Endlich! Die Science-Fiction-Welt hat einen Skandal, der politische Dimensionen erreicht! Dabei wird uns Nerds und Phantasten doch immer vorgeworfen, dass wir so weltfremd sind....
Kurze Zusammenfassung: Der Hugo-Award ist einer der traditionsreichsten und prestigeträchtigsten SF-Awards überhaupt. Vergeben wird der Preis von den TeilnehmerInnen der WorldCon, sowie „Supporting Members“ dieser Convention. Bücher mit einem „Hugo Winner“-Sticker werden fast automatisch zu Bestsellern, für „Hugo Nominee“ gilt Ähnliches. Die bisherigen Gewinner lesen sich wie ein Who-is-who der SciFi- und Fantasy-Szene: Heinlein, Asimov, Dick, Le Guin, oder in jüngeren Jahren Neil Gaiman, China Miéville oder John Scalzi. Man könnte also sagen, die TeilnehmerInnen der WorldCon haben guten Geschmack bewiesen. So weit so gut.
Einige Eigenheiten sind dabei offensichtlich: Die WorldCon findet, ihrem Namen zum Trotz, fast immer in den USA statt. Die meisten TeilnehmerInnen (und somit Stimmberechtigten) stammen aus den USA. Die Nominierten und die PreisträgerInnen für den Hugo stammen so gut wie immer aus dem angloamerikanischen Sprachraum. Letztes Jahr machten sich weniger als 2000 User die Mühe, jemanden zu nominieren, etwas mehr als 3000 stimmten später ab {1}. Die meisten Preisträger sind weiße Männer. Dabei ist die WorldCon bei aller Tradition heute eine der kleineren Conventions in diesem Sektor, der Hugo-Award wird im Grunde von einer Minderheit vergeben. Trotzdem ist er auf der ganzen Welt bekannt als DAS Gütesiegel für Fantasy und Science Fiction. Klingt absurd? Ist es auch.
Natürlich ist eine Preisverleihung dieser Größenordnung relativ leicht zu manipulieren. So geschehen, als etwa 1987 Anhänger des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard kollektiv für einen seiner Romane stimmten. Hubbard erreichte damals zwar eine Nominierung, konnte aber den Preis nicht gewinnen – seine Anhänger brachten zu wenig Stimmen auf, um die anderen SF-Fans zu übertrumpfen. Eine Gruppe von AutorInnen, die sich selbst „Sad Puppies“ nennt, hat bereits zweimal versucht, die Nominierungen für die Hugos zu beeinflussen. Nicht weiter schlimm, die WorldConner rückten das Ding schon gerade, bei der Preisverleihung gingen die Puppies leer aus. In all der Zeit kam niemand auf die Idee, das Procedere zu überdenken. Mit einer gewissen Stammtisch-Mentalität wurde darauf gepocht, dass die Hugos schon immer so vergeben wurden, und das solle auch so bleiben. Manipulationsversuche würden nie funktionieren, da die wahren Fans, die WorldConner, schon das Richtige tun werden.
Heuer ist erstmals etwas Ungeheuerliches passiert: „Sad Puppies 3“ hat dermaßen viele Fans mobilisiert, dass auf der Nominierungsliste in manchen Kategorien nur mehr Puppies zur Auswahl stehen. Dürfen die das? Ja, sie dürfen. Egal, wieviel Fans jetzt noch ihr Stimmrecht wahrnehmen (und seit der Veröffentlichung der Nominierungsliste ist die Anzahl der Supporting Members um 1300 gestiegen {2}), es wird wohl darauf hinauslaufen, dass die Sad Puppies die Preise einheimsen, oder, im Falle einer Protestwahl, „No Award“ vergeben wird. Die Bestürzung ist groß, und offenbar hat niemand von den Verantwortlichen es kommen gesehen.
Problem am Rande, das möglicherweise zum Hauptproblem wird: Die Sad Puppies sind politisch motiviert. Es sollen wieder mehr Hugos an konservative, religiöse AutorInnen vergeben werden, nachdem in den letzten Jahren die Preise von linkem, avantgardistischem Gedankengut dominiert wurden. Die Diskussion dreht sich jetzt nicht mehr um „gute“ und „schlechte“ Science Fiction, um „trufans“ und „wrongfans“, sie dreht sich auch um die Frage, „links“ oder „rechts“ und hat mit Literatur nichts mehr zu tun. Prominenteste Vertreter der aktuellen internetweiten Diskussion sind George R. R. Martin (laut eigener Aussage liberal {3}) und Larry Correia (Mormone, ehemals Besitzer eines Waffenladens {4}).
Ohne für eine der beiden Seiten Partei zu ergreifen:
Liebe Leute, 1987 liegt fast 30 Jahre zurück. Habt ihr echt geglaubt, so etwas würde nie wieder passieren? Damals gab es noch nicht einmal das Internet! Natürlich ist es bei der heutigen Vernetzung viel leichter, das Ergebnis zu beeinflussen. Was bei einem Publikumspreis auch normal ist. Mussten erst politische Grabenkämpfe losbrechen, in denen Todesdrohungen fallen, damit euch das bewusst wird? Denkt ihr echt, in einer postmodernen, globalisierten Gesellschaft gäbe es noch so etwas wie einen „harten Kern“ der „wahren Fans“, der eine wie auch immer tickende „Mehrheit“ repräsentiert, die „Minderheiten“ wie „falsche Fans“ prinzipiell überstimmen wird?
Kann es sein, dass die WorldCon-BesucherInnen und Supporting Members, die sich für ihren „traditionsreichen“ Award brüsten, die „wahren SF-Fans“, die sich Tag für Tag mit technischen und soziologischen Utopien beschäftigen, kann es tatsächlich sein, dass sie die Gegenwart verschlafen haben?
Ich hoffe nicht. Denn das würde wieder einmal zeigen, wie weltfremd manche von uns sind.
{1} http://www.thehugoawards.org/content/pdf/2014HugoStatistics.pdf
{2} http://file770.com/?p=21877
{3} http://grrm.livejournal.com/420090.html
{4} http://monsterhunternation.com/about/