“Bordbegrüßung”
"Hallo und Willkommen im Kuscheljet der Rosa-Bärchen-Airline. Der Pilot und ich gehen noch ein paar Routinen nach, bevor wir die Motoren starten, damit sie so sicher und angenehm wie möglich an ihren Zielort gelangen. Bitte füllen Sie in der Zeit das vor ihnen liegende Formular aus. Es ist 926 Seiten lang und beinhaltet Fragen, die sie zu beantworten haben. Sie können ja die Fragebögen für Schimpansen und Orang-Utans ebenfalls beantworten. Quengeln und rebellisches Verhalten wird geduldet. Es liegt und sehr am Herzen, dass sie aus dem Papier Flugzeuge falten oder es sich in die Nase stecken! Wir halten es nämlich fürs beste anzunehmen, dass sie ohne unsere Hilfe oder Aufforderung Entscheidungen treffen können. Wir haben weder Mitleid mit ihnen, noch lassen wir uns von weit geöffneten, fordernden Augen, ihrem wildem Gekreische, ihren harten Befehlston und ihren drögen Drohungen mit Anwälten in irgendeiner Weise beeinflussen. Wir geben ihnen ebenso wenig etwas vor. Sie sind auf sich gestellt. Wenn sie nicht in umher fliegen wollen, dann schnallen sie sich besser gut an! Hier gibt es keine Person, die sie um irgendwas bitten können! Sie müssen es schon selbst tun. Wir sind mittlerweile einen Kilometer über dem Meeresspiegel und in dieser Blechdose hängen wir alle zusammen. Zusammen gefangen, zusammen gehangen!
Machen sie die Tür auf, müssen sie damit selbst zurecht kommen! Niemand, keine Person, kein Gesetz, hat damit zu tun. Es sind nur sie und die Tür. Und wenn sie einmal offen ist, macht sie garantiert keiner mehr zu. Dafür ist es viel zu stürmisch da draußen. Die Luke schließt sich automatisch, nachdem sie vom Sog hinaus gezogen wurden. Ihre Mutter werden sie niemals enttäuschen - und ihrem Vater müssen sie rein gar nichts beweisen! Lassen sie ihre Rechtfertigungen stecken. Niemand wird ihnen übel nachreden. Sie sind ein Mensch. Sie sind liebenswürdig. Der Pilot und ich haben ihre Lebensabläufe seit ihrer Geburt verfolgt und wir lieben sie alle ohne Ausnahme! Sie und ich sind Individuen der höchstentwickelten Spezies auf diesem Planeten. Ich schlage vor, wir seien uns dies stets bewusst. Sie sind vorbereitet, um im Dschungel zu jagen. Ich meine nur... Sie können ihr Wissen in ihrer Umgebung anwenden, um ihnen z.b. eine Hütte zu bauen, die den nächsten Regen über standhaft bleibt. Nur für den Fall, dass wir abstürzen und auf einer Insel anschwemmen und sie als einzige Person sind, die überlebt hat. Nein? Warum müssen wir erwähnen, dass wir alle verrecken könnten - jederzeit? Wir verstehen es, aber mit uns können sie das Spiel nicht spielen. Schauen sie auf den Fernsehschirm - da redet gerade die Kanzlerin. Die wird ihnen sicher sagen, dass alles gut wird.
Wurden sie denn nicht so erzogen, der Welt mit Schneid zu begegnen? Das Flug-Ticket haben sie doch erworben. Alle von ihnen haben es sich erkämpft oder ermogelt. Sie taten es, um einem Rat zu folgen; weil sie in einem beruflichen Gefängnis sitzen; weil sie auf unsere Werbestrategie hineingefallen sind; weil wir ihnen empfohlen wurden; weil "alle" mit uns fliegen; weil sie einem Versprechen nachkommen wollten; um am anderen Ende der Welt eine Rechnung zu begleichen; um jemanden oder sich selbst stolz zu machen; um vor etwas zu fliehen... Sehen sie: all das hat keinen nachvollziehbaren Ursprung, der aus einer Notwendigkeit entstanden ist, die sie als menschlich bezeichnen könnten. Und wenn ja, dann hätten sie es auch von dort aus regeln können, wo wir gestartet sind. Sie müssen nicht diesen Beruf haben, in dem sie ständig unsere Airline ausbuchen und die Umwelt unnötig verschmutzen. Wenn sie es nicht täten, täte es jemand anderes? - Was sollen die dazu sagen, die es niemals tun? Und die Pauschaltouristen! Sie könnten überall Urlaub machen; fragen sie mal den Piloten dazu. Er kennt sich da aus! Für ihn ist Urlaub ein Bewusstseinszustand, den er immer dann erreichen will, wenn er es nicht mehr für notwendig hält, zu arbeiten. Er macht tatsächlich schon Urlaub, sobald er den Auto-Piloten eingeschaltet hat. Sobald er genug Geld zusammen hat, schreibt er mir nen Zettel und steigt irgendwo aus. Dort, wo wir den nächsten Piloten anstellen, der ebenfalls seinen eigenen Willen und seine eigenen Rechte hat. Unsere Airline unterstützt keine Versklavung. Wir stellen nur sturköpfige, eigenständig denkende Fleischsäcke ein und respektieren ihr Menschsein. Aber genug von uns: kommen wir wieder zu ihnen.
Lassen sie mich mutmaßen: Warum befassen sie sich in ihren Träumen um die Realität und leben tagsüber in einer Scheinwelt? Und das so lange, dass sie mittlerweile denken, ihre Träume wären völliger Schwachsinn. Dabei haben sie, wer weiß das schon, vielleicht nur den direkten Kontakt zu ihnen verloren. Den zu ihrer Seele, die im verborgenen die Fäden für sie zieht. Ihr beide könntet ein tolles Team sein. Was für ein Verhältnis haben sie zu ihr? Definieren sie doch mal, was ihnen sowohl in ihren Träumen, als auch mit ihrem Verstand wichtig ist. Schreiben sie es auf den Papierflieger, wenn es ihnen hilft, es sich aufzuschreiben. Ängste... gut. Angenommen, sie haben sich genug Nahrung gebunkert oder wissen, was sie tun müssen, um nicht zu verhungern; wissen, wo der nächste Fluss ist; waren auf dem höchsten Berg und haben sich einen Überblick verschafft; haben Fährten gelesen, sodass sie wissen, wo das Revier von wem ist; haben einen Unterschlupf, in dem sie sich wohl fühlen; was ist da noch? Wäre da nicht die Kultur und Sexualität, wären sie vermutlich nie in den Strudel der Eitelkeit gelandet, der all diese Ungleichheiten zwischen ihnen und ihren Träumen verursachte, von denen sie sich mit allen Mitteln zu erholen versuchen und sie gleichzeitig weiter zerstreuen. Sie wollen mehr, als nur unbedeutende Individuen zu sein in einem Flugzeug über dem Atlantik.
Es mag zeitlich nicht verfolgbar lange zurückliegen, als ihre Vorfahren anfingen, sich zu schmücken und zu tanzen; sich mit anderen nicht nur auszutauschen zwecks Fortpflanzung oder um sich gemeinsam Eindringlinge besser vom Leibe zu halten. Ich spreche davon, als sie anfingen, mehr zu wollen. Sie begannen, sich anzulocken und abzustoßen. Jetzt waren sie nicht nur Rivalen, sondern vermochten sich selbst nur noch als Reflex in den Augen der anderen wahrzunehmen. Sie wurden als Kind diesem Wahnsinn ausgesetzt, nachdem sie sich mit der Umwelt gerade so viel auseinandergesetzt haben, bis sie wussten, was klebrig ist, dass Teller nicht nach oben fallen. Eben all jene Dinge, die wir alle lernen mussten und die den Großteil unseres Wissens ausmachen. Balance zu halten auf den Babyfüßen kennen sie in der Theorie - dann war es Zeit, es auszuprobieren und nach genug Übung wussten sie, wie es geht. Wie war es bei ihnen? Oder wie war es vermutlich bei einer x-beliebigen Person, die sie kennen? So früh wie möglich wurden sie in eine Umgebung der "anderen" gesteckt, mit denen sie sich reflektierten und vermutlich erst einmal nicht wussten, was sie überhaupt voneinander wollten. Sie waren keine Erzieher, keine Eltern und auch nicht sie. Sie nörgelten in ihrem Beisein Erwachsene an und sie erlebten, wie sie selbst wirken müssen. Abhängig. Sie waren in dieser verrückten Welt miteinander und vergifteten sich mit Neid, Eifersucht, gegenseitiger Manipulation und quälten sich mit Schuldgefühlen, Ärger und unnötigem Streit ab und lernten das Herz und die Seele des Menschen kennen, bevor sie sie überhaupt erfassen konnten. Person X konnte ohne Erzieher/Eltern unabhängig leben? Nein, sie waren ja noch klein. Warum ist das so doof mit .. der Gesellschaft? Im besten Fall waren sie Pfandfinder oder gingen Hobbies nach, die ihnen die Illusion schenkten, sie wären zumindest ein Stück weit unabhängig. Den Ernstfall haben sie mit Glück selbst erleben können, als Kind wirklich gebraucht zu werden. Sei es beispielsweise, um das Geschwisterkind zu betreuen, abzuwaschen oder für die Familie anderweitig eine Notwendigkeit zu erledigen. Mit noch mehr Glück und noch mehr Pech gleichermaßen mussten sie sich hart erkämpfen, was sie sich in den Mund steckten.
Denen sie vertrauten, gaben ihnen ihren Rat, auch wenn sie ebenfalls in Abhängigkeit voneinander erzogen und aufgewachsen waren. Und ständig waren sie mit der Kluft zwischen dem Sein und dem Sein-Sollen konfrontiert. Sie waren klug und wollten Wissenschaftler werden... oder... sie dachten sie wären klug, weil man es ihnen sagte - weil sie etwas auswendig lernten, was sie nicht verstanden haben und eine gute Note darauf bekamen. Warum sollten sich Kinder mit dem Beschäftigen, was das beste für sie sein sollte, bevor sie sich überhaupt dazu fähig sind, sich selbst richtig einschätzen zu können? Ein Kind kann das nicht. Es wird gerade erst jemand. Und ein einziges Ereignis kann ein Kind schlagartig verändern. Das merkt es unmittelbar. Einmal richtig gemobbt worden - einmal selbst gemobbt... es wiederholt... und noch ein paar Mal das ganze und es festigt sich... Diese Weichheit macht doch Angst! Wie auch immer: diese Kluften bliesen sich mit der Zeit wie eine Seifenblase auf. Diese droht damit, früher oder später zu platzen. Je nachdem, ob und wie gut sie auf diese Tatsache vorbereitet waren, konnten sie mehr oder weniger gut damit umgehen.. womit? Mit dem Augenblick, in dem sie plötzlich ganz allein da standen. Es waren immer welche da, die ihnen gesagt haben, was sie zu tun haben, um eine Not erst gar nicht in Sichtweise kommen zu lassen. Wir nehmen an, weil es Allgemeinwissen ist, zu wissen, dass sie eine Lohnsteuerkarte brauchen und auch obdachlos werden können, wenn sie das Ding mit den Daueraufträgen bei der Bank nicht verstanden haben. Wenn sie zu abgelenkt von anderen Dingen waren, die einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert haben und gleichzeitig reine Zeitverschwendung sind. Es gibt solche Stolpersteine und im Zweifelsfall müssen sie nur mit sich und der Natur auskommen und haarscharfe Entscheidungen fällen, um ihr Überleben zu sichern. An dieser Stelle hätten sie eigenständig sein sollen, bevor sie mit der Kultur in Berührung kämen, nicht?
Hätte man sich ernsthaft um ihre Erziehung bemüht, hätte man für sie den für heutige Moralvorstellungen grässlichen und dazu auch noch unheimlich aufwendigen Weg gewählt, sich von Grund auf so entwickeln lassen, wie es die Natur des Menschen vorgibt, bis sie selbstständig in ihrer Umwelt (in der Heide, dem Wald, dem Gebirge) zu einem (über-)lebensfähigen, starken Menschen geworden wären. Denn ihre Lektionen bestünden aus... wir haben da einige Ansichten bei unseren Flügen gesammelt, um sie ihnen präsentieren zu können... Es geht um Lektion über das Sprechen. Kommunikation. Angefangen mit dem Sich-Kümmern um Tiere. Nonverbal. Weitergeführt mit der Verantwortung gegenüber kleineren Kindern. Hin zu schulischen Aufgaben, über das Jagen, das Angeln, dem Angriff und die Verteidigung. Insgesamt empfanden die meisten Passagiere mit uns diese Grundbausteine für essenziell. Grundbausteine, die jeder Mensch im Stande sein kann aufzubauen. Und mit dem was er mitbringt, eben sich - zu bestehen. Der Abgrund zwischen dem Sein und dem Sollen würde bis dahin nicht bestehen. Sie wären gemeinsam mit anderen Menschen auf einer Ebene, in der die Sexualität der Erwachsenen überhaupt nicht existiert! Moderne Spielzeuge wären nicht notwendig. Kinder entdecken und spielen mit der Welt auf eine natürliche Art. So wie ein Einbeiniger ein Einbeiniger ist, ein Blinder ein Blinder, ein Sprinter ein Sprinter, ein Dichter ein Dichter, ein Handwerker ein Handwerker, ein Streitschlichter ein Streitschlichter und ein Kämpfer ein Kämpfer ist. Alle zusammen sind sie Menschenkinder unter Menschenkindern. Jedes von ihnen müsste individuell betreut werden, womit manch Einzelkind-Eltern, ohne die Einsicht über ihre eigene "Unzucht", verständlicherweise vollkommen überfordert sind. Dabei trägt niemand eine Schuld. Wenn, dann ist es der Teil der Menschheit, der einem großen kulturellen System angeschlossen ist. In der man üblicherweise die eigene Erziehung "nur in besser" an die Kinder weitergibt.
Nun geht es aber darum, ein geeignetes Sollen zu entwerfen, damit eben nur eine kleinstmögliche Kluft zwischen sich und den anderen, zwischen dem Tag und der Nacht, zwischen dem Wach- und dem Traumbewusstsein besteht. Wäre der Neid auf ein anderes Kind, das alles viel besser zu können scheint, eine Kluft, die es - mit einem weisen Berater, überwinden könne und daraus etwas fürs Leben lerne. Wir befinden uns nur in einem theoretischen Modell. Eine individuelle Entfaltung des Kindes steht hierbei im Vordergrund. Bis es schließlich in die Vorpubertät kommt und sich die Bildung der Sexualhormone vollzieht. Dann hätte es noch einige Jahre, um sich der Kultur anzunähern; um sie zu studieren und sich eine Idealvorstellung von dem Mann/der Frau zu erschaffen, dessen Realitätsperson es ohne große Korrekturen zu finden gilt. Und da es zwischen dem Sein und Sollen keinen Unterschied erkennt, es sei denn, es handle sich um seine Fantasie, wird es sich an seine bisherigen Erfahrungen halten müssen. Die sind seine eigenen. Und weil es keine älteren Vorbilder hat, die ihm "sagen wies läuft"; weil Vater, Mutter irrelevant sind; da es nicht von den Medien beeinflusst werden kann in seiner oder ihrer Selbstreflexion ihrer Partnerwahl und seiner Berufswahl, seien diese Entscheidungen nicht mit einer extremen Unsicherheit für das Kind verbunden. Es müsste nicht zu (übertrieben) hundert Menschen feste Bindungen auf- und abbauen oder auch von Bett zu Bett hüpfen müssen, um zu wissen, wer für ihn der richtige Partner ist. Es weiß, wer es ist und es gibt kein Superman. Superman ist - kehren wir zu unserer Gesellschaft zurück - teil das Systems! Und um das zu durchbrechen, gehört ein harter Schnitt. Also frage ich sie, liebe Passagiere: sollen wir sie an ihrem Zielort absetzen oder kommen sie mit uns von der RosaBärchen-Airline mit auf einen Flug durch ein Wurmloch zu einem neuen Planeten, der bereits mit einigen Hundert Menschen bevölkert ist? Nur so als kleines Schmankerl: Auf diesem Planeten können wir fliegen."










