"Klare Worte sind das Licht des menschliches Geistes," doziert es vom anderen Ende der Werkstatt, wo es sich Thomas Hobbes gerade auf einem Schemel bequem gemacht hat.
"Halt' die Klappe, Du bist seit 400 Jahren tot," erwidere ich ihm.
"342. Es sind 342 Jahre," korrigiert er mich, "außerdem habe ich Deine Seminararbeit über mich gelesen. Die eine Hälfte meiner Gedanken hast Du falsch verstanden und die andere Hälfte gar nicht."
Ich schaue etwas unschlüssig zwischen ihm und dem halb auseinandergelegten Leerlaufregler in meiner Hand hin und her. "Was ist an Deiner Vorstellung vom Staat als einer unerbittlicher Maschinerie schon falsch zu verstehen? Ein Leviathan, dem sich die Menschen freiwillig ausliefern, ihrer Sicherheit willen. Darum ging es Dir doch im Kern, oder?"
"Und? Habe ich denn so falsch gelegen?", lächelt er, "Deine Zeitgenossen haben offenbar nichts dringender zu tun, als vom Staat immer mehr Regeln und Einschränkungen zu fordern. Du mit Deinen Feuerpferden stehst übrigens ganz oben auf der Verbotsliste."
Eins zu Null für den toten Philosophen. Ich beschließe, das Thema zu wechseln. "Du tauchst hier plötzlich auf und schwadronierst von klaren Worten. Was willst Du eigentlich?"
Er öffnet die seine Weste und kratzt sich am Bauch. "Ihr verlernt das Denken, darum geht es mir."
"Du steigst also vom Olymp der Philosophen in meine Garage herab, weil Du Social Media blöd findest? Echt?"
"Du hast es wieder einmal nicht verstanden. Es geht um die Worte. Man nimmt Euch die Worte und pflanzt Euch neue in Eure Köpfe ein. Und wer die Sprache bestimmt, der bestimmt das Denken."
"Wer die Sprache bestimmt? Ist doch klar, wer das ist, Digger: Haftbefehl und Kollegah sind das," ulke ich und bin schon halb wieder bei meinem Leerlaufregler.
"Denken funktioniert mit Worten," sagt er, "außer, Du bist Mathematiker. Dann sind es Zahlen. Stell' Dir vor, man würde der Mathematik keine Zahlen größer als 9 geben."
"Nette Vorstellung," erwidere ich, "dann hätte es bei mir vielleicht sogar für eine drei in Mathe gereicht."
"Typischer Fall von Selbstüberschätzung. Lass' es mich anders erklären. Dieses Ding da … "
"… hat eine funktionale Herausforderung."
"Was? Nein, er ist kaputt."
"Brav. Du nennst es beim Namen: Kaputt. Damit ist also ziemlich klar, was Du damit machen musst."
"Reparieren oder wegschmeißen."
"Genau. Klare Worte, klare Gedanken."
Und unklare Worte, neblige Gedanken, wird mir klar. Wenn beispielsweise ein Problem eine Herausforderung sein muss und nicht ein Problem, dann ist es verdammt schwer, so etwas wie "unlösbare Probleme" überhaupt zu denken. Problembär, Angstbürger, finaler Rettungsschuss, mir fängt der Kopf zu schwirren an.
"Irgendjemand dreht also an den Worten und damit an meinem Denken. Deutschrapper stecken da aber wohl nicht dahinter, oder?"
"Nein, die haben keine Manipulation im Sinn. Aber wer ist es dann, hm? Alle, die meinen, Dich in ihrem Sinne beeinflussen zu müssen. Und zwar, ohne, dass Du es merkst."
Hobbes lacht. "Ja, die auch. Wen, glaubst Du, meint Sie, wenn Sie sagt, 'wir müssten mal wieder die Küche streichen'?"
"Mich natürlich. Aber im Ernst: Ich glaube, jetzt habe ich verstanden, was Du meinst. Wenn man den Menschen bestimmte Begriffe wegnimmt und sie durch andere ersetzt, dann lenkt man das Denken in die Richtung, die man will."
Unsere Ohren sind immer auf Empfang für irgendwelche Botschaften, auch für solche, die Dir das Denken verdrehen. Mir wird ganz übel bei dem Gedanken. Als ich aufblicke, ist Hobbes weg. Den kaputten Leerlaufregler habe ich immer noch in der Hand.
Machen ständig Probleme, die Teile. Hab' deshalb immer einen Ersatz im Regal. Klare Sache.