Love until the End [GER]
Mein Herz raste wie wild, als ich kopfüber durch die Sicherheitstüren stürzte und der scharfe Desinfektionsgeruch in meiner Nase zu stechen begann. Die sterilen Wände, die selbst mit den bunten Bildern, die sie schmückten, nicht persönlicher aussahen, verwischten an den Rändern meinendes Sichtfeldes. Der einzige Punkt, der noch scharf und glasklar mein Ziel markierte, war die Türklinke der Tür, die links ganz am Ende des Korridors lag. Meine Fußsohlen trommelten einen schnellen, klatschenden Rhythmus auf den ausgeblichenen PVC-Boden. Vom harten, kalten Licht umrissen, konnte ich zwei zusammengesunkene Gestalten neben der Tür ausmachen, die auf den grässlichen grell-orangen Plastiksesseln Platz genommen hatten. Ansonsten war der Gang zu dieser Uhrzeit menschenleer, und ließ dadurch das Knattern der Neonröhren und das mühsam beherrschte Schluchzen brüllend laut in der Stille erscheinen.
Atemlos und mit dem vorherrschenden Geräusch meines rasenden Blutes in den Ohren, blieb ich vor den Gestalten stehen. Kais Mutter hatte die Hände vors Gesicht geschlagen, ihre Haare waren unfrisiert und wirr, ihr Körper wurde von stummen Weinkrämpfen geschüttelt. Sein Vater blickte mir mit starrem Gesicht entgegen, während er den Rücken seiner Frau möglichst beruhigend rieb.
Er blickte vielsagend zur Tür. "Er wartet auf dich", flüsterte er mir zu, aber seine Stimme kam mir in der totengleichen Stille furchtbar laut vor; offenbar sah das seine Frau nicht sehr viel anders, denn ihr Schluchzen wurde lauter.
Ich wandte mich der Tür zu und hatte kurz die Befürchtung von meinen Gefühlen übermannt zu werden. Angst um Kai ihn in schlechtem Zustand gegenübertreten zu müssen, mich den Tatsachen stellen zu müssen, kämpfte heftig mit der Neugier, mich endlich selbst von seinem Befinden zu versichern. Nach einem tiefen Atemzug und einem Stoßgebet zum Himmel, öffnete ich schwungvoll die Tür, bevor mich der Mut verlassen konnte und trat ein.
Der Raum dahinter war von angenehmer Größe, die gegenüberliegende Wand bestand aus einer Fensterfront, die einen Ausblick auf einen schmalen Betonbalkon, die nächtliche Silhouette der Stadt und auch auf ein paar schwach glitzernde Sterne bot. Das Zimmer selbst wurde von einer kleinen Nachttischlampe erleuchtet und tauchte alles in ein Kerzenschein ähnliches Licht, das dunkle Schatten an die Wände malte. Doch obwohl das Zimmer gemütlich eingerichtet war, mit einem weichen Stuhl und dem großzügigen Bett, das in der Mitte stand, dem modisch geschnittenen Schrank, dem Nachttisch und dem Röhrenfernseher, wirkte es auf erschreckende Weise kalt und leblos.
So wie der Körper, der kaum unter den hoch aufgeschichteten Decken auszumachen war.
Ich schloss leise die Tür hinter mir, bevor ich mich mit bedächtigen Schritten dem Bett näherte und mein Herzschlag sich augenblicklich wieder beschleunigte, bevor es einen Moment stehen blieb, als ich endlich einen Blick auf Kais Gesicht werfen konnte.
Seine Haut war so aschfahl, dass ich es selbst bei diesen schlechten Lichtverhältnissen ausmachen konnte. Unter seinen Augen lagen tiefe violette Ringe und bildeten somit den einzigen Kontrast zu dem ansonsten schneeweißen Gesicht; ja selbst seine Lippen hoben sich kaum von der umliegenden Blässe ab und waren gräulich verfärbt. Seine kupferfarbenen Haare wirkten stumpf und strohig, ganz anders, als der Glanz, den sie normalerweise inne hatten.
Ich schluckte schwer, bevor es mir mühsam gelang, mich mit hölzernen Bewegungen auf den Sessel an der Seite des Bettes niederzulassen. Mit zittrigen Fingern tastete ich nach der schlaffen Hand, die auf den Laken gebettet war, und umfasste sie in einer verzweifelten Berührung, die mir das unangenehme Gefühl der Wahrheit in Gedächtnis rief. Besser gesagt schlug es mir regelrecht ins Gesicht. Bis jetzt hatte ich die Worte, die man mir gesagt hatte, zwar verstanden, aber den wahren Sinn nicht begriffen.
Die letzten Möglichkeiten, die trügerisch hoffnungsvollen Gedanken, die mir zugeflüstert hatte, es könnte noch alles gut werden, man habe ihn sicher bloß verwechselt, waren mit einem Mal verstummt.
Erinnerungen blitzten in meinen Gedanken auf. Kai, wie er sich darüber beklagte, wie schwindlig ihm sei und ich ihm versicherte, dass es sicher nur vom schnellen Wachsen kam und nichts Bedenkliches war. Wie er kränklich aussehend neben mir in der Biologie-Klasse gesessen hatte, aber abstritt, dass es ihm nicht gut ging, als ich ihn danach fragte.
Und dann waren da die Bilder, die ich mir nur vorstellen konnte. Wie er auf der Homeparty eines Bekannten war, sich im Laufe des Abends wohl immer unwohler fühlte und er dieses Gefühl in Alkohol zu ertränken versuchte. Wie er Nasenbluten bekam, die Blutung aber nicht stoppen konnte. Wie er ohnmächtig geworden war und irgendjemand, der noch nüchtern genug gewesen war, die Rettung gerufen hatte. Verdammt, ich hätte bei ihm sein sollen!
Bloß hatte ich mich wegen einer anstehenden Prüfung lieber ins Bett gestürzt als in ein Partygetümmel und hatte ihn in dem Moment größter Not im Stich gelassen. Als mich der Anruf seiner Eltern mitten in der Nacht erreichte und sie mich mit tränenerstickter Stimme darüber informierten, was mit Kai geschehen sei, war ich so wach, als hätte man mir einen Kübel Eiswasser über den Kopf gegossen. Ich hatte meinem Vater nur noch schnell eine Nachricht hinterlassen, bevor ich so schnell wie möglich ins Krankenhaus gefahren war. Seit dem Anruf hatte mich ein seltsames Gefühl der Rastlosigkeit befangen und jetzt, da ich an Kais Bett saß, konnte ich es endlich einordnen.
Es war die Unfähigkeit, mit irgendeiner meiner Taten zu helfen. Ich konnte nur hier sitzen, seine Hand mit verkrampften Fingern umklammern und beten.
Ich legte meine Wange auf seine kalte, leblose Hand und drehte meinen Kopf so, dass ich sein ausgezehrtes, schlafendes Gesicht betrachten konnte. Hätte das EKG, das in der Ecke stand, nicht immer wieder leise gepiept, ich hätte angenommen, das der Körper vor meinen Augen tot war. Farblose Schläuche hingen aus seiner Nase, eine Blutkonserve war an einem Tropf befestigt und führte fremdes Blut in Kais Adern. Der Anblick erinnerte mich unangenehm an eine Szene von einem schlechten Frankenstein-Abklatsch.
Ich wusste nicht, wie lange ich dort gesessen hatte, in banger Erwartung, das die Pause zwischen dem Biep-Biep-Biep sich immer mehr hinzog und schließlich zu einem andauernden Piepton wurde, als Kai schließlich träge die Augen öffnete.
Mühsam versuchte ich ein beruhigendes Lächeln auf meine Lippen zu zwingen, aber ich selbst spürte, wie die Mundwinkel gefährlich zu zittern begannen, als sich sein müder Blick auf mich richtete.
Seine Lippen waren trocken, und als er versuchte zu sprechen, rissen sie ein. Er mühte sich unsäglich ab um die Silben ausspucken zu können, so als würde sein Mund ihm einfach den Dienst verweigern. "Glaubst-t... gl-glaubst... du...", er holte tief Luft, als ob er kurz vorm Ersticken wäre, "dass ich... j-jetzt... ... ... st-st-sterb-ben w-werde?" In seinen Augen lag ein ängstlicher Glanz, ganz so, als würde meine Meinung sein Schicksal besiegeln können.
Ich presste meine Wange fester an seine Hand. "Nein, das wirst du nicht", wisperte ich ihm zu, "denn das würde der Gott, an den ich glaube, nicht tun. Sonst wäre er schrecklich grausam und ich würde meinen Glauben an ihn verlieren."
Obwohl meine Antwort in den Augen mancher vielleicht nicht gerade beruhigend oder aufbauend wirken konnte, wusste Kai doch, was ich damit sagen wollte und ein schwaches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, bevor er die Augen wieder schloss.
"Du bist spät", stellte Kai mit ernster Miene fest, bevor er die Beherrschung darüber verlor und fröhlich lachte, "Ich konnt's kaum erwarten, bist du kommst! Hast du...? Yeah, du bist der Beste!"
Glückselig nahm er das druckfrische Marvel-Comic aus meiner Hand und betrachtete das Cover, wie ein Magermodel, dass sich sogleich auf ein Stück Dessert stürzen würde.
Ich setzte mich in den gemütlichen, abgewetzten Lehnensessel, der neben seinem stand und betrachtete ihn wie so oft prüfend. Trotz den Freudenstrahlen, die sein Gesicht förmlich auszuschlagen schienen, konnte das kaum über seinen blassen Teint und den müden Zügen in seinem Gesicht hinwegtäuschen. Also war das wieder einer dieser Tage.
Er schlug die erste Seite auf, doch bevor er begierig zu lesen begann, wie er es sonst gerne Tat, hob er den Blick und begegnete meinem besorgten. Er lächelte schwach, als wollte er mir beweisen, dass es ihm heute nicht wieder dreckig ging. Offenbar merkte er wohl, dass es sich dabei um einen kläglichen Versuch handelte und setzte mit heiterer Stimme an: "Was schaust du so? Neidisch auf mein neues > The Young Avengers <-Comic?" Er räusperte sich und wurde erstaunlicherweise rot, bevor er leise hinzufügte: "Es geht mir gut."
Meine Miene verfinsterte sich bei diesen Worten. "Du weißt, dass es nicht so ist. Wenn es ein guter Tag ist, sagst du >Es geht so<, nur bei schlechten Tagen sagst du >Es geht mir gut<", ich sah ihn verwurfsvoll an, bevor er den Blick beschämt senkte.
"Was soll ich denn sonst sagen? Das es mir mieserabel geht, ich schon wieder meine Haare verliere und ich mir den ganzen Morgen den Magen rausgekotzt habe, allein bei dem Gedanken daran, dass ich heute wieder meine Chemo bekomme und der Abstand in bedenklicher Weise immer kürzer wird?", erstmals hatte er einen Ausdruck in seinem Gesicht, der zu seinem ausgemergelten, spindeldürren Körper passte. Ernst, mit einem harten Zug um den Mund, der verriet, dass er immer noch nicht zu kämpfen aufgehört hatte und er wütend auf sein degenieriertes Blut war. Und da war auch der unnachgiebige Glanz in seinen Augen, der ihn plötzlich viel älter als seine 20 Jahre machte. Er erwiderte meinen Blick einen Moment lang, bevor er den Blick senkte, "Tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen. Ich sollte dankbar sein, dass du es bis jetzt mit mir ausgehalten hast."
Mit einem protestierenden Gequietsche zog ich meinen schweren Stuhl näher an seinen, um seine Hand zu ergreifen und sanft zu drücken. "Du weißt, dass es mir lieber ist wenn du mir ehrlich sagst, wie es dir geht. Ich will dir helfen können, wenn es dir... schlechter gehen sollte. Und noch dazu –", ich klopfte ihm leicht auf die giftgrüne Plants-vs.-Zombie-Haube, die aussah, als würde ein Zombie seine Zähne in seinen Kopf schlagen, "bist du mein bester Freund. Ich wüsste keinen Ort, wo ich jetzt lieber wäre."
Kai lächelte berührt und lehnte sich dann erschöpft in seinem Sessel zurück. Verflucht noch eins! Ich hätte das Thema lieber auf sich beruhen lassen, wusste ich doch, wie sehr in ein kleiner Streit zwischen uns emotional aufwühlte und ermüdete. Trotzdem streckte er die Hände aus, hatte aber sichtlich Mühe damit, sich auf den Inhalt der Sprechblasen zu konzentrieren, denn er runzelte die Stirn immer stärker und seine Augen schienen beim Zwinkern immer ein paar Millisekunden zu lange zuzubleiben, als müsse er seine Lider immer wieder um ein Neues aufzwingen.
Ich tätschelte sanft seine Hand. "Du siehst müde aus, willst du nicht ein kleines Nickerchen machen?"
Er sah prüfend in Richtung Tropf, in der noch die Hälfte seiner Infusion enthalten war, dann zurück zu mir. "Das Comic ist aber so spannend."
Ein schiefes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. "Du bist nach fünf Minuten noch immer auf Seite 1. Komm, mach nur kurz die Augen zu. Du wirst dich danach besser fühlen."
Ein trotziger Ausdruck machte sich auf seinen Zügen breit, dennoch lehnte er sich weiter zurück und fügte leise hinzu, "Aber nur kurz."
Es dauerte kaum drei Minuten, da waren seine Atemzüge tief und regelmäßig. Er sah sehr friedlich, aber auch sehr zerbrechlich aus, wenn er schlief. Die Losgelöstheit die sich dann auf seinem Gesicht breitmachte, wischte alle Falten weg und brachte darunter wieder das Antlitz eines 20-jährigen Jornalismus-Studenten hervor. Wie ein Phönix aus der Asche, machte sich unser altes Leben erst dann bemerkbar, wenn Kai an seinen schlechten Tagen einschlief. Wie sehr wir alles für Selbstverständlich hingenommen hatten! Unsere Möglichkeit, in die Uni zu gehen, Parties zu besuchen, uns einem Zockerabend hinzugeben, ja, alles hing von der Gesundheit ab. Mit so einem Schicksalsschlag, ohne jegliche Vorwahnung umgehen zu müssen, war hart, dennoch war der Mensch sehr anpassnungsfähig. Es war schon beinahe erschreckend, wie schnell ich mich an den Umstand, nach der Uni zu Kai ins Krankenhaus zu fahren und ihm immer die neusten Comics und ein paar Naschsachen mitzubringen, gewöhnt hatte. Mein Leben hatte ein erstaunliches Maß an Normalität zurückgewonnen, doch ich wusste, dass sie nur oberflächlich war. Denn ich spürte meine Anspannung wenn ich abends an Kais Bett saß, seine Hand in meiner, und ich beobachten konnte, wie die Augenringe sich tiefer in seine Haut gruben und sein Körper kalt zu schwitzen begann. Das Grauen, dass sich mit dem Wissen, seinen besten Freund vielleicht bald nicht mehr aus dem Schlaf aufwecken zu können, in mir wie ein Abgrund auftat, lähmte mich oftmals stundenlang und ich konnte dann nichts anderes tun, als Kais schlafendes Gesicht anzustarren und auf seine leisen Atemzüge und das mittlerweile vertraute Piepen in der der Ecke zu passen.
Gedankenverloren strich ich über die blauen Adern an seinem Handgelenk, zählte beinahe unbewusst seinen Puls mit. Marhta, eine nette, junge, Schwester, kam ins Zimmer, um den leeren Tropf mit sich zu nehmen, sie lächelte mir begrüßend zu. "Kümmerst du dich wieder um ihn?", fragte sie lautlos und deutete mit dem Kinn in Kais Richtung, woraufhin ich mit einem freundlichen Lächeln nickte. Ich trat an den Sessel heran, breitete die rot-grün karierte Decke sorgfältiger über seinen mageren Körper, bevor ich ihn aus dem Sessel hob. Martha hielt mir netterweise die Tür auf.
Drei Monate waren erst seit der Entdeckung von Kais Leukämie vergangen, aber es schien mir eine viel längere Zeitspanne gewesen zu sein. Kai ging es zunehmend schlechter, er hatte weiter an Gewicht verloren und konnte dank der Chemotherapie kaum Nahrung bei sich halten. Und nicht nur der Zustand seines Körpers hatte gelitten, sondern auch sein Kampfeswille zu überleben. Er sagte es zwar nicht laut, aber ich wusste, dass er sich erstmals mit seinem möglichen Tod beschäftigte, wirklich darüber nachdachte, was mit ihm geschehen würde, wenn er einmal nicht mehr wäre. Der Gedanke daran, dass er sich einfach damit abfinden zu existieren, machte mich krank. Sein geistesabwesender Blick durch die mittlerweile trüben Fensterscheiben seines Zimmers versetzte mir jedes Mal einen Stich ins Herz. Ich versuchte ihn dann immer mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, wieder aufzuheitern, und obwohl er lachte, erreichte sein Lächeln seine Augen nie. Besonders schlimm waren die Tage, an denen er so schwach war, dass er nicht einmal die Kraft hatte, aus dem Bett aufzustehen und mit wehmütigen Blick durchs Fenster in den wolkenlosen, vor Hitze flirrenden Himmel schaute und sich in Gedanken an einen Badesee wünschte. Die Eingebung, dass er vielleicht nie wieder in der Lage dazu war, einen solchen zu besuchen, schnürrte mir die Kehle zu.
Zudem schottete Kai sich immer mehr von seinen Eltern ab, was einerseits verständlich war, da seine Mutter jedes Mal, wenn sie ihn besuchte, rotgeweinte Augen hatte und immer mit den Tränen kämpfte, wenn sie ihn sah, oder sogar schon, wenn sein Name fiel. Sein Vater hatte anfangs einen stoischeren Ausdruck auf seinem Gesicht getragen, doch der war schon in den ersten Wochen abgebröckelt und hatte ein ebensolch nervliches Wrack enthüllt, wie seine Mutter. Die Besuche seiner Eltern waren für Kai eine Nervenprobe, die er mehr recht als schlecht überstand und danach zumeist in eine niedergeschlagene Stimmung verfiel.
Andererseits hatte diese Abschottung auch einen bitteren Beigeschmack von Abschied, als wollte er es seinen Eltern leichter machen, ihn loszulassen indem er schon vor seinem Tod den Kontakt verringerte. Dass er das unbewusst zu machen schien, befand ich als ein schlechtes Omen.
Es war 8 Uhr am Abend, eigentlich hatte die Besuchszeit schon längst geendet, doch die Schwestern machten bei mir immer wieder mal eine Ausnahme. Kai schlief bereits schon seit ein paar Stunden, er hatte heute schon seine dritte Chemotherapie diese Woche erhalten und die Müdigkeit wich jetzt selbst im Schlaf nicht mehr aus seinen Zügen.
Ich streichelte seine knöcherne Hand, fuhr mit dem Daumen die Adern unter der pergamentartig dünnen Haut nach und legte meine Wange wieder auf seinen Handrücken. In letzter Zeit tat ich das ziemlich häufig, es schien das einzige Mittel zu sein, dass es noch schaffte, mich ein wenig zur Ruhe zu bringen, da Baldrian, Schlaftabletten und Vallium keine Wirkung mehr auf meinen Körper zu besitzen.
Meine Gedanken drehte sich wie schon viele Abende zuvor immer wieder im Kreis, ruhelos zogen sie die stetig gleichen Bahnen, huschten von der Frage > Wie kann ich Kai helfen? < und den vielen unwahrscheinlichen Wegen einen geeigneten Knochenmarkspender zu finden, zu der Frage > Wie soll ich mich verhalten, wenn es ihm schlechter geht? < zu der grausamen Frage > Wie kann ich ihm helfen, seine letzte Zeit so schön wie möglich zu verbringen?<. Da ich mich aber weigerte, an seinen Tod zu glauben, da ich immer noch jede Nacht, bevor ich zu Bett ging, inniglich zu Gott betete, er möge meinem Freund doch bitte helfen, begann der Fragen-Antwort-Kreis wieder bei >Wie kann ich Kai helfen? <.
"Alex?", fragte eine raue, verschlafene Stimme, ich spürte etwas über meine Haare streichen. Ich öffnete müde die Augen und erst jetzt fiel mir auf, dass ich wohl eingeschlafen sein musste. Langsam setzte ich mich auf und begegnete Kais Blick. Überraschenderweise wirkte sein Gesicht weniger kanitg und abgemagert, wenn er lächelte, und diesmal war das Lächeln aufrichtig.
Mit dem Handrücken wischte ich mir den Schlaf aus den Augen und warf einen verstohlenen Blick auf die digitale Uhr, die am Nachttisch stand. 04:30. "Sorry, war ich zu schwer für deine Hand?", fragte ich schläfrig und konnte ein Gähnen kaum unterdrücken.
Kais Lächeln verbreitete sich. "Nein, nein. Ich bin nur wach geworden und habe nachgedacht und... ich habe eine Frage an dich." Der Ton, mit dem er mit mir redete, klang so sehr wie sein altes Ich, nicht wie das lustlose Kommunizieren der vergangenen Wochen, dass mir beinahe die Tränen gekommen wären. Aber wenn ich daran dachte, dass, wenn ich weinen würde, Kai das selbe Isolier-Abschied-Spielchen mit mir treiben würde, wurden meine Augen augenblicklich wieder trocken.
"Was denn für eine Frage?"
Er hielt meinen Blick mit seinen grünen fest, und sie wirkten nach Wochen wieder so stechend und aufmerksam, wie sie es damals immer getan hatten, "Warum tust du das?"
Verwirrt blinzelte ich ihn an. "Tue ich was?"
Kai deutete vage auf das dunkle, nur von der Nachttischlampe erleuchtete Zimmer. "Na, das alles hier! Du bist immer da, wenn ich dich brauche, du kommst mich beinahe jeden Tag besuchen. Warum tust du das?"
Die Frage traf mich wie aus heiterem Himmel. Was kein Wunder war, denn die vergangene Zeit hatte ich mir kaum Gedanken um mich oder meine Beweggründe gemacht, sondern nur um Kai. Mir war bewusst, dass er immer noch auf eine Antwort wartete, daher sagte ich: "Was ist so besonders daran? Immerhin wage ich zu behaupten, dass ich dein bester Freund bin."
"Sowieso. Trotzdem gibt es kaum jemanden, der so etwas tun würde. Schau dir meine Eltern an", ein verletzter Glanz trat in seine Augen, "selbst sie können das nicht."
Ich sah ihn an, sah ihn richtig an. Kai runzelte die Stirn und beugte sich näher zu mir, er errötete leicht, selbst unter seiner Leichenblässe und zog unruhig seine Mütze zurecht. "Kann es vielleicht... nur vielleicht sein, dass... du mich magst?"
Er wandte den Blick nicht ab, obwohl er immer weiter errötete. Ich hätte ihm gern eine Antwort gegeben, aber musste zuerst einen Moment darüber nachdenken, denn diese Frage, hatte ich mir noch nie gestellt. Wir waren früher schon immer beieinander gewesen und ja, ich musste zugeben, dass ich ihn früher auch des Öfteren in meinen Gedanken als "schön" bezeichnet hatte und das ich nicht gelogen hatte, als ich ihm immer wieder versichert hatte, dass es keinen schöneren Ort geben konnte, als an seiner Seite – hieß das also ich mochte ihn?
Das Rauschen in meinen Ohren, dass von meinem beschleunigten Herzschlag stammte, sagte "Ja". Zärtlich berührte ich mit den Fingern seine eingefallene Wange, seine Haut war angenehm weich. Einige Minuten tat ich nichts weiter als sein Gesicht sanft mit den Händen zu berühren, wobei Kai seinen Blick immer noch nicht abwendete, aber allmählich wieder ein Lächeln seine Mundwinkel nach oben zog. "Heißt das etwa ja?", fragte er mit deutlich heiserer Stimme, als könnte er kaum glauben, dass diese Möglichkeit bestand.
"Ich denke, ja", flüsterte ich ihm ebenfalls lächelnd zu, bevor ich mich weiter vorbeugte und probehalber mit meinen Lippen über seine strich. Zwar waren sie recht trocken, aber der leise Seufzer, den Kai dabei unabsichtlich ausstieß, war wie ein Anfeuerungsruf und ich verstärkte den Druck ein wenig. Der Geschmack seiner Lippen war unbeschreiblich, herb und süß zu gleichen Teilen, einfach unwiderstehlich. Vage konnte ich spüren, wie sich seine Hände langsam über meine Brust, hinauf zu meinem Nacken tasteten, seine Berührungen waren so zart wie Schmetterlingsflügel. Als er schließlich seine knochigen Arme um meinen Hals schlang und ich seinen erschreckend dünnen Körper an mich zog, geborgen an meiner Brust hielt, empfand ich etwas, was ich schon lange verloren geglaubt hatte. Freude.
Und nicht nur dass, sondern auch mein Mut wurde angefeuert jetzt wollte ich ihn noch weniger als ohnehin verlieren und würde alles daran setzten, dass er bei mir bleiben würde. Sein Körper in meinen Armen beruhigte mich verwunderlicherweise immens, selbst, da er kaum mehr als ein wandelndes Skelett war, konnte ich jetzt seinen rasenden Herzschlag ganz nah an meinem spüren und wusste, dass immer noch Leben, Leben im Übermaß, in ihm steckte, das nur darauf wartete verlebt zu werden.
Er löste seine Lippen sanft von meinen, und wandte den Blick Richtung Fensterwand, schmiegte sich dabei aber noch fester an mich. "Ich will den Sonnenaufgang sehen", wisperte er mir zu; es klang ganz nach einem spontanen Einfall, wäre da nicht diese unterschwellige Sehnsucht herauszuhören gewesen, die davon zeugte, dass dieser Wunsch schon eine Weile in ihm reifte, "Und zwar vom See aus."
Er wandte sich mir zu, mit diesen riesigen, grünen Augen, und ich wusste, dass ich verloren hatte. Wie hätte ich ihm auch etwas abschlagen sollen, wenn die letzten drei Monate meines Lebens nur daraus bestanden hatten, ihm eine Freude zu bereiten? Es gab nichts, dass mich zufriedener machte, als diesen elendigen müden Ausdruck aus seinen Gesicht vertreiben zu können, wenigstens für eine Weile.
"Kann ich denn bei so einem Gesicht > Nein < sagen? Aber dafür ziehst du dir dicke Sachen an und wir nehmen den Rollstuhl mit, für den Fall, dass du müde wirst, ja?" Ich wusste schon jetzt, dass er erledigt am Rückweg ins Krankenhaus schlafen würde und ich wollte ihm trotz allem so wenigen Strapazen wie möglich aussetzen.
Kai zog zwar missmutig eine Schnute, erwiderte aber nichts weiter darauf, da er wusste, dass ich recht behalten würde. Er quälte sich mühsam unter den meterhoch aufgetürmten Decken hervor und schritt hinüber zum Schrank um Gewand herauszusuchen. Beim Gehen musste er seine Boxershorts festhalten, so sehr schlotterte sie um seine Hüfte.
Ein Sweatshirt, eine schwarze Jean, ein paar dicke Ringelsocken und eine Weste später, verließen wir sein Zimmer, wobei ich den Rollstuhl, den Kai gelegentlich an seinen schlechten Tagen zum herum manövrieren brauchte, nahm ich dabei mit.
Wir schlenderten durch die leeren Korridore, hin und wieder kam uns nur vereinzelt eine übermüdete Schwester oder ein Arzt entgegen, die uns geistesabwesend zunickten, uns aber nicht aufhielten, als wir das Krankenhaus um 5:12 verließen.
Der Himmel war wurde allmählich blau, die Sterne verblassten, als wir kaum einen Block vom Krankenhaus entfernt in eine der zeitlichen Straßenbahn stiegen und Richtung See fuhren. Anders, als ich befürchtet, schien Kai der kurze Weg nicht ermüdet zu haben und er blickte so neugierig und wissbegierig in der Straßenbahn umher, als wäre er noch nie mit einer gefahren. Ich konnte förmlich sehen, wie sehr er es genoss, die bedrückende Enge seines Zimmers und der Behandlungsräume hinter sich lassen zu können. Es dauerte kaum zehn Minuten, da waren wir schon am Ziel unseres kleinen Ausflugs angekommen; dem See.
Im Vor-Dämmerungslicht, lag der See spiegelglatt und dunkel vor uns, eine unendlich erscheinende, ebene Fläche, die ringsum nur von niedrigen Hügeln flankiert wurde. Am anderen Ufer konnte man nur noch winzig klein die bunten Häuser der dortigen Anrainer erkennen. Ein paar eifrige Segler befanden sich schon auf dem Wasser und zogen glitzernde Schneisen hinter sich her. Es war angenehm still, alles ringsum schlief noch, ja nicht einmal ein Wasservogel kreischte, als wir in einem gemütlichen Tempo von der Straßenbahnstation hinunter zum See gingen.
Der Strand erstreckte sich wie ein weißes Band rund um die spiegelnde Oberfläche und begrenzte sie wie ein weicher Saum, ein verzierendes Spitzenband. Kai ließ sich dankend in den Rollstuhl sinken, den ich für ihn ganz nah am Wasser abgestellt hatte, und wartete gebannt darauf, dass die Sonne mit schläfrigen Strahlen über die Hügelkämme blinzeln würde. Das leise Rauschen des Wassers und unsere Herzschläge maßen die Zeit.
Als sich der Himmel im Osten langsam zu verfärben begann, sich in den schillerndsten Orange- und Gelbtönen zeigte, flüsterte Kai, das Gesicht dem See zugewandt, "Weißt du, warum ich hierher kommen wollte?" Die hellen Spiegelungen, die die Sonne auf das Wasser warf, malten bunte Reflexe in Kais Augen, dass konnte ich selbst erkennen, obwohl er wie gefesselt auf den Himmel starrte. Ohne, dass ich ihm antworten musste, fuhr er fort, "Findest du nicht auch, in Anbetracht eines solchen Naturspektakels, dass wir Menschen klein und irrelevant auf dieser großen Welt sind? Früher hat mich dieser Gedanke irgendwie bedrückt, als hätte ich keine Existenzberechtigung, nur, weil ich nichts Weltbewegendes zustande bringen konnte. Aber heute sehe ich das anders. Wenn du hier verschwindest, dann geht trotzdem noch alles seinen gewohnten Gang, verstehst du? Jetzt finde ich den Gedanken irgendwie beruhigend..." Einen Moment schwieg er nachdenklich, während die Sonne sich langsam über die Hügelkette erhob und aufmunternd vom neuen Tag kündete.
Er seufzte genüsslich, bevor er zögerlich die Mütze vom Kopf zog, damit der frische Wind über seinen kahlen Schädel streichen konnte. Im glitzernden Morgenlicht, im Rollstuhl sitzend und mit keinem einzigen Haar am Kopf sah er sehr krank und gebrechlich aus. Ich spürte das Verlangen in mir aufsteigen, in fest an mich zu ziehen und so versuchen, ihn vor all dem Bösen und schlechten auf der Welt zu beschützen, doch hatte ich das Gefühl, dass er noch mehr sagen wollte, also berührte ich nur zärtlich seine kalte, schmale Hand.
Ein Lächeln zog sich über seine Züge und er drückte meine Finger sanft mit seinen. "Aber, weißt du, worauf ich noch gekommen bin? Es gibt so viele Missstände auf der Welt, Verbrechen, Gewalttaten, Vergewaltigungen, Kinder, die sterben, bevor sie jemals geliebt haben... Man möchte davor einfach die Augen verschließen, denn der Anblick ist zu schmerzhaft. Aber solche Momente wie dieser hier", er wandte mir endlich den Blick zu, und sein Gesicht strahlte eine derartige Friedfertigkeit und Weisheit aus, die ich noch nie bei ihm gesehen hatte, nicht einmal, als er noch gesund gewesen war, "sind zu wertvoll um sie zu vergeuden. Sie sind die Momente für die wir leben und für es sich zu leben lohnt." Er legte eine kurze Pause ein und ich bemerkte, wie seine Hand in meiner erschauderte.
"Kannst du dich noch erinnern, was du mir geantwortet hast auf die Frage, ob ich sterben würde?", fragte Kai mit so atemloser Stimme, dass ich ihn kaum verstehen konnte, und sah mir dabei tief in die Augen.
"Natürlich weiß ich das noch", flüsterte ich zurück und trat näher an seinen Rollstuhl heran, "Ich sagte, das Gott dich niemals sterben lassen würde, denn er wäre grausam, der Welt einen solchen Menschen zu rauben."
"Du sagtest auch, du würdest aufhören, an ihn zu glauben, falls... mir etwas zustoßen sollte", jetzt legte er beide klammen Hände um meine, "Ich möchte, dass du das nicht tust. Nicht meinetwegen. Denn ich weiß, wenn es einen Gott geben sollte, dass er für all das hier einen Grund haben wird", als er mich jetzt so zuversichtlich ansah, und dabei von seinem Tod sprach, glaubte ich ersticken zu müssen. Ich wollte nicht, dass er davon sprach. Dass er darüber nachdachte. Es machte alles auf erschreckende Weise viel realer und greifbarer, als ich es mir je hätte ausmalen können.
Ich musste ein paar mal schlucken, bevor ich antworten konnte, "Ich verspreche dir, dass ich den Glauben nicht deshalb verlieren werde..."
Er wirkte erleichtert, als er sich zurück in den Rollstuhl sinken ließ. Als die Sonne über den Hügelkamm wanderte, fielen ihm die Augen vor Erschöpfung zu und er schlief mit seligem Gesichtsausdruck.
Eine Weile stand ich noch am Ufer und dachte über seine Worte nach, bevor ich ihm sanft die Mütze wieder aufsetzte und ich ihn zurück zur Straßenbahnstation schob.
Viel zu spät bemerkte ich, dass dieses Gespräch bei Sonnenaufgang seine Verabschiedung gewesen war.
In den folgenden Tagen erholte sich Kai wieder ein wenig, der Intervall der Chemotherapie wurde wieder verringert und er schaffte es sogar ein wenig zu essen. Als Kai bat, nach Hause gehen zu dürfen, stieß sein Wunsch nicht auf taube Ohren. Man legte ihm einen Port unter die Achsel, in die man alle Medikamente auf direktestem Wege injizieren konnte, man packte seine Sachen und seine Eltern führten ihn freudestrahlend nach Hause. Ich glaube, sie dachten, jetzt würde alles wieder gut werden. Dass Kai immer noch keinen Spender hatte und es sich im wesentlichen nicht viel an seinem Zustand verändert hatte, schienen sie nicht zu sehen. Zuhause richtete seine Mutter die leckersten Gerichte her und bemühte sich unsäglich etwas zu Kochen, dass Kai auch wirklich essen konnte. Sein Vater, normalerweise kaum zu Hause, weil er ein Workaholic war, nahm sich Urlaub um mit seinem Sohn Zeit zu verbringen. Zwar konnten sie nicht viel machen wie gemeinsam Sport treiben oder ins Kino gehen, aber sie führte tiefgängige Gespräche und lernte mehr Sachen übereinander als sie es in ein paar Jahren hätten schaffen können.
Auch in mir keimte eine schwache Hoffnung auf, dass alles wieder wie früher sein konnte, als es nach den ersten paar Wochen keine gravierenden Zwischenfälle gab und Kai immer weiter an Gewicht zunahm. Sogar seine Haare hatten wieder zu wachsen begonnen, wie er mir stolz berichtet und mir seinen mit weich aussehendem, kupferroten Flaum überzogenen Schädel gezeigt hatte. Anfassen durfte ich sie nicht, denn Kai tat so, als wären seine Haare sein Ein und Alles und als würden sie augenblicklich wieder ausfallen, wenn sie jemand zu fest berührte.
"Hey!", rief mir Kai begeistert von der Haustür entgegen, als ich die Einfahrt seines riesigen Anwesens eines Tages hinaufging, "Du bist ja heute überpünktlich!"
Grinsend ging ich die letzten paar Stufen hinauf, wo mir Kai freudig in die Arme fiel. "Ich hab dich so vermisst! Weißt du wie öde es allein in so einem riesigen Haus ist?", er blickte schnell über seine Schulter und vergewisserte sich, dass dort niemand war, bevor er mir verschwörerisch zu hauchte, "Und die Krankenschwester ist mehr Belastung als Spaß."
Ich blickte suchend über seine Schulter, erspähte die junge Latina aber nicht, bevor Kai seine Hände an meine Wangen legte und meinen Kopf zu sich hinabzog. "Hey, hey, wichtiges zuerst oder?" Eine dramatische Pause folgte diesen Worten, in denen er mit seinen stechend grünen Augen nicht von meinen ablassen wollte, bevor er sich mit düsterer Stimme erkundete, "Hast du es?"
Mein Gesicht blieb todernst, als ich mit "Ja, neuste Ausgabe, druckfrisch" antwortete, sodass Kai anfangs unterdrückt und dann offen schallend lachte. Dieser Laut war wie Balsam für seine Seele und erst jetzt viel mir auf, dass er schon zu lange nicht mehr so gelacht hatte.
"Du bist noch immer der Beste", grinste er und zog mich an meiner Hand ins Innere des Hauses. Wie jedes Mal, wenn ich ihn besuchen kam, war täglich war, staunte ich über die Größe des Gebäudes. Man konnte es sicherlich ohne Probleme als Villa beschreiben, wenn man die große Eingangshalle, mit der modernen Zwillingstreppe, die ins Obergeschoß führte ;und der gigantischen Fensterwand auf der gegenüberliegenden Seite betrachtete. Nicht einmal die kleine Wohnung, die sich mein Vater und ich teilten, war so groß, wie allein diese Eingangshalle.
Schwerter Donna, eine junge, dralle Latina, kam um die Ecke und ich hätte sie fast nicht erkannt, da sie nicht wie üblich in ihrer weißen Schwesterntracht herumeilte sondern légere Kleidung angelegt hatte. Sie zwinkerte mir zu, als sie sich ihre Lederjacke vom Ständer nahm und uns noch etwas in ihrer Muttersprache zurief, bevor sie aus der Tür verschwand.
Ich schaute ihr verdutzt hinterher, bevor ich mich zu Kai umdrehte, der mich verschwörerisch angrinste.
"Äh, ich dachte, sie ist eine Hausangestellte, warum geht sie jetzt ein-", weiter kam ich nicht, den Kai trat nahe an mich heran und stellte sie auf die Zehenspitzen um mich zu küssen. Seine Lippen waren jetzt viel weicher als vor einiger Zeit und ich zog ihn sanft näher an mich, genoss das Gefühl ihn bei mir zu haben. Pure Erleichterung durchfloss mich, als ich die Pfunde, die er zugelegt hatte, nicht nur sehen, sondern auch spüren konnte; die Arme, die sich um meinen Nacken schlangen, waren nicht mehr so arg dürr und seine einstmals spitz hervortretenden Hüftknochen, waren jetzt durch ein wenig mehr Fleisch gepolstert. Als er sich sachte von mir löste, konnte ich immer noch dieses Grinsen auf seinen glänzenden Lippen sehen. "Ist sie, aber Mom und Dad sind auf Geschäftsreise und ich konnte sie dazu überreden, den Abend außerhalb zu verbringen. Damit wir... ein wenig Zeit für uns haben."
Das Grinsen nahm ein wenig ab und ich konnte eine süße Schüchternheit auf seinen Zügen feststellen. Ich umfasste sanft sein kantiges Gesicht, damit ich alle Unsicherheit daraus vertreiben konnte. "Klingt wunderbar", flüsterte ich ihm zu und küsste ihn nochmals.
"Mh... Avengers mit Popcorn?", hauchte er gegen meine Lippen und schaffte es dabei irgendwie wie eine schnurrende Katze zu klingen, satt und zufrieden. Egal was er in dieser Stimme gesagt hätte, ich hätte zugestimmt.
Exakt 143 Minuten später, hatte Kai seinen Kopf schon längst auf meinen Schoß gebettet und schlief selig, mit losgelösten Gesichtszügen. Seine Mütze war verrutscht und seidiges Haar kam darunter zum Vorschein, das nur zu sehr zum Anfassen einlud. Aber ich widerstand dem Drang, und streichelte stattdessen seine kantigen Gesichtszüge, versuchte mir jede Hebung oder Senkung seiner Züge einzuprägen. Trotz der eingefallenen Wangen, trotz der bleichen Hautfarbe, trotz der Tatsache dass er kaum Haare hatte, war er dennoch wunderschön, wie ich mir eingestehen musste. Seine Lippen hatten eine seltene rosige Färbung, vielleicht, weil wir uns zuvor geküsst hatten, und sie sahen verdammt unwiderstehlich aus. Ich strich mit meinem Daumen zärtlich über ihre weiche Haut. Ich wollte ihn küssen, und dieser Drang war so unvergleichlich stark, dass ich ihn nicht so leicht unterdrücken konnte, also beugte ich mich langsam vor und kostete von diesem süßen Mund.
Kai begann sich, zu meinem Entsetzten, zu bewegen. Er blinzelte verschlafen. "Ist der Film schon aus?", fragte er mit vom Schlafen heiserer Stimme.
"Grade um", flüsterte ich ihm besänftigend zu, "Schlaf ruhig weiter, ich wollte dich nicht wecken."
Kai verzog unwillig das Gesicht und setzte sich langsam auf, wobei er seine Mütze richtete, damit sie nicht hinunterfiel. Ich stützte ihn dabei, aber er schüttelte meine Hände mit einem energischen Schulterzucken ab, bevor er herzhaft gähnte und sich dann mit einem dreisten Grinsen im Gesicht auf meinen Schoß setzte. "Wie soll ich schlafen, wenn ich noch so viel mit dir vorhabe?" Er zog das Gummiband geschickt aus meinem schulterlangen Haar, das es normalerweise zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammenhielt, und ließ mit genüsslicher Miene seine Finger durch meine schwarzen Strähnen gleiten. "Wusst' ich doch, dass sie verdammt seidig sind", murmelte er gedämpft, bevor er lauter hinzufügte, diesmal war der Grund seiner rauen Stimme jedoch ein gänzlich anderer, "Ich wollte sie immer schon einmal so anfassen."
Ein wohliger Schauer lief mir den Rücken hinunter und ich konnte spüren, wie sich auf meinen Armen die Härchen aufstellten, als Kai mit seinen schlanken, zarten Fingern meinen Nacken zu streicheln begann. "Und dich so", wisperte er mit heiserer Stimme, als er sich vorbeugte und mich mit dem Geschmack von unbändiger Sehnsucht auf den Lippen küsste. Mein Herz begann laut zu klopfen, als ich ihn näher an mich zog, mit meinen Händen seinen Rücken liebkoste und sie schlussendlich zaghaft auf seinen Po legte. Kai stöhnte leise auf und küsste mich noch inniger, und obwohl es ein zärtlicher Kuss blieb, kam er mir so viel intensiver vor, als die stürmischen Küsse, die ich bisher in meinem Leben getauscht hatte. Und so viel bedeutendeer.
Nach einiger Zeit lösten wir uns japsend voneinander, hielten uns aber immer noch so fest aneinander gepresst, dass nicht einmal ein Blatt zwischen uns Platz gehabt hätte. Kais Gesicht war gerötet und ließ ihn so viel gesünder, viel vitaler wirken, als noch kurz zuvor. Sein Atem ging heftig und ich spürte ihn warm über meine Wangen streichen, während mein Blick stets auf seinen leicht geschwollenen, wunderbaren Lippen lag.
Die Erregung traf mich wie ein Schlag, als Kai sich an mir rieb und ich deutlich die Wölbung in seiner Hose an meinem Bein spüren konnte. Er sah mich in einer seltsamen Mischung aus Aufmerksamkeit und Sehnsucht an, bevor er schließlich genug Atem erlangt hatte um keuchend zu fragen: "Können wir...?"
Diese einfachen Worte ließen es in meiner Lendengegend nur noch mehr heißer werden. Verdammt, er würde gar keine Antwort brauchen, wenn er nur noch ein Stückchen näher rutschen und sich an anderer Stelle an mir reiben würde. Dieser Gedanke half meiner Selbstbeherrschung nicht wirklich weiter.
Ich umfasste liebevoll sein Gesicht und er schmiegte seine Wange mit einer solchen Vertrautheit in meine Handfläche, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Er brauchte einen Moment, bis ich meiner Stimme so weit vertrauen konnte, mir nicht einfach den Dienst zu versagen, dennoch klang sie erbärmlich krächzend, als ich sprach. "Denkst du, das ist eine gute Idee? Ich meine, ..." Fieberhaft suchte ich nach den richtigen Worten, " in deinem Zustand?" Keine optimale Lösung, musste ich mir eingestehen, aber mein Hirn schien nur mehr auf Sparflamme zu laufen, seit er seine Lippen auf meine gepresst hatte.
Kais Augenbraue zuckte skeptisch hoch. "Klingt als wäre ich schwanger."
Von seiner Antwort so verdattert, dass ich es sekundenlang nur schaffte blinzelnd meine Augen regelmäßig zu Befeuchten, starrte ich ihn so lange an, bis er schief lächelte, bevor sich sein Gesichtsausdruck verdunkelte.
"Ich weiß schon, worauf du hinauswillst", seufzte er leise und sah mich mit den herzzerreißensten Augen, die ich jemals gesehen hatte, und ein trauriges Lächeln zog sich über sein Gesicht, "Aber worauf soll ich denn bitte warten, Alex?"
Er schmiegte seinen Oberkörper so fest an meinen, dass ich wirklich alles spüren konnte. Seine harten Brustwarzen unter dem dünnen, gestreiften Sweatshirtstoff, sein rasend schnell klopfendes Herz, seine Erregung, die er jetzt wirklich an meiner rieb. Oh. Gott.
"Worauf soll ich warten? Auf bessere Zeiten?", er lachte freudlos auf, zog mein Gesicht näher an seines heran, sodass er beim Reden federleicht meine Lippen mit seinen berührte, "Gibt es denn einen besseren Zeitpunkt als jetzt? Ich habe lernen müssen, dass man jeden Tag leben muss, als wäre es der letzte. Und gerade jetzt will ich meinen letzten Tag in meinem Schlafzimmer verbringen, schweißgebadet und mit meinem Freund an meiner Seite."
Er küsste mich hauchzart und ich konnte seine Lippen zittern spüren, ja, sein ganzer Körper zitterte vor Angst vor meiner Reaktion auf seine ehrlichen Worte. Zwar hatten wir seit dem Sonnenaufgangs-Gespräch immer wieder, wenn wir alleine gewesen waren, heimliche Küsse und Zärtlichkeiten ausgetauscht, doch hatten wir noch nie besprochen, ob wir uns als Paar sahen. Mich so besitzergreifend "meinen Freund" zu nennen, überraschte mich, aber es machte mich zugleich unsagbar glücklich. Auch ich beugte mich leicht vor und küsste ihn hauchzart auf den Mund, um ihn aus diesem grässlichen Schwebezustand zu befreien, um diese verheißungsaufgeladene Stimmung, die sich zwischen uns aufgebaut hatte aufzulösen.
Ich hätte beinahe zu Lachen begonnen, als ich seinen ungläubigen Gesichtsausdruck sehen konnte und flüsterte ihm mit verführerischer Stimme zu, "Wenn wir wirklich hinauf in dein Schlafzimmer gehen sollen, musst du schon aufstehen."
Der Unwille, der sich in seinem Gesicht breit machte, als er sich von mir lösen musste, beschleunigte meinen Puls deutlich. Als auch ich vom Sofa aufgestanden war, ergriff ich seine Hand und verschränkte die Finger mit seinen. Langsam gingen wir bedächtigen Schrittes die große Zwillingstreppe ins Obergeschoss hinauf.
Ich war schon viele Male zuvor in Kais Zimmer gewesen, sogar schon, seit wir zusammen waren, aber heute kam mir alles anderes und surreal vor, als Kai die Tür öffnete und das Licht anschaltete. Mit einem bisschen Drehen an dem kreisrunden Schalter, wurde das anfangs grelle Licht zu einem schummrigen Dämmerschein.
Sein Zimmer war riesig, auch hier befand sich wieder eine obligatorische Fensterwand, die Ausblick in den dunklen Wald draußen, den Kai "Garten" nannte, lieferte. Die Wände waren in schlichtem Weiß gestrichen, der Boden bestand jedoch aus dunklem, hochwertigen Holz und spiegelte so den Kontrast aus Weiß und Dunkelbraun im ganzen Zimmer wieder. Alle Möbel waren in diesem Stil gehalten. So auch das gigantische, freistehende Bett, dass aus einem hellen Holzrahmen mit dunklen Bettlaken bestand.
Wir sahen einander lange an, nachdem Kai die Tür geschlossen hatte. Kai sah für seine mutigen Worte von vorhin jetzt reichlich schüchtern aus, also beschloss ich, den ersten Schritt zu tun und zog mit einer geschmeidigen Bewegung das Shirt aus, bevor ich an ihn herantrat und lächelnd an seiner Mütze zupfte. "Darf ich?"
Kai musterte mich unverhohlen und ich stellte zufrieden fest, dass ihm gefiel was er sah. Dann nickte er kurz und abgehackt.
Ich nahm die Mütze vorsichtig ab, wusste ich doch, dass er sie äußerst ungern ablegte, weil er sich nackt und entblößt fühlte. Darum fühlte ich mich umso geehrter, dass ich sie ihm abnehmen durfte. Kaum lag die Mütze auf dem Boden, war alle Anspannung aus uns gewichen und wir setzten damit fort, womit wir vorhin am Sofa aufgehört hatten.
Küssend und tastend suchten wir uns den Weg zu seinem Bett, während die Kleidungsstücke unseren Weg säumten und wir schließlich auf die weichen, frischen Laken fielen. Sein Körper war ohne Kleidung noch dünner als ohnehin, aber in diesem Moment war er einfach perfekt. Jeder Kuss, jedes verhaltene Stöhnen, jede zärtliche Berührung war einfach perfekt. Ich erkundete seinen Körper mit Übereifer, prägte mir jede Kuhle, jeden Muskelstrang ein, indem ich sie mit den Lippen ertastete, merkte mir die Stellen, die ihn zum Lachen, zum Aufseufzen oder zum Stöhnen brachten. Meine ganze Welt, alle meine Sorgen, alle meine Pläne wurden verdrängt, denn auf einmal hatte in ihr nichts mehr Platz außer Kai; er war das Einzige, was noch zählte.
Die Zeit schwamm dahin, ich hätte nicht sagen können ob nur ein paar Minuten oder ein paar Stunden vergangen waren, als Kai unter mir erzitterte und mich mit heiserer Stimme darum bat, endlich zur Sache zu kommen. Als ich schließlich vorsichtig eindrang, stöhnte Kai schmerzerfüllt auf, wies mich aber an, weiter zu machen. Nach und nach wurde sein Körper immer nachgiebiger und der Schmerz wich aus seiner Stimme, als ich ihn ein eine sitzende Position zog, sodass er seine Beine hinter meinem Rücken verschränken konnte. Es war ein unfassbar berauschendes Gefühl in ihm zu sein, ihn in meinen Armen zu halten und zu wissen, dass ihm in diesem Moment niemand wichtiger war als ich. Kai erschauderte immer häufiger, und da wurde mir bewusst, dass wir immer weiter unserem Höhepunkt entgegensteuerten. Wir hatten den Gipfel fast erklommen, da hauchte Kai leise und in so aufrichtigen Worten, dass mir die Tränen sofort in die Augen schossen, "Danke, dass es dich gibt" zu. Ich umarmte ihn fest nach diesen Worten und konnte heiße Nässe an seinem Gesicht spüren, bevor alle Gedanken, alle Empfindungen ausgelöscht wurden und wir uns dem Höhepunkt hingaben.
Ein paar Stunden Schlafes später lagen wir eng aneinander geschmiegt in Kais großer Badewanne, sein Rücken an meine Brust gelehnt, da. Ich fühlte mich immer noch müde, nach dem kurzen Schläfchen, darum verwunderte es mich besonders, dass Kai putzmunter wirkte.
Seine Augen glänzten förmlich und er schien mit einem Mal viel gesünder zu wirken.
Sein Kopf lag auf meiner Schulter, seine kurzen Haare kitzelten mich etwas und ich konnte ihm ins Gesicht sehen, in dem ein befriedigtes Grinsen lag. "Das.War.Unglaublich."
Unsere Nasen berührten sich sanft, als ich ihm antwortete, "Absolut." Dann fügte ich noch besorgt hinzu, "Wie fühlst du dich?"
"Du meinst, außer so glücklich, dass ich platzen könnte, angenehm von einer >körperlichen Ertüchtigung< ermüdet und total zufrieden mit sich und der Welt? Ganz gut, würde ich sagen."
So ein frecher Mund! Dennoch konnte ich mir ein Grinsen nicht völlig verkneifen. "Deinem Becken, meinte ich."
Er rieb es auffordernd an mir. "Ich weiß nicht so genau, Herr Doktor. Vielleicht sollten sie nochmals einen Blick darauf werfen?" Unschuldig klimperte er mit den Augen, bevor der spielerische Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand und pure Lust darin Einzug hielt, als ich ihn küsste.
Mein Herz raste abermals wie wild, abermals stürzte ich durch die Sicherheitstüren und abermals stach mich der Desinfektionsgeruch grausam in der Nase. Alles erinnerte mich nur allzu sehr an den Tag, als ich von Kais Zusammenbruch gehört und ins Krankenhaus gestürmt war. Was damals allerdings bange Unwissenheit gewesen war, hatte sich jetzt in furchtbare Gewissheit gewandelt.
Meine Lunge brannte höllisch, als ich vor seinem ehemaligen Zimmer angekommen war, diesmal standen seine Eltern nicht davor Wache. Ohne zu zögern öffnete ich die Tür. Der Anblick, der mich dahinter erwartete, war wie ein Schlag in die Magengrube, als würden sich alle in mir befindlichen Organe zu einem harten Klumpen zusammenziehen. Ich taumelte etwas, bevor ich mich wieder in Gewalt hatte und zu Kai ans Bett trat.
Seine Mutter und sein Vater waren da, beide so totenbleich wie ihr Sohn, der entkräftet auf dem Bett lag und kaum die Augen offen halten konnte. Seine Haut wirkte erschreckend dünn, wie Papier spannte es über seine stark hervorstehenden Knochen und offenbarte jede noch so schmale, blaue Vene darunter. Er hatte seine Mütze nicht auf, was den Blick sofort auf seinen fast haarlosen Kopf lenkte und ihm, ebenfalls mit dem Schlauch, der in seine Nase führte und ihn mit Sauerstoff versorgte, ein besonders kränkliches Aussehen gab.
Als ich meine Hand um seine kalte schloss, erwiderte er den Druck schwach.
"Ich seh furchtbar aus, nicht?", krächzte er mit heiserer Stimme und versuchte ein schiefes Grinsen mit seinen spröden Lippen zu formen, doch selbst dazu schien er zu wenig Kraft zu besitzen. In seinen Augen spiegelte sich ein fiebriger Glanz.
Ich presste seine Handfläche an meine Wange und blinzelte mühsam die mutlosen Tränen weg, die in mir aufstiegen. "Absolut grässlich", erwiderte ich mit kippender Stimme und versuchte mich an demselben Lächeln, es geriet wohl ebenso kläglich wie seines, denn er lachte hustend auf, bevor er in einen unruhigen Schlaf fiel.
In den nächsten Tagen – wie viele hätte ich unmöglich sagen können – wich ich kaum von Kais Seite. Morgens, wenn das Fieber niedrig war, ging es ihm mäßig, er war ansprechbar und konnte sogar ein wenig scherzen. Einmal haben wir sogar ein Foto mit meinem Handy gemacht, und trotz der tödlichen Krankheit, die eindeutig an ihm nagte, schaffte er es auf unglaubliche Weise, Lebensfreude und Kampfesmut auszustrahlen.
Die Abends- und Nachtstunden waren jedoch wie ein Horrortrip, seine Eltern und ich bangten und beteten um jeden Atemzug, den er tat, lauschten auf jedes vertraute PIEP des EKGs um uns zu versichern, dass er nicht einfach eingeschlafen und gestorben war. Nur um am Morgen wieder recht munter aufzumachen und in einem die Hoffnung anzufachen, dass sich sein Zustand wieder besserte.
Die Ärzte redeten jetzt in sehr ernstem Tonfall mit seinen Eltern, der Tropf, der ihn mit Medikamenten und Flüssigkeit versorgte wurde immer häufiger getauscht. Ich brauchte nicht zu hören, was sie sagten, um zu wissen was passieren würde. Sie sagten, dass sein Immunsystem durch den Krebs quasi nicht vorhanden sei, das er sich wohl einen Grippevirus – einen einfachen Grippevirus verdammt noch eins! – eingefangen hatte, das Fieber jeden Tag ein bisschen stieg und die fiebersenkenden Mittel mittlerweile kaum noch eine Wirkung zeigten. Und nicht nur ich wusste das. Kai wusste es auch.
Doch immer, wenn alle um ihn herum mit trauriger oder ernster Miene herumstanden, versuchte er sein Möglichstes um sie aufzumuntern und ihnen zu beweisen, dass es ihm gar nicht so schlecht ging, wie man annahm. Dass er wieder gesund würde. Auch wenn ich in seinen Augen sehen konnte, dass er nicht mehr recht daran glaubte.
Sein Zustand verschlechterte sich wirklich immer weiter, jetzt dämmerte er auch am Morgen meistens nur noch vor sich hin, wurde höchstens ein paar Minuten wach, bevor er wieder in diesen unruhigen Schlaf fiel. Alle stellten sich bereits auf seinen Tod ein, seine Eltern versuchten sich mit dem Gedanken abzufinden, die Schwestern, die Ärzte, ja sogar Kai. Nur in mir schien sich alles dagegen zu sträuben, seinen möglichen Tod zu akzeptieren.
Kais Mutter konnte nicht mehr Weinen, so als ob sie bereits alle Tränen ihres Lebens aufgebraucht hätte. Auch sein Vater hielt sich nicht mehr zurück und weinte oft stumm am Bett seines Sohnes. In Kais Augen konnte ich sehen, wie schwer es ihm fiel, seinen Eltern dabei zuzusehen, wie sie bereits jetzt schon um ihn trauerten.
An diesem Tag, bat er sie mit schwacher Stimme, ihn einen Moment allein zu lassen um ein paar Worte mit mir zu wechseln. Aber noch bevor die Tür völlig ins Schloss gefallen war, schlug Kai die Hände vors Gesicht. Er weinte.
"Es... es tut mir leid", schluchzte er mit dünner Stimme, die von seinen Händen gedämpft, kaum noch hörbar war, "So leid... ich... ich ...ich wollte nicht... dass du mich... ... ... so... so sehen musst..." Seine Stimme versagte und die leisen Weingeräusche, die er von sich gab, brachte mich beinahe um den Verstand. Seit dem Ausbruch seiner Krankheit hatte ich ihn noch nicht so verzweifelt gesehen.
"Ich habe solche... Angst, verstehst du? Solche Angst vor dem Tod...", er ließ die Hände sinken, seine grünen Augen funkelten wie Smaragde durch den dicken Tränenschleier, "Ich... ich dachte, ich halte durch... dass... dass alle... gut Abschied nehmen können... weißt du? Aber ich schaffe es nicht. Ich will nicht sterben, noch nicht!"
Jetzt endlich verstand ich meine Rolle an Kais Seite, mochte ich sie zuvor auch nicht klar vor mir gesehen haben. Das war der Moment, in dem er das erste Mal meine Hilfe brauchen würde. Dass es vermutlich auch das letzte Mal sein würde, verdrängte ich. Und so schluckte ich meine Tränen hinunter, kratzte alle meine schauspielerischen Fähigkeiten zusammen und versuchte ein einziges Mal stark für ihn zu sein.
Als ich mich vorbeugte und die Arme um ihn schlang, klammerte er sich regelrecht an mich, als wäre er ein Ertrinkender in einer stürmischen See und ich der einzige Halt, der ihm vor dem sicheren Tod bewahren konnte. Ich wünschte, das könnte ich wirklich.
"Doch nicht jetzt.... Ich dachte.. Dachte ich hätte wenigstens noch ein bisschen mehr Zeit verdient", er schmiegte sein Gesicht an meinen Nacken und ich konnte seine heißen Tränen an meiner Haut spüren, "Ich will doch noch nicht gehen. Wohin auch? Was erwartet mich schon nach dem Tod? Der Himmel?" Er klang verachtungsvoll, hysterisch fast, aber ich konnte auch die Sehnsucht darin hören, den Wunsch, an einen solchen Ort glauben zu dürfen.
"Sicher kommst du in den Himmel", flüsterte ich ihm beruhigend ins Ohr, "Wenn nicht du, wer denn dann?"
Ich spürte, wie er sich ein bisschen entspannte, die Hände aber nicht aus meinem Gewand löste. "Erzählst du mir vom Himmel?", fragte er mit tränenerstickter Stimme. In jeder anderen Situation hätte dieser Satz entweder kindisch oder verächtlich geklungen, aber in diesem Moment bedeutete diese Frage alles für Kai.
Also erzählte ich ihm vom Himmel. Erzählte ihm von den flockigen Wolken dort; Petrus' Tor, das sicher nur zu bereitwillig für ihn öffnen würde; von den Engeln, die ihn singend begrüßen würden; von seinen Verwandten und Haustieren, die verstorben waren, und die er sicher dort wieder treffen würde; davon, dass ich hoffte, er würde über mich wachen, stets ein Auge auf mich haben, bis wir uns irgendwann dort im Himmel wiedersehen würden.
Kais Tränen versiegten im Lauf meiner Erzählungen, ich hörte, wie sein unterdrücktes Schluchzen verklang und regelmäßigen Atemzügen wich, und obwohl ich wusste, dass er eingeschlafen war, hielt ich ihn weiterhin in den Armen und hörte nicht auf zu erzählen, bis mein Mund trocken und meine Stimme heiser war.
Die kommenden Tage waren schrecklich. Kai wachte kaum noch auf, kalter Schweiß ließ sein Gesicht bereits jetzt schon wächsern und tot wirken, sein zuvor regelmäßiger Herzschlag war mittlerweile deutlich schwächer und zittriger geworden.
Und obwohl wir jeden Tag fürchteten, es könnte sein letzter sein, wussten wir es an dem Tag, an dem Kai sterben würde, schon bei Tagesanbruch. Übermächtig saßen seine Eltern und ich in seinem Zimmer und hielten uns an seinen Händen fest, als könnten wir so auch sein Leben an uns halten. Und obwohl eigentlich keiner mehr damit gerechnet und alle sich schon leise im Stillen bei ihm verabschiedet hatten, öffnete Kai doch noch flatternd die Augen.
Sein Blick war unfokussiert und irrte einige Male im Raum hin und her.
Seine Mutter schaffte es irgendwie doch noch in Tränen auszubrechen, als Kai seine letzte Kraft aufwandte um sich zu Verabschieden. Ein kleiner Teil in mir fühlte sich erleichtert, als er die Ruhe in Kais verschleierten Blick sah, bemerkte, dass er ohne Angst in den Tod gehen würde. Vielleicht lag es auch an dem Morphium dass sie ihm schon seit drei Tagen gaben.
Und noch ein kleinerer, vor allem dümmerer Teil hoffte immer noch, dass er vielleicht aufspringen würde und plötzlich gesund war.
Sprechen konnte er nicht mehr, aber er formte für seine Mutter mit den Lippen die Worte "Auf Wiedersehen", woraufhin sie seine Hand fest an ihr Gesicht drückte. Danach sah Kai zu seinem Vater, der hinter seiner Mutter stand, und wiederholte die Worte auch noch einmal für ihn. Er schaffte es sogar, einen Mundwinkel zu einem winzigen Lächeln hochzuziehen.
Schlussendlich wandte er mir den Blick zu und er war auf einmal erschreckend klar. Er bewegte die Lippen nicht, denn ich wusste schon allein auf die Weise, wie er mich ansah, was er von mir wollte. Nichts im Leben hätte ich lieber getan.
Also beugte ich mich vor, ungeachtet seiner Eltern, die bis jetzt nichts von unserer Beziehung wussten, und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Er schaffte es nicht, den Kuss zu erwidern, aber das brauchte er nicht, denn schon allein die Tatsache, dass seine Lippen nachgaben, sagte alles. Als ich mich zurücklehnte, sein Ausatmen auf meinem Gesicht spüren konnte, wusste ich aus einem unerfindlichen Grund, dass ihn nicht nur sein Atem, sondern auch seine Seele in diesem Moment verlassen hatte.
Ich starrte auf sein Gesicht, hoffte, dass dieses Gefühl sich als falsch herausstellen würde, andererseits hoffte ich auch, dass sein Leiden endlich ein Ende nahm. Er hatte die Augen immer noch geschlossen, einen seligen Ausdruck auf dem kalkweißen Gesicht. Er atmete nicht mehr ein.
Das kreischende, anhaltende BIEP des EKGs schaffte es kaum mich aus meiner schockgleichen Starre zu lösen.
"Er ist tot", flüsterte ich, zu wem weiß ich nicht, vielleicht sogar zu mir selbst. Als ich daran dachte, dass er sogar noch seinen letzten Atemzug mit mir geteilt hatte, brachen sich die Tränen, die ich die letzten Monate so tapfer zurückgehalten hatte Bahn und ich weinte haltlos mit Kais Eltern.
Ich konnte meinen Blick einfach nicht von seinem Gesicht abwenden, dass so sehr einfach danach aussah, als ob er schlafen würde, als ob er gleich wieder aufwachen würde. Ich erhob mich fahrig aus meinem Stuhl an seiner Seite, bettete seine Hand sanft auf die Laken und holte aus dem Schrank neben dem Bett seine Plant-vs.-Zombie-Mütze, denn ich wusste, das er es nicht mochte, wenn man seinen kahlen Kopf sah. Es nicht gemocht hatte. Ich setzte ihm die Mütze ab und zog ihm den Schlauch aus der Nase, bevor ich mich aller Kraft beraubt wieder auf den Sessel sinken ließ und dem Gefühl für Hoffnungslosigkeit endlich Raum gab.
"Papa, Papa!", Leonie kam mit wehenden Zöpfen und entschlossenem Gesichtsausdruck auf mich zugelaufen; den Fetzen abgegriffenes Papier, dass sie dabei mit ihrer kleinen Faust umschlossen hielt, erkannte ich sogar aus dieser Entfernung.
"Was ist denn meine Süße?", fragte ich dennoch und hob sie auf meinen Arm, wo sie mir das grieslige, kleine Foto von meinem alten Handy zeigte. Mit ihrem kurzen Finger tippte sie auf das linke Gesicht, wobei sie mir mit riesigen, blauen Augen ins Gesicht schaute.
"Papi, bist das du?"
Ich nickte anerkennend. "Ja, das bin ich."
Danach tippte sie auf das andere Gesicht auf dem Foto, "Und der kahlköpfige Mann? Kenne ich den?" Selbst nach den 10 Jahren, die nach Kais Tod vergangen waren, spürte ich den Stich immer noch schmerzhaft.
"Nein, er ist schon vor vielen Jahren gestorben", antwortete ich Leonie, wusste aber auch gleichzeitig, dass Kai sie nur allzu gut kannte. Immerhin wachte er jeden Tag über mich, meine liebreizende, rothaarige Frau und meine beiden Kindern. "Jetzt ist er im Himmel und schaut, dass uns nichts zustößt", fügte ich hinzu.
Leonie schwieg, wobei sie die Lippen zu einem Schmollmund zusammenzog und dann erstaunlich scharfsinnig für ihre vier Jahre sagte, "Du mochtest ihn sehr."
"Ja, das habe ich wirklich", ich lächelte ihr gutmütig zu, bevor ich das Foto von ihr annahm und sie zurück auf den Boden setzte, wo sie wieder lebensfroh davon stürmte. "Das habe ich wirklich", sagte ich nochmals, als Leonie schon weit außer Hörweite war und betrachtete das Foto liebevoll, strich mit dem Daumen über das letzte Foto, das je von Kai gemacht worden war. Und voller Dankbarkeit und hart errungenem Seelenfrieden dachte ich daran zurück, dass er zu mir nicht "Auf Wiedersehen" gesagt hatte. Weil ich seine Präsenz jetzt noch manchmal an meiner Seite spüren, mich in vielen kleinen Sachen an ihn erinnert fühle, weil ich weiß, dass er mich trotz seine Todes, nie wirklich verlassen hat.
















