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Prof. Dr. Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, über das vielleicht Vernünftigst...
In gewisser Hinsicht sind meine Nicht-Orte Räume in Räumen. Die Bergung aus den äußeren Randzonen führt uns zum Mittelpunkt zurück ... Der Maßstab zwischen drinnen und draußen, und wie diese zwei nicht zu überbrücken sind ... Womit man an einem Nicht-Ort wirklich konfrontiert wird, ist die Abwesenheit des Ortes. Das heißt, es ist eine Verkleinerung, keine Vergrößerung des Maßstabs. Man ist mit einer sehr massigen, schweren Abwesenheit konfrontiert. Was ich gemacht habe: Ich habe mich in die Randgebiete begeben, habe einen Punkt ausgesucht und einige Rohmaterialien gesammelt. Zur Herstellung der Arbeit gehört tatsächlich das Sammeln. Der Behälter ist die Grenze, die im Innenraum existiert, nachdem ich von den Rändern zurückgekehrt bin. Es gibt eine Dialektik zwischen innen und außen, geschlossen und offen, Zentrum und Peripherie. es geht immer weiter und mutiert ständig in diese endlose Dopplung, so daß ein Nicht-Ort als Spiegel fungiert und der Ort als Reflexion. Existenz wird zur zweifelhaften Angelegenheit. Man steht einer Nichtwelt gegenüber - oder dem, was ich einen Nicht-Ort nenne. Das Problem ist, daß man sich ihm nur unter seiner eigenen Negation nähern kann, so daß es einen mit dem sehr rohen Material allein läßt, das nicht einmal zu existieren scheint ... Man ist mit etwas Unerklärlichem konfrontiert, da gibt es nichts mehr auszudrücken.
Robert Smithson, Fragmente eines Interviews mit P.A. [Patsy] Norvell (1969), in: Schmidt, Eva und Vöckler, Kai (Hg.), Robert Smithson. Gesammelte Schriften, Walther König, Köln 2000, S. 231.
Die Erdoberfläche und die Erfindungen des Bewußtseins neigen dazu, in separate Regionen der Kunst zu zerfallen. Verschiedene fiktionale und reale Faktoren tauschen irgendwie die Plätze - wenn es um Erdprojekte oder, wie ich sie nennen möchte, "abstrakte Geologie" geht, läßt sich eine Trübung des Denkens nicht vermeiden. Die Erde und das menschliche Bewußtsein werden unablässig erodiert, Gedankenströme tragen abstrakte Dämme ab, Gehirnwellen unterspülen Denkklippen, Ideen verwittern zu Steinen des Nichtwissens, und konzeptuelle Kristallisierungen zerfallen zu Ablagerungen sandiger Vernunft. In diesem geologischen Miasma werden enorme Bewegungskräfte freigesetzt, und sie bewegen sich in höchst physikalischer Weise. Ihre Bewegung scheint reglos, doch sie erdrückt die Landschaft der Logik unter glazialen Phantasien. Dieses langsame Fließen macht einem die Trübheit des Denkens bewußt. Im brüchigen Bannkreis des Gehirns lösen sich Steinschläge, Erdrutsche, Lawinen. Der gesamte Körper wird ins Hirnsediment gezogen, wo sich Partikel und Fragmente als verfestigtes Bewußtsein zeigen. Eine ausgeblichene, rissige Welt umgibt den Künstler. Die Organisation dieses Chaos der Korrosion in Mustern, Rastern und Unterteilungen ist ein ästhetischer Prozeß, mit dem noch kaum begonnen wurde.
Robert Smithson, Eine Sedimentierung des Bewußtseins: Erdprojekte (1968) in: Rübel, Dietmar, Wagner, Monika und Wolff, Vera (Hg.): Materialästhetik. Quellentexte zu Kunst, Design und Architektur, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2005, S. 26.
Die Analyse der Rattenabfallhaufen (englisch: pack rat midden) der Amerikanischen Buschratten dient der Rekonstruktion der Umwelt- und Klimaentwicklung (Palökologie, Paläoklimatologie) der Wüstengebiete des Südwestens der USA und Mexikos.
Die amerikanischen Buschratten (englisch: pack rats) gehören zur Gattung Neotoma und zeigen einen auffälligen Sammeltrieb für Material aller Art, welches sie aus einem Umkreis von weniger als 100 Metern zum Nestbau in Höhlen oder Felsspalten sammeln: kleine Steine, Stöcke, Zweige, Pflanzenteile, Samen, Knochen, Schneckenhäuser und Ähnliches. Der reichlich abgegebene Urin der Buschratten – ihren hohen Flüssigkeitsbedarf decken sie überwiegend durch den Verzehr von Sukkulenten – durchdringt und umhüllt das vielfältige Nestmaterial und kristallisiert zu einer steinharten bräunlichen Masse, die auch Futterreste, Fäkalien, Hautreste, Insekten, Pollen, Sporen und so weiter enthält und konserviert. Dieser Abfallhaufen der Buschratte türmt sich auf, bis sich die Ratten nach einigen Jahrzehnten ein neues Nest suchen. Bei Schutz vor mechanischer Zerstörung, Sonne und Nässe entstehen spezielle Zeitkapseln oder Klimaarchive, die über 40.000 Jahre alt (gemessen mit der C14-Methode) sein können.
Archäobotaniker können Überreste von mehreren Dutzend Pflanzenarten aus einem Rattenabfallhaufen bestimmen und haben somit eine Momentaufnahme der Vegetation im Umfeld des Baus zum Zeitpunkt von dessen Nutzung. Die gefundenen Reste von Wirbeltieren und Insekten erlauben Archäozoologen Rückschlüsse auf die damalige Tierwelt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Rattenabfallhaufen
Chaos and order are two very important aspects in my work. But I don’t have to choose one or the other. They’re opposites but they also require each other.
Franziska Beilfuß
https://www.artspringboard.com/single-post/franziska-beilfuss-interview
Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.
Hilde Domin, Sämtliche Gedichte. Nikola Herweg und Melanie Reinhold (Hg.). S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 47.
Manfred Sommer, Sammeln. Ein philosophischer Versuch, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1999, S. 21.
Die Steinchen glänzen hier in der Sonne, und das Raumzeitschiff trägt mich vom Erdboden hier zum Erdboden dort: Steinchen glänzen dort in der Sonne
Peter Handke, Phantasien der Wiederholung, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1983, S.41.
Künstlerische Intelligenz: Verstehen u n d Begriffsstutzigkeit
Peter Handke, Phantasien der Wiederholung, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1983, S.12.
Trotz aller Experimente und Forschungen, trotz Suchens, sind alle wirklich großen Werte durch Zufall oder auf Umwegen, jedenfalls in unkontrollierbarer Weise gefunden worden. Mögen gewisse Manipulationen, Experimente, Programme, Pläne, auch Konstruktionen am Anfang, in der Mitte oder gegen Ende der Bemühungen gestanden haben, entscheidend ist, daß auf der Bahn unwillkürlich und unerklärlich einmal derjenige Weg eingeschlagen wurde, der dann grundsätzlich zur Entdeckung, zur Auffindung führte. Die ursprünglich auf das Ziel gerichtete Linie verläßt die Bahn, indem sie das vorangestellte Ziel zum Scheinziel degradiert.
Willi Baumeister, Das Unbekannte in der Kunst, 2., erweiterte Aufl., Köln 1988, S. 144.
Willi Baumeister, Die Linie des Findens im Sinne des schöpferischen Winkels, 1947 (aus Das Unbekannte in der Kunst, 1960)
Eine Rube-Goldberg-Maschine ist eine Nonsens-Maschine, die eine bestimmte Aufgabe absichtlich in zahlreichen unnötigen und komplizierten Einzelschritten ausführt. Dies hat keinen praktischen Nutzen, sondern soll bei der Beobachtung Vergnügen bereiten.
https://de.wikipedia.org/wiki/Rube-Goldberg-Maschine
Ich mag es, Dinge falsch zu lesen. In diesen scheinbar sinnlosen Momenten der Fehldeutung offenbart sich manchmal eine wunderbare Poesie. Nehmen wir zum Beispiel einen der klassischen englischen Sätze über Bewegung in der Zeit: "Time flies like an arrow" [Die Zeit fliegt dahin wie ein Pfeil / vergeht wie im Flug]. Als man in den 1960er-Jahren eines der ersten zur Entschlüsselung der Bedeutung von Sätzen geschriebenen Computerprogramme nach einer Interpretation dieser Aussage befragte, schrieb es folgende Definition nieder: "Die Zeit bewegt sich wie ein Pfeil voran (das heißt, schnell oder in eine Richtung)." Man kann wohl davon ausgehen, dass die meisten von uns zu einer ähnlichen Analyse dieses Satzes gelangt wären. Weitaus interessanter sind jedoch die anderen vier Bedeutungen, die das Programm als gleichermaßen korrekte Deutungen anbot: - Man sollte die Geschwindigkeit von Fliegen auf dieselbe Art messen, wie die Geschwindigkeit eines Pfeils. - Man sollte die Geschwindigkeit von Fliegen auf dieselbe Art messen, wie ein Pfeil die Geschwindigkeit von Fliegen misst. - Man messe die Geschwindigkeit von Fliegen, die einem Pfeil ähneln. - Eine bestimmte Art von Fliegen, Zeit-Fliegen, finden an einem Pfeil gefallen. Zeit-Fliegen kommen in keinem Buch über Insektenkunde vor. Zeitfliegen sind Bewohner von Rube-Goldberg-Maschinen. Wer sie ausfindig machen will, muss Dinge von mehreren Seiten gleichzeitig betrachten.
Christian Kosmas Meyer, in: in: Hans-Peter Wipplinger (Hg.): Poetiken des Materials, Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 2016,
Christian Kosmas Mayer, paelis, 2014, Installationsansicht Galerie Nagel Draxler, Foto: Simon Vogel
Christian Kosmas Mayer, Árvore petrificada, Versteinerter Baumstamm aus Brasilien, ca. 10 Millionen Jahre alt, 50 x 35 cm
Christian Kosmas Mayer, Putting in time (08/28/76), 2014, Originales Pressefoto aus Zeitungsarchiv, UV Druck auf Passepartout, Acrylglasrahmen, 66 x 53 cm, Foto: Simon Vogel