ein bundesweites Verbot.
Übrigens: Genau genommen ist es ja auch gar kein Verbot. Es ist nur die Versagung einer Sondernutzung, auf die kein Rechtsanspruch besteht.
Wie auch immer: Wenn unsere Landesregierung quasi vorgestern ein Förderprogramm für eine „Nachhaltige Stadt- und Ortsentwicklung“ auflegt, um „durch den energetischen Stadtumbau die CO2-Emissionen zu reduzieren“, dann könnten wir hier in Erfurt in kleinen Schritten schon mal damit anfangen, oder?
Und trotzdem: Schon wieder ein Verbot – werden Sie vielleicht sagen. Betrachten Sie es mal von einer anderen Seite. Wir bringen unseren Kindern bei, dass sie nicht jeder Zeit alles haben können. Man nennt das eine ethische Haltung. Und wir sind zurecht darauf stolz, dass wir uns beherrschen können und nicht dem ersten Impuls nachlaufen. Man nennt das Klugheit oder Umsicht.
Und gleichzeitig beanspruchen wir, auch im Winter draußen im Warmen zu sitzen? Wir halten es für unser Recht, im Winter draußen mit warmem Rücken eine Pizza oder eine Roulade zu essen, die in einer Minute kalt geworden ist? Oder mit bestrahltem Gesicht einen erkalteten Cappuccino zu trinken?
Wir meinen, dass wir jederzeit alles haben dürfen, Sommer im Winter, Adria im Thüringer Becken? Das ist nicht nur gedankenlos, sondern läuft völlig gegen das, was wir ethisch gerne erzählen, loben – und hoch halten.
Es geht also gar nicht um ein Verbot, sondern schlicht um das einfache Gebot, nach unseren geteilten moralischen Überzeugungen zu handeln. Ich weiß, wir sind nicht immer konsequent. Aber hier könnten wir es sein, ohne wirklichen Verlust.
Apropos Verlust: wir wissen natürlich, dass die Wirte klagen, ihnen würde die Kundschaft weg bleiben. Ja gut, das haben wir beim Rauchverbot auch schon gehört. Aber durchaus ernsthaft: wenn es keine Konkurrenz mit Heizpilz gibt, wo genau ist der Verlust? Essen die Menschen im Lokal dann gar nicht mehr? Ist es wirklich attraktiv, lauwarmes Essen mit heißem Kopf zu essen? Reden wir uns da nicht was ein? So richtig verstehen wir die Dramatik an dieser Stelle nicht. Dass Heizpilze außerdem gastronomisch offenbar gar nicht der Bringer sind, können Sie etwa in Aix-en-Provence oder Paris sehen: da sind die Terrassenstrahler fast gänzlich verschwunden.
Und ich frage sie: wenn es denn einen Konflikt zwischen Ökonomie und Klimaschutz gibt, wollen wir der Ökonomie den Klimaschutz opfern oder wollen wir den Klimaschutz nicht lieber über die Ökonomie stellen? – zumal dann, wenn die Einbußen wirklich überschaubar sind.
Übrigens: die Deutschen lieben Natur und favorisieren Umweltschutz. In einer repräsentativen Umfrage des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit aus dem Jahre 2013 (Naturbewusstsein 2013) stimmen 56% der Befragten der Aussagen voll und ganz zu, dass es Aufgabe des Menschen ist, die Natur zu schützen, 39% stimmen dem eher zu. Und 65% der Befragten fühlen sich persönlich verantwortlich, die Natur zu erhalten.
Das sind doch beeindruckende und klare Zahlen. Mit einem kleinen Schritt könnten wir hier in Erfurt anfangen, diesem – ja nun eben auch: ethischen - Wunsch der Bevölkerung zu entsprechen.
Stimmen Sie deshalb für die Untersagung der Benutzung von Heizpilzen.
Prof. Dr. Alexander Thumfart