Es geht nicht mehr. Seit 6 Monaten leide ich unter Esssucht mit täglichen Essanfällen. Vor ein paar Wochen ging es besser, weil ich wieder toll Sport machte und machen konnte. Ich hatte zwar täglich einen “Essanfall”, weil ich immer sehr große Mengen auf einmal gegessen habe, aber da ich nur einmal am Tag aß/esse und diese Mengen nicht in den astronomischen Bereich gingen, konnte die Energiezufuhr einigermaßen mit dem Energieverbrauch an einem Tag konkurrieren; und so konnte ich mich übers Wasser halten. Durch den Sport (Laufen) konnte ich mich auspowern, und ich fühlte mich zu der Zeit sehr fit - das war das beste Gefühl überhaupt und machte mich total glücklich -, so dass einerseits die etwas zu großen Mengen an Essen, vor allem an Kohlenhydraten und Zucker, sinnvoll verwendet werden konnten, aber andererseits wäre ich mit einer gesünderen und verteilteren Ernährung noch fitter gewesen.
So wie das immer so ist, ermüdet mein Körper nach einer Zeit von regelmäßigen Ich-bin-topfit-Trainings, weil ich einfach unbelastbare Muskeln, Sehnen und Gelenke habe. Dafür hasse ich meinen Körper übrigens auch. Dann bekam ich halt Muskelschmerzen, schwache Sehnen und belastete Gelenke. Also war Pausenzeit angesagt :(. Und was passierte? Wie immer esse ich in sportfreien Zeiten nicht weniger, sondern mehr, und dann nahm ich zu. Meine Esssucht bzw. Essanfallsanfälligkeit bestand ja nach wie vor und hatte nun keinen Ausgleich mehr.
Es ist so schlimm. Ich habe in letzter Zeit so viel, natürlich Süßes und Fettiges, gegessen und habe noch weiter zugenommen. Ich werde immer fetter. Seit 6 Monaten bin ich wegen meiner Essstörung nur am Zunehmen. Mit dem Sport gab es eine Stagnation bzw. vlt. eine leichte Abnahme, und jetzt bin ich schwerer als je zuvor. Das Schlimme ist der Teufelkreis. Je weiter ich zunehme, desto weniger Sport treibe ich, weil ich mich zu schwer und träge fühle. Sport ist zu anstrengend, und ich habe Angst mich zu verletzen. Mit zunehmendem Gewicht steigt die Last auf die Gelenke und Sehnen. Außerdem kann ich mit essanfallsbedingter Übelkeit keinen Sport treiben. Ich werde unbeweglich. Seit Tagen sage ich mir, dass ich weniger essen muss. Sport brauche ich gar nicht treiben, das ist Anstrengung umsonst. Erstmal weniger essen, und das heißt nicht wenig essen, sondern nur weniger als momentan, um aufzuhören zuzunehmen und vlt. ein paar Pfunde abzunehmen. Ich muss erstmal wieder in den Gewichtszustand gelangen, um wieder Sport (Laufen) zu machen. Was ich in sportfreien Zeiten mache, ist Spazierengehen, also nicht langsam, sondern zügig. Ich gehe jeden Tag an die frische Luft. Und das ist das gute Mindestmaß. Aber ich bin leider zu schwerfällig, um den Sport zu machen, den ich gerne machen würde.
Das mit dem Wenigeressen klappt nicht. Jeden Tag esse ich immer zu viel. Während ich esse und sich die Mahlzeit aufgrund meines steigenden Sättigungsgefühls, das ich immer verdränge, zum Ende neigt, bekomme ich den Drang der Esssucht zu spüren. Ich bin zwar fertig, aber nein, ich muss weiteressen, aufessen, essen, und während ich esse und essen will, ist mir alles egal, ALLES, die Bauchschmerzen, die anfangen sich zu manifestieren, ertrage ich, all die Vorhaben und Gedanken an die schlimmen Konsequenzen des Fetterwerdens und der permanenten Übelkeit und der sich darausergebenden Unfähigkeit zur Aktivität - nach zu vielem Essen bin ich nämlich MÜDE - ignoriere ich bewusst: Ich will gar nicht daran denken, während ich daran denke, ich schlage sie mit meiner Hand weg, denn ich will jetzt essen. Ich brauch das. Es schmeckt so gut. Der Geschmack in dem Moment, in dem das Essen auf der Zunge liegt, zählt. Und merkwürdigerweise will ich nicht langsam essen, wodurch ich den Geschmack länger genießen könnte, sondern ich will alles schnell herunterschlucken und noch mehr von dem Essen essen. Noch viel. Alles muss hinein. Noch rin Riegel. Noch ein Keks. Noch ein Löffel. Komm, das schaffe ich noch. Ich zwinge mich fast, weil ich schon total voll bin. Deswegen muss ich schnell essen. Je voller ich werde, desto schneller esse ich, damit mir die Übelkeit nicht zuvorkommt.
Ich bin verzweifelt, weil jeder Tag mit dem Überessen zunichte getrieben wird. Ich entferne mich immer weiter von meinem Ziel. Es klingt so einfach: Einfach etwas weniger essen. Aber die Sucht, der Drang ist tückisch. Ich bin zuckersüchtig. Ich kann keinen Tag ohne Süßes. Während des Essens bin ich nicht aufzuhalten.
Wenn ich eigentlich fertig bin, kommt der Moment, in dem ich mich in ein gefräßiges Raubtier verwandele. Ein Raubtier, das sich von Gebäck ernährt.
In letzter Zeit bin ich außer Atem, wenn ich nur Spazieren gehe. Mir fehlt oft Luft bzw. brauche ich sehr viel Luft zum Ein- und Ausatmen, wenn ich nur nicht sitze. Wenn ich ins Bett gehe, bekomme ich Atemnot. Mein Bauch drückt auf meine Lunge. Es ist schlimm.
Heute ist wieder ein Tag verstrichen, der mir einen Grund gibt, die Hoffnung aufzugeben, die ich bisher trotz aller Niederlagen nicht aufgegeben hatte. Wie immer hatte ich meinen täglichen Essanfall, heute Nachmittag, und ich war darüber traurig, dass ich es schon wieder nicht geschafft hatte, weniger zu essen. Und ich beschwerte mich über meine Übelkeit und Müdigkeit, die mich daran hinderte, etwas zu tun. Wenn das nicht schon schlimm genug wäre.
Und dann kam heute Abend der zweite Essanfall zu einer Mahlzeit, die nicht existierten brauchte. Ich war vom Mini-Spaziergang total außer Atem, der wahrscheinlich nervositätsbedingt ist, und das einzige, was ich wollte, war essen. Ich brauchte etwas zu essen, um meinen Atem zu beruhigen. Ich wusste, dass das die total falsche Entscheidung war. Ich hatte noch einen vollen Bauch, der mir Übelkeit gab und mich davon abhielt, lange spazieren zu gehen. Ich war müde. Ich musste in die Dusche gehen. Seit 3 Tagen schaffe ich es nicht mehr in die Dusche. Es ist eine Schande. Duschen ist zu anstrengend. Ich habe keine Kraft dazu. Schon seit langem muss mich jedes Mal überwinden, in die Dusche zu gehen, weil es mir so anstrengend und kälteerzeugend erscheint. Aber ich habe mich täglich dazu gezwungen, weil ich das brauche, und wenn ich einmal drin bin, ist alles gut, und danach fühle ich mich GUT. Jetzt fühle ich mich eklig. Ich wollte zwar duschen, aber davor musste ich essen. Und wenn ich esse, bedeutet das immer Essanfall. Und dann habe ich im Geheimen gegessen. Immer wieder unauffällig Sachen aus der Küche und aus dem Keller geholt (Plätzchen, Müsliriegel, Schokoladennikoläuse, Kuchen) und im Badezimmer gegessen. Und ich konnte nicht aufhören. Ich habe alle Süßigkeiten, die es gab, aufgegessen, obwohl sich mein Atem schon nach ein paar Riegeln beruhigt hatte. Ich konnte nicht aufhören. Und ich habe nicht geduscht. Und dann habe ich im Keller meine letzte Attacke verübt: die Lebkuchen. Ich wusste, dass ich völlig voll war und nicht mehr konnte. Warum füge ich mir so viel Schaden zu?!
Ich kann nicht mehr. Bald bin ich tot. Während ich die Sachen voller schlechter Gewissen in mir hinein aß, wollte ich niemanden aus meiner Familie um Hilfe rufen. Ich schäme mich.
Danach stürzte ich vor Traurigkeit nieder. Ich wat heute schon über mein Zuvielessen traurig genug - und jetzt mit dem zweiten Essanfall ist es mehr als doppelt so schlimm. Es wird immer schlimmer. Ich komme nicht heraus. Ich gehe in der Esssucht zugrunde. Jede nur theoretische Anstrengung zur Entgegenwirkung wird nicht nur neutralisiert, sondern um das Doppelte vernichtet. Ich kann nicht mehr.
All diese Probleme kreiere ich mir selbst. Ich versaue mein Leben. Wenn ich so weitermache, bekomme ich Diabetes. Während ich so lange großzügig zu mir gewesen bin, muss ich mich jetzt hassen. Es reicht. Ich hasse mich. Ich bin eine Schande. Bin ich es würdig, mich so zuzufressen? Aus Stress? Welcher Stress? Ich bin einfach nur süchtig. Und dabei denke ich nicht die ganze Zeit ans Essen. Ich gehöre in die Mülltonne. Warum kann ich mit dem ganzem Gefresse nicht einfach aufhören?!?! Und lecker hat das Ganze trotzdem geschmeckt. Jetzt kann ich wirklich nicht mehr duschen gehen. Alles ist sinnlos. All meine Gedanken und Taten. Wenn ich noch einmal sowas und soviel esse, schneide ich mir die Kehle durch. Dann kann ich nicht mehr essen. Aber auch leider keine restlichen Tätigkeiten des Lebens mehr. Ich weiß nichts mehr. Ich bin verzweifelt. Und dabei liegt alles in meiner Hand. Die Esssucht geht jetzt schon lang. Es wird nicht besser. Es wird schlimmer. Ich kann nur träumen. Es gibt so viele Gründe, mich zu hassen. Wie kann jemand nur der größte Idiot auf der ganzen Welt sein und sich selbst zu 100% seine Probleme kreieren und all seine Fantasien der Problemlösung bewusst und gewollt verhauen?!
Was ich in letzter Zeit liebe, ist Schlafen. Schlafen und von den schönsten Sachen träumen bzw. denken. Es gibt etwas, an das ich SEHR GERNE denke. Es macht mich glücklich, liebend und schwebend. Wenn ich schlafe bzw. im Bett liege, ist Ruhe im Karton. Dann kann ich überhaupt nichts falsch machen. Dann kann ich keine dummen Dinge anstellen. Dann kann ich mich nicht verletzen. Aber wenn ich aufstehe und esse, ist die Hölle los. Das Schönste wäre, wenn ich einen Winterschlaf machen würde und könnte. Dann würde ich von meinen Reserven, die ich mir durch die übermäßige Nahrungsaufnahme zu gepolstert habe, überleben. Es wäre so schön. Und wenn ich aufwachen würde, hätte ich eine neue Chance, eine Entlastung und mehr Motivation.
Ich frag mich, wann ich tot bin. Oder wann ich nicht mehr ess- und zuckersüchtig bin.