- „Ich wollte mich eigentlich ausruhen und duschen.“
„Wenn du möchtest, kann ich dir Kayseri zeigen.“
- „Klingt gut. Aber ich muss eigentlich noch etwas erledigen.“
„Dann treffen wir uns. Ich kann dir helfen.“
Und irgendetwas an dieser Selbstverständlichkeit irritierte mich und beruhigte mich zugleich.
„Okay. Gib mir kurz Zeit. Ich dusche schnell und komme dann.“
Als ich wenig später in meinem weißen Fiat Egea um die Ecke bog, sah ich ihn schon warten: Mitte vierzig, Sonnenbrille, weißes T-Shirt. Er ging direkt zur Beifahrertür, riss sie auf und sah mich an.
„Willst du fahren oder soll ich fahren?“
Er war direkt, fast forsch.
„Ich glaube, du kennst dich hier besser aus“, sagte ich auf Türkisch.
Er grinste. „Dann fahr ich.“
Bevor ich reagieren konnte, war er schon auf meiner Seite, öffnete die Fahrertür. Ich stieg aus, setzte mich auf den Beifahrersitz.
„Was willst du sehen? Ich kann dir alles zeigen.“
Ich atmete aus. „Eigentlich habe ich ein Ziel. Ein Dorf, ungefähr eine Stunde von hier.“
Er sah mich kurz an, ohne den Blick lange auf der Straße zu verlieren.
Ich wusste, dass diese Frage kommen würde. Und trotzdem traf sie mich.
„Ich habe ein Versprechen gegeben. Ich muss es einhalten.“
Ich schluckte. „An eine Freundin.“
Stille im Auto, nur der Motor und die Straße.
„Was für ein Versprechen?“
Jetzt war es zu spät, auszuweichen.
„Ich möchte das Grab ihres Großvaters besuchen.“
Er hob leicht die Augenbrauen, aber ohne Spott. Eher wie jemand, der versucht, ein Bild zusammenzusetzen.
„Das ist jemand, der dir sehr wichtig ist.“
Ich antwortete nicht sofort.
„Ja“, sagte ich schließlich leise. „Das stimmt.“
Er nickte langsam, als würde er diese Antwort nicht bewerten, sondern einordnen.
„Dann rufen wir sie an, deine Freundin.“
Ich schüttelte sofort den Kopf. „Nein. Das geht nicht. Wir reden nicht mehr.“
Das Wort blieb im Auto hängen… Nicht mehr.
Er sagte erstmal nichts. Dann:
„Du willst wirklich allein dahin?“
Ich sah aus dem Fenster, als könnte die Landschaft mich retten. „Ich kriege das schon hin.“
Er sagte nur: „Du unterschätzt, wie schwer sowas in einem fremden Dorf sein kann.“
Nach ein paar Minuten sagte er etwas, das ich nicht sofort einordnen konnte: „Vielleicht ist es kein Zufall, dass wir uns getroffen haben.“
„Du kennst mich doch gar nicht.“
Er zuckte mit den Schultern. „Noch nicht.“
Und irgendwo zwischen Stolz und Erschöpfung gab ich auf. Eigentlich wollte ich allein sein. Aber irgendwas in mir sagte mir, dass er Recht hatte.
„Okay“, sagte ich zögerlich. „Dann machen wir das eben zusammen.“
Die Stadt hinter uns wurde kleiner. Die Straße zog sich in die Landschaft. Seen tauchten auf, glitzernd und still, majestätisch.
Berge im Hintergrund, teilweise mit Schnee. Erhaben über die Zeit.
„Ich heiße Necmettin, aber man nennt mich Neco“, sagte er irgendwann.
„Ich weiß“, antwortete ich, obwohl ich es erst in diesem Moment wirklich registrierte.
Und dann, irgendwann, begann das Reden leichter zu werden.
Über Reisen. Über Orte, an denen man nur kurz ist. Über Menschen, die man verliert, ohne dass sie wirklich gehen. Seine gescheiterte Ehe. Seine zwei Kinder. Es war seltsam vertraut. Als würde ich jemanden hören, der nicht neu ist, sondern nur lange still war. Nach einer Weile kam die Frage zurück, die eigentlich schon die ganze Zeit zwischen uns saß.
Ich spürte sofort, wie sich etwas in mir zusammenzog.
Die einfache Antwort war unmöglich.
„Sie war einmal alles“, sagte ich schließlich. „Wir waren uns nah. Sehr nah. Jetzt… ist das etwas zwischen uns, das keiner benennen kann.“
Ich schwieg etwas, dann fuhr ich fort:
„Wir haben uns verloren. Nicht abrupt. Eher… schleichend. Es ging einfach nicht. Und irgendwann war da nur noch Stolz, Missverständnis und Schweigen.“
„Und trotzdem habe ich ihr dieses Versprechen gegeben.“
Necmettin nickte. Diesmal langsamer.
„Manche Menschen bleiben bei einem, auch wenn sie gehen.“
Diese einfache Aussage traf mich stärker, als ich erwartet hatte. Er hatte mich verstanden, ohne mich zu verurteilen. Er hatte zuhört ohne eine abschätzigen Kommentar. So verständnisvoll und sanft.
„Weist du ich verurteile niemanden.“ Antwortete er nach einer Weile, als hätte er meine Gedanken gehört.
„Ich hab selbst genug angestellt im Leben. Ich bin auch kein guter Muslim. Aber ich habe gelernt im Leben darauf zu achten, was für ein Herz mein Gegenüber hat.“
Nach einer Weile fiel mir ein, dass ich kein Kopftuch für den Friedhof hatte.
Er nickte ruhig. „Wir fragen jemanden. Im Dorf hilft man sich. Hallederiz!“
Als wir das Dorf erreichten, änderte sich die Welt sofort.
„Ich bin hier in Kayseri geboren“, sagte er nach einer Weile. „Aber in diesem Dorf war ich noch nie.“
Keine großen Straßen mehr. Nur kleine Wege. Staub. Einige wenige Häuser. Das Minarett einer Moschee. Ein kleines Dorfzentrum.
Drei ältere Männer saßen am Eingang. Gehstöcke. Pullover. Strickmützen, obwohl es warm war.
Als Necmettin ausstieg, veränderte sich seine Haltung.
Nicht gespielt. Sondern automatisch.
Es folgte ein Gespräch, das ich nur halb verstand, aber vollständig fühlte.
Die Männer musterten mich neugierig, nicht unfreundlich.
Dann zeigte einer den Weg.
Eine Frau am Ende des Dorfes. Sie hätte, wenn nötig, ein Kopftuch. Falls nicht, sollten wir zurückkommen und er würde jemand anderen finden: „Hallederiz!“
Der Garten war einfach. Kein Zaun, eher ein paar Steine. Eine Teyze saß im Gras und arbeitete an etwas. Sie sah uns kommen, als hätte sie uns erwartet.
Necmettin erklärte. Langsam. Respektvoll.
Ihr Blick wurde anders: „Er war ein guter Mensch! Er hat vielen Menschen geholfen.“
Als sie zurückkam, hielt sie ein Kopftuch in den Händen. Der Friedhof war nur wenige Schritte entfernt. Aber diese wenigen Schritte fühlten sich an wie ein Übergang in eine andere Zeit.
Ein anderer Nachname und dennoch hatten wir das Grab gefunden. Ich hab ihren Großvater nie kennengelernt und dennoch war es sehr emotional dort zu sein. Bei ihrem Opa, bei ihren Wurzeln.
Es war wirklich hier. Necmettin begann sofort, die Stelle zu säubern, trockene Blätter zu entfernen. Als hätte er verstanden, dass Worte hier weniger wichtig waren als Handlung.
Ich sprach leise Gebete. Für Osman. Für Semiha. Für Mehmet.
Ich berührte den Grabstein. Eine Last viel von mir ab. Die Welt war in diesem Moment sehr klein geworden. Und gleichzeitig größer als alles davor.
„Mach ein Foto“, sagte Necmettin irgendwann leise. „Du musst das festhalten.“
Ich hob das Handy. Senkte es wieder. Hob es erneut. Und machte es schließlich doch. Ich schickte es. Löschte es. Schickte es nochmal.
Und wartete, ohne genau zu wissen worauf.
Auf dem Rückweg zum Auto war das Kopftuch in meinen Händen plötzlich schwerer als vorher. Die Frau wollte es mir schenken. Ich schüttelte den Kopf.
„Ich kann es nicht annehmen mitnehmen.“
Necmettin verstand sofort. Ohne Erklärung. Eigentlich war ich hier um loszulassen und keine weiteren Erinnerungen zu sammeln. Er gab es zurück. Mit einer Ruhe, die nicht gelernt war, sondern einfach da.
Als wir zurück nach Kayseri fuhren, war die Landschaft dieselbe. Aber ich war es nicht mehr. Meine Schultern waren leichter, aber mein Herz war noch schwerer, als plötzlich mein Handy leuchtete.
Necmettin verstand sofort und sagte: Was hat sie geschrieben?
Ich wollte die Nachricht nicht öffnen. Zu groß war die Angst vor einem Vorwurf oder einem unfreundlichen Satz.
Er wurde unruhig. „Açsana!“
Und mit zittrigen Händen klickte ich auf ihre Nachricht. Weiche Worte. Sehr weiche Worte.
Neçmettin grinste und sagte: „Es ist euer Nasip. Es ist euer Schicksal.“