[...] der Antisemit konstruiert im Gegensatz zum Rassisten keine Rasse, die er auf- oder abwertet, sondern konstruiert die Juden als Negativfolie zu einem organischen Volk, einem kĂŒnstlichen Gebilde, das nur als schmarotzender Parasit ĂŒberleben kann. [...]
Den Juden sollte [gemÀà Postones Antisemitismustheorie] im Lager die Maske der Menschlichkeit weggerissen werden, um die Juden als das zu zeigen, was sie in den Augen der Nazis waren: Schatten, Ziffern, Abstraktionen. Denn die Juden erscheinen gerade nicht als Natur, sondern sie verkörpern die abstrakte Seite des Kapitals. Dies hat seinen Grund im Doppelcharakter des Kapitals als eines Arbeits- und Verwertungsprozesses. [...] Es wird in dieser Form des âAntikapitalismusâ nur die abstrakte Seite des Kapitalprozesses angegriffen und fĂŒr alle kapitalistischen Krisen und
Modernisierungen verantwortlich erklĂ€rt. Die ZirkulationssphĂ€re gilt hier als die eigentlich kapitalistische SphĂ€re: Sie ist kosmopolitisch, geldgierig und jĂŒdisch. WĂ€hrend die Industrie als das organische, biologische Substrat angesehen wird, dessen ĂŒbergeordnete biologische Gemeinschaft Volk und Rasse ist. Verkörpert wird die abstrakte Seite des Kapitals von den Juden. Das antinomische VerhĂ€ltnis von Verwertung und Industrie erscheint nun als der rassische  Gegensatz von Jude und Arier. [...]
Gerade dies ist fĂŒr Foucault oder Agamben nicht fassbar, da sich beide Rasse oder nacktes Leben immer nur als einen Diskurs ĂŒber die Produktion des NatĂŒrlichen vorstellen können, den es zu dekonstruieren gĂ€be und der sich so als Produktion von MachtverhĂ€ltnissen entpuppen soll. Die Erkenntnis, dass es sich bei der Kategorie Rasse nur um eine Konstruktion handelt, ist das Emanzipationsversprechen des Poststrukturalismus fĂŒr die von Rassismus Betroffenen. FĂŒr Juden und JĂŒdinnen funktioniert dieses Versprechen jedoch nicht, da sich im Bild, das der Antisemit sich von ihnen macht, gerade das Gegenteil des organischen, natĂŒrlichen reprĂ€sentiert: Sie gelten als Schmarotzer und Parasiten, die nur so tĂ€ten als seien sie Teil eines natĂŒrlichen Volkes. Dementsprechend war und ist die jĂŒdische Emanzipationsbewegung begleitet von einer anderen Notwendigkeit: Bewiesen werden muss, dass Juden und JĂŒdinnen genauso namhaft und organisch sind wie alle anderen. Die politische Bewegung dazu war der Zionismus, also der Beweis, dass Juden in der Lage sind einen Staat zu grĂŒnden wie alle anderen Nationen. Die GrĂŒndung Israels war âein Unternehmen zur Widerlegung von Vorurteilen ĂŒber Judenâ (ISF), mit dem die Juden ihre Tauglichkeit fĂŒr bĂŒrgerliche Zwecke, also ihre ProduktivitĂ€t beweisen wollen. Mit dieser Konstituierung des israelischen Staates wurde es notwendig, eine politische HomogenitĂ€t und nationale IdentitĂ€t herzustellen.
Dieses politische Projekt widerspricht offensichtlich einer politischen und theoretischen Bewegung, deren Kampf darin besteht, sich von der Natur zu emanzipieren und die Nationen zu dekonstruieren, und der Poststrukturalismus ist immer eine Emanzipationsbewegung in diesem Sinne gewesen. Aus der poststrukuralistischen Logik heraus muss das zionistische jĂŒdische Projekt als rassistisch gewertet werden. Einen Vorwurf, den sich Israel oft genug anhören muss. Den Dekonstruktionsprozess auf die Juden angewendet, hat somit immer eine Schlagseite zum Antizionismus und Antisemitismus. Denn dass ihr Staat ein konstruierter, also kĂŒnstlicher sei, ist genau das, was ihnen in UNO-Hauptversammlungen zum VerhĂ€ngnis wird.