Was ich von Verschwörungstheoretikern halte
Zuallererst vorab: Ich finde es hervorragend, dass es in Deutschland Menschen gibt, die gut darauf achten, dass unsere Grundrechte geachtet werden, und die aufpassen, dass unsere Demokratie und unser Rechtsstaatsystem nicht einfach über den Haufen geworfen werden. Ich finde es gut, dass wir die Dinge, die uns passieren, kritisch hinterfragen. Und gleichzeitig finde ich es genauso gefährlich wie eine potentielle Bedrohung unserer Grundrechte, dass überall Verschwörungstheorien wie Pilze aus dem Boden schießen. Auch in meinem engeren Umfeld gibt es Fachkollegen, die die Existenz und die Gefährlichkeit des Corona-Virus bzw. von COVID-19 anzweifeln oder mit einer regulären Grippe vergleichen. Das macht mich sauer, und ich möchte euch gern erklären, weshalb.
Das tolle an Prävention ist, dass nichts schlimmes passiert, wenn Prävention funktioniert. In Deutschland ist bislang nichts schlimmeres passiert, die Ansteckungsraten in Jena sind hier beispielsweise schon seit einigen Wochen auf null, es sind insgesamt drei Leute gestorben. Das ist ziemlich großartig. Ich möchte gerne, dass es so bleibt.
Insbesondere als Psychologin bin ich wiederholt damit konfrontiert, dass die Leute im Leben immer wieder nach Kontrolle streben, weil Ohnmachtsgefühle unendlich unaushaltbare Angst auslösen. Insbesondere Dinge, die wir nicht sehen und beeinflussen können, machen uns Angst. Da erscheinen Ideen wie “Es gibt gar nichts” oder “Da steckt total was anderes dahinter” erstmal sehr beruhigend. Es gibt uns Struktur und endlich die Möglichkeit, etwas zu TUN. Dann kann ich nämlich protestieren, und mich beschweren, und mich zugehörig fühlen zu denjenigen, die es auch besser wissen. Da muss ich nicht vertrauen, dass die Wissenschaft nicht lügt. Und da muss ich nicht hoffen, dass die von mir demokratisch gewählte Regierung (- hoffen wir, dass ich wählen war!) irgendwie nicht ihr Volk in die Misere stürzen möchte. Dass viele noch vor nicht allzu langer Zeit Dinge in Deutschland erlebt haben, die definitiv eine andere Sprache gesprochen haben und deren Vertrauen schonungslos missbraucht wurde, ist an dieser Stelle natürlich wenig hilfreich. Alte eigene Ängste, auf uns übertragene Ängste unserer Vorgängergenerationen, all diese Dinge die im normalen Alltag vielleicht gut kompensiert sind, treten natürlich in solchen Krisensituationen leichter zu Tage. Und bei Angst und Unsicherheit helfen keine Fakten, das ist ein für viele unaushaltbares Gefühl. Wut geht da mal noch eher. Rebellion gegen die Obrigkeit. Wie bei kleinen Kindern, die Angst vor dem Monster unter dem Bett haben und statt Trost und Beruhigung und gemeinsamem Monster verjagen eben wortlos eine Maschinenpistole gegen ein vermeintliches Monster in die Hand gedrückt bekommen und dann allein sitzen gelassen werden. Gegen die Angst hilft das eben auch nur bedingt. Das Monster wäre in dem Falle ein unsichtbares Virus, das diesmal tatsächlich unter dem Bett sitzt, die Maschinenpistole symbolisch das Maßnahmenpaket der Bundesregierung ohne konkreten Ausstiegsplan.
Es ist ein Drama, dass insbesondere politische Extremisten und Gruppierungen genau das ausnutzen. Die Verschwörungstheorien können nämlich hervorragend trösten, und umso besser, wenn dann behauptet wird, dass es gar kein Monster gibt. Das kann ich gut verstehen, und ich würde mir das auch wünschen. Gleichzeitig gibt es aber halt auch Fakten und Unsicherheiten.
Ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was so läuft! Ich finde es unhaltbar, wie sehr Eltern mit der Jonglage Homeoffice und Kinder allein gelassen werden. Ich finde es unverschämt, wie eingeschränkt die Nutzung für Soforthilfegeld ist, und dass man sich als Selbstständiger keinen Lohn auszahlen darf. Brötchen soll ich mir dann aus den Rippen schneiden, oder wie? Ich finde es fürchterlich, dass sich einige beim Staat Geld ergaunern wollen, und damit alle Prozesse für die Bedürftigen erstmal einfrieren. Ich hätte mir gewünscht, bereits bei Beschluss der Maßnahmen ein Szenario zu hören, wie die sich den Ausstieg vorstellen - hätte ja meinetwegen auch ohne Zeitangaben stattfinden können. Dieser Flickenteppich jetzt...darüber mag ich gar nicht nachdenken.
Die wirtschaftlichen Folgen und was das sowohl bildungsmäßig als auch psychologisch mit einer Generation macht, das mag ich mir gar nicht ausmalen. Und das genau ist doch aber die Stelle - bitte WARUM sollte solche Konsequenzen absichtlich irgendjemand wollen? Sorry, aber so viel Geld kann die Pharmaindustrie an einem Impfstoff gar nicht verdienen, dass es das wert wäre. Ja, das ist scheiße, weil man ein Virus nicht sehen kann, und auf Dinge, die man nicht sieht, kann man so schlecht wütend sein.
Am Ende ging es doch immer darum, eine Überlastung des (kaputten) Gesundheitssystems zu verhindern. Wenn die Krankenhäuser überfüllt sind, und Patienten mit Herzinfarkt oder Schlaganfall oder einem gebrochenen Arm abgewiesen werden müssten, weil alles voller COVID-19 Patienten liegt - das will doch verdammt nochmal keiner. Und Vergleiche mit Grippewellen kann man machen. Aber gegen eine Grippe kann ich mich impfen lassen, wenn ich das möchte. Das kann ich gegen das Coronavirus aber noch nicht. Und ja, andere Erkrankungen gibt es auch, und da machen wir sowas wie jetzt gerade nicht. Vielleicht müssten wir das ja?! Gegen viele andere Erkrankungen gibt es in der Zwischenzeit glücklicherweise auch helfende Medikamente. Gibt’s gegen COVID-19 aber noch nicht. Und ja, keine Ahnung wo das jetzt herkommt und ob das gezüchtet wurde oder nicht, aber es ist jetzt eben da. Und da kann man jetzt über Schicksal streiten, oder darüber, dass die Menschen ja sowieso sterben. Aber vielleicht halt nicht jetzt gleich und nicht so viele auf einmal?
Wer sich in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlt, der kann das gerne tun. So fühlen wir uns nämlich alle. Aber wisst ihr was? Eure Freiheit hört da auf, wo sie meine beschränkt! Ja, da müssen wir eben gemeinsam in den sauren Apfel beißen. Mir schmeckt der auch nicht. Und gleichzeitig gucke ich in unsere Nachbarländer und denke mir: in Deutschland geht es uns doch total gut! Ich habe Freunde in Madrid und Paris, die durften wochenlang die Wohnung nicht verlassen. Das ist Begrenzung der persönlichen Freiheit. In Deutschland durften wir immer raus, wenn auch lokal unterschiedlich. Und ey, bricht einem wirklich der Zacken aus der Krone, wenn man beim Einkauf oder im Nahverkehr mal für eine halbe Stunde eine Maske über Mund und Nase zieht und seine Mitmenschen vor sich selber schützt? Dummerweise gibt’s gegen Ignoranz keine Schutzmasken.