Sightseeing in Augsburg - Startpunkt: Die Kiste

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Sightseeing in Augsburg - Startpunkt: Die Kiste
Ein Besuch bei der Augsburger Puppenkiste - Museum und Puppentheater
Dramen auf der Filmleinwand – Fiktion und Realität im Spielfilm und dem Biopic
An dieser Stelle sollen zwei in nahezu allen Betrachtungsaspekten kaum bis nicht vergleichbaren Produktionen im Fokus stehen: das fiktive Beziehungsdrama The Drama – Alles auf Anfang und das nach langen Streitigkeiten und späten Änderungen nun einsichtbare (wie sehr erfolgreich in den Kinos gestartete) Biopic über den „King of Pop“ mit dem knappen Titel Michael. Ein Bindeglied ist der Star-Faktor, die Beschäftigung mit der Bedeutung von Wahrheit und das Medium Film – weiter reicht die Verwandtschaft nicht. Was die beiden Filme allerdings sinnbildlich aufzeigen, ist der fließende Übergang zwischen Realität und Fiktion. Während das „schwarzhumorige“ Beziehungsdrama mit Robert Pattinson und Zendaya klar der Fiktion zuzuordnen ist (ohne eine zufällige Koinzidenz von reellen menschlichen Abgründen und der Fantasie von Drehbuchautoren ausschließen zu wollen) steht das Biopic ebenso wie seine verwandten Formen - die schriftliche (Auto-)Biografie und die per defitionem der Objektivität verpflichtete Form der Künstlerdokumentation - an der Schwelle zwischen Fakt und Fiktion.
Im Falle von Michael haben die Differenzen zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsrealitäten von Beobachtern, der Familie und der interessierten Öffentlichkeit sich in einer öffentlichen Debatte gezeigt, welche schon im Zuge des erfolgreichen Biopics über Freddie Mercury und Queen in entsprechender Form debattiert worden ist. Lange stand das Projekt als Mythos im Raum, nach Produktionsstart war das Team dahinter unstetig, der Veröffentlichungstermin rückte immer weiter in die Ferne und zuletzt wurde nach Forderungen der Jackson-Familie und damit einem Teil des Produktionsteams das Material neu geschnitten – ergo einige Szenen wieder herausgezogen. Dieser Vorgang war auch bei Bohemian Rhapsody zu beobachten, allerdings wollten da die (ebenfalls in die Produktion eingebundenen) Weggefährten Mercurys sich selbst als brave Ehemänner skizziert sehen und nicht in die Darstellung der vorrangig porträtierten Gestalt eingreifen. Kritische Momente sind damit auf dem Schnitttisch noch reduziert, das Bild des großen Künstlers aber umstrittenen Menschen abgeflacht und zur Legende geglättet worden. Jacksons Gesangstalent wird zudem in einen spirituellen Zusammenhang gerückt und die Narration läuft damit Gefahr, die menschlichen Verfehlungen entschuldbar machen zu wollen, indem seiner Kunst eine existentielle Bedeutung für die Menschheit zugerechnet wird. In solchen Momenten ist die Trennung von Kunst und Künstler besonders wichtig und unumgänglich, um diese Widersprüche im Wesen eines Menschen zeigen zu können. Nicht, um die menschlichen Schwächen von der Kunst zu entkoppeln, sondern sie in der angemessenen Verbindung zu sehen.
An Biopics wird an dieser Stelle nicht die Anforderung der absoluten Faktentreue und Authentizität gestellt, aber idealerweise fangen sie den Geist der zentralen Figuren und/oder ihrer Wirkungszeit ein und liegen dabei mit Daten und Abfolgen möglichst nahe an den belegbaren Fakten – oder aber sie ändern eine Grundprämisse ganz offen und zeigen damit durch Fiktionalisierung, Verfremdung oder Spiegelung Aspekte des realen Lebens auf. Eine reine Legendenpräsentation ist nur ein Fanservice und zudem auch Realitätsverzerrung, da leider die Hollywood-Interpretation der Biografie auf Dauer die wissenschaftliche Auseinandersetzung in der Breitenwahrnehmung des Publikums überstrahlen wird. Popkultur ist in dieser Hinsicht entschieden mächtiger als der akademische Mikrokosmos – insbesondere im Bereich der Kunst (und dazu gehört auch die Kinematographie und Filmwissenschaft.)
In Zeiten der Zerrüttung der Bedeutung und Mächtigkeit objektiv messbarer Fakten sind solche Verschiebungen nicht einfach abzutun. Bei Musiker-Biopics wiederum ist sicher auch der Umgang mit der Musik entscheidend und ganz besonders die Frage, ob diese im Film praktiziert oder Playback abgespielt wird. Denn auch dies ist ein Aspekt der „Realitätsdarstellung“ und die Basis der Glaubwürdigkeit des Films sowie der dort dargestellten Figuren. Und damit gelangt man schon zum zweiten Problem des Biopics über Michael Jackson. Die Original-Tonspuren sind die Grundlage des Films, welcher sich daher ab einem gewissen Punkt wie ein langes Musikvideo anfühlt. Es wird sich gar nicht erst darum bemüht die Illusion aufrecht zu erhalten, dass die Musik von den Darstellern ausgeführt wird. Die Jacksons verbeugen sich am Ende schon während das Stück weiterläuft. Tänzerisch weiß Michael Jacksons Neffe in die gut dokumentierten Fußstapfen seines Onkels zu treten, aber es sieht immer nach einem Playbackauftritt aus. Als Musikvideo ist diese Kompilation mitreißend und die Musik bleibt nach wie vor überragend gut, aber eine gewisse Distanz zu der Produktion ist nicht zu überwinden.
Im Bob Dylan-Biopic aus dem letzten Jahr findet sich hier ein akkurates Gegenbeispiel. Timothee Chalamet gibt sein Bestes dem großen Dylan zu ähneln, aber letztlich überzeugt diese Darstellung nicht wegen Äußerlichkeiten, sondern aufgrund der musikalischen wie zeitgeistlichen Akkuratesse und der Tiefe der voll ausgespielten Songs. Dass es sich hier um eine Lesart des Musikers handelt und faktenbasierte Wahrheit nicht das Ziel des Narrativs ist, wird nie in Frage gestellt. In Michael wiederum wird die Erfolgsgeschichte eines großen Kindes erzählt. Ein Kind, welches aus dem Armenviertel in den Reichtum katapultiert wird, vom Vater zum Erfolg gezwungen und damit in die Isolation getrieben wird sowie eine beinahe krankhafte Sehnsucht nach der Unberührtheit der Kindheit und dem „Neverland“ Peter Pans entwickelt. Ein Zoo ersetzt die Freunde und der krankhafte Ehrgeiz und Perfektionismus in der musikalischen Arbeit ist die Krönung der Arbeit des Vaters, welcher einen perfekten Superstar erschaffen hat. Sein „von Gott gegebenes“ Talent macht ihn zu einem einmaligen Phänomen, weswegen „er nie sein wird, wie alle anderen“ und das Licht in ihm muss (wie das in jedem Einzelnen) nach draußen getragen werden. Diese an Zeilen aus Rudolph, the red nosed reindeer gemahnende Philosophie verleiht „Michael“ einen spirituellen Nimbus – während er sich aus Selbstzweifeln die Nase schmälern lässt. Daher geht man auch nach Verbrennungen dritten Grades am Hinterkopf inklusive massiver Nervenschäden sofort wieder auf Tour, denn die geschenkte zweite Chance zeigt ja die Verpflichtung dieses Licht mit anderen zu teilen.
Die problematische Beziehung des Vaters zu seiner Familie – also die Ausbeutung der minderjährigen Söhne als Kapitalanlage und der Verkauf dieses Missbrauchs als sozialen Aufstieg gipfelt in unfreiwillig komischen Versuchen des erwachsenen Michael Jackson von der Familie loszukommen. Im Film gelingt ihm das nur in der Sicherheit des Scheinwerferlichts auf der Bühne, alle vorherigen Ablösungsschritte werden vom Label und dem (heimlich engagierten) eigenen Manager übernommen. Und natürlich beschränkt sich der Konflikt auf Michael und den Vater, während seine (vermutlich weniger talentierten) Brüder nie im Streit mit Joe gezeigt werden und er diesen am Ende seinen Dank ausspricht für die langen zwanzig Jahre. Andererseits wird deren Mitwirkung an den ersten Demos zu Off the Wall nicht thematisiert. Die übrigen Jacksons sind stets bereit breit grinsend und in perfekt abgestimmter Choreografie ans Mikro zu treten, nur das Genie Michael macht mit Widerworten und Müdigkeit Probleme. Die Karriere Janet Jacksons bleibt gänzlich unerwähnt, trotz ihrer erfolgreichen Solokarriere.
All diese Aspekte zeigen, dass Michael die Erwartungen an ein gelungenes Biopic an keiner Stelle erfüllt – aber ein erstklassiges Musikvideo zu einer stereotypen Starkarriere liefert. Falls der angekündigte zweite Teil folgt, wird es schwieriger werden diese saubere Karriere weiter zu zeichnen, da nach 1988 und der Tour mit dem ersten ganz freien Alben Thriller und Bad durchwachsene Jahre und viele Skandale folgen. Vorwürfe des Kindesmissbrauches, zunehmende Exzentrik, der Aufbau der Farm Neverland, Bilder in Oxidationskammern und eine starke Schmerzmittelabhängigkeit sind hier nur die Begleiterscheinungen einer abnehmenden Prominenz. Der „King of Pop“ blieb ein Phänomen – aber ein berüchtigtes und zunehmend umstrittenes. Wie hier die Glorifizierung fortgeführt werden soll, wäre sicher spannend zu beobachten.
Abschließend lässt sich also vermerken das auch hier eine Fiktion betrieben wird: die fiktive Biographie eines Musikgottes, dessen Talent alles um ihn herum rechtfertigt. Die „Wahrheit“ über Michael Jackson lässt sich schwer ermitteln – auch 15 Jahre nach seinem Tod. Es bleiben seine Songs und ein Superstar-Image der Sonderklasse welches die Nachzeichnung des Menschen hinter dem Image beinahe unerheblich machen. Damit kommen wir an dieser Stelle zu glasklarer Fiktion – welche in der Konklusion mehr Wahrheit und Wahrhaftigkeit in seiner erfundenen Geschichte aufweist als das Nachfilmen eines real gewesenen Lebens im Rampenlicht.
The Drama ist gewissermaßen eine Blackbox, da das Plakat wie der Titel eine andere Geschichte erwarten lassen als man zu sehen bekommt. Zendaya und Robert Pattinson sind da in Hochzeitskleid und Anzug zu sehen und die Vermutung liegt nahe, dass das Drama am großen Tag eintritt – wie in so vielen platten Liebeskomödien. Aber weit gefehlt. Das hier thematisierte Drama ist von grundlegendem wie philosophisch interessantem Ausmaß und lässt grundsätzliche Fragen darüber aufkommen, wie gut Menschen sich gegenseitig kennen können, wo Taten beginnen und wo Vorstellung und Realität ihre Grenzen haben. Ein vergleichbares Filmdrama der Vergangenheit ist mit Der Gott des Gemetzels eine ebenso Star-besetzte Theaterstück-Adaption nach Yasmin Reza. Auch hier werden allgemeine Fragen des menschlichen Miteinanders, der Schuld wie Verantwortlichkeit von Kindern für ihre Taten in pointierten Dialogen und emotionalen Ausbrüchen eingefangen. Neben der Kammerspiel-Anlage, der Starbesetzung und der thematischen Verwandtschaft ist auch die Filmsprache dieser beiden – zeitlich weit auseinander liegenden - Produktionen vergleichbar, das dramatische Geschehen ähnlich drastisch wie letztlich doch scheinbar ohne Auswirkung auf die gegenwärtige Realität. Doch zurück zu Das Drama. Alles auf Anfang (im Original schlichter und treffender nur The Drama).
Der Filmeinstieg ist für sehr kurze Zeit beinahe kitschig: Ein junges verliebtes Paar feilt an seinen Liebesbekenntnissen für die anstehende Hochzeit und lässt sich die Entwürfe von den Trauzeugen kommentieren. Während Charlie (Robert Pattinson) ein ausführliches Dokument am PC vorliest scheint seine Verlobte Emma (Zendaya) noch weniger entschieden, welche Themen für sie überhaupt noch übrigbleiben. Sie will nichts doppelt erwähnen und Charlie nichts auslassen. Das scheinbar perfekte Paar beginnt das erste Treffen mit dem Trick alles wieder auf Anfang zu setzen. Dieses Lebensmotto gerät aber im Laufe des Films klar an seine Grenzen. Es folgen das erste Date, gemeinsame Lebensmomente und nun am Wochenende wird Hochzeit gefeiert. Ihre erarbeiteten Reden lassen aber unterschwellig schon erkennen, dass gewisse Lücken und Unsicherheiten dennoch bestehen. Beim Probeessen mit den Trauzeugen beantwortet die angehende Braut die Frage nach dem schlimmsten, was sie je getan hat mit etwas, was sie nicht getan aber abschließend geplant hatte. (Ihre Antwort soll hier zwecks Spannungserhalt ausgespart bleiben.) Die Enthüllung, das „Drama“, lässt ihren Verlobten die Beziehung und alles, was er über die empathische, schöne und ehrliche Emma weiß, vollkommen in Frage stellen.
Dreh- und Angelpunkt des Filmdramas ist die authentische Stimmung zwischen Zendaya und dem zehn Jahre älteren Robert Pattinson sowie die Kargheit der Inszenierung, visuell und auditiv. Die Musik von Daniel Pemberton ist dezent eingesetzt, die einfallenden Scheppergeräusche haben in diesem Kontext eine ganz andere Wirkung als im großen Science-Fiction-Abenteuer Der Astronaut – obwohl auch dort eine Beziehung im Mittelpunkt der Inszenierung steht und die Geräusche als Brechungen der Stille des unendlichen Weltalls vergleichbar mit Verschiebungen der Stimmung in der Stille des Versuchs wieder „auf Anfang“ umzustellen. The Drama bietet tiefgängige Unterhaltung und eröffnet wichtige Fragen über das menschliche Zusammenleben und die Grenzen des gemeinsamen Raumes einer Beziehung. Wie weit darf die Privatsphäre da reichen und muss jedes Geheimnis an den Partner weitergegeben werden? Die labormäßige Figurenanlage entwickelt eine erstaunliche Dichte und authentische Glaubwürdigkeit, auch durch das emotionale Spiel der beiden Hauptdarsteller. Damit erzählt die Produktion in kleinen Gesten ein großes Drama und eine vom wahrhaftigen Fragen getragene Fiktion, deren Wahrheit letztlich größer zu sein scheint als die des Biopics über den realen Musiker. Und diese große Kraft liegt der Fiktion inne, egal ob in gedruckter, gedachter, erzählter oder visuell aufgenommener Form. Die Fiktion entspringt der wahren Lebenserfahrung und die Imagination wird aus diesen Erfahrungen gespeist, unterbewusst wie ganz direkt. Der Prozess vom Eindruck zur kreativen Verarbeitung ist derjenige, welcher in Interviews mit Künstlern immer wieder aufgegriffen wird und deren Antworten im Laufe von Lesereisen und Filmpräsentationsrallyes leider zu Phrasen verkommen. Dabei sind sie – neben der Bedeutung des Werks für den kreativen Pool des Zuschauers/Zuhörers/Besuchers – der spannendste Aspekt an diesen Werken.
Fakt und Fiktion liegen in solchen Zusammenhängen näher als zunächst erwartet, aber eine Negierung messbarer Fakten ist die völlig falsche Konklusion am Ende dieser Erkenntnis. Wetterdaten und Todeszahlen, Durchschnittsgehälter wie Lebenskosten, allgemein wissenschaftlich erhobene Vergleichszahlen sind messbare Fakten, welche nicht mit Fiktion zu verwechseln sind und insbesondere in der Politik allenfalls als Anstoßgeber zunächst fiktiver Reaktionspläne dienen können. Menschliche Wahrheiten wiederum können auch fiktive Umformungen erleben und bleiben wahrhaftig oder auch einfach authentisch. Natürlich macht dies hier die Faktenmessung schwieriger aber umso notwendiger.
Urlaub auf Rügen - Zwei Tage Sonne und einen Tag Dauerregen
Ben Shattucks Werk (Fotobeleg)
Dritter Schritt einer Überarbeitung: The History of Sound in Filmform
„Sie wünschte, sie könnte Noten lesen. Dann hätte sie die Melodie summen oder wenigstens verstehen können, warum diese Phrase so bedeutsam war, so originell oder innovativ – oder so flüchtig und in Gefahr vergessen zu werden –, dass sie sofort notiert werden musste. Aber sie konnte keine Noten lesen, und so blieb diese Hinterlassenschaft, was sie war: etwas aus einer fernen Vergangenheit, das sie nie ganz verstehen würde.“ (Die Geschichte des Klangs, S. 104)
Nun ist die Verfilmung der titelgebenden Kurzgeschichte der Publikation im Hanser Verlag auch im Kino zu erleben. Paul Mescal und Josh O’Connor schlüpfen in die Rollen der hoffnungslos liebenden Musikstudenten und Liedersammler David und Lionel. Beide treten in diesem Rahmen auch als Sänger auf und sind damit Teil des wichtigsten Teiles der Geschichte – der Musik und deren Speicherfunktion, gerade wenn es um Folkmusik geht, wie sie auf dem einsamen Land in den Weiten der USA gepflegt wurden (und hoffentlich nach wie vor wird). Oliver Hermanus filmt die Geschichte beinahe Natur-dokumentarisch, lässt den Bildern wie Dialogen viel Zeit und der Stille viel Platz – um die akustischen Gesänge stärker wirken zu lassen. Für die Musik zeichnet sich Oliver Coates verantwortlich und zeichnet sich dabei besonders mit Sparsamkeit in Instrumentierung und Inszenierung aus. Dies entspricht der Erzählweise seines Regisseurs, welcher aus Homophobie, Kriegstrauma und Trauer kein Drama macht. Die wortkarge Beziehung der beiden jungen Männer basiert auf ihrem gemeinsamen Musizieren und nicht auf tiefgreifenden Gesprächen.
„Across the rocky mountain I walked for miles and miles,..“
Der Song Across the Rocky Mountain steht von Beginn an im Fokus. Lionels Eltern singen es gemeinsam mit ihrem einzigen Sohn (dessen absolutes Gehör und synästhetisches Hören ihn letztlich aus dem Elternhaus herausführt) und Davids Interpretation in der Stammkneipe beider Figuren in Boston führt ihn und Lionel für eine kurze Affäre zusammen. Immer wieder erklingt der traditionelle Song mit oder ohne Text im Hintergrund der tragischen Geschichte einer chancenlosen und unvollständig bleibenden Liebe. Der Krieg unterbricht die aufblühende Freundschaft plötzlich und äußerst abrupt. David wird eingezogen während Lionel aufgrund seiner Sehschwäche zur Farm seiner Eltern zurückkehren kann (oder muss) und den kurzen Ausflug in die Parallelwelt des musikalischen Konservatoriums damit beendet. Die Armut und Einfachheit dieses Lebens werden mit dem Tod des Vaters und der schwerer werdenden Krankheit der Mutter verschärft. Lionel ist von einer tiefen Traurigkeit erfüllt, welche er aus Boston mit nach Hause gebracht hat. Die Nachfragen der Mutter blockt er ab. Auf ihren Wunsch singt er wieder den schon genannten Titelsong ganz frei von Begleitung anstelle einer Erklärung seines Zustandes. Ein Brief von David lockt ihn aus seinem Exil und gemeinsam verbringen sie einen Monat auf Liederreise im Norden der USA. Die Lieder werden auf Wachsspulen aufgezeichnet, so dass Sie auch außerhalb des eidetischen Gedächtnisses von David bewahrt sein werden. Doch dieses Intermezzo ist kurz wie brüchig und die Zuschauer begleiten im Anschluss einen weiterhin einsamen und unglücklichen Lionel, dessen berufliche Erfolge in Rom und Oxford über diese Emotionen nicht hinwegtäuschen können. Er selbst sagt, die glücklichste Zeit seines Lebens waren die wenigen Jahre am Konservatorium in Boston, an der Seite von David und inmitten der lebendigen Musikpraxis sowie im Zentrum der studentischen Gesellschaft. Diese Erkenntnis der Freude in der Jugend mag schon oft formuliert worden sein, ist aber selten so kunstvoll mit Musik ergänzt und in unprätentiöse Filmbilder gegossen worden. Eine Begegnung mit der Ehefrau Davids und eine späte Zusendung der Aufnahmen der Liederreise bringen diese glückliche Zeit zurück in Lionels Erinnerung.
Die große Stärke des insgesamt ruhigen Dramas ist neben der kunstvollen Verquickung von Musik, Erzählung und visueller Sprache vor allem die Vermeidung des nostalgisch gefärbten Kitsches und verbrauchter Klischees. Auch wenn viele Aspekte der Geschichte den Kitsch nahezu zu provozieren scheinen wird er stets vermieden. Das Wunderkind-Dasein Lionels wird zur Bildungschance reduziert, die homosexuelle (und damit verbotene wie geheime) Liebe der beiden jungen Männer nicht als existenziell bedroht dargestellt, das (nicht ausgesprochene) Kriegstrauma Davids nur dezent angedeutet und nicht debattiert oder näher erklärt, die tragischen Tode der Eltern Lionels geschehen plötzlich und Bestattungen sind nicht Teil der Erzählung. Neben diesen gefährdeten Motiven ist prinzipiell die Inszenierung von Musik als emotionales Ausdrucksmittel nahezu prädestiniert für kitschige und typische amerikanische Weisheiten vermittelnde Darstellungen – welche hier ausbleiben. Damit gelingt dem südafrikanischen Filmemacher eine erstaunlich adäquate Literaturadaption. Erfahrungen in diesem Bereich sammelte er bereits mit den beiden vorangegangenen Werken und arbeitete in diesem Fall auch direkt mit dem Kurzgeschichtenerzähler Ben Shattuck zusammen. Dessen Kurzgeschichte nimmt damit seine dritte Gestalt an (prämierte Erstfassung, überarbeitete Fassung der Kurzgeschichtensammlung, Drehbuchfassung) und wird ästhetisch, stilistisch wie emotional in entsprechende Bilder und Töne gegossen. Die beiden Hauptdarsteller sollen dabei nicht vergessen werden. Paul Mescal und Josh O’Connor harmonieren (mimisch und musikalisch) wunderbar miteinander und versinken gänzlich in ihren Rollen. Ein leises, aber starkes Projekt von Literatur, welche treffend und die Vorstellung nicht einengend/final festlegend in Bilder gegossen wird. Den Mittelpunkt aber bildet die Musik.
Daher soll auch dieser Text mit Musik - also einem Auszug aus einem dem prägenden Folksong Silver Dagger und einer Trackliste des Soundtracks ausklingen:
„Don't sing love songs; you'll wake my mother She's sleeping here, right by my side And in her right hand, a silver dagger She says that I can't be your bride.“
Trackliste:
‘O Salutaris Hostia’ – Lorenzo Perosi ‘All Is Well’ – Benjamin Howard, Brian Jeffers, Bryan Murray, Christopher Seefeldt, Corey Shotwell, Jason Kahil, John Elliot Yates, Martin Schreiner, Nathan Hodgson, Tomas Cruz, Zachary Fletcher ‘Across The Rocky Mountain’ – arranged by Sam Amidon ‘Silver Dagger’ – arranged by Sam Amidon ‘Country Life’ – arranged by Martin Carthy, Michael Waterson, Norma Waterson, Elaine Waterson ‘The Unquiet Grave’ – arranged by Sam Amidon ‘The Snow It Melts The Soonest’ – arranged by Sam Amidon ‘Come All Ye Fair And Tender Ladies’ – Sheila Kay Adams ‘Fourteen Wildcat Scalps’ – Eamon O’Leary and Cleek Schrey ‘Sweet Is The Day Of Sacred Rest’ – arranged by Sam Amidon ‘Grieved Soul’ – arranged by Sam Amidon ‘Cuckoo!’ – Benjamin Britten ‘Here In The Vineyard’ – arranged by Sam Amidon ‘The Old Churchyard’ – arranged by Sam Amidon ‘Forked Deer’ – Jackson Lynch and Eli Smith ‘O Salutaris Hostia (second version)’ – Lorenzo Perosi ‘Ave Verum Corpus Op.65 No.1’ – Gabriel Fauré ‘Stabat Mater: 12. Quando Corpus – Amen’ – Giovanni Battista Pergolesi ‘All Is Well (choral arrangement)’ – arranged by Peter Amidon ‘Down In The Willow Garden’ – arranged by Sam Amidon ‘The Unquiet Grave (Nancy Kerr version)’ – Nancy Kerr ‘Atmosphere’ - Joy Division (1980)
Quelle: Every song on the soundtrack of 'The History Of Sound'
Ben Shattuck - Ein Meister der Kurzform und der Literatur-Musik
Die kurze Form ist oft unterschätzt – egal ob in der Literatur, der bildenden Kunst, der Musik oder auch der menschlichen Physiognomie. Dabei verlangt gerade diese Form in der Kunst eine große Fähigkeit der Verdichtung und Pointierung sowie (in vergleichbarer Weise) fehlende Körpergröße viel Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen, um die eigene Stärke herausstellen zu können. In der (klassischen) Musik hat die kurze Form zumindest eine Tradition aber zweifellos deutlich weniger Renommee als die Langformen Oper, Messe, Oratorium, Konzert und Symphonie (u. a.). Die Pop-Musik und insbesondere der Punk erhoben die Kurzform zum Standard, die beinahe gegensätzlich zu verortenden Stichworte hierzu sind bewusste Provokation und Radiotauglichkeit (also die berühmte 3 Minuten-Grenze die von Größen wie David Bowie mit Heroes, Queen mit Bohemian Rhapsody und Michael Jackson mit Titeln wie Thriller, Little Susie oder dem Earth Song bewusst verweigert wurden.)
In der Literatur haben Gedichte sowie Lyrik allgemein eine besondere, aber dennoch isolierte Position während Kurzgeschichten es auf dem deutschen Buchmarkt schwer haben. Da überrascht es nicht, dass viele sehr kurze Texte mit dem Untertitel Roman veröffentlicht werden oder einzelne Erzählungen mehr oder weniger kunstvoll zu einem Text verwoben werden um sie als Roman verkaufen zu können. Und bei einem Blick in die Belletristik-Abteilungen fällt auf, dass die kürzeren Romane zuzunehmen scheinen. Die klassischen Romane zum Schmökern schwinden gegenüber den Fantasy- und New Adult-Wälzern in den Regalen – zumindest in den Programmen der großen Publikumsverlage. (Ausnahmen wie der kürzlich erschienene großartige dicke Roman John of John von Douglas Stuart bestätigen hier die Regel.) Der klassische Roman á la Thomas Mann, Marcel Proust oder deren modernen Erben wie etwa Karl Ove Knausgard ist nicht tot, aber die kurzen Romane verdienen ebenso die Aufmerksamkeit bzw. bekommen diese derzeit von diversen Verlagen. Anders als im Film – wo die ausufernden Durchschnittslängen der Oscar-Nominierten in den letzten Jahren wiederholt debattiert wurden – ist diese Verdichtung angesichts von steigenden Papierpreisen und sinkenden Auflagen auch wirtschaftlich beeinflusst. Aber fernab dieser schnöden wirtschaftlichen Realität bleibt es eine Kunstform Geschichten in aller Kürze zu halten und dennoch pointiert auf den Punkt zu erzählen. Jeder Student kennt diese Schwierigkeit das Maß zwischen Gehalt und Form zu wahren, jeder Gesprächsteilnehmer im Alltag kennt die eigenen Unzulänglichkeiten im sprachlichen Ausdruck. Es ist eine große Leistung dieses Maß und diese verkürzte Ausdrucksmöglichkeit wirklich auszufüllen und umso anerkennenswerter, wenn es so gut und poetisch tragend gelingt, wie Ben Shattucks Kurzstücke dies belegen.
Der Hanser Verlag verfährt im Umgang mit Ben Shattucks Novellen oder auch Kurzgeschichten etwas anders, dennoch sind die beiden bisherigen Veröffentlichungen sehr schlanke Bände. Der Verlag unterlässt aber das Aufdrucken einer Gattung und erspart den Lesenden damit gewisse Erwartungshaltungen – außerdem eröffnet sich damit jedem die Chance auf eine unvoreingenommene Lektüre unabhängig von Genrevorstellungen, welche das Leseerlebnis mitprägen bzw. vorbereiten; aber auch einschränken können. Die beiden Veröffentlichungen Shattucks umfassen einmal 104 Seiten und im zweiten Fall spärlich bedruckte 75 Seiten. Beide Bücher werden von sehr geschmackvollen Buchdeckeln umhüllt und damit die ästhetische Fokussierung des Inhalts schon angekündigt. Vom Papierumschlag mit KI-generierten Menschen erfuhr der Folgeband mit Leineneinband und dem Abdruck des Ölgemäldes Rose Breeze eine weitere Aufwertung. Ästhetisch meint hier die Sprache betreffend nicht überformuliert und künstlich komplex gebaute Sprachgebilde sondern pointierte, lyrische und gehaltvolle Sprache, welche universale Fragen in kleine Metaphern zu fassen weiß und nur oberflächlich betrachtet kleine Geschichten erzählt. Dies ist die Kunst der kurzen Form: das Große im Kleinen darstellen und mittels Sprache die nicht konkret erzählten oder nur vage benannten Dimensionen mitschwingen lassen. Vertrauen in die potenziellen Leser und deren Mitdenken sind dafür ebenso unabdingbar wie das Vertrauen in den großen Ausdrucksradius der Sprache.
In den USA und England lebt die Shortstory-Kultur vor allem in Zeitschriften und der Weg zum Erfolg führt beinahe zwingend über diese Station. Ben Shattuck (*1984) wurde schon 2019 (u.a.) mit dem PEN America Short Story Prize für die 2018 veröffentlichte Kurzgeschichte The History of Sound geehrt. Im Anschluss an die Auszeichnung gab es Interesse einen Film daraus zu machen. Shattuck selbst erarbeitete das Drehbuch zum 2025 erstaufgeführten Film und im selben Jahr erschien auch die deutsche Übersetzung des Werkes. Damit führt der Weg dieses historisch angelegten Textes bis zum letztjährigen Verlagsprogramm des Hanser berlin Verlages. Dirk van Gunsteren überträgt den Text in eine sanfte, beinahe lautlose Sprache, welche die Klasse der Erzählung gerade in dieser unprätentiösen Weise hervorhebt. Bis zu diesem immer weiter gewachsenen Projekt waren Shattucks Texte nur in diversen Zeitschriften erschienen. Erst 2022 wurde mit Six Walks (auf den Spuren von Henry David Thoreau) der erste Roman veröffentlicht – bezeichnenderweise eine Zusammenstellung aus sechs Beschreibungen und damit sechs Kurzgeschichten. 2024 folgte die Anthologie The History of Sound: Stories, in welcher insgesamt 12 Stories vereint sind. Es sind Geschichten über Erinnerung, Vergessen, unerfüllte Sehnsucht, ausgelassene Möglichkeiten, Natureindrücke wie menschliche Beziehungen – also kurz gefasst alle Aspekte des Lebens und der Geschichte. Titelgebend und motivisch vorwegweisend ist die Eröffnungserzählung The History of Sound. Auf etwa zwanzig Seiten (mit längeren wie kürzeren Beispielen) bringt Shattuck universale Themen pointiert auf den Punkt – und lässt dabei natürlich ein altes Amerika wiederaufleben. Diese nostalgische Sehnsucht bestimmt die Kulisse aber nimmt zu keinem Zeitpunkt Überhand – eine meisterhafte Wahrung eines schmalen Grades zwischen den Polen Kitsch und Wahrheit. Der Besitzer des ältesten Gemischtwarenladens Amerikas schwelgt in der Vergangenheit seiner Wohngegend und träumt von einer weniger technischen und menschlicheren Zeit ohne diese zu glorifizieren oder einen amerikanischen Traum auszuformulieren.
Die deutsche Ausgabe von Die Geschichte des Klangs ist ein knapp 100 Seiten umfassender Text über eine unmögliche Liebe und die Fragilität der Erinnerung, welche erstaunlich viele Gedankenanstöße vereint und inhaltlich das Potential zum Roman gehabt hätte. Aus zwei Perspektiven und mit mehreren zeitlichen Stationen wird die kurze Freundschaft und Liebe der Musikstudenten Lionel und David geschildert, deren Höhepunkt eine Studienreise durch New England ist und ein abruptes Ende findet. Die Liederreise der beiden wiederum belegt die Kraft der Musik als Erinnerungsträger und als Kulturgut, welches stets bedroht ist. Die Möglichkeit die Volksmusik aufzuzeichnen, zu konservieren hat nicht nur entscheidende Folgen für die Musikpraxis (grob gesagt wird so die Entstehung der Musikindustrie ermöglicht) sondern auch Anregung zur Veröffentlichung lieferte sicher neben den diversen Auszeichnungen des Autoren die Verfilmung der Geschichte, welche 2025 auf dem Filmfestival in Cannes uraufgeführt wurde. 2026 nun liefert der Verlag direkt mit Eine Geschichte der Sehnsucht nach. Auf 75 Seiten sind zwei Stories vereint welche thematisch und motivisch verknüpft sind: das Thema ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben und das Motiv ist eine Zeichnung, welche in beiden Erzählungen auftaucht. Es sind die Erzählungen Nummer zwei und drei aus der Anthologie The History of Sound, original betitelt mit Edwin Chase of Nantucket und The Silver Clip und sie werden hier als Kapitel getrennt. Über die Notwendigkeit dieser zerrissenen Veröffentlichungsmethode lässt sich sicher streiten. Der Erzählungsband umfasst im Original zwölf Geschichten, welche von Shattuck ausgewählt und bewusst zusammengestellt sind. Eine Komplettübersetzung hätte sich da irgendwo angeboten, aber die Verfilmung verändert die Ausgangslage entscheidend.
Es folgt in Teil 2 zu Ben Shattuck ein Kommentar zur Verfilmung.
Zwei Buddys retten Welten - Der Astronaut nach Andy Weir
Die neue Andy Weir-Verfilmung Der Astronaut – Project Hail Mary ist so gezielt konzipiert wie eine Super-Boygroup: Ryan Gosling und Sandra Hüller schlüpfen unter der Regie vom Kreativ-Animations-Team Phil Lord und Chris Miller (Produktion/Drehbuch/Regie bei Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen, The Lego-Movie, Spider-Man. Across the Spider-Verse) in die Rolle von ungewollt heldenhaften Wissenschaftlern, deren Arbeit von Greig Fraser, Kameramann der ersten beiden Dune-Teile (und für Teil 1 2021 mit dem Oscar ausgezeichnet; den dieses Jahr folgenden dritten Teil hat er allerdings nicht gefilmt), mit der Kamera festgehalten wurde. Die Musik stammt vom vielbeschäftigten Filmkomponisten Daniel Pemberton. Zeitgleich ist in „The Drama“ nun Musik von ihm im Kino zu hören. Neben Lord/Miller ist er auch am Spider-Man-Abenteuer beteiligt gewesen, eine persönliche Bekanntschaft besteht damit innerhalb des Teams schon. Schnittmeister ist Joel Negron (in dessen Filmografie besonders Cocaine Bear, der Überraschungs-Splatter-Trash-Hit der Vergangenheit, überrascht). Technische Aspekt sind gerade bei Science-Fiction-Produktionen von großer Bedeutung und Oscar-Auszeichnungen dürfen solche Produktionen meist auch ausschließlich in diesen Kategorien erwarten.
Drew Goddard hat schon für Der Marsianer, die erste Verfilmung eines Andy Weir-Bestsellers mit Superstar-Besetzung (u.a. Matt Damon, Ridley Scott) in Regie und Darstellung aus dem Jahr 2015, das Drehbuch übernommen und schließt an diese Arbeit ein Jahrzehnt später wieder an. Der Autor selbst beteiligt sich als einer von sieben Produzent*innen, darunter die beiden Regisseure und ihr Hauptdarsteller Ryan Gosling. Andy Weir hat mit seinen wenigen anhand von wissenschaftlichen Fakten konzipierten Romanen einige der größten Science-Fiction-Erfolge in den letzten Jahren vorgelegt und ergänzt damit dieses sichere Erfolgspaket um eine weitere Komponente. Diese „Konzeption“ und der unbedingte Erfolgswille setzt sich in der Marketing-Aktion rund um den geplanten Spitzen-Blockbuster und die Vermittlung der begeisterten Testpubliken fort. Doch die kalte Realität für die Geldgeber Sony und - über allem stehend- Amazon ist, dass mit Der Super Mario Galaxy-Film ein zu starker Konkurrent angetreten ist. Das zweite Abenteuer rund um die beiden Klempner und ihre Freunde aus poppig bunten Fantasie-Welten zieht viele nostalgische Fans zwischen 6 und 60 Jahren in die Kinos. Das potentielle Publikum ist damit rein zahlenmäßig größer, ein wahrhaft schwieriger Gegner.
Doch am Ende steht ein 156 Minuten langer Science Fiction-Film dessen bewusster Einsatz von Komik den Vergleich mit Mikey 17 (2025) provoziert – und diesem experimentellen Projekt des südkoreanischen Parasite-Regisseurs nicht standhalten kann. Erzählt wird die Geschichte des Mikrobiologen Ryland Grace, welcher zu Beginn in einer Raumfahrtkapsel ohne Erinnerung an sich und seine Vergangenheit erwacht. Er und das Publikum erfahren im Laufe des Films wie der Highschool-Lehrer zum Experten für die zerstörerischen Astrophagen wird und am Ende auf dieser Selbstmordmission zu einem weit entfernten Stern landet. Durch diese Mikroorganismen wird die Sonne im Laufe der nächsten Jahrzehnte angegriffen was eine rapide Abkühlung des Planeten und viele Tote nach sich ziehen wird. Die einzige Hoffnung ist die Untersuchung eines nicht befallenen Sterns inmitten bereits an diesen Symptomen verstorbener Himmelskörper. Die dortigen Befunde sollen zur Rettung der Erde beitragen. Doch der Treibstoff reicht nur für ein One-Way-Ticket, die Mission ist eine Kamikaze-Aktion mit sicherer Todesfolge. Wie der nicht vor Selbstsicherheit strotzende Grace letztlich doch in das Raumschiff gerät, soll hier nicht verraten werden da diese Frage der entscheidende Spannungspunkt im zweiten Drittel des Films wird. Im dritten Teil dann verschiebt sich der Fokus auf die Geschichte einer besonderen Freundschaft, welche insgesamt im Vordergrund steht: Auf seiner Mission trifft Ryland auf einen Außerirdischen aus Stein, welcher für seinen Planeten mit der gleichen Aufgabe betraut ist. Mithilfe eines Computerprogramms finden die beiden einen Kommunikationsweg und mithilfe eines vor der tödlichen Luft isolierenden Glaskastens kann „Rocky“ zur gemeinsamen Forschung in der Hail Mary einziehen. Neben der Forschung verbringen die beiden ungleichen Freunde ihre Zeit mit einer modernen Form von Dia-Abenden, persönlichen Gesprächen und dem zusammen sein. Denn Einsamkeit droht in jedem Moment. Die belastende Situation schweißt den Steinklumpen (gespielt und gesprochen von Puppenspieler James Ortiz) und den unzureichend vorbereiteten Astronauten eng zusammen. Ihre Umarmungen auf Distanz und die persönlichen Gespräche etwa über den Namen des Partners von „Rocky“ sind sicher liebenswert, aber stehen auch nahe am Kitsch. Rocky wirkt wie eine Weiterentwicklung der sanften Aliens E.T. und Wall-E.
Die Problematik des Films ist eine große Diskrepanz zwischen der immer wieder betonten Anti-Heldenhaftigkeit des ständig zweifelnden und sich klein redenden wie einsamen Mikrobiologen mit strittigen Theorien und seiner realen Selbstsicherheit im Einsatz im All. Die Prämisse bei Der Marsianer war ähnlich und auch dort litt die von Matt Damon dargestellte Figur unter ähnlichen Problemen. Über allem steht der US-amerikanische Mythos des Selfmade-Man, welcher an seinen Aufgaben wächst und jedes Hindernis zu meistern weiß. Der gesetzte Grenzen verschieben und unlösbare Aufgabe doch noch zu seinen Gunsten drehen kann. Abgesehen davon, dass dieses Bild uralt und mittlerweile ausgeschöpft ist, sind einige für den Erfolg und die Beugung des Schicksals notwendige Handlungseingriffe nötig, welche wissenschaftlich betrachtet fraglich oder nicht ausreichend erklärt bleiben. Andy Weirs Arbeiten wird eine starke wissenschaftliche Fundierung und ein kundiger Umgang mit der Astrophysik zugesprochen. In Der Astronaut allerdings sind einige grundlegende Entwicklungen der Handlungen unglaubwürdig und scheinen weniger wissenschaftlich denn dramatisch geerdet zu sein. Beispielhaft hierfür ist das rasche Finden einer gemeinsamen Sprache durch den Aufbau eines auf das darauf zeigen und mitschreiben basierenden Vokabulars. Ob Rocky überhaupt in den gleichen Entitäten und Wahrnehmungen denkt bleibt dabei fraglich. Die gemeinsame Sprache zwischen den beiden gerät nicht erst bei der Verkürzung des fantastisch liebevollen Namens von Rockys Partner auf „Adrian“ an seine Grenzen. Die Solidarität der beiden und die beinahe friedliche Weltuntergangsprämisse sind sympathisch wie unterhaltend. Die Wirkung ist vergleichbar mit den Szenen von niedlichen Wesen in Star Wars-Filmen. Auch die Forschungserfolge und die Rettung vor dem zwingenden Tod sind nicht gänzlich überzeugend. Der Film profitiert – wie viele Weltraumfilme – vom Kontrast zwischen zeitlos wirkendem Schweben im All und beinahe Countdown-artigen wie überraschenden Actionmomenten. Diese Ambivalenzen bestimmen den Spannungsverlauf ebenso wie die Frage nach dem Weg des ungewollten Helden ins Cockpit eines Raumschiffs.
Technisch sind keine Makel festzustellen. Die Darstellung Rockys mittels einer Marionette anstelle von Computeranimationen ist entscheidend für seine Präsenz als Figur mit Charakter und Charme. Unterhaltsam und bildgewaltig ist die Romanverfilmung zweifelsohne; Sandra Hüller und Ryan Gosling haben eine allgemeine darstellerische Qualität, welche die Schwächen ihrer Figuren für den Moment vergessen lassen kann; die Hail Mary wie der Kosmos sehen sehr eindrucksvoll aus und die Musik ist stimmungsvoll angelegt. Der Film klingt pop-klassisch mit den Beatles aus und nimmt hier beinahe nostalgische Züge an. Dennoch fehlt der Geschichte die eigenwillige bis bösartige Note von Mickey 17 bzw. die nachdenkliche, philosophische Ebene von 2001 – Odyssee im Weltraum (um nur zwei Klassiker der Science-Fiction-Historie anzuführen). Der Heldentopos wird wieder aufgewärmt, der Witz und die Wärme einer Freundschaftsgeschichte mit äußerst konventionellen Mitteln erzählt. Diese „Durchschnittlichkeit“ führt aber zurück zur großen Werbekampagne rund um die Produktion und das Ziel möglichst viele Menschen auf unterschiedlichen Ebenen anzusprechen. Das Ergebnis ist ein unterhaltsamer, erstaunlich kurzweiliger aber wenig visionärer oder anregender Film über zwei sehr unterschiedliche Freunde mit ähnlichen Aufgabenstellungen, die sich zufällig an einem Stern treffen. Vielleicht kann Dune 3 hier im Herbst etwas mehr Innovation und Überraschung einbringen. Aber auch hier ist der Blockbuster-Background zu bedenken…
Eindrücke Leipzig, März 2026 (Auswahl)
Leipziger Buchmesse 2026: Rekordbesuchszahlen, großer Zusammenhalt der Buchhandelsbranche und ein nur körperlich abwesender Staatsminister für Kultur
Eine Party zum Aufladen des (politischen bis menschlichen) "Hoffnungsakkus" - Kraftklub in der Rokhal
Auf dem Weg nach Luxemburg stellen sich Reisende unterwegs zur Rokhal in Esch-Alzette stetig die Frage: fahren die anderen Autos mit deutschem Kennzeichen wohl auch zum Kraftklub-Konzert? Die Wahrscheinlichkeit ist bei einem ausverkauften Konzert in der großen Halle des kleinen Rock-Mekkas nahe der Universität gar nicht so gering. Die große Erkenntnis dabei ist, dass gar nicht so viele Fahrer*Innen rein nach dem Aussehen, Alter oder Geschlecht als potenzielle Hörer der Gruppe ausgeschlossen werden können. Eine irgendwo beruhigende Nachricht angesichts aktueller Wahlergebnisse und eine Bestätigung des Inhalts einiger der Songs der Gruppe, beispielsweise Vierter September (Kargo) zum Thema Bubbles die sich selbst vermitteln man sei doch nicht allein mit seinen Meinungen und Halts Maul und spiel (Sterben in Karl-Marx-Stadt), wo die ketzerische Frage gestellt wird ob eventuell nicht auch im eigenen Publikum unangenehme Personen anzutreffen sind. Felix Kummer überprüft die „Qualität“ des Publikums bei diesem Konzert höchstselbst und wandert von Kameras begleitet einmal von hinten (Startpunkt Merchstand, Zwischenetappe bei den Tontechnikern) nach vorne durch das eng gedrängte Publikum und gemeinsam mit seinem Bruder einmal rappend rund um in luftiger Höhe. „Kundennähe“ ist hier das oberste Gebot.
Am Freitag, den 13. März boten die vier Chemnitzer ein mehr als zwei Stunden dauerndes Konzert (20:50 - 23:05 Uhr). Kern ist das neue Album Sterben in Karl-Marx-Stadt, zehn der elf Einzeltitel werden gespielt und von den Fan-Lieblingen Ich will nicht nach Berlin, Komm fahr mit mir, Kein Liebeslied, Chemie Chemie Ya, Ein Song reicht, Songs für Liam und natürlich dem bekanntesten Titel Drei Schüsse in die Luft (angekündigt mit "holt die Pistolen raus") sowie dem Live-Original Randale durchbrochen. Weitere „Unterbrechungen“ fabriziert Frontmann Felix Kummer mit unterhaltsamen Kommentaren zu „Äußerungen aus dem Publikum“ und der Verkündung großer Hoffnung in die Sangeskünste des Publikums: [sinngemäß zitiert] „Ihr könnt mehr als döf dö. Ich denke ihr könnt anspruchsvollere Silben, vielleicht sogar Worte – Sätze und vielleicht sogar ganze Strophen“. Berechtigte Hoffnungen, denn die Tausenden im Publikum können die erste Strophe von Chemie Chemie Ya vollständig vortragen - zu so vielen eine ehrlicherweise einfache Aufgabe. Bemerkungen zu der Steuerpolitik und dem Reichtum in Luxemburg kann sich der Leadsänger nicht verkneifen, ausgleichend schwärmt er von den kostenlosen Öffis und der Multikulturalität und Offenheit im mehrsprachigen, internationalen Land nahe der deutschen Grenze. Aber er kann auch kindisch... Der Ritt auf einer riesigen Zigarette, getragen vom Publikum, klingt nicht nur nach sondern ist der pubertärste Moment des Abends. „Ich hatte mir das chilliger vorgestellt“ ist der letzte Kommentar zum eigenen beinahe angstverzerrten Gesicht beider Brüder beim Festklammern an der Riesen-Badenudel in Zigarettenform.
Ansonsten erinnern die Ansagen erschreckend häufig an Annenmaykantereit - eine auf dem Papier viel sanftere Band. Gebt Acht aufeinander, ein Hinweis auf das Awareness-Team, Verweis auf die nahenden Sanitäter im Publikum, Hinweis auf beruhigtere Flächen bei Engegefühlen und die persönliche Ansage der Vorband inklusive persönlicher Geschichte der Band Kraftklub, als Vorband für diverse bekannte deutsche Bands. Felix Kummers Gestus und Agitationsfähigkeit allerdings erinnern dann doch an den dauerhaften (und zuletzt scherzhaft gewordenen) Vergleiche mit den Hives und insbesondere deren Frontmann Pelle Almqvist. Am einprägsamsten bleibt das Dirigieren des Publikums von links nach rechts bei So rechts, das Ausleuchten des Raumes von der Mittelbühne verknüpft mit der Aufforderung die Arme nach oben zu heben - wenn der Lichtstrahl einen erreicht und das minutenlange Singen des Refrains von Schief in jedem Chor, welches ebenfalls vom kundigen Dirigenten angeleitet wird. Obwohl hier am Ende der Rhythmus und das Tempo etwas auseinanderbricht dürfen sich die Sänger*Innen für eine gute und überzeugende Leistung auf die Schultern klopfen - und so schief geriet es gar nicht.
Was in jedem Fall geboten wird, ist eine gute Show. Nach der Einstimmung durch die Girl-Band Lovehead, welche ihr Set mit dem Titel Erdnussallergie (passend zum Text in All die schönen Worte) beschließt braucht es nur eine kurze Umbaupause, bevor die gigantisch großen Lettern des Albumtitels sich herabsenken – auf dem Mischpult des Tontechnikers erstrahlt das Albumcover schon beim schwungvollen Entfernen der Schutzfolie während die Vorband noch spielt. Es folgen 24 Titel (inkl. einer Coverversion gemeinsam mit den Loveheads) und um 23:05 Uhr beginnt das Publikum aus der Halle zu tanzen. Beim ersten Song – Marlboro Mann – fliegt Konfetti ins Publikum und beim letzten Titel - Songs für Liam - sind es dann noch Luftschlangen. Das Set wird beendet mit einem utopischen Titel – mit nur einem Kuss hätten doch so viele vermeidbare Katastrophen verhindert werden können. Wenn das nur so einfach wäre… Auch das Drehen des berühmten Glücksrades um einen „alten“ Titel für das Programm zufällig auszuwählen, wird zur Zirkusnummer, schieben wäre hier der richtige Begriff. Das Wunschlied Irgendeine Nummer ist damit unumgänglich.
Das lautstarke Quintett nutzt die Halle in den zwei Stunden Programm voll aus. Von Hauptbühne zur Vorbühne einmal rundum über die Techniktribüne am Hallenrand und mittendurch das Publikum – sowie vom Publikum getragen im Kreis durch die vordere Hälfte des Raumes. Jeder hat die Chance einen näheren Blick auf die Band zu erhaschen, selbst die Kleineren im Publikum. Der Parcours durch das Publikum scheint allen dabei Spaß und keine Angst zu machen – Massenveranstaltungen fordern schon viel von ihren Akteuren und besonders viel Vertrauen in die Zurechnungsfähigkeit des Publikums – nicht nur beim Stagediving. Felix Kummer füllt etwaige Lücken des dichten Programms mit viel Gespräch das zwischen Unsinn, Ermutigung und wichtigen Statements changiert. Das Publikum hat er stets ganz bei sich, obwohl im Live-Moment besonders deutlich wird, dass sein Bruder am Bass entschieden mehr singt als der „Kopf“ der Band. Bis auf einen etwas ruppigen Ausklang (mit stark neben dem Takt klatschenden Publikum) halten die vier Musiker den bombastischen Apparat gut zusammen. Und Titel wie Fahr mit mir und Fallen in Liebe sind ohne die Gastmusiker von Tokyo Hotel und Nina Chuba besser als in der Originalversion (aber das ist natürlich Geschmacksache).
Die melancholischen und rein ironischen Momente der musikalisch austauschbaren Songs, welche zudem auch rhythmisch sehr gleichartig bleiben, fallen in der Partystimmung etwas unter den Tisch. Die nostalgische Stimmung der Texte des aktuellen Albums allerdings bleiben trotz Clubatmosphäre und dröhnendem Bass (gerade von der Mittelbühne) erhalten. Das scheinbare Memento Mori-Album ist aber auch eine Feier des Lebens, ein Carpe Diem-Set mit "bisschen Gesellschaftskritik und ein paar frischen Emotionen" (vgl. Selbstkritik in Vierter September). Die zentralen Statements des Abends sind ein Nein gegen Nationalismus, Grenzen und Nazis – die Antifa-Flagge im Publikum und die „Nazis raus“-Rufe aus dem Publikum kommentiert der Frontmann mit Dank im Namen vieler seiner Bekannter Zuhause. Diese Aussagen mögen wie Chiffren erscheinen, wie die Bestätigung ganz normaler Grundsätze in der Rockmusik und der Hörergemeinschaft dieser sterbenden Musikrichtung, aber die Chemnitzer-Band trägt ihre leider vielerorts nicht mehr als Standard anzunehmende Botschaft damit klar vor und arbeitet aktiv gegen das Bild des Westens von ihrer Heimat an – denn ein Land „mit Heimatministerium kann niemals meine Heimat sein“.
Ganz nebenbei haben die Band und das Publikum an diesem langen Abend Spaß bis zum Schluss – und am nächsten Tag raue Stimmen nach zwei Stunden mitgrölen. Und man hat das Gefühl, dass die Menschen vielleicht doch gar nicht so schlimm sind… Am Ende bleibt es dann doch nur ein Konzert- aber für den Moment ist man wahrlich nicht allein. Die Energie bleibt für einige Tage zurück. Das Schlusswort hier soll bei Kraftklub bleiben, welche diese großen Gefühle in Vierter September ganz auf den Punkt gebracht haben:
Und dann blickst du in die Menge und bist doch ergriffen Scheiß Hybris: Bestätigung, Applaus ist schön Doch was bleibt übrig, nachdem wir nach Hause geh'n? Es lässt sich ganz bequem da draußen steh'n Vor abertausend, die das alles ganz genau so seh'n Zweifel weicht der Eitelkeit Ich mein, "Wer weiß, vielleicht haben wir gemeinsam wirklich was erreicht." Doch am vierten September Fahr'n die Züge wieder regulär Und nichts hat sich verändert Am vierten September Ist der Himmel blau, die Sonne scheint Und nichts hat sich verändert Aber ich bin nicht allein (…)
Setliste: Hauptbühne: 1. Marlboro Mann 2. Ein letztes Mal 3. All die schönen Worte 4. Ich will nicht nach Berlin 5. Komm fahr mit mir 6. Kippenautomat 7. So rechts 8. Unsterblich sein 9. Halt’s Maul und spiel 10. I Love it - Cover gemeinsam mit Lovehead 11. Wie ich 12. Zeit aus dem Fenster Mittelbühne: 13. Kein Liebeslied 14. Schief in jedem Chor Hauptbühne: 15. Chemie Chemie 16. Blaues Licht 17. Glücksrad: Irgendeine Nummer 18. Fallen in Liebe 19. Schüsse in die Luft 20. Randale Tribünen: 21. 500 K Hauptbühne: 22. Wenn ich tot bin fang ich wieder an mit Rauchen 23. Ein Song reicht 24. Songs für Liam
Die Qual der Wahl – No Other Choice und Marty Supreme
Die Oscar-Verleihung rückt in großen Schritten näher und letzte Woche startete mit Marty Supreme der letzte große Favorit in den deutschen Kinos. Einige Wochen zuvor ist bereits der südkoreanische Film No other choice in den Kinos zu erleben gewesen, welcher in der Kategorie bester fremdsprachiger Film nominiert ist. Park Chan-wook muss sich hier dem Vergleich mit dem koreanischen Überraschungserfolg Parasite stellen und übersteht diesen unbeschadet. Europäische Uraufführung hatte die Produktion in Venedig und stieß schon da auf äußerst positive Kritik. Die beiden hier besprochenen Filme mögen schwer vergleichbar sein, aber eine Frage vereint sie (neben der überbordend positiven Kritik von Fach- wie Laienpublikum und den starken Hauptdarstellern): hat man im Leben immer eine Wahl? Park Chan-wooks Film verneint dies schon im Titel und der Held von Josh Safdies Hochstapler-Biografie würde sein Verhalten sicher auch als alternativlos angesichts des verdienten Ruhms und Erfolgs ansehen. Und dieser Begriff tut ja aufgrund der politischen Über-Beanspruchung so oder so weh. Indirekt beschäftigen sich damit beide Filme mit gesellschaftlichen Fragen von Erfolg und Ehrgeiz – die Form allerdings lässt sich absolut nicht vergleichen. Zunächst zu No other choice.
Die schwarze Satire auf unsere moderne technologisch gestützte Hochleistungsgesellschaft basiert auf dem Roman The Ax (Der Freisteller; EA 1997; Ü 1998) vom US-amerikanischen Krimi-Autoren Donald Westlake. Lee Byung-hun ist als Hauptdarsteller hier Dreh- und Angelpunkt des Films und wird umgeben von vielen ebenso guten Nebendarstellern. Er spielt Man-su, einen Facharbeiter für die Herstellung von Sonderpapieren, welcher zu Beginn noch als (über-)glücklicher Familienvater in sonnig überbelichteten Bildern gezeigt wird und einen Aal zubereitet – zugesendet von der Firmenleitung und rückblickend ein erstes schlechtes Omen für den weiteren Verlauf. Kurz darauf verliert er seinen Job und wird zum Bewerbungstraining geschickt. Diese Massenveranstaltung nimmt absurde Züge an und ist als eine Mischung aus Selbstoptimierungsseminar und Theatergroteske inszeniert. Wenn die Teilnehmer ihr „persönliches Mantra“ sprechend stetig auf Schläfen und Stirn klopfend zu sehen sind fühlt man die aufwallende Frustration des Protagonisten direkt körperlich mit. Dieses Verhalten wird alle Teilnehmer später als Partizipanten des Workshops brandmarken und führt nicht zur gewünschten Rückkehr in Arbeit nach drei Monaten. Nach 13 Monaten hängt Man-su in einer Aushilfsstelle im Supermarkt fest und verliert zusehends die Zuversicht. Die strenge Ehefrau Mi-ri (Son Yejin) zieht nun die Reißleine und verlangt eine Reduktion der Lebenshaltungskosten. Kein Netflix mehr, keine Tennisstunden, nur ein kleineres Auto statt zweier Großwägen, weniger Familienmitglieder (also müssen die Hunde umziehen) und vor allem die Trennung vom Elternhaus ihres Mannes, welches dieser voll Stolz nach einer von Umzügen geprägten Kindheit einst zurückkaufte – um zu bleiben. Man-su ist damit an einem Kipppunkt angekommen und greift zu drastischen Mitteln, um eine Stelle zu finden und seine Konkurrenz zu reduzieren. Über die Mittel soll hier zwecks Spannungserhalt geschwiegen werden. Doch drastisch, endgültig, weitgreifend und unvorhersehbar sind sie, soviel sei gesagt. Die Bewerbungsgespräche dieses Facharbeiters entsprechen keinem Standard und bringen ihn wahrhaft an seine Grenzen. Kein Training konnte ihn darauf vorbereiten und der Gewinn am Ende wirkt ernüchternd klein.
Die (positive) Absurdität der Handlung wird mit recht „gewöhnlichen“ Aufnahmen kontrastiert und musikalisch klassisch bis rockig-klassisch begleitet. Besonders hervorzuheben ist eine Szene, in welcher Man-su zur Tarnung seiner Tat die Musik extra laut dreht und der folgende ausufernde Dialog zwischen ihm und zwei weiteren Beteiligten brüllend über die dröhnende Musik hinweg geführt wird – und zuletzt beinahe plötzlich eskaliert sowie nicht nur Man-su sprachlos zurücklässt. Die Lautstärke aller Geräusche bleibt authentisch und die ganze Szene ist dementsprechend unübersichtlich für den Zuschauer. Diese szenische Herausforderung ist keine Ausnahme und macht in dieser Form besonders große Freude. Natürlich muss man empfänglich für diesen tiefschwarzen Humor sein, aber in dieser Art ist der Film ein echtes Kunstwerk voller Sozialkritik an unserer vom Kapital gesteuerten und eingeengten Realität. Grundsätzliche Maßstäbe und Konsequenzen des erfolgreichen Lebens im Kapitalismus werden konsequent zu Ende gedacht und das Verhalten von Man-su zur alternativlosen Handlung – und dabei bleibt die Komik ein fester Bestandteil der mit Slapstick, Wortwitz und Situationskomik gewürzten Begegnungen. Man muss sich durchsetzen können, die Ellbogen ausfahren, sich der Konkurrenz gegenüber qualifizieren, seine Stärken hervorheben und sich gut verkaufen – und man darf niemals arbeitslos werden und damit außer Stande sein seiner Familie ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Das bedeutet den Cello-Unterricht für die hochbegabte Tochter bezahlen können, das eigene Haus zu behalten, einen entsprechenden Lebensstandard gewährleisten und dabei weder nach rechts und links noch nach unten blickend von Mitleid erfüllt zu werden. So radikal diese Darstellung scheint so wahr wird sie doch nach einigem Nachdenken – und so nah ist sie jedem Zuschauer.
Park Chan-wooks Werk ist damit in einigen Aspekten sicher mit dem letzten südkoreanischen Hit Parasite vergleichbar. In beiden Fällen wird der Realität ein drastisch ausmalender und konsequent fortführender Spiegel vorgehalten. Absurde Moment werden aus einer Realität heraus erzählt, welche sie unumgänglich und logisch wirken lässt. Während im ersten Fall der Begriff der Familie und die Wohnungsnot in überbevölkerten Teilen der Welt im Fokus stehen sind es hier nun die Grundwerte eines erfolgreichen Lebens im Kapitalismus und der Wert der Arbeit an sich, nicht deren Nutzen und Bedeutung, welche gar nicht so entschieden weitergedacht werden und dennoch absurd wirken. Ein großes, kluges Kinoereignis mit visuellen wie inhaltlichen Schock-Momenten, wahnwitzigen Dialogen und großem Drama. Damit eine gelungene Komödie, deren Unterhaltungswert auch aus der hinter Sarkasmus und Ironie versteckten Tragik der Geschichte entspringt.
Eine ganz andere Ausgangslage liegt Marty Supreme von Josh Safdie zugrunde. Dieser vom einstigen Indie-Label A24 (und seit einigen Jahren eine häufig vertretene Firma bei Preisverleihungen) produzierte Film wird spätestens mit der Besetzung der Hauptrolle des Marty Mauser mit Superstar Timothée Chalamet zum Blockbuster und sollte auch unbedingt als solcher behandelt werden. Damit passt das Werk aber gut zu den übrigen Oscaranwärtern dieses Jahres. Größte Konkurrenz ist nach bisherigen Eindrücken One Battle after another, welcher ebenfalls allein durch die Besetzung und Regie zum Blockbuster wird. Josh Sadie erzählt einen kurzen Ausschnitt des Lebens eines jüdischen Schuhverkäufers dessen Erfolge als Tischtennisspieler in den USA der frühen 1950er Jahre weder seine Familie noch die Nation wirklich begeistern. Die Teilnahme an den Weltmeisterschaften scheint für niemanden (außer ihn) ein vielversprechendes Erfolgsmodell zu sein. Nur mit dieser allgemeinen Ablehnungshaltung der Gesellschaft lässt sich der egoistische Charakter dieser äußerst unsympathischen Hauptfigur erklären bzw. ertragen, auch wenn Charaktererklärungen vom Regisseur gänzlich ausgespart werden. Es ist Josh Safdies erste Solo-Regiearbeit und Basis des von ihm mit verfassten Drehbuchs ist die Autobiografie des realen Vorbildes Marty Reisman, dessen Ähnlichkeit mit Chalamet ausschlaggebend für die Besetzung war.
Safdie inszeniert (literarisch gesprochen) einen 2,5-stündigen „stream of consciousness“, einen ungebremsten Gedankenstrom, welcher ohne Einführung und rückblickende Ausführungen auskommt. Die Zuschauer werden in das Leben von Marty Mauser gestoßen und müssen sich dann in dessen Chaos und Sprunghaftigkeit zurechtfinden. Diese Unmittelbarkeit ist die große Stärke des Films und ist auch dem Spiel vom Chalamet zu verdanken, welcher ein Jahr nach seiner äußerst überzeugenden Darstellung von Bob Dylan erneut im Mittelpunkt des Interesses rund um den Film steht. Diesmal hat er sich in den Tischtennissport eingearbeitet und spielt einen Blender, Hochstapler und Schaumschläger sondergleichen. Auch dieses Projekt hat mit acht Jahren Vorlaufszeit dem engagierten Method-Actor eine konzentrierte Vorbereitung ermöglicht, welche sowohl in den Sport- als auch Charakterszenen deutlich sichtbar wird. Chalamet verschmilzt gänzlich mit dem „narzisstischen Egoisten“ Marty Mauser und nimmt den gehetzten, getriebenen Charakter der in dieser Hinsicht dankbaren Figur in Bewegung und Mimik an. Dabei hilft natürlich auch die gute Maske.
Die Beleidigung als „narzistischer Egoist“ ist eher Zustandsbeschreibung, denn Vorwurf. Marty Mauser geht es sicher nicht in erster Linie um Sport, ihm geht es um Geld, Bedeutung und Ruhm. Der Weg dahin mag noch so erbärmlich sein – und anders lassen sich die Pausenfüller auf der Tour einer Basketballmannschaft und das Buckeln vor dem reichen Ehemann seiner schönen Affäre aus dem Filmgeschäft nicht nennen. Im Satinschlafanzug spielt Marty auf Mini-Platten und auch gegen Tiere. Er und sein Kollege sind Clowns an der Tischtennisplatte – und ganz Europa darf sie erleben. Aber eine Erfolgsgeschichte schreibt Marty in letzter Konsequenz trotz all dieser Mühen nicht. Damit wird er zur tragischen Gestalt. Beginnend mit der Niederlage gegen den Japaner Endo bei der WM in England verliert sich der junge Mann in einer Spirale aus Geldnot, Kriminalität und Gewalt. Und in dieser Spirale beginnt man als Zuschauer an jedem gesprochenen Wort zu zweifeln. Die einzigen echten Gefühle dürften seine körperliche Erleichterung nach dem Sieg im Schauwettbewerb gegen Endo in Japan und die erste Begegnung mit seinem Kind im Krankenhaus sein. Alles andere sind Schwüre, Versprechen, Verheißungen, welche der Absicht untergeordnet sind zur WM nach Japan zu fahren und eine Revanche spielen zu dürfen.
Safdie gönnt dem Zuschauenden letztlich weder eine festgelegte Zukunftsaussicht noch eine sichtbare Konsequenz. Was im Gedächtnis haften bleibt sind eindrucksvolle Einzelszenen. Dazu gehören das Intro, welches von der Befruchtung einer Eizelle über die Verschmelzung von Spermium und Eizelle zu einem Tennisball mit aufgedrucktem Filmtitel gelangt und in der Folge auch die temporeichen Tischtennisspiele, der eingefangene Geist der 1950er Jahre in den Straßen- wie Innenszenen, ein Sturz in der Badewanne, eine Vendetta um einen dauerhaft kläffenden Hund und viele haarsträubende Geschichten, welche der vor (nicht gerechtfertigtem bzw. mit Erfolgen belegbaren) Selbstbewusstsein triefende Marty von sich gibt. Insbesondere das Interview, in welchem er die entsetzten Reaktionen seiner Interviewpartner auf seinen hemmungslosen Vergleich des kommenden Spiels gegen einen Ausschwitz-Überlebenden mit dem Zu-Ende-bringen, was das KZ nicht geschafft habe, mit einem einfachen „Ich darf das – ich bin Jude und schon durch meinen Erfolg Hitlers schlimmster Alptraum“ bei Seite wischt ist hier beispielhaft und führt zu hörbarer Schnappatmung im Publikum.
Die gewählten Vergleiche der Kritik sind neben The Wolf of Wall Street (an dessen Drastik Safdie nicht ganz heranreicht) auch Catch me if you can, eine Hochstapler-Geschichte aus der Feder des Meisterregisseurs Steven Spielberg. Aber die Scheck-Fälschungen und Persönlichkeits-Erfindungen von Frank wirken irgendwie harmloser als Martys Horrortrip rund um die Welt. Allein der Gewaltpegel ist entschieden höher und Bankbetrug hat immer noch einen Hauch von Protestaktion, insbesondere wenn die Geschichte im Geburtsland des modernen Kapitalismus spielt. Martys Antrieb ist rein egoistischer Natur und er nimmt dafür große Schäden für Freunde und Umfeld in Kauf. Es sei noch angemerkt das in beiden Vergleichsfilmen Leonardo DiCaprio, Chalamets größter Konkurrent in der laufenden Filmpreissaison, die Hauptrolle spielt – und für beide Produktionen wider Erwarten ohne Oscar nach Hause ging.
Josh Safdie gelingt ein makelloses Porträt eines windigen Charakters in einer unsteten Zeit. Handwerklich wie darstellerisch lässt sich hier kein Fehler finden. Doch es fehlt ein wenig Kontext, um die Beweggründe Martys gänzlich nachvollziehen zu können oder auch seine Taten irgendwie mit Ungerechtigkeiten von anderer Seite entschuldigen zu können. Das Auslassen dieses Elementes kann aber auch als Safdies progressiver Moment ausgelegt werden, da er sich gegen einen Trend des Psychologisierens bis hin zur kleinsten Nebenfigur in jedem Superheldenfilm richtet und diese Erwartung bewusst unterläuft. Und natürlich eine klassische Heldenschreibung unmöglich macht. Ein weiterer kritischer Punkt ist die musikalische Untermalung. Der Soundtrack wird mit Forever Young eröffnet und bleibt anschließend in dieser für die Fünfzigerjahre futuristischen Kulisse haften. Der komponierte Score wiederum ist gelungen und verstärkt die zeitgeistigen Aufnahmen in überzeugender Form. Das größte Potential liegt in der Komik dieses Dramas, also in der gelungenen Unterhaltung von der ersten Minute an.
In Zahlen gesprochen ist Marty Supreme die erfolgreichste Produktion von A24 in deren erfolgsverwöhnter Geschichte. Ob die Masse an Nominierungen für diverse Preise und die weltweite Begeisterungswelle angemessen für einen unterhaltsamen Hollywoodfilm sind ist ebenso fraglich wie im Umgang mit One Battle after another. In jedem Fall sind zwei außergewöhnliche Darsteller mitverantwortlich für den Erfolg beider Produktionen und beide spielen, wenn überhaupt gebrochene Helden, wenn nicht eher Verlierer im Spiel des Lebens. Und das Abrücken von schematischen Heldendarstellungen ist in jedem Fall ein Gewinn für das Hollywood-Kino. Der nächste Wettstreit steht am 15. März bei den Oscars an - mal sehen, wer hier als Sieger vom Platz geht.
2025 - 2026
Eine gelungene Rückkehr - Peter Doherty besucht gut aufgelegt den Schlachthof in Wiesbaden
Fast exakt ein Jahr nach dem furiosen Auftritt der Libertines im Schlachthof in Wiesbaden – konkret: am 7. Februar 2025 - hat sich am 19. Februar 2026 Peter Doherty auf seiner „European Tour“ wieder nach „Vicebaden“ [O-Ton Doherty] verirrt und spielte hier den Auftakt von vier Terminen in Deutschland. An seiner Seite sind neben der Keyboarderin (und seiner Ehefrau) Katia de Vidas auch Jack Jones (Gitarren, Gesang; ansonsten bei Trampolene zu hören), Mike Joyce (Schlagzeug; ursprünglich bei The Smiths) und Mark Neary (Bass, Pedal Steel). Die Veranstalter kommentieren diese Besetzung als „so britisch und so erfahren (…) wie ein Musikgeschichtsbuch“. Wie im letzten Jahr ist auch Dohertys Schwester AmyJo Doe mit ihren Spangles als Vorband dabei – inklusive neuem Material von der aktuellen Produktion Spangle Landia (erhältlich als digitales Album bei Bandcamp) (vgl. Schlachthof Wiesbaden - Peter Doherty / Plus Special Guest: Amy Jo And The Spangles)Eine halbe Stunde stimmen die vier aus Madrid mit Rockrhythmen, fetzigen Liebeshymnen und politischen Statements pro Freiheit für alle ein. AmyJo Dohs Optimismus und Energie sind dabei äußerst mitreißend. Bis zum Ende der Veranstaltung sind sie und ihre Spangles am Herzen verteilen, zwischendrin übernimmt sie Backstage die Kinderbetreuung.
Der im Verhältnis zur Vergangenheit entschieden wacher wirkende Doherty sagt nach einem kurzen Ausflug in die Welt der Marktschreierei die Vorband selbst an und lässt dann mit seiner eigenen Band einen anderthalbstündigen Querschnitt durch sein Repertoire – und das seiner Kollegen - erklingen. Bei Uncle Brian’s Abattoir (ein Trampolene-Titel) überlässt er Bandmirglied und Anspielpartner Jack Jones dementsprechend das Steuer. Mit Killamangiro und Fuck Forever lässt er zu Beginn und Ende zwei der bekanntesten Babyshambles-Titel erklingen. Auch diese Band erlebt derzeit mit der ersten neuen Single seit vielen Jahren und dem Tod Patrick Waldens im Sommer letzten Jahres ein kleines Comeback. Abgesehen davon lässt vor allem Fuck Forever zum Abschluss den nicht ausverkauften und verkleinerten Schlachthof ein bisschen ausrasten – um dann mit dem The Smiths-Cover There’s a light that never goes out den Abend ganz sanft ausklingen zu lassen. Natürlich darf der Libertines-Klassiker Time for Heroes auch hier nicht fehlen. All diese Titel stammen von ersten Platten und folgen einer nostalgisch scheinenden Auswahl. Ansonsten liegt der Fokus klar auf den seit 2009 veröffentlichten Solo-Arbeiten, erschienen auf Grace/Wastelands, Hamburg Demonstrations, Peter Doherty and the Puta Madres, The Fantasy Life of Poetry and Crime und dem aktuellen (wie auffallend erfolgreichen) Album: Felt better alive. Das im Herbst 2025 veröffentlichte aktuelle Album stellt mit 6 Titeln den Grundstock des Abends, leider bleibt Poca Mahoney’s ungespielt.
Insgesamt orientiert sich der in Frankreich lebende Brite eher in der Vergangenheit, spielt jeweils drei Titel der legendären Debütalben der Babyshambles wie auch als Solokünstler, welche nach der Auflösung seiner Vorzeigeband The Libertines erschienen – 2005 und 2009. Das erste Babyshambles-Album feierte zuletzt 20jähriges Jubiläum – Doherty gehört nunmehr schon zur Rockhistorie und vielleicht wirklich zur letzten Rockgeneration. Doch gerade als Solo-Künstler tritt er als nachdenklicher Bohemian, Barmusiker, Hintergrundmusiker oder poetischer Chansonnier auf. Ganz egal wie man diese feinen, sprachlich komplexen, metaphernreichen und zu Teilen auch impulsiv-rockigen Kompositionen einordnen möchte, sie sind vor allem eines: authentisch. Und genau so ist auch Dohertys Auftreten, wenn er die eigenen Strukturen unterläuft, andere Texte singt, die Band vier Takte mehr Intro spielen lässt, mit den Melodieverläufen experimentiert und auf die Situation reagiert: also musikalisch gesprochen improvisiert. So wird jeder Abend besonders anders – und jeder Konzertbesuch wahrhaft einzigartig, trotz vergleichbaren Setlists auf den verschiedenen Stationen der European Tour 2025/6.
Beim Einstieg mit Last of the english roses (und damit mit einem Kalssiker) sind Band und Gesang noch etwas asynchron, aber abgesehen von den bleibenden Rückkopplungen grooven sich die beiden Gitarristen, der Bassist, der Drummer und die sporadisch hinzutretende Trompete wie das Keyboard langsam ein. Leider ist man dieses Mal ohne Violinistin unterwegs, welche beim Konzert im Den Atelier in Luxemburg im März 2017 noch mit an Bord war und gerade den Titel des etwas folkigen Albums Hamburg Demonstrations wie dem ersten Album mit den (damals noch nicht so firmierten) Puta Madres das gewisse Etwas gab. Immerhin ist dem Leadsänger Jack Jones als Gitarrist über all die Jahre treu geblieben. Etwas indifferent bleibt der Sound dennoch, insbesondere bei Who‘s been having you over bleibt der kennzeichnende Klang der Orgel etwas im Hintergrund gefangen. Die Ruhe vieler Doherty-Solotitel rückt hier in den Hintergrund einer mitreißenden Show mit wunderbar miteinander schrammelnden Gitarren, wuchtigen Rhythmen und viel Energie. Doherty fungiert ausschließlich als Sänger, die Gitarre verirrt sich nur für wenige Akkorde in seine Hände. Das mag schade sein, andererseits singt er so klar, sicher und vollständig wie selten in den letzten Jahren. Der poetischste Abschnitt des Konzertes ist die zentral gesetzte Liedfolge Fantasy life of poetry and crime, I’m the rain (inklusive freier Textarbeit über die Ohs seiner Mitsänger), Pot of Gold - sein ruppiges Wiegenlied für die (vermutlich Backstage zu sehende) Tochter – und The day the baron died (eine Fortführung des Libertines-Songs Baron’s Claw). Letzterer Titel klingt mit akustischer Gitarre und Sologesang aus. Mit Salomé wird das Publikum dann wieder ganz wachgerüttelt und in die zweite Hälfte des rasch verfliegenden Programms geführt.
Natürlich bleibt Doherty sich treu und „interpretiert“ die Songs neu – womit man wieder bei dem ausgelutschten Begriff der „Authentizität“ und „Bühnenpräsenz“ angelangt ist. Aber treffender lässt sich dieser Auftritt nun mal nicht bezeichnen. Doherty ganz solo im Pub wäre das eigentliche Ideal, um diese Stimmung in Perfektion zu erleben. Aber in dieser Großbesetzung ist es (wieder) ein rauschendes Fest in Wiesbaden. Dazwischen versteigert die Hauptperson des Abends ein Bild, trägt einen deutschen Text spontan vor und lässt sich vom Publikum grammatikalisch inkorrektes Deutsch beibringen. Die Ansagen bleiben sporadisch und besonders das Lamento über das fehlende Meer im „schönen“, „historischen“ Wiesbaden im Gedächtnis. Um 22:30 Uhr fällt der letzte Ton und die Scheinwerfer bleiben endgültig aus. Die gut gefüllte, aber nicht annähernd ausverkaufte Halle leert sich langsam, am Merch-Stand lassen es sich die Spangles nicht nehmen sich weiter um die Zuhörer zu kümmern und die Schlangen bei den T-Shirts bleiben bestehen. Eine kleine handfeste Erinnerung ist bei einem guten Live-Konzert ein Muss – aber im Gedächtnis sollte dieser rundum gute Eindruck von Peter Doherty und seinen Mitmusiker*innen auch ohne diese Stütze bleiben. Vielleicht verirrt er sich ja in nächster Zeit mit den Babyshambles nach Wiesbaden – es wäre nicht der erste Auftritt in dieser wunderbar passenden Location.
Nun noch die Setlist:
Last of the english roses
Killamangiro (Babyshambles)
I don’t love anyone (but you’re not just anyone)
Felt better alive
Ed Belly
Fantasy life of poetry and crime
I’m the rain
Pot of Gold
The day the baron died
Salomé
Uncle Brian’s Abattoir (Trampolene)
Calvados
Kolly Kibber
Someone else to be
Stade of Océan
Serenity
Who’s been having you over
Time for heroes (The Libertines)
Fuck forever (Babyshambles)
Zugabe: There is a light that never goes out (The Smiths)
Verfilmung einer Fiktion: Hamnet von Chloé Zhao
Eine dritte Romanverfilmung, welche nunmehr im Kino zu erleben ist, ist Hamnet, inszeniert von Oscar-Gewinnerin Chloé Zhao (Nomadland) und coproduziert von u.a. Sam Mendes und Steven Spielberg. Maggie O’Farrells gleichnamiger Roman aus dem Jahr 2020 beschäftigt sich mit William Shakespeares Familie und besonders mit dem Tod seines Sohnes Hamnet sowie der Verarbeitung seines plötzlichen Ablebens. Doch die historische Figur Shakespeare tritt hier an die Seite seiner Gattin, der unkonventionellen, über ihre Existenz in allen Bereichen selbst bestimmenden, Waldfrau Agnes. Der Name „William Shakespeare“ fällt erstmals am Ende, wenn Agnes und ihr Bruder in London nach dem Aufenthaltsort des Dichters fragen. Zuvor ist er nur der Hauslehrer und Gehilfe eines prügelnden Vaters, später Familienvater und (gemessen an den größer werdenden Häusern) erfolgreicher Künstler – in London, fernab seiner Frau und den drei Kindern. Was genau er dort tut und wann er vom Handschuhe herstellen für die Truppe zum Autoren wird bleibt auch im Film unklar. Aufgrund der mangelhaften Quellenlage rund um Shakespeares Anfangsjahre in London (und diese Lücke betrifft auch die Beziehung zu seiner Ehefrau sowie deren Charakter) bietet diese Fokussierung sowohl der Autorin als auch der Regisseurin viel Raum zur Spekulation und Verarbeitung von Motiven aus Shakespeares Werk in einer fiktiven Paar-Biografie.
Zhao begleitet Agnes und William von ihrem Kennenlernen über ihre heimliche Liebe und die zwingende Ehe (aufgrund einer Schwangerschaft) inklusive sehr naturalistischen Eindrücken der Geburt der Kinder bis hin zu den ersten räumlichen und letztlich auch emotionalen Entfernung der beiden Partner voneinander. Dabei entsendet Agnes ihren Gatten selbst in die Großstadt, weil sie ihn auf dem Lande in der Enge dieser kleinen Welt zerbrechen sieht und nimmt in Kauf, ihn langfristig zu verlieren. Vieles an dieser Beziehung ist unkonventionell: Agnes hat den Ruf eine Hexe zu sein und lebt ein freies Leben mit der Natur. Angeblich kann sie die Zukunft ihres Gegenübers durch Körperkontakt sehen, aber dies lässt sich auch mit guter Intuition und Menschenkenntnis erklären. William fühlt sich von diesem wilden Wesen angezogen und verhält sich recht aufdringlich, um sie für sich zu gewinnen. Er ist wiederum nicht gewillt das Familiengewerbe fortzuführen und schlägt sich die Nächte beim Verfassen von aus seiner Sicht wertlosen Arbeiten um die Ohren – als Lehrmeister für Latein taugt er kaum. Dennoch wird die Arbeit mit Sprache – entgegen allen drohenden Voraussagen des Vaters - sein Weg aus der Enge seiner Familie und aus dem Gewaltbereich seines Vaters sein. Die Beziehung der beiden jungen Verliebten wird weder von der Stiefmutter von Agnes noch von der Familie Williams gutgeheißen. Die Sturköpfe aber setzen sich gegen alle Widrigkeiten durch und leben ein karges, aber zunächst von Liebe erfülltes Leben. Einzig Agnes Bruder und die Mutter Williams entwickeln sich im Laufe der Zeit zu Unterstützern dieses Haushaltes zwischen Großstadt und Landidylle. Die Pest und der Tod des vermeintlich stärkeren ihrer Zwillinge zerbrechen diese Verbindung zeitweilig, aber mit Agnes Besuch der Tragödie Hamlet und ihrer Begegnung mit William als Geist des verstorbenen Königs im Zwiegespräch mit dem jungen Prinzen Hamlet auf der Bühne sollten die beiden verschiedenen Trauerpfade sie wieder zusammengeführt haben. Die finale Szene ist die Aufführung von Hamlet – leider nur in Auszügen, denn diese publikumsnahe Inszenierung vor einer gezeichneten Waldkulisse macht Freude und verleiht den mit komplexen Querverweisen verzierten Dialogen eine Echtheit und emotionale Konkretheit, wie sie das bloße Lesen des Stückes leider nicht leisten kann.
Jessie Buckley und Paul Mescal verkörpern ihre in unterschiedlicher Weise kantigen Charaktere mit viel Stimm- und Körpereinsatz, insbesondere Buckley wird derzeit auf diversen Festivals und Preisvergaben für ihre Leistung belohnt. Insbesondere die beiden Geburtsszenen prägen sich langfristig im Gedächtnis der Zuschauenden ein. Sie spielt eine starke und zugleich von den Realitäten ihrer Zeit eingeschränkte Frau. Sie bleibt aber in jedem Augenblick sie selbst, eine Leistung wie sie nicht hoch genug zu würdigen ist. Paul Mescal wiederum verbindet in höchst dramatischer Darstellung den vielfach heroisierten Poeten Shakespeare mit dem sozial nur eingeschränkt zur Interaktion fähigen Einzelgänger und hebt dabei die Menschlichkeit, Unsicherheit und Unzulänglichkeit dieser von vielen Mythen umgegeben historischen Künstlergestalt hervor. Neben diesen darstellerischen Glanzleistungen ist es besonders Zhaos moderate historische Angleichung von Szenenbild und Sprache, welche den beiden Darstellern genug Raum zur natürlichen Entfaltung lassen und ihre Glaubwürdigkeit wahrt.
Die opulenten und zugleich äußerst natürlich scheinenden Aufnahmen von Naturlandschaften sind ein Markenzeichen der Regisseurin, welche diese Weiten in einmaliger Weise abzubilden weiß. Die naturgebundenen grünen, braunen und rostroten Farbtöne bestimmen die Garderobe von Agnes, während ihr vergeistigter Gatte in künstlich wirkenden Blautönen eingekleidet wird. diese farblichen Metaphern passen zu den Naturaufnahmen im dichten Wald, durchsetzt mit beängstigend dunklen Höhlen und übertretenden Flüssen. Die riesigen Bäume am Anfang des Films und die gezeichnete Baumkulisse bei der abschließenden Aufführung schlagen eine ästhetische Brücke zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Charakteren und die bewusste Bildgestaltung zahlt sich nicht nur in diesen Momenten aus. Chloé Zhao hat neben der Regie auch zu Drehbuch und Schnitt beigetragen und diese umfassenden Kontrolle ermöglicht dieses vollkommen scheinende Konstrukt. Einzig die Musik von Max Richter scheint gegen Ende den dramatischen Charakter unnötigerweise betonen zu wollen. Die Dramatik dieses Verlustes für die gesamte Familie braucht diese dicke Orchestrierung aber gar nicht um zu rühren und mitleiden zu lassen.
Dennoch sind sowohl Chloé Zhao (für Regie, Drehbuch und Szenenbild) als auch Jessie Buckley, Max Richter, das Kostüm-Team und die Casting-Verantwortlichen für die diesjährigen Oscars nominiert worden. Diese Nominierung zeigt auch, dass diese Spekulation über das Leben von William Shakespeares Gattin in erster Linie Unterhaltung ist und keine Lehrstunde über historische Ereignisse. Aber als Großinszenierung einer äußerst ergreifenden und von erstaunlicher Gleichberechtigung bestimmten Liebes-Partnerschaft inmitten einer grausamen Zeit ist Zhaos Werk auffallend ästhetisch und zugleich punktuell auch auffallend karg inszeniert. Ihre Kulissen wirken stets wie auf einer Theaterbühne und die nimmt der Theaterbühne im Stück selbst keineswegs seine Wirkung. (Und fühlt man sich nicht spätestens hier an Szenen des Sommernachtstraums erinnert?) Das Leben Shakespeares wird in knapp zwei Stunden als Tragödie mit optionaler Trendwende inszeniert und bildet darin Höhen und Tiefen eines außergewöhnlichen - und erfundenen Leben - ab. Dabei ergreifen die universellen Gefühle von Liebe, Unsicherheit, Hass, Trauer und Wut auch die mehrere Jahrhunderte später in gänzlich veränderter Realität lebenden Menschen im Kino. Daraus resultiert die Stärke von Shakespeares Werken - und auch dieser Lebensdarstellung.
Ein wahres Drama für die Bretter die die Welt bedeuten. Dies scheint doch ganz klar in Shakespeares Sinne zu sein.
Literatur auf der Leinwand – vom Klassiker bis zum Jugendphänomen
Derzeit lassen sich zwei Literaturverfilmungen im Kino erleben, welche zu vergleichen beinahe infam scheint – und welche hier auch nicht als Vergleichsgegenstände verstanden werden sollen. Die Kombination entsteht eher zufällig aus Kinobesuchen in willkürlich gewählter Reihenfolge. Der Fremde und Die drei Fragezeichen: Toteninsel, ein Klassiker der französischen Weltliteratur und eine klassische Jubiläumsfolge einer Kinderserie – wobei die Zuschauer hier eher die Kinder aus ferner Vergangenheit sind – die ihre Kinder nun mit ins Kino schleppen und gewisse Proteste wegen Aufregung und Grusel in Kauf nehmen. Mit Blick auf die anlaufende Oscar-Saison stehen beide Produktionen sicher nicht so im Fokus, aber das schmälert nicht ihre Qualität, bekräftigt sie vielleicht sogar in einer Saison, in welcher ein Horrorfilm mit 16 Oscarnominierungen auf Platz 1 der Favoritenliste steht. Gleich vor einem Actionfilm mit absurden Momenten nach Thomas Pynchon, gespielt von einem überzeugend bekifft auftretenden Leonardo DiCaprio und einer opulenten Shakespeare-Roman-Verfilmung mit Paul Mescal und Jessie Buckley. Der Fremde ist echtes Arthaus-Kino und Die Toteninsel ist in erster Linie ein Fanprojekt. Beide Aufgaben bringen aber eine große Verantwortung für die Verantwortlichen mit sich – gegenüber all den kundigen Lesern von Weltliteratur und erwachsen gewordenen Kassettenkinder.
Ausnahmeregisseur François Ozon hat sich an das existentialistische Grundwerk Der Fremde von Albert Camus gewagt und daraus eine in schwarz-weiß gedrehte Bildkomposition geschaffen, welche in jedem Moment die Qualität eines Gemäldes hat. Benjamin Voisin verkörpert den nihilistischen Protagonisten Meursalt, welcher antriebslos durch Algier flaniert, seiner Arbeit eher träge und ambitionslos nachkommt und bei der Beerdigung seiner Mutter emotional völlig unberührt erscheint. Den neben ihn zusammenbrechenden Verlobten der Verstorbenen scheint er gar nicht wahrzunehmen, er zieht weiter an seiner Zigarette und schläft anschließend bei der Bestattung zwischendurch ein. Ozon hatte Voisin bereits in Sommer 85‘ besetzt und ihn damit zu einem großen Erfolg verholfen. Von der Rolle des energiegeladenen und vor bezirzenden Reizen nur so sprühenden jungen Sehnsuchtsobjektes ist er nun weit entfernt. Die Rolle des kalten Nihilisten füllt der Schauspieler gekonnt aus, wobei Ozon jedes Details des Körpers und ganz besonders der Mimik seines Hauptdarstellers zu zeigen weiß. Rebecca Marder spielt seine Geliebte Marie, welche ihm bis zur letzten Sekunde ihr Herz schenkt – ohne eine entsprechende Reaktion von ihrem Partner zu erhalten. Liebe oder Hochzeit sind für ihn unerheblich und letztlich bedeutungslos, während sie sich von diesen Konventionen nicht lösen will (oder kann). Auch Marder hat vor drei Jahren schon einmal mit Francois Ozon in Mein fabelhaftes Verbrechen zusammengearbeitet. Dem Roman folgend erzählt Ozon in Rückblenden, wie es zu dem Mord an einem Araber durch Meursalt kam, zu welchem er vor Gericht steht und zum Tode verurteilt wird. Die emotionale Distanz des Täters zu seiner Tat und seine Aussagen vor Gericht vollenden seine nihilistischen Gedanken – und lassen seinen Tod seltsam zwingend und nicht tragisch erscheinen. Sein einziger Moment der emotionalen Überwältigung führt zu einem Mord, welchen er weder abstreitet noch als Tat bereut. Ozon macht eine entscheidende Veränderung gegenüber seiner Vorlage: er gibt dem getöteten Araber einen Namen und ein Grab, an welchem seine Schwester trauern kann.
Abgesehen von der durch die philosophische Tragweite komplexer werdende Handlung und dem Spiel des Ensembles sind die gemäldeartigen Aufnahmen der Weltstadt Algier, wo verschiedene Kulturen, Glaubensrichtungen und Sprachen aufeinandertreffen der beeindruckendste Aspekt des Films. Den Kolonialismus und seine Realität bringt Ozon in den Fokus - ohne das Thema in den Mittelpunkt zu stellen. Einzig durch Details in den Aufnahmen lässt sich dies erkennen. Wie in Frantz nutzt er die schwarz-weiße und damit eingeschränkte Farbgebung, um mimische und landschaftliche Details noch stärker zu zeigen und durch die Bildkomposition und das moderate Schnitttempo Einfluss auf die Wahrnehmung der Zuschauenden zu nehmen. Durch die vielen Szenen in der sonnigen Stadt und am Strand wird das weiß punktuell nahezu blendend und das Gefühl der Hitze überträgt sich erst nach Eingewöhnung in die Optik auf den Zuschauer. Eine gewisse Distanz und Künstlichkeit bleiben bestehen, aber das ist auch mit der grundlegenden nihilistischen Position des Erzählers (und entsprechend die des Regisseurs) zu vereinbaren. oder auch zu erklären. Den Abspann begleitet The Cure mit ihrer musikalischen Verarbeitung der Geschichte in Killing an Arab (1979).
Ein großes Gesamtkunstwerk, in welchem Francois Ozon – wie üblich – eine künstlerische Erzählung in ästhetisch anspruchsvolle Bilder zu kleiden und vorzugsweise mit Musik der 70er und 80er Jahre zu garnieren weiß. Bewusst eingesetzte Poplieder können im richtigen Kontext eine große Wirkung entfalten – und den Soundtrack emotional verstärken, statt ihn durch Überwältigung abzutöten (s. dazu Black Panther 2). Diese Gabe macht ihn zu einem modernen und zugleich altehrwürdig wirkenden Filmkünstler.
Kurzer Einschub:
Schwarz-Weiß-Kino konnte vergangene Woche auch auf dem Max Ophüls-Festival in Saarbrücken im in Europa erstmals gezeigten Eröffnungsfilm erlebt werden. Sie glauben an Engel, Herr Drowak? fällt aber neben der extravaganten Farbgebung auch durch die eigenwillige Kameraführung auf. Die auch hier herrschende nihilistische Weltsicht verbindet Nicolas Steiners Kunstwerk mit Ozons Camus-Adaption. Luna Wedler, Karl Markowics und Lars Eidinger spielen in dieser Welt ebenso große Rollen wie die beängstigenden Kulissen, die wilden Kamerafahrten und Perspektiven (unter anderem aus der Schreibmaschine heraus nach oben) und die lebensfrohe Musik aus den Federn von John Gürtler und Jan Miserre. Farbgebung wirkt sich nicht nur in der eigenen Wohnung auf die emotionale Wahrnehmung der Umgebung aus, auch bei der Betrachtung eines Kinofilms hat sie entscheidende Folgen für die Wahrnehmung der Bilder auf der Leinwand.
Tim Dünschede spielt sicher nicht in der Liga eines François Ozons und bedient sich eher mehr als weniger Farben, aber als Fan hinter dem Regie-Pult agiert er äußerst überzeugend. Nach Das Erbe des Drachen (2023) und Der Karpatenhund (2025) ist sein dritter Drei Fragezeichen-Streich nun seit Donnerstag offiziell im Kino (und auch als Hörspiel erhältlich – natürlich). Schon kurz nach Kinostart haben die drei Jungdarsteller einen vierten Teil mit ihnen angekündigt: Die drei Fragezeichen - Nacht in Angst wird in etwa einem Jahr, im Januar 2027, in die Kinos kommen und Tim Dünschede damit zum erfolgreichsten Regisseur aus dem Kosmos-Universum der Drei Fragezeichen – zumindest quantitativ betrachtet - werden. Die Vorlage erschien 1999 und gehört zu den beliebtesten Folgen der Reihe – und zu den Lieblingen der Sprecher Andreas Fröhlich und Oliver Rohrbeck. Damit setzt Dünschede seinen zuletzt beschrittenen Weg fort. Nach einem neu geschriebenen Fall zum Auftakt hat er sich sukzessive besonders beliebten bzw. prestigeträchtigen Fällen gewidmet: einem Klassiker (Karpatenhund) und der ersten großen dreiteiligen Jubiläumsfolge Nummer 100 (Toteninsel). [Ab dann wurden alle 25 Folgen ein Sonderfall gefeiert (Feuermond, Geisterbucht, Schattenwelt, Feuriges Auge) und in 12 Folgen wird mit Nummer 250 wieder eine solche Folge erscheinen.]
Nach einem Ausflug zu einem Filmset in Transsylvanien und einem Einsatz in einer Wohnanlage in Rocky Beach verschlägt es die drei Ermittler (entgegen ihrer Urlaubsplanung) nach Mikronesien, auf eine gefürchtete "Toteninsel" und mitten in die Machenschaften einer Geheimorganisation – der Sphinx, einem archäologischen Geheimbund mit dem Lebensstil eines Indiana Jones (woran nicht nur die Eröffnungsszene erinnert). Justus stürzt sich begeistert in die Ermittlungsarbeit, Peter wehrt sich entschieden - aber erfolglos um dann auf ein Schiff voller Kriminelle zu geraten und Bob entpuppt sich als eine ungeahnte Geheimwaffe – ebenso wie seine neue Rollstuhl-Freundin, die Hackerin Yelena. Der Verweis auf Indiana Jones ist vielfach angebracht. Abgesehen vom Intro der Produktion lässt sich der Regisseur bei den Abenteuerszenen im Dschungel immer wieder von diesen Bildern leiten – auch wenn der Dschungel punktuell doch frappant nach Studioaufbau aussieht. Doch das ist unerheblich, handelt es sich doch um ein Werk der Fiktion und somit soll die Vorstellungskraft des Zuschauers dennoch ein bisschen mitspielen. Die Auflösung des zunächst übergroß scheinenden Abenteuers ist für den erwachsenen Zuschauer eventuell etwas vereinfacht (gegenüber der Hörspielvorlage) aber bietet dennoch alles, was ein guter Kinderfilm braucht: Spannung, Witz und konsequente Figurengestaltung.
Das Trio überzeugt beim dritten Auftritt auch als Gruppe mehr als zuvor und die enge Freundschaft wird mit jedem Teil glaubhafter – dennoch scheinen die Kollegen von Peter äußerst zuversichtlich, als er auf einem Schiff mit Kriminellen ins Ungewisse fährt. Die inhaltlichen Fügungen gegen Ende nehmen schicksalhaft gesteuerte Züge an, aber all diese Mängel sind Wahrnehmungen eines erwachsenen Zuschauers und Hörers von einer Vielzahl der Hörspiele, deren Mechanismen irgendwann doch offensichtlich werden. Dennoch ist der Kinobesuch in diesem Fall lohnenswert – für neue, alte und graduell in ihrer Begeisterung variierende Fans der Reihe – und auch für Kinder, mit Spaß am Abenteuer und Interesse an der Ermittlungsarbeit von den Erwachsenen in wesentlichen überlegenen Jung-Detektiven. Wer den größten Zuschauer-Anteil ausmachen wird ist noch fraglich...
Er lebte in einem feindlichen Land, kannte seinen Feind besser als sich selbst und war sich nur als Feind seines Feindes Freund. Er musste immer wieder aus der Haut fahren, in die Haut eines anderen, unter der er nicht bleiben konnte. Immer das Glück ein kurzes Glück. Immer der Schweiß getrocknet nach der Hitze. Er lebte und liebte immer in Feindesland.
Albert Ostermaier: die liebe geht weiter. roman mit pasolini (S. 113)