Was wollen die Kurden in der Türkei?
Seit Wochen und Monaten wird über Friedensverhandlungen zwischen Kurden und Türken in der Türkei berichtet. Ein Weisenrat wurde gegründet. Konferenzen in verschiedenen Städten organisiert und viele Reden gehalten. Trotz dieser zahlreichen Veranstaltungen, Treffen und Meetings ist bisher nicht wirklich deutlich geworden, was die Kurden genau wollen.
Die Frage ist, wie die kurdischen Wortführer verhandeln wollen, wenn sie keine klaren Forderungen haben. Eine Forderung beispielsweise ist, dass die kurdische Sprache den Schutz der Verfassung geniessen soll. Aber was genau bedeutet dies? Wie sollte dieses kulturelle Ziel tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden?
Auch bei den politischen Forderungen ist nicht genau klar, was gefordert wird. Der PKK-Chefkommandant Murat Karayilan ist gegen ein unabhängiges Kurdistan, weil er glaubt, dass von einem Staat Gewalt und Unterdrückung ausgehe. Er befürwortet vielmehr einen "Demokratischen Konföderalismus", eine Art grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den Völkern des Nahen Osten. Wie kann man eine solch utopische Forderung stellen, wenn die Türkei und andere Länder der Region nicht einmal in der Lage sind, ihre eigenen Bevölkerungen zu befrieden und nunmehr eine Art Europäische Union gründen sollen.
Ob von einem Staat Gewalt ausgeht, hängt von den Menschen, die diesen Staat führen, ab. Im übrigen kann man beobachten, dass in ausnahmlos allen sogenannten "failed states", Mehrheiten gewaltsam und skrupellos gegen andere Minderheiten vorgehen.
Für die Mehrheit der Kurden sind die Forderungen der politischen Verantwortlichen ein Schlag ins Gesicht. Wer nur mit Minimalforderungen in Verhandlungen ziehen möchte, riskiert am Ende nichts zu erhalten.
Vielmehr müsste die Strategie sein, die kurdische Unabhängigkeit zu fordern und bei den konkreten Verhandlungen Zugeständnisse in Richtung einer kurdischen Autonomie zu erzielen. Eine zumindest dezentralisierte Türkei wie in Frankreich müsste den Kurden ein eigenes regionales Parlament und eine eigene regionale Regierung zubilligen. Darüber hinaus müsste Kurdisch als offizielle Sprache neben Türkisch in die Verfassung aufgenommen werden. Die kurdische Frage in der Türkei ist, wie der Soziologe Ismail Besikci zutreffend beschreibt, politischer Natur. Die bisherigen Verlautbarungen türkischer Politiker Kurden und Türken seien Brüder und das Kurdenproblem lediglich ein Demokratie- und Kulturproblem sind eine Fortsetzung der Assimilations-und Unterdrückungspolitik.
Wenn die türkische Seite nicht bereit ist, auf die konkreten Forderungen der Kurden einzugehen, müsste das kurdische Volk den Weg der Unabhängigkeit suchen. Genauso wie die Kurden im Irak, in Syrien sowie in Iran. Das im Völkerrecht verankerte Selbstbestimmungsrecht der Völker stützt diesen Weg und legitimiert das Ziel eines unabhängigen und geeinten Kurdenstaat.