All I want for Christmas is me
Es ist kurz vor Weihnachten.
Gestern bin ich zu meiner Familie gefahren, habe den langen beschwerlichen Weg auf mich genommen, die Maske 7 Stunden getragen und bin nun angekommen.
Wenn ich die enge Treppe in die Dachgeschosswohnung meiner Mutter hochstolper, meinen schweren Rucksack in der Diele ablege und befreit von seinem Gewicht den Blick hebe und realisiere, dass ich nun an dem Ort bin, an dem ich mich vor wenigen Stunden noch nicht sehen konnte, habe ich zugleich auch das Gefühl gestern erst dagewesen zu sein. Trotz der Monate, die in der Zwischenzeit vergangen sind und allem was in diesen Monaten passiert ist, kehre ich hier zu einem Pausierungspunkt, einer geliehenen emotionalen Nullstelle zurück. Vorgestern schien es mir noch absurd, mir dieses Gefühl auch nur vorzustellen. Es fühlte sich an, als würde ich aus meinem so intensiven Trubel herausgerissen. Mein Alltag hat sich wie über einem klaffenden tiefen Loch neu zusammengewebt, und zu großen Teilen kann ich sagen, dass die Stricke von mir selbst geflochten wurden. Anders als Anfang des Jahres, als ich noch in einem zweckdienlichen Nebenjob mein Trinkgeld von 5,80€ gezählt habe und eine Regelmäßigkeit in meinem Studium sah, bin ich nun abseits dieser Sicherheiten und Abhängigkeiten.
Meine Verpflichtung liegt in mir und für mich, kein Egoshooter, aber Realistin in meinem perspektivischen Wandeln auf diesem Planeten, wo jeder Mensch die Singularität seines Daseins worshippt.
Ich habe dem Mann, den ich die letzten drei Jahre nicht aufhören konnte zu lieben, gesagt wie ich empfinde, mich dadurch der risikoreichsten Blamage in meinem Leben unterworfen, in der Hoffnung dadurch neue Gedanken fassen zu können, einen Teil meiner Vergangenheit abzuschließen und mit der daraus gewonnenen Kraft energiegeladen und selbstbewusst in eine für mich bestimmte Zukunft zu schreiten.
Der Punkt ist:
Ich fühle mich bereit dazu meine Energie in meine Entwicklung zu stecken. Ich bin schon mitten drin. Meine Aufmerksamkeit und meine Verpflichtung liegt in mir und dem, was ich in meinem Leben erreichen möchte in Unabhängigkeit von Menschen, von denen ich dachte, dass sie es wert wären von meiner Liebe zu profitieren, diese aber wie einen unbrauchbaren Gegenstand zurückweisen. Ich habe Gas gegeben, hab in meinem Tun eine Entwicklung durchgemacht, die mir Zuversicht gibt, mich stärkt und mich fühlen lässt, dass ich es schon alles irgendwie schaffen werde. Dieses gewonnene Selbstbewusstsein trainiert sich durch das Tun, durch meine allmählich überzeugtere Identifikation als Künstlerin und in enormen Maße durch den Zuspruch, der hauptsächlich von Menschen kommt, die nichts mit den emotionalen Schlachtfeldern in meiner Brust zu tun haben.
Diese weihnachtliche Pausierung, obwohl sie sich alljährlich zeitlich genau wiederholt, hat mich überrumpelt und macht mir Angst, weil ich dafür den Zirkel meiner, mich haltenden, rhythmischen Alltäglichkeit durchbrechen musste. Sie macht mir Angst, weil ich von hier aus nicht einschätzen kann, ob es sich bei den letzten Monaten tatsächlich um eine Entwicklung handelte oder nur um eine Phase. Und nicht zuletzt macht sie mir Angst, weil der Gedanke ständig präsent ist, bei meiner Rückkehr in ein erneutes tiefes Loch der Orientierungslosigkeit und Ohnmacht zu fallen, das ich vorher halbwegs umgehen konnte, dessen drohendende Gefahr jedoch immer wie ein Damoklesschert über mir hängt.






