Zwischen Zwangsharmonie und Dauerstreit
Nach meiner kleinen Vorstellung möchte ich eine Frage teilen, die mich diese Woche beschäftigt hat: Ist Konfliktfähigkeit eine Tugend?
Der Gedanke kommt aus einem Seminar, in dem wir genau diese Frage diskutiert haben. Der Text folgt deshalb an einigen Stellen einer bestimmten philosophischen Fragestellung, aber gerade deshalb interessiert mich auch Widerspruch: Muss man Konfliktfähigkeit wirklich als Tugend verstehen oder gibt es gute Gründe, das anders zu sehen?
Meine eigene Antwort ist erstmal: Ja. Konfliktfähigkeit ist eine Tugend. Nicht, weil Streit an sich etwas Gutes wäre, sondern weil sie eine Fähigkeit beschreibt, ohne die gemeinsames Denken, Zusammenleben und demokratische Wirklichkeit kaum möglich sind.
Um das genauer zu begründen, möchte ich zunächst klären, was die klassische Philosophie unter einer Tugend versteht. Der Begriff der Tugend, griechisch aretē, ist bei Aristoteles eng mit dem Begriff der Tauglichkeit verbunden. Etwas ist dann tugendhaft, wenn es seinen Zweck, also seine Funktion, im Bestzustand erfüllt. So wie ein Netz dann tauglich ist, wenn es gut dazu geeignet ist, Fische zu fangen.
Für den Menschen bedeutet das: Seine spezifische Funktion ist der logos, also die Vernunft. Ein tauglicher und damit tugendhafter Mensch ist jemand, der seine Vernunft gebraucht, um sein Handeln zu leiten. Aristoteles führt hierzu das Prinzip der Mitte, der mesotēs, ein: Eine Tugend ist kein Extrem, sondern der wohlüberlegte Mittelweg zwischen zwei Lastern — einem Mangel und einem Übermaß. So ist Tapferkeit beispielsweise die Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit.
Wenden wir dieses antike Prinzip nun auf unsere heutige Streitkultur an. Die Theologin Sonja Angelika Strube (s. Quellen) bezieht sich hierfür auf das Wertequadrat. Dieses stellt einer Tugend nicht einfach eine einzelne Untugend gegenüber, sondern betrachtet vier Aspekte: zwei positive Werte, die sich gegenseitig ergänzen und ausbalancieren, sowie zwei negative Übertreibungen dieser Werte
Werden diese Pole verabsolutiert, schlagen sie in Untugenden um:
Ein Übermaß an Harmonie führt zur rigiden Zwangshomogenität. Hier werden Konflikte unterdrückt und Anderssein ausgeschlossen, um Spannungen zu vermeiden. Die Folge ist ein enormer Anpassungsdruck, der Lebendigkeit und Ehrlichkeit im Miteinander ersticken lässt.
Ein Übermaß an Streit hingegen mündet im unversöhnlichen Dauerstreit. Hier bricht die Beziehung ab, weil nur noch die Vernichtung der Gegenposition zählt.
Warum ist aber diese Tugend für uns als Gesellschaft so wichtig? Strube knüpft hier an Hannah Arendt an und zeigt, dass der ehrliche Austausch — das Miteinander-Sprechen — die Welt, die wir uns teilen, erst hervorbringt. Wenn Menschen nicht mehr offen über ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit sprechen können, entsteht Isolation.
An diesem Punkt wird Konfliktfähigkeit für mich besonders zentral. Wir leben nicht einfach als einzelne Bewusstseine nebeneinander, die die Welt jeweils vollständig für sich erkennen. Unsere Perspektiven sind begrenzt. Wir brauchen andere Menschen, um unsere Wahrnehmung zu prüfen, zu erweitern und manchmal auch korrigieren zu lassen.
Man könnte das ganz einfach an der Wahrnehmung von Farben verdeutlichen: Dass Blätter grün sind, gilt für viele von uns als selbstverständlich, weil wir es visuell so erleben und sprachlich so gelernt haben. Eine farbenblinde Person kann dieselbe Welt aber anders wahrnehmen. Trotzdem bewegt sie sich in einer gemeinsamen Wirklichkeit, in der „grün“ als geteilter Begriff existiert. Das zeigt: Wirklichkeit ist nicht einfach nur private Empfindung, aber sie wird auch nicht von Einzelnen allein erschlossen. Wir brauchen gemeinsame Begriffe, Austausch und manchmal auch Widerspruch, um überhaupt verstehen zu können, was wir miteinander teilen.
Konfliktfähigkeit heißt dann: Ich halte aus, dass meine Wahrnehmung nicht die ganze Welt ist. Ich bin bereit, andere Perspektiven nicht sofort als Bedrohung zu erleben, sondern als Möglichkeit, meine eigene Sicht zu überprüfen.
Damit wird Konfliktfähigkeit mehr als bloßes „Streiten-Können“. Sie ist eine Haltung zur eigenen Begrenztheit. Wer konfliktfähig ist, muss weder sofort nachgeben noch jede Gegenposition bekämpfen. Entscheidend ist die Fähigkeit, im Widerspruch zu bleiben, ohne die Beziehung zum Gegenüber oder zur gemeinsamen Wirklichkeit abzubrechen.
Genau darin liegt für mich die Tugend der Konfliktfähigkeit: Sie zwingt uns nicht in falsche Harmonie, aber auch nicht in dauerhafte Gegnerschaft. Sie schafft einen Raum, in dem Unterschiede benannt werden können, ohne dass das gemeinsame Miteinander sofort zerbricht.
Wo würdet ihr die Grenze ziehen zwischen produktiver Konfliktfähigkeit und Streit, der nur noch zerstört?
Einführungsvideo: Tugendethik bei Aristoteles · Eudämonie als Ziel
Ermutigung zum Widerspruch Praktisch-theologische Thesen zur Konfliktfähigkeit Sonja Angelika Strube
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