Eine Party zum Aufladen des (politischen bis menschlichen) "Hoffnungsakkus" - Kraftklub in der Rokhal
Auf dem Weg nach Luxemburg stellen sich Reisende unterwegs zur Rokhal in Esch-Alzette stetig die Frage: fahren die anderen Autos mit deutschem Kennzeichen wohl auch zum Kraftklub-Konzert? Die Wahrscheinlichkeit ist bei einem ausverkauften Konzert in der großen Halle des kleinen Rock-Mekkas nahe der Universität gar nicht so gering. Die große Erkenntnis dabei ist, dass gar nicht so viele Fahrer*Innen rein nach dem Aussehen, Alter oder Geschlecht als potenzielle Hörer der Gruppe ausgeschlossen werden können. Eine irgendwo beruhigende Nachricht angesichts aktueller Wahlergebnisse und eine Bestätigung des Inhalts einiger der Songs der Gruppe, beispielsweise Vierter September (Kargo) zum Thema Bubbles die sich selbst vermitteln man sei doch nicht allein mit seinen Meinungen und Halts Maul und spiel (Sterben in Karl-Marx-Stadt), wo die ketzerische Frage gestellt wird ob eventuell nicht auch im eigenen Publikum unangenehme Personen anzutreffen sind. Felix Kummer überprüft die „Qualität“ des Publikums bei diesem Konzert höchstselbst und wandert von Kameras begleitet einmal von hinten (Startpunkt Merchstand, Zwischenetappe bei den Tontechnikern) nach vorne durch das eng gedrängte Publikum und gemeinsam mit seinem Bruder einmal rappend rund um in luftiger Höhe. „Kundennähe“ ist hier das oberste Gebot.
Am Freitag, den 13. März boten die vier Chemnitzer ein mehr als zwei Stunden dauerndes Konzert (20:50 - 23:05 Uhr). Kern ist das neue Album Sterben in Karl-Marx-Stadt, zehn der elf Einzeltitel werden gespielt und von den Fan-Lieblingen Ich will nicht nach Berlin, Komm fahr mit mir, Kein Liebeslied, Chemie Chemie Ya, Ein Song reicht, Songs für Liam und natürlich dem bekanntesten Titel Drei Schüsse in die Luft (angekündigt mit "holt die Pistolen raus") sowie dem Live-Original Randale durchbrochen. Weitere „Unterbrechungen“ fabriziert Frontmann Felix Kummer mit unterhaltsamen Kommentaren zu „Äußerungen aus dem Publikum“ und der Verkündung großer Hoffnung in die Sangeskünste des Publikums: [sinngemäß zitiert] „Ihr könnt mehr als döf dö. Ich denke ihr könnt anspruchsvollere Silben, vielleicht sogar Worte – Sätze und vielleicht sogar ganze Strophen“. Berechtigte Hoffnungen, denn die Tausenden im Publikum können die erste Strophe von Chemie Chemie Ya vollständig vortragen - zu so vielen eine ehrlicherweise einfache Aufgabe. Bemerkungen zu der Steuerpolitik und dem Reichtum in Luxemburg kann sich der Leadsänger nicht verkneifen, ausgleichend schwärmt er von den kostenlosen Öffis und der Multikulturalität und Offenheit im mehrsprachigen, internationalen Land nahe der deutschen Grenze. Aber er kann auch kindisch... Der Ritt auf einer riesigen Zigarette, getragen vom Publikum, klingt nicht nur nach sondern ist der pubertärste Moment des Abends. „Ich hatte mir das chilliger vorgestellt“ ist der letzte Kommentar zum eigenen beinahe angstverzerrten Gesicht beider Brüder beim Festklammern an der Riesen-Badenudel in Zigarettenform.
Ansonsten erinnern die Ansagen erschreckend häufig an Annenmaykantereit - eine auf dem Papier viel sanftere Band. Gebt Acht aufeinander, ein Hinweis auf das Awareness-Team, Verweis auf die nahenden Sanitäter im Publikum, Hinweis auf beruhigtere Flächen bei Engegefühlen und die persönliche Ansage der Vorband inklusive persönlicher Geschichte der Band Kraftklub, als Vorband für diverse bekannte deutsche Bands. Felix Kummers Gestus und Agitationsfähigkeit allerdings erinnern dann doch an den dauerhaften (und zuletzt scherzhaft gewordenen) Vergleiche mit den Hives und insbesondere deren Frontmann Pelle Almqvist. Am einprägsamsten bleibt das Dirigieren des Publikums von links nach rechts bei So rechts, das Ausleuchten des Raumes von der Mittelbühne verknüpft mit der Aufforderung die Arme nach oben zu heben - wenn der Lichtstrahl einen erreicht und das minutenlange Singen des Refrains von Schief in jedem Chor, welches ebenfalls vom kundigen Dirigenten angeleitet wird. Obwohl hier am Ende der Rhythmus und das Tempo etwas auseinanderbricht dürfen sich die Sänger*Innen für eine gute und überzeugende Leistung auf die Schultern klopfen - und so schief geriet es gar nicht.
Was in jedem Fall geboten wird, ist eine gute Show. Nach der Einstimmung durch die Girl-Band Lovehead, welche ihr Set mit dem Titel Erdnussallergie (passend zum Text in All die schönen Worte) beschließt braucht es nur eine kurze Umbaupause, bevor die gigantisch großen Lettern des Albumtitels sich herabsenken – auf dem Mischpult des Tontechnikers erstrahlt das Albumcover schon beim schwungvollen Entfernen der Schutzfolie während die Vorband noch spielt. Es folgen 24 Titel (inkl. einer Coverversion gemeinsam mit den Loveheads) und um 23:05 Uhr beginnt das Publikum aus der Halle zu tanzen. Beim ersten Song – Marlboro Mann – fliegt Konfetti ins Publikum und beim letzten Titel - Songs für Liam - sind es dann noch Luftschlangen. Das Set wird beendet mit einem utopischen Titel – mit nur einem Kuss hätten doch so viele vermeidbare Katastrophen verhindert werden können. Wenn das nur so einfach wäre… Auch das Drehen des berühmten Glücksrades um einen „alten“ Titel für das Programm zufällig auszuwählen, wird zur Zirkusnummer, schieben wäre hier der richtige Begriff. Das Wunschlied Irgendeine Nummer ist damit unumgänglich.
Das lautstarke Quintett nutzt die Halle in den zwei Stunden Programm voll aus. Von Hauptbühne zur Vorbühne einmal rundum über die Techniktribüne am Hallenrand und mittendurch das Publikum – sowie vom Publikum getragen im Kreis durch die vordere Hälfte des Raumes. Jeder hat die Chance einen näheren Blick auf die Band zu erhaschen, selbst die Kleineren im Publikum. Der Parcours durch das Publikum scheint allen dabei Spaß und keine Angst zu machen – Massenveranstaltungen fordern schon viel von ihren Akteuren und besonders viel Vertrauen in die Zurechnungsfähigkeit des Publikums – nicht nur beim Stagediving. Felix Kummer füllt etwaige Lücken des dichten Programms mit viel Gespräch das zwischen Unsinn, Ermutigung und wichtigen Statements changiert. Das Publikum hat er stets ganz bei sich, obwohl im Live-Moment besonders deutlich wird, dass sein Bruder am Bass entschieden mehr singt als der „Kopf“ der Band. Bis auf einen etwas ruppigen Ausklang (mit stark neben dem Takt klatschenden Publikum) halten die vier Musiker den bombastischen Apparat gut zusammen. Und Titel wie Fahr mit mir und Fallen in Liebe sind ohne die Gastmusiker von Tokyo Hotel und Nina Chuba besser als in der Originalversion (aber das ist natürlich Geschmacksache).
Die melancholischen und rein ironischen Momente der musikalisch austauschbaren Songs, welche zudem auch rhythmisch sehr gleichartig bleiben, fallen in der Partystimmung etwas unter den Tisch. Die nostalgische Stimmung der Texte des aktuellen Albums allerdings bleiben trotz Clubatmosphäre und dröhnendem Bass (gerade von der Mittelbühne) erhalten. Das scheinbare Memento Mori-Album ist aber auch eine Feier des Lebens, ein Carpe Diem-Set mit "bisschen Gesellschaftskritik und ein paar frischen Emotionen" (vgl. Selbstkritik in Vierter September). Die zentralen Statements des Abends sind ein Nein gegen Nationalismus, Grenzen und Nazis – die Antifa-Flagge im Publikum und die „Nazis raus“-Rufe aus dem Publikum kommentiert der Frontmann mit Dank im Namen vieler seiner Bekannter Zuhause. Diese Aussagen mögen wie Chiffren erscheinen, wie die Bestätigung ganz normaler Grundsätze in der Rockmusik und der Hörergemeinschaft dieser sterbenden Musikrichtung, aber die Chemnitzer-Band trägt ihre leider vielerorts nicht mehr als Standard anzunehmende Botschaft damit klar vor und arbeitet aktiv gegen das Bild des Westens von ihrer Heimat an – denn ein Land „mit Heimatministerium kann niemals meine Heimat sein“.
Ganz nebenbei haben die Band und das Publikum an diesem langen Abend Spaß bis zum Schluss – und am nächsten Tag raue Stimmen nach zwei Stunden mitgrölen. Und man hat das Gefühl, dass die Menschen vielleicht doch gar nicht so schlimm sind… Am Ende bleibt es dann doch nur ein Konzert- aber für den Moment ist man wahrlich nicht allein. Die Energie bleibt für einige Tage zurück. Das Schlusswort hier soll bei Kraftklub bleiben, welche diese großen Gefühle in Vierter September ganz auf den Punkt gebracht haben:
Und dann blickst du in die Menge und bist doch ergriffen
Scheiß Hybris: Bestätigung, Applaus ist schön
Doch was bleibt übrig, nachdem wir nach Hause geh'n?
Es lässt sich ganz bequem da draußen steh'n
Vor abertausend, die das alles ganz genau so seh'n
Zweifel weicht der Eitelkeit
Ich mein, "Wer weiß, vielleicht haben wir gemeinsam wirklich was erreicht."
Doch am vierten September
Fahr'n die Züge wieder regulär
Und nichts hat sich verändert
Am vierten September
Ist der Himmel blau, die Sonne scheint
Und nichts hat sich verändert
Aber ich bin nicht allein (…)
Setliste:
Hauptbühne:
1. Marlboro Mann
2. Ein letztes Mal
3. All die schönen Worte
4. Ich will nicht nach Berlin
5. Komm fahr mit mir
6. Kippenautomat
7. So rechts
8. Unsterblich sein
9. Halt’s Maul und spiel
10. I Love it - Cover gemeinsam mit Lovehead
11. Wie ich
12. Zeit aus dem Fenster
Mittelbühne:
13. Kein Liebeslied
14. Schief in jedem Chor
Hauptbühne:
15. Chemie Chemie
16. Blaues Licht
17. Glücksrad: Irgendeine Nummer
18. Fallen in Liebe
19. Schüsse in die Luft
20. Randale
Tribünen:
21. 500 K
Hauptbühne:
22. Wenn ich tot bin fang ich wieder an mit Rauchen
23. Ein Song reicht
24. Songs für Liam