Ich freue mich darauf, in nächster Zeit hin und wieder an der Henri-Nannen-Journalistenschule zu unterrichten. Die ersten beiden Stunden drehen sich um Grundsätzliches: Wie sehen gute journalistische Websites aus, woran erkennen wir schlechte? Welche Fragen sollte ein ausgezeichnetes Angebot überzeugend beantworten können?
Hier die erste Rohversion meines subjektiven Kanons. Sie wird aktualisiert und ergänzt.
Nicht alle Fragen und Beispiele sind selbsterklärend (deshalb das Seminar). Den Überbau von Nielsen über Spiekermann, Kircher, Kottke und Fakepilot bis Jobs sowie von Kisch über Schneider und Albaum bis Jarvis gibt es vorerst ebenfalls nur als gesprochenes Wort.
Ich freue mich über weitere Anregungen, auf welchem Kanal auch immer, per E-Mail an jochen at wegner punkt io
Erster Eindruck
1. Wo bin ich (wohl)?
2. Was bekomme ich hier (wohl)?
3. Wer ist (wohl) der Urheber?
4. Funktioniert die Site (rein technisch)?
5. Habe ich den Überblick?
6. Ist das Angebot angenehm dicht oder erschlägt es mich? (Beispiel: guardian, huffpo, facebook, politico)
7. Ist es eine Kopie von - oder hat es Charakter?
(Ist ersteres schlecht? sz-relaunch wie zeit.de oder wie focus.de? Können US-Angebote Vorbilder sein oder klicken Deutsche anders?)
8. Wo bin ich (tatsächlich)? (Gibt es einen Konflikt mit der Dachmarke?)
9. Bekomme ich (tatsächlich), was ich gesucht habe, als ich hierher kam?
(Wie kam ich hierher? Google? Direkteingabe? Mobil?)
10. Bekomme ich (tatsächlich), was ich glaubte zu bekommen, als ich dann hier war?
Gestaltung und Interaktion
11. Ist die Site schnell geladen? Auch per 3G? (Objektivierung: siehe etwa Gomez/Compunet)
12. Ist die Site schön wie ein gut gestaltetes Werkzeug (Korkenzieher) oder verwirrend schön wie ein Kleid (Vivienne Westwood)? (Oder hässlich? Was bedeutet das?)
13. Wo überrascht mich die Site mit Schönem und Nützlichem, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es will oder suche?
14. Wo ärgert mich die Site mit Inhalten, die ich gar nicht kennen wollte?
15. Kann ich die Schriften lesen? (sz-online.de)
16. Sind die Bilder sinnvoll geschnitten und haben sie ausreichende Qualität? (sz-online.de)
17. Kann ich die Videos anschauen?
18. Finde ich auf einfache Weise mehr von dem, was ich suche? Wie? (huffpo)
19. Was ist die Hauptfunktion der Site - und erfüllt sie diese? (jameda.de)
20. Verstehe ich die Navigation? (Beispiel: 4 Versionen der ftd, Menue Atlantic, nyt, guardian)
21. Verstehe ich die Unterteilung der Site?
22. Ist die Darstellung stets sinnvoll, wenn ich die Größe des Browsers ändere?
23. Glaube ich die interaktiven Elemente zu verstehen, die die Inhalte umgeben? (Beispiel: Spiegel, huffpo, nyt.com, focus.de, kottke.org)
24. Machen die interaktiven Elemente tatsächlich, was ich erwartet habe? (Wenn nicht: Ist das schlimm? Warum?)
Inhalt
25. Welche Inhalte sind prominent dargestellt? Warum?
(Beispiel: Aufmacher bei focus.de, vier Views bei ftd.de, Partner-Logos bei sz-online)
26. Genügen die prominent dargestellten journalistischen Inhalte (Text, Video, Foto) meinen Ansprüchen an den - gefühlten - Absender? (spiegel, huffpo, nyt, techcrunch)
27. Genügen die Inhalte journalistischen Kriterien? (One year of Nannen omitted :-)
28. Genügen die Inhalte den Kriterien des Online-Journalismus?
29. Genügen die Inhalte den Grundregeln der deutschen Sprache?
Werbung
30. Sind Inhalt und Werbung erkennbar getrennt?
31. Auch in der Navigation? (sz-online.de, focus.de, spiegel.de)
32. Auch beim Kleingedruckten ganz unten?
33. Ist Werbung Teil der Komposition oder wirkt sie angeflanscht? (Ist ersteres gut oder böse?) (Beispiel ftd.de Google Ads, Screenshot handelsblatt.com)
Untiefen
34. Verstehe ich stets, welche Inhalte ich eigentlich vor mir habe? (Wir klicken uns durch SPIEGEL Print, focus.de-->amica.de)
35. Genügen auch die Inhalte in den Untiefen des Angebots den grundlegenden journalistischen Kriterien? Auch die von 1995?
36. Gibt es meistens Related Links?
37. Sind die Related Links immer sinnvoll oder scheint sie ein Roboter gebaut zu haben?
Zugang
38. Funktioniert die Site mit jedem Browser gleich gut? (Beispiel: ftd.de und Chrome+Adblocker schneidet Header ab)
39. Und mit dem iPad? (Test mit zeit.de, spiegel.de)
40. Und mit meinem Handy?
Google-Brille
41. Wie sehen die Inhalte bei Google aus? (huffpo, spiegel, focus, stern)
42. Wer verlinkt die Site?
43. Für Fortgeschrittene: Wie viele Seiten sind im Index?
44: Für Fortgeschrittene: Ist die Site bei Google News zu sehen?
45: Für Fortgeschrittene: Wie steht es um die "Sichtbarkeit"
Social-Brille
46. Kann ich sinnvoll Feedback zu den Inhalten der Site geben?
47. Ist es einfach, zu kommentieren? Zu einfach?
48. Sind die Inhalte der Site mit Social Networks verknüpft? Wie wirkt das?
49. Gibt es eine Facebook-Seite? Ist sie sinnvoll und nützlich für mich?
50. Twittert die Redaktion? Wie? Ist das sinnvoll und nützlich?
51. Für Fortgeschrittene: Wie steht es um die messbare Gesamtmenge der Interaktionen?
Beiboote und Apps
52. Fügen sich ergänzende Angebote (Beiboote) ganz natürlich ein? (focus.de-wissen.de, sueddeutsche.de-abendzeitung.de, spiegel.de-einestages.de)
53. Wie verhalten sich die Apps (Android, iOS) zum Hauptangebot?
Opening Panel at the European Newspaper Congress - together with Mercedes Bunz, George Nimeh (Kurier), Peter Wälty (Tagesanzeiger), Johannes Vogel (Süddeutsche Zeitung)
Find some buzz on twitter, also at Der Standard and Hamburger Abendblatt.
Special thanks to Hans Oberauer and team for this great event.
One hour of talk radio with moderator Vera Linß and me: We rounded up the highlights of re:publica for German national radio DRadio Wissen - and talked about the future of life, the internet and everything.
In the latest (April 9) issue of "The New Yorker" you will find a 19(-vertical-iPad)-pager about famous German writer Karl May: "Wild West Germany - Why do cowboys and Indians so captivate the country?" Lesebefehl!
Tanya Cordrey's recent talk at the Guardian's Media Summit got quite some attention: She described how their Facebook app started generating more traffic than Google.
Martin Belam, information architect at the Guardian, goes into some details in his blog. Must read.
Vor zwei Jahren kam das erste iPad auf dem Markt und viel wurde experimentiert. Nun setzen sich bei Tablet-Medien schlichte Design-Prinzipien durch, die seit Gutenberg gelten. Die größten Probleme gibt es immer noch da, wo Medienhäuser gezwungen sind, Inhalt auf Tablets zu bringen, der nicht dafür gedacht war.
September 2011, es sind die bleiernen Tage vor dem Tod des Steve Jobs, ein Café im kalifornischen Cupertino, wo einige der weltweit wohl einflussreichsten Entwickler ihren „Venti Latte“ nehmen. „Wir brauchen dringend eine eigene Software zum Gestalten von iPad-Magazinen“, schimpft ein hochrangiger Apple-Manager auf seine Firma. Die von anderen Unternehmen produzierten Programme seien durchweg „großer Mist“. „Kein Wunder“, ätzt der Insider weiter, „dass das auch für die meisten digitalen Magazine gilt. Wir vergeuden viel Zeit mit unbenutzbaren, hässlichen Apps. Und damit auch viel Reichweite und Umsatz.“
Gerade zwei Jahre ist es her, dass mit Apples iPad auch eine neue Mediengattung entstanden ist - seine jüngste Version mit bestechender „Retina“-Auflösung (Vergleich bei Mashable) wird die Anbieter hochwertiger digitaler Inhalte zusätzlich anspornen. Bereits jetzt müssten die publizierten Experimente mit berührungsempfindlichen Blättermedien eigentlich für zehn Jahre reichen. Und doch ist bisher wenig entstanden, was User wirklich glücklich macht und sie nachhaltig zum Kauf anregt. Das liegt, so finden nicht nur echauffierte Apple-Manager, unter anderem an einem Mangel wirklich brauchbarer Gestaltungs-Software.
iBooks Author: bereits auf Autopilot erstaunliche Qualität
Erste Ansätze dazu, wie die einst aussehen mag, demonstrierte Apple kürzlich in einem speziellen Segment: Mit dem neuen „iBooks Author“ können selbst Laien interaktive Bücher gestalten, die sich anständig anfühlen - und sie direkt verkaufen, natürlich nur in Apples eigenem Buch-Store. Das Programm, das vor allem für Lehrbücher gedacht ist, produziert selbst auf Autopilot bereits erstaunliche Qualität. Nicht nur die großen Bildungsverlage, auch einige der journalistischen Medienhäuser studieren Apples neues Self-Publishing-System deshalb sehr genau.
Wer in die Zukunft der Tablet-Medien sehen will, blickt besser nicht nur nach vorne, sondern auch nach links und rechts, zu den Lehr- und Kinderbüchern, den Comics und Spielen. (Siehe: Zehn inspirierende Medien-Apps.) Bis heute ist die mit Abstand raffinierteste App tatsächlich: ein Buch. Die Umsetzung von Al Gores Klima-Klassiker „Our Choice“, seit einem knappen Jahr auf dem Markt, ist noch immer die beste Antwort auf die Frage, wie neueste Medien aussehen sollen. Viele seiner Design-Ideen werden heute kopiert - auch von Apples „iBooks Author“.
„Our Choice“ ist schlicht und deshalb ergreifend. Es besitzt keine Bedienungsanleitung - die branchenübliche Bankrotterklärung von Interaktions-Designern, die selbst nicht recht daran glauben, dass man ihre Produkte einfach so benutzen kann. „Our choice“ aber hat keinen einzigen Knopf. Keine schwer zu merkenden Steuer-Gesten. Keine versteckten, bei versehentlichem Auffinden aber nahezu unbenutzbaren Inhaltsverzeichnisse. (Siehe: Die zehn größten Design-Fehler.)
Großformatige Bilder machen die Kapitel auf und dienen zugleich der intuitiven Navigation, Filme lassen sich anfassen und herumschieben, während sie gerade laufen. Die völlig neu programmierte so genannte Physik der Seiten, Bilder, Videos und Grafiken definiert bis heute den höchsten erreichbaren Standard.
Einfaches Durchblättern macht Leser zufrieden
Das opulente Werk hält sich außerdem an eine Konvention, die seit Gutenberg gilt: „Our Choice“ hat gewöhnliche Seiten. Sie hängen nicht nach dem Prinzip der Papyrus-Rolle über den Bildschirm hinaus und verstecken dort Inhalte. Wer das Buch durchblättert, hat ganz sicher alles gesehen. Das macht Leser zufrieden.
Da gibt es keine Ober- und Unterebenen mit einem Wald von Richtungspfeilen, keine komplexen Teaser-Strukturen, die an überfüllte Nachrichten-Websites gemahnen. Keinen psychedelischen Content, der sich je nach Lage des iPads völlig verändert. Und, ach: Die Seiten sind sofort da, es gibt keine rotierenden Pausenzeichen.
Die Entwickler des Standard-Werks von der kleinen kalifornischen Firma PushPopPress wollten ursprünglich ein eigenes Programm zur Erstellung von Büchern wie „Our Choice“ herausbringen. Prompt übernahm sie Facebook und das Projekt verschwand vom Markt.
Anleihen finden sich dafür heute überall, etwa auch in einem Kinderbuch, von dem Tablet-Journalisten viel lernen können. Die Londoner Agentur Somethinelse hat es umgesetzt: Richard Dawkin‘s „The Magic of Reality“ besitzt ebenfalls eine lineare Seitenstruktur und blättert sich ganz wunderbar. Und doch geschehen darin die erstaunlichsten Dinge.
Verunglückte Navigation mit Waben oder rotierenden Föten
Zum Glück setzt sich raffinierte Schlichtheit immer mehr durch. Vorbei die Zeit, als man Wissenschafts-Magazine mit einer wirren Wabenstruktur navigieren musste („Eureka“, „The Times“) oder mit Hilfe von kaum zu erhaschenden Text-Beinchen, die irgendwie aus einem dreidimensional rotierenden Fötus ragen („The Collection“, Ringier).
Immer seltener auch wählen Gestalter web-artige Teaser-Konzepte, wie bei der insgesamt etwas enttäuschenden App der „Süddeutschen Zeitung“. Mit einmal Tippen und einmal Wischen stehen die User so schnell im digitalen Seitenwald. Beruhigend einfach kommt die direkte Konkurrenz daher, die Tageszeitungs-App der Frankfurter Allgemeinen. Von Hipstern als besserer PDF-Reader verhöhnt, wird sie von ihren Lesern wegen Schlichtheit und Effektivität geliebt.
Die Abwesenheit von Web- und Papyrus-Content ist auch einer der Erfolgsgründe für die überzeugend weiterentwickelte Alt-Plattform Zinio. Sie vertreibt seit jeher schlichte Print-PDFs der Verlage. Nicht einmal als Raubkopie sind sie einfacher zu konsumieren. Ein fundamentaler Bonus, der seinerzeit auch Apples iTunes zum Erfolg verhalf.
Die "Spiegel"-App als Erfolgsmodell
Der „Spiegel“ hat als eines der wenigen großen Medien das Kunststück geschafft, den Zusammenhang des Druck-Layouts mediengerecht aufzulösen, den Inhalt in der App dynamisch völlig neu zusammenzusetzen - und dabei trotzdem ein befriedigendes Lesegefühl zu erzeugen. Sieht man von etwas zu vielen Knöpfen und den gelegentlichen Hurenkindern ab, die etwa auch dem Roboter des Economist regelmäßig unterlaufen, so ist der Spiegel bis heute die gelungenste 1:1-Umsetzung eines Print-Magazins. Und mit über 25.000 verkaufen Ausgaben pro Woche auch eine der erfolgreichsten Magazin-Apps weltweit. Und, ach: Der Spiegel ist zu blättern, die Seiten hängen nicht nach unten, sondern linear hintereinander - ein Kunststück, das so überzeugend nur wenigen Halbautomaten gelingt.
Die jüngst erschienene Wirtschaftswoche, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, der Stern, Die Zeit, die Frankfurter Rundschau: Sie alle sehen gut aus, arbeiten jedoch mit mehrdimensionalen Seiten-Systemen, die immer wieder für Verwirrung sorgen. Und wenn es schon ein website-artiges Teaser-System sein muss, dann bitte so wie bei der solide gestalteten „Welt HD“, die auch ohne ihre Anleitung benutzbar ist. Schon wieder genial in seiner wirren Radikalität ist der wunderhübsche aber verschachtelte Guardian, dessen iPad-Titelseiten daherkommen wie ein Bilderteppich bei „Pinterest“. Mehr als 500.000 User hatten in der kostenlosen Probephase die vielleicht derzeit hipste App eines großen Medienhauses heruntergeladen. Die langfristige Konversionsrate nach dem Start des kostenpflichtigen Abos Mitte Januar bleibt abzuwarten.
Dass sich viele Print-Verlage für unbefriedigende Design-Strukturen entscheiden, liegt auch in der Natur ihres Problems: Sie müssen Inhalt, der nicht für Tablets gedacht war, in das neue Medium zwängen. Die bei Print gebräuchlichen Tools bieten dafür die bequemste aber auch dümmste Lösung: Was keinen Platz hat, muss ein Schattendasein jenseits des sofort sichtbaren Bereichs führen. Dass Tablet-Ausgaben dank solch gestalterischer Brutalität wenigstens auf Knopfdruck zu produzieren seien, wie es die Anbieter versprechen, hat sich als Märchen entpuppt. Die 1:1-Umsetzungen beschäftigen in den Verlagen beeindruckende Teams.
Und doch muss es die 1:1-Medien geben, das ist eine weitere Lehre aus den ersten zwei Jahren iPad. Jedes Haus tut gut daran, eine möglichst getreue Umsetzung seiner Print-Flaggschiffe anzubieten, bevor es mit neuen, nur für Tablets ersonnenen Formaten experimentiert. Ersteres erwarten die angestammten Print-Leser, letzteres bietet die nötige Freiheit für Neues - und hat oft großen Erfolg.
März 2012, ein großer Verlag irgendwo in Deutschland. „Hier ist das Allerheiligste, hier sitzen die Blattmacher“, erklärt der stolze Chefredakteur am Ende seiner beeindruckenden Hausführung: zwei Dutzend Journalisten vor Bildschirmen organisieren die Print- und die Online-Ausgabe. Er öffnet die Tür zu einem weiteren Raum mit zehn Arbeitsplätzen: „Und hier ist unsere iPad-Redaktion.“ Wie viele Ausgaben die aufwendig produzierte Tablet-Version denn direkt verkaufe? „Das ist verschwindend“, erklärt er. Die Produktion sei viel zu kompliziert, das Produkt im Grunde „ein ganz großer Mist, kann man kaum benutzen, da müssen wir noch mal ran.“
Dieser Beitrag ist in leicht veränderter Fassung erschienen im Medium Magazin 3/2012. (E-Paper, PDF)
Fast ein Jahr alt ist die digitale Ausgabe von Al Gores Klima-Buch und bis heute eine Pflicht-Installation auf den iPads von App-Vordenkern. Kein anderes Blätter-Medium zeigte bisher so radikal neu und radikal einfach, wie sich digitale Inhalte aufbereiten lassen - und dabei so vertraut wirken, dass keine Bedienungsanleitung nötig ist. Die Haptik der Seiten, Bilder und Videos definiert noch immer den höchsten erreichbaren Standard. (Appstore)
2. The Magic of Reality
Noch ein Wissenschafts-Buch, das intelligent mit ehemaligem Print-Content umgeht. Die Gestalter der Londoner Agentur „somethinelse“ haben es geschafft, das dicke Kinderbuch von Richard Dawkins trotz einer anheimelnd linearen Seitenstruktur so elegant in die Luft zu sprengen, dass schon das Durchblättern großes Kino ist. (Appstore)
3. Timbuktu
Und nun auch noch ein Kinder-Magazin. Timbuktu ist mit ebenso einfachen wie schönen gestalterischen Einfällen gespickt, von denen sich erwachsene Medien viel abschauen können. Kinder bedienen es ganz ohne Anleitung. Ebenso die meisten Erwachsenen. (Appstore)
4. Project
Der Klassiker unter den originären iPad-Medien, finanziert von „Virgin“-Tausendsassa Richard Branson. Laden Sie sich unbedingt auch die legendäre erste Ausgabe herunter und studieren Sie den Aufmacher der Titelgeschichte, der Video und Typografie verbindet. Erfrischend anders, mit zum Teil katastrophaler Navigation und versteckten Features. (Appstore)
5. TRVL
Das kostenlose monothematisches Reisemagazin, herausgegeben von einem kleinen Team in den Niederlanden, spart sich jeden interaktiven Schnickschnack und setzt auf hochwertige Fotografie. Schön zu blättern. (Appstore)
6. Katachi
Das hyperexperimentelle Magazin eines Startups aus Norwegen soll vor allem die Leistungsfähigkeit der dahinter liegenden Design-Plattform demonstrieren. Als Gesamtprodukt nicht zur Nachahmung empfohlen, aber bis in die letzte versponnene Falte ziemlich anregend. (Appstore)
7. The Red Bulletin
Was der Brausen-Gigant medial angeht, scheint zu gelingen - so auch die höchst aufwendig produzierte iPad-Version seines zentralen Corporate-Magazins. Sie zeigt, was aus der dafür benutzten Standard-Software von Adobe herauszuholen ist. (Appstore)
8. Road Inc.
Sehr gestalte App für Autofanatiker, mit größter Liebe und vielen neuen Ideen. Wegen zahlreicher Usability-Unfälle kaum benutzbar - aber wunderschön. (Appstore)
9. Marvel
Die Comic-Plattform steht stellvertretend für viele vergleichbare Apps. War es in den Frühtagen des Internet angeblich die Porno-Industrie, die die technische Innovation vorantrieb, so sind es bei den Tablet-Medien womöglich die Comics. Deren hohe Usability-Standards haben klassische Verlage noch lange nicht erreicht. Pflicht: Eine beliebige Ausgabe herunterladen und den „Guided View“ ausprobieren. (Appstore)
10. Fontbook
Die digitale Umsetzung des Schriften-Standardwerks, das in keinem Designer-Buchregal fehlt, löst sich komplett vom Original und ist doch kongenial. Eines der wenigen Beispiele, wie eine völlig neue, eigens entwickelte Navigation innerhalb von Sekunden und ohne Anleitung intuitiv bedienbar ist. (Appstore)
Diese Aufstellung ist Teil eines Beitrags, der im Medium Magazin 3/2012 erschienen ist. (Online-Version, E-Paper, PDF)
Seien es hängende Seiten mit „Wäscheleinen-Struktur“ oder gar in alle Richtungen ausufernder Content, web-artige Teaser, Waben oder übereinander liegende Ebenen - wer aus der seit Gutenberg gelernten Seiten-Metapher ausbricht, bekommt Design-Preise, verliert aber User.
2. Blättert nicht
Hat man sich erst für schlichte Linearität entschieden, sollte man nun auch größten Wert auf die Blätter-Qualität legen: Lieber kein kunstvoll animierter Umblätter-Vorgang, dafür bitte unmerklicher Seiten-Aufbau ohne rotierende Warte-Symbole.
3. Navigiert nicht
Einen einheitlichen Standard für das Einblenden der Navigation gibt es nicht - mal muss man am Rand tippen, mal in der Mitte, mal doppelt, mal mit zwei Fingern ziehen, mal den „Inhalt“-Knopf am oberen Bildschirmrand berühren oder das Haus-Symbol links unten. Im besten Fall bildet der Content selbst die Navigation (siehe „Our Choice“), im schlimmsten ist das mühsam herbeigefrickelte Verzeichnis unbenutzbar.
4. Lädt nicht
Bei Websites kostet jede Zehntelsekunde Ladezeit messbar User, App-Reichweiten erodieren im Zehn-Sekunden-Takt. Wenn der opulente Content mehr als ein, zwei Minuten lädt, ist es zwingend, dass die User die ersten Seiten bereits lesen können. Jenseits von drei Minuten beginnt die Todeszone für jeden noch so großartigen Inhalt.
5. Verändert sich
Wer den Content mit der Lage des iPad im Raum verändert, muss genau wissen, was er tut. Manche Medien zeigen je nach Orientierung völlig unterschiedliches - verwirrend. Layoutet sich der gleiche Inhalt hingegen dynamisch neu, kann das toll aussehen und auch noch sinnvoll sein.
6. Versteckt sich
Nur Kinder und Programmierer finden es spannend, im digitalen Content nach Ostereiern zu suchen - alle anderen möchten gerne wissen, was sie für ihr Geld bekommen, ohne durch wildes Tippen danach suchen zu müssen.
7. Erklärt sich nicht
Je länger die Bedienungsanleitung auf der ersten Seite, desto wahrscheinlicher, dass bei der Gestaltung etwas grundsätzlich schiefgegangen ist.
8. Stört mich
Selbststartender Sound ist fast immer unangenehm - es sei denn, man sitzt in einem startenden Flugzeug und kann ihn ohnehin nicht hören. In fast allen anderen Situationen fühlt sich der Leser gestört, und mit ihm die Sitznachbarn.
9. Nicht robust
Es gibt - außer der Wisch-Bewegung zum Blättern und dem Tippen auf hervorgehobene Elemente - wenige Interaktions-Standards, die sich einheitlich durchgesetzt haben. Jene Medien, die es bei diesen beiden Gesten belassen, sind nicht die schlechtesten. Sehr beliebt, aber nervig ist etwa das Einblenden der Navigation bei einem „Tap“ an nicht eigens gekennzeichneten Stellen im Content, etwa in der Mitte oder an den Rändern. Viele User haben aber die Tendenz, ihre Finger gelegentlich auf dem Tablet ruhen zu lassen und aktivieren so ständig ungewollt Funktionen.
10. Bezahlt nicht
Obwohl Apple fremde Bezahlsysteme aus Eigeninteresse zurückdrängt, schaffen es gerade Verlage immer wieder, den Kaufprozess so kompliziert zu gestalten, dass man ihn entnervt abbricht. Halten Sie einen zahlungswilligen User keinesfalls auf und fragen sie ihn lieber später irgendwann nach Geschlecht, Kinderzahl oder Tierkreiszeichen.
Diese Aufstellung ist im Rahmen eines größeren Beitrags für das Medium Magazin 3/2012 erschienen (Online-Version, PDF, E-Paper).
Wenn "Datenschützer" vor Spotify warnen, dürfen wir fast sicher sein, dass die Fakten zu tanzen beginnen.
Eine anonyme Nutzung jenes höheren Musikdienstes, den wir verehren, sei wegen der Facebook-Zwangsverknüpfung nicht möglich, sagt Peter Schaar. Da hat er recht.
Für uns Nicht-Datenschützer ist es trotz anders lautender Facebook-Nutzungsbedingungen, Punkt 4, immerhin denkbar, zu diesem und anderen Zwecken einen Facebook-Account als "Scheter Paar, Burgwedel" zu betreiben. Kaspar Hauser und Peter Panther nicken mit dem Kopf, und auch viele Grundschul-Abgänger wissen das dank einer außerschulisch erworbenen Kulturfertigkeit, die Lehrer in den 80er Jahren als Medienkompetenz bezeichneten.
Der Abgrund gähnt an anderer Stelle: Wir wollen unseren echten Facebook-Account unbedingt mit Spotify verknüpfen, und koste es uns jegliche Privatsphäre sowie 9,99 - denn die daraus resultierenden Features sind leider geil.
Der Lobo von heute hat recht: Die Falle heißt Convenience.