Was wollen die jetzt von mir? So wie ich sein ist falsch. Gefährlich. Wie muss ich denn sein? Ich versuche es raus zu finden. In den Gesichtern zu lesen. Unberechenbar hier. Es gibt keine Regeln. Alles willkürlich. Hass oder Liebe. Jederzeit. Die entscheidende Münze ist unsichtbar. Hier gibt es keine Verbündeten. Obwohl, bei Papa gibt es manchmal Liebe. Ich muss nur gut genug raus finden wie er mich haben will. Wenn Mama ausrastet ist er nicht da. Dann sagt sie, Papa verlässt uns wenn wir weiter so viel streiten. Das muss ich besser machen. Lieb sein. Auch zu Mama. Sie bändigen. Papa braucht seine Ruhe. Nichts sagen. Sonst verlässt er uns. Wenn ich erzähle was Mama mit mir macht. Also ich muss es gut vor ihm verstecken. Dem einzigen, der meine Rettung wär. Wie geht so ein Hilferuf? Ich muss da alleine durch. Papa ist verheiratet mit seiner Arbeit. Und Sex haben sie auch keinen mehr. Liebesentzug ist das, sagt Mama. Und sie hat sich auch eine andere Tochter gewünscht. Eine mit der sie befreundet sein kann und gemeinsam etwas unternimmt. Mit mir geht das nicht. Ich bin da nicht richtig für. Böse bin ich. Und deswegen wird sie manchmal so wütend. Dann soll ich doch meinen Papa heiraten. Obwohl ich ja eigentlich vom Postboten bin, und garnicht zu ihnen gehöre. Aber Mama sagt auch das sie mich lieb hat. Immer wenn sie weinend in mein Zimmer kommt, kurz nachdem sie irgendwas auf mir kaputt geschlagen hat. Dann soll auch ich ihr sagen dass ich sie lieb habe und das ich verstehe, dass sie das alles nicht so meint. Man erhebt nicht die Hand gegen seine Mutter. Man lässt geschehen und schreit. Sie macht dass Fenster auf, damit ich lauter schreien kann und die Nachbarn hören, was für ein böses Kind ich wirklich bin. Das wichtigste ist, dass Papa uns nicht verlässt. Mama packt auch manchmal die Koffer. Ich hänge weinend und flehend an ihren Beinen und bettele das sie nicht geht. Sie sagt dann ich komme ins Heim wenn sie weg ist, weil Papa so viel arbeitet, dass ich nicht bei ihm bleiben kann. Wenn mein Körper und Verstand vor verzweifelten Liebesbekundungen zittern, ich ihr nur noch schluchzend "Bitte nicht" entgegen wimmere, entscheidet sie sich meist irgendwann zu bleiben. Und ab jetzt wird alles besser, es war das letzte mal, denn es tut ihr jetzt leid. Krampfhafte Hoffnung. Der einzige Halt in der Hölle. Es gibt keinen Ausweg. Kccchzklacac - Schlüssel im Schloss. Papaaaaa! Endlich. Ich springe auf, laufe zu ihm, klammere mich wortlos und mit noch feuchten Wangen an ihn. Vermeide Blickkontakt, hab noch kein Verhalten. Mama hat es aufgegessen. "Schön, dass du dich so freust mein kleiner Schatz. Wie war dein Tag?" -- Aus dem Tagebuch (m)einer Fünfjährigen.













