Ăśber den Ideensprudel und die Kunst der Gedankenmanifestierung
Es ward mir kürzlich eine Behauptung zu Ohren gebracht, welche besagte, daß die neuerlauene Kunst der Maschinenvernunft den Menschen befähige, schöpferischer zu walten, da er nicht länger vor leeren Gedankenräumen zu stehen habe. Ein höchst beachtenswerther Gedanke fürwahr – jedoch für meinen Geist völlig verkehrt erdacht!
Niemals war mir der Mangel an Einfällen hinderlich bei schöpferischem Wirken. Ganz im Gegentheil: Zu reich war stets mein Geist an Gedanken gesegnet. Das Übel, welches mich bedrängte, lag vielmehr darin, daß ich die Fülle meiner Eingebungen nicht geschwind genug zu bearbeiten vermochte, ehe schon neue sich regten. Während ich noch an einem Gedanken feilte und formte, sprudelte mein Inneres bereits über vor frischen Eingebungen. Ein ewigwährender Quell der Ideen ohne Becken, welches sie zu fassen vermocht hätte.
Ehedem bedeutete solches: unwiederbringlich verloren! All diese Gedanken, welche mir beim Bade, bei der Promenade oder im gelehrten Gespräche kamen, entschwanden wieder, da der Weg vom flüchtigen Einfall zum vollendeten Text gar zu träge und mühselig sich erwies. Schreibfeder, Correctur mit Bleystift, abermaliges Niederschreiben – in solcher Zeit hatte ich längst dreißig neue Einfälle gefaßt und die Lust am ursprünglichen war dahin.
Heute nun spreche ich meine Gedanken in ein wunderliches Gerät. Eine maschinelle Kunst wandelt sie in Schrift – nicht vollkommen gewiß, mit Fehlern behaftet, doch das kümmert mich wenig. Denn wenn ich im rechten Zusammenhange spreche, so versteht das gelehrte Sprachwerk, was ich zu bedeuten gedenke. Und dann geschieht das Wunderbare: Aus meinem rohen, gesprochenen Gedankenflusse wird in Augenblicken ein wohlgestalteter Text.
Von der Anschuldigung falscher Urheberschaft
Hier muß ich eine Klärung vornehmen: Die Anschuldigung, daß die Maschine meine Texte verfasse, greift zu kurz. Ebensowenig verfaßt mein Copist oder der Zeitungsredacteur meine Schriften. Er corrigirt sie, macht sie lesbar, redigirt sie – doch die Gedanken, die Einfälle, der schöpferische Kern entstammt mir.
Schon seit jeher war es beim Schreibwerk so gehalten: Ein Autor entwickelt seine Gedanken, und seine Texte werden von verschiedenen anderen Personen geschliffen und bearbeitet. Niemals bedeutete dies, daß jene anderen das Werk oder den Aufsatz verfaßt hätten. Es blieb stets das Werk des Autors – seine Gedanken, nur eben kunstgerecht aufbereitet.
Selten ist es, daß der rohe Text eines Schriftstellers für ein Buch oder einen Artikel niemals durch andere Hände gegangen wäre. Correctoren, Redacteure, Bearbeiter – sie alle waren schon immer Theil des Processes. Die Maschinenvernunft ist nur das neueste Werkzeug in einer jahrhundertealten Tradition der Textveredelung.
Die Maschinenkunst ersetzt nicht meine Schöpferkraft. Sie befreit sie.











