Langsam stieg Leyla die letzten Treppenstufen zu ihrer Altbauwohnung empor. Die Stufen knarzten unter jedem Schritt. Die warmen, rot-orangenen Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne bahnten sich ihren Weg durch die Häuserschluchten der Berliner Großstadt bis in den Flur des Mehrfamilienhauses. Sie hatte dies an diesem Haus immer geliebt. Die hohen Fenster, die den Flur besonders im Sommer bis in die späten Abendstunden in warme Farben tauchten.
Ihre Knie schmerzten bei jedem Schritt. Der Tag war lang gewesen.
Auf dem Heimweg hatte sie ihre Playlist mit den ruhigen Liedern eingeschaltet. Ein Stück hatte sie schon immer besonders berührt: „Miss Her“ von dem Komponisten „Jurrivh“.
Es war ein sanftes ruhiges Klavierstück. Sie liebte diese zärtlichen Klänge, die vor allem die Melancholie zuließen, die sie tief in ihrem Herzen spürte.
An manchen Tagen wurde ihr einfach alles zu viel. Die Arbeit, die Verantwortung, die Last der Erinnerungen, die Sehnsucht nach ihrer Familie, ihrer Mutter. Sie war immer stark, sie regelte alles alleine und irgendwie war das für alle auch längst selbstverständlich geworden.
Unter welcher Last sie jedoch dabei litt, dass sahen die Wenigsten.
Sie war dankbar für dieses Leben. Sie war dankbar für ihren Mut und ihre Stärke. Doch manchmal wollte sie einfach nur ankommen und sich klein fühlen dürfen. Sie wusste von sich selbst, dass sie alles schaffen und erreichen konnte, was sie sich vornahm. Aber manchmal wollte sie sich einfach nur anlehnen und ohne Worte einfach verstanden werden.
Wenn sie sich an solchen Tagen, dann noch mit Balca gestritten hatte, wurde die Welt um sie noch viel dunkler. Ihr Dienst heute im Krankhaus war ohnehin stressig gewesen und sie hatte keine Zeit gefunden, vernünftig mit Balca zu kommunizieren. Eine Sache war zur anderen gekommen. Sie hatten sich missverstanden aufgrund der üblichen Themen und hatten dann via Whatsapp gestritten. Sie hasste solche Tage. Nicht einmal die warmen Sonnenstrahlen konnten dann ihre Stimmung aufhellen.
Sie merkte wie bei all den Gedanken ihre Augen glasig wurden. Doch sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Sie wollte jetzt nicht auch noch weinen.
Sie hatte ihre Etage erreicht und bog um die Ecke zu ihrer Wohnungstür, als sie plötzlich einen brauen großen Karton erblickte. Sie hatte doch gar nichts bestellt. Oder etwa doch?
Als sie näher trat, erkannte sie, dass es eine Blumenlieferung war. Das traurige Gefühl in ihrer Brust verwandelte sich augenblicklich in kleine Freude und etwas Aufregung. Hatte Balca ihr etwa Blumen geschickt? Noch vor der Wohnungstür öffnete sie den Karton und erblickte ihn ihm einen wunderschönen Strauß mit roten Rosen. In dem Strauß war eine Karte gesteckt.
Sie öffnete langsam die Karte und begann zu lesen: „Balım… Senden özür dilemek istiyordum. Ich weiß, was du leistest und dass du heute einen sehr stressigen Tag hattest. Du bist die stärkste Frau die ich kenne und auch die schönste… Seni seviyorum.“
Leyla war tief berührt. Mit so etwas hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Plötzlich vernahm sie hinter sich ein leises Geräusch von der Treppe, die weiter nach oben führte. Aus dem Augenwinkel erkannte sie einen Schatten. War dort jemand? Oder war das einfach nur ihre Müdigkeit? Sie drehte sich sofort um.
Und da stand sie auf einmal. Balca.
Nun konnte Leyla ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Langsam liefen sie über die Wangen. Balca ging sofort einen Schritt auf sie zu und nahm sie fest in den Arm.
Als Leyla sich in der Umarmung wiederfand, spürte sie, dass genau das alles war, was sie sich in diesem Moment gewünscht und gebrauchte hatte.
Balca hielt sie fester als sonst und streichelte ihr sanft über den Rücken, als hätte sie all ihre Gedanken gerade gehört. Leyla konnte nicht aufhören zu weinen. Schluchzend rang sie nach Luft. Balca küsste zärtlich ihren Kopf und wiegte sie behutsam in ihren Armen. Ohne Erwartung. Ohne Erklärung. Sie flüsterte leise: „Ich bin da. Yalnız değilsin bebeğim.“
Nach und nach beruhigte sie Leyla langsam wieder. Sie liebte dieses huzur welches Balca ausstrahlte. Mit verweinten Augen sah sei Balca an.
„Hast du jetzt die ganze Zeit hier im Flur auf mich gewartet? Es tut mir auch Leid mit heute.“
„Ja“ entgegnete Balca sanft. „Ich wusste, dass es dir nicht gut geht und wollte dich damit heute Nacht nicht alleine lassen. Ich wusste aber nicht, ob es dir recht ist, wenn ich in deiner Wohnung warte. Deshalb habe ich mich auf die Treppe gesetzt.“
„Was hast du deinen Eltern gesagt?“
„Ich habe gesagt, dass ich doch heute zur Nachtschicht muss heute.“
Leyla war etwas sprachlos. Diesen Moment nutzte Balca um ihr zärtlich keinen Kuss auf ihren Mund zu geben. „Ich liebe dich,“ sagte sie dabei leise. „Ich liebe dich auch sehr,“ entgegnete Leyla.
„Komm, gib mir seine Sachen. Wo ist dein Schlüssel?“
„Hier“ antwortete Leyla. Balca nahm ihre die Tasche ab und schloss die Wohnungstür auf. Im Flur stand bereits Mavi und miaute aufgeregt. Er hatte die Stimmen der beiden schon von draußen gehört.
„Hallo mein kleiner Cimi“ sprach ihn Balca an und streichelte ihm über den Kopf. „Ich hab dich vermisst.“
„Wenn du die Blumen ins Wasser stellst, dann lasse ich dir ein Bad ein. Du musst dich heute um nichts kümmern. Ich bin für dich da. Hast du Hunger?“ fragte Balca fürsorglich.
„Nein.“ Antwortete Leyla immer noch mit trauriger Stimme. „Ich will einfach nur, dass du bei mir bist und nicht weggehst.“
Sie ging in die Küche und suchte eine Vase für die wunderschönen Rosen aus, die Balca ausgesucht hatte. Sie liebte Blumen, vor allem wenn sie von Balca kamen.
Aus dem Badezimmer vernahm sie das Plätschern des Wasserhahns.
Sie liebte Balca für ihre fürsorgliche Art. Nach einer Weile trat Balca in die Küche und sagte grinsend: „Bayanefendi! Ihr Bad ist angerichtet.“ „Bayanefendi“ war immer ihr Wortspiel gewesen. Leyla hatte sich einmal versprochen und statt „Hanımefendi“, „Bayanefendi“ gesagt. Balca hatte sich vor Lachen kaum mehr eingekriegt damals. Seitdem war dies immer zu einer liebevollen Neckerei zwischen ihnen geworden.
Balca nahm Leylas Hand und führte sie ins Bad. Dort brannten duzende von Kerzen und es roch herrlich nach Hamamduft.
„Soll ich dir beim Ausziehen helfen?“ flüsterte Balca zärtlich. In ihrer Stimme lag dabei ein Hauch von Verspieltheit. „Ja“ entgegnete ihr Leyla leise und sah Balca dabei tief in ihre mandelbrauen Augen.
Irgendwie sah Balca heute noch schöner als sonst aus. Ihr schulterlanges braues Haar hatte sie nach hinten gegelt, wodurch ihre feinen Gesichtszüge noch stärker zur Geltung kamen. Sie Sie trug ihre goldenen Ohrringe. Besonders den länglichen Ohrstecker am oberen Teil des Ohres liebte Leyla besonders. Dazu trug Balca ein schwarzes Top, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren und das sorgfältig in ihre Jeans gesteckt war. Der braune Ledergürtel verlieh ihrem Outfit etwas Sportliches und zugleich Elegantes. An ihrem Handgelenk glänzen ihre feinen goldenen Armbänder. Leyla mochte Gold eigentlich nicht. Doch an Balca liebte sie es.
Zärtlich begann Balca Leyla auszuziehen.
Lamgsam zog sie ihr das T-Shirt über den Kopf und öffnete geschickt ihren BH. Dabei küsste sie sie sanft in den Nacken und über den Rücken. Genau an den Stellen, an denen Leyla besonders empfindlich war. Sie liebte es, von Balca dort berührt zu werden. Augenblicklich überzog eine Gänsehaut ihren Körper. Langsam schloss sie die Augen, was dazu führte, dass sie jede Berührung noch intensiver wahrzunehmen.
Balca strich ihr behutsam über den Rücken und flüsterte ihr leise ins Ohr:
„Darf ich auch mit ins Wasser kommen, oder möchtest du die Badewanne heute ganz für dich alleine?“
Leyla musste unwillkürlich grinsen.
„Hast du dir das denn verdient?“
Diesen kleinen Seitenhieb konnte sie sich nach dem heutigen Tag nicht verkneifen.
„Sag du es mir. Habe ich mir das verdient?“
Leylas Antwort kam ohne zu zögern: „Ja das hast du! Danke, dass du hergekommen bist.“
„Dann habe ich aber Glück.“ Erwiderte Balca ebenfalls grinsend.
„Geh du schon mal in die Wanne. Ich komme sofort.“
Ein paar Minuten später kam sie mit der kleinen Musikbox aus dem Wohnzimmer ins Bad. Sie stellte ruhige, langsame Musik an, bevor sie sich auszog und ebenfalls zu Leyla in schaumgefüllte Badewanne stieg.
„Ich liebe es mit dir zu baden,“sagte Leyla und sah Balca dabei verliebt an.
„Ich liebe es auch sehr.“ Balca zog Leyla sanft zu sich und gab ihr einen liebevollen Kuss.
„Du bist so wunderschön“ flüsterte sie ihr dabei zu.
„Nein du! Du bist nicht nur schön, sondern auch unglaublich attraktiv, du bist einfach voll mein Typ.“
„So bin ich das also? Das kann ich nur zurückgeben.“
Für einen Moment schwiegen sie und lauschten dem leisen Knistern des Schaums und der Musik.
„Woran denkst du?“ fragte Leyla und betrachtete Balca aufmerksam.
„Hm… Ich weiß nicht,“ antwortete sie mit einem verschmitzen Lächeln.
„Sag es mir“ forderte sie Leyla neckend auf.
Balca biss sich kurz auf die Lippe und grinste noch breiter.
„Vielleicht denke ich gerade daran, wie schön es ist, einfach nur hier bei dir zu sein.“
„Ich glaube das ist nicht alles,“ fragte Leyla grinsend.
Balca musste auch grinsen.
„Ja vielleicht denke ich auch noch an etwas anderes.“
„Woran?“ Leyla wollte, dass Balca es aussprach.
Balca musste immer stärker grinsen und wurde etwas rot.
„Vielleicht denke ich daran, was ich jetzt gerne alles mit dir hier machen würde.“
Leyla spürte dieses vertraute, aufregende Kribbeln in ihrem Bauch. Es fühlte sich ein bisschen so an, wie eine Achterbahnfahrt.
„Was würdest du denn gerne alles mit mir machen jetzt?“ entgegnete sie mit gesenkter Stimme und sah Balca dabei tief in die Augen.
„So vieles…“ Balca hielt Leylas Blick herausfordernd stand.
„Zeige es mir,“ flüsterte Leyla.
Balca strich Leyla zärtlich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, bevor sie Leyla sanft aber bestimmt zu sich zog und sie sehr leidenschaftlich küsste. Leyla konnte Balcas Zunge dabei sehr tief spüren. Dieser Kuss war so leidenschaftlich, dass ihr beinahe die Luft wegblieb. Sie liebte es, wen Balca so dominat war.
Im Schein des Kerzenlichts verschmolzen ihre Silhouetten miteinander, während kleine Wellen rhythmisch gegen den Rand der Badewanne schwappten.
Als sie sich nach einer Weile wieder voneinander lösten, atmeten beide schnell und tief.
Die Wärme des Wassers, die Nähe, ihre Lust und die Intensität des Augenblicks hatten beide verzaubert und das gesamte Badezimmer mit Leidenschaft ausgefüllt.
Sie hatten sehr geschwitzt. Sie hatten sich leidenschaftlich geliebt. Leylas Haut war immer noch von einer Gänsehaut überzogen und ihre Beine zitterten leicht.
Nun war es Leyla, die Balca eine feuchte Haarsträhne aus ihrem geröteten Gesicht strich. „Ich liebe es so sehr, wie gut du meinen Körper lesen kannst,“ sagte sie leise.
Balca grinste verschmitzt. Und gab ihr einen Kuss auf die Nase. „Und ich liebe es, wie sehr du mir vertraust.“
Einen Moment sagte keiner von ihnen was. Die Musik spielte immer noch im Hintergrund. Schauminseln trieben übers Wasser.
„Weißt du, was das Schönste ist?“ fragte Balca.
„Dass ich mich bei dir nie verstellen muss. Hier kann ich einfach ich selbst sein.“
Leylas Blick wurde weich. „Das musst du auch nie.“
Balca nahm ihre Hand und küsste ihre Handinnenfläche. Leyla liebte es, wenn sie das tat. Vor Balca hatte das noch nie jemand gemacht. „Du auch nicht Leyla. Du bist mir niemals zu viel.“
Balca hob Leylas Kinn dabei sanft an und sah ihr tief in die Augen. „Du und ich, wir sind ein WIR. Keiner ist hier alleine.“
Leyla spürte wie dieser Satz sie wieder etwas emotionaler machte. „Danke,“ sagte sie zögernd.
„Auch, wenn ich aufgrund der Umstände nicht immer da sein kein. Auch wenn wir diskutieren und streiten deshalb. Ich spüre alles und ich nehme dich wahr, Balım. Du bist nicht alleine und wir schaffen das zusammen. Ich werde an mir arbeiten. Ich möchte nicht mit dir streiten. Ich möchte, dass wir eine Familie werden.”
Leyla machten diese Worte glücklich. Sie küsste Balca.
Draußen war die Nacht längst über Berlin hereingebrochen. Im Badezimmer spiegelte sich das flackernde Kerzenlicht auf der Wasseroberfläche, während Mavi sich vor der Tür zusammengerollt hatte und geduldig darauf wartete, dass seine beiden Lieblingsmenschen wieder herauskamen.
In diesem Augenblick gab es nichts, was wichtiger gewesen wäre als die Gewissheit, dass egal wie schwer ein Tag auch sein mochte und welche Probleme sie auch hatten, sie hatten einander gefunden und sie wollten versuchen gemeinsam mit ihrer Liebe alle Herausforderungen zu überwinden.
Geschrieben in der Schlaflosigkeit der Nacht des 07/07/26