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von Katharina Haak Unweit des Regensburger Hafens stehen Containerwohnungen. Platz ist lediglich fĂŒr zwei Stockbetten, ein kleines Bad plus KĂŒcheeinheit. Vier Arbeiter teilen sich hier jeweils ihre PrivatsphĂ€re.Â

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@nachtaspekte
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von Katharina Haak Unweit des Regensburger Hafens stehen Containerwohnungen. Platz ist lediglich fĂŒr zwei Stockbetten, ein kleines Bad plus KĂŒcheeinheit. Vier Arbeiter teilen sich hier jeweils ihre PrivatsphĂ€re.Â
Joker, sie sind entlassen!
von Valentin Kordas
Von Moskitoleichen ĂŒberzogene flackernde Neonröhren malen Schatten aus Angst und Beklommenheit auf den stahlkalten PVC-Boden. HandabdrĂŒcke und Reste von FingernĂ€geln ziehen Spuren vom Verstand verlassener Seelen in der Unendlichkeit des Traktes. Ein unrhythmisches HĂ€mmern auf rostigem Metall, wie Bettpfannen auf GitterstĂ€ben, hallt durch vergessene Korridore. Im Echo der Nacht verstummt ein Schrei aus Zimmer Nummer 13. In den nackten Zellen ein Tapsen mĂŒder ferngesteuerter FĂŒĂe von Ecke zu Ecke zu Ecke zu Ecke zu EckeâŠ
Reality Check Bilder dieser Art prĂ€gten meine Vorstellung der Forensik. Filme wie A Nightmare on Elm Street oder Computerspiele, in denen ich als Batman durch lichtarme BetongĂ€nge schlich, um den Antagonisten und König der Nervenheilanstalt namens Joker zu schnappen, hatten massiven Einfluss auf dieses Bild. Ich kann mir vorstellen, dass es eventuell einigen ebenfalls so gehen könnte, die keine Angehörigen oder Freunde in einer solchen Einrichtung, sei es als Patienten oder Personal, haben. Woher also das Wissen nehmen ĂŒber eine Einrichtung, das durch seine Architektur einerseits so prĂ€sent ist, aber andererseits ein monolithisches Schattendasein fĂŒhrt, da es fĂŒr die Ăffentlichkeit unzugĂ€nglich erscheint. Eine verschlossene Heterotopie, in der nach Resozialisierung strebende Menschen leben, die einem strengen Reglement unterworfen sind. Ein Ort, an dem medizinisches Fachpersonal, Sicherheitsleute und meist suchtkranke Menschen auf wenigen Quadratmetern eines Stockwerks zusammenleben, aber dennoch durch SicherheitstĂŒren und Schranken voneinander getrennt sind. Die Psychiatrie bzw. im engeren Sinne die Forensik umgibt ein Mythos. Eine Mischung aus Krankenhaus und GefĂ€ngnis. Menschen mit psychiatrischen Krankheiten gepaart mit vergangener krimineller Energie. Diese Denkschritte fĂŒhren dazu, dass sich Leute ein Bild ĂŒber den Mythos Forensik machen, das einem Spielfilm nĂ€her kommt als der RealitĂ€t. Einen Teil der Entmystifizierung ĂŒbernimmt die offizielle Homepage. Im juristischen Habitus werden auf der Internetseite sachlich und objektiv die zentralen Aufgabenbereiche der forensischen Arbeit nahegelegt. Von offizieller Seite âDie im Fachbereich Forensische Psychiatrie und Psychotherapie behandelten Erkrankungen entsprechen denen des Fachbereiches Psychiatrie und Psychotherapie. Der Unterschied zwischen beiden besteht im besonderen Auftrag der Forensiken und in der besonderen Klientel: Es handelt sich hier um StraftĂ€ter, die auf richterlichen Beschluss nicht in den regulĂ€ren Strafvollzug in eine Justizvollzugsanstalt ĂŒberstellt werden, sondern in den sogenannten MaĂregelvollzug im Rahmen einer Forensischen Einrichtung.Â
Das Gerichtsurteil basiert dabei auf einem dieser beiden Sachverhalte: - §64 Strafgesetzbuch: In diesem Fall wurde die Straftat unter dem Einfluss von Drogen oder zur Erlangung von Drogen im Zusammenhang mit einer Suchterkrankung begangen. - §63 Strafgesetzbuch: Die Straftat wurde im akuten Zustand einer psychiatrischen Erkrankung begangen, in aller Regel im Zusammenhang mit einer Schizophrenie oder einer anderen wahnhaften Störung. Der Auftrag des MaĂregelvollzugs besteht folglich in der 1. Sicherung des Patienten; dies immer auch unter dem Aspekt des Schutzes der Mitarbeiter der Forensischen Einrichtung sowie der Gesellschaft allgemein,  2. weitest möglichen Resozialisierung und 3. Behandlung der psychischen Erkrankung.
                             * * * Keine besonderen Vorkommnisse
Der Wetterbericht kĂŒndigte fĂŒr heute Nacht einen Sternschnuppenflug der Perseiden an. Optimal sei es zwischen 2 und 4 Uhr, wenn die Dunkelheit ihren Höhepunkt erreicht habe. "Am besten wĂ€r' es nach Mitternacht, ⊠da schlafen alle Patienten. Dann hab ich recht wenig zu tun und genug Zeit zu schreiben." Die einzige Gefahr scheint mit zunehmender Stunde das Gewicht auf den Augenlidern zu sein. 20 Uhr. Beginn der Nachtschicht. Er schlendert, den Rucksack locker um die Schultern geschnallt in Richtung Hauptpforte, grĂŒĂt das Sicherheitspersonal, das ihm die TĂŒr öffnet und verschwindet im Labyrinth der Psychiatrie. Einige SicherheitstĂŒren, Korridore und Treppenstufen spĂ€ter findet er sich an seinem Arbeitsplatz wieder. Ein kurzes Briefing mit der SpĂ€tschicht ĂŒber besondere Vorkommnisse und anstehende Aufgaben, dann Kaffee. "Nachts arbeiten wir zu zweit." Sie sitzen gebannt vor ihren Monitoren, öffnen Word und schreiben an den Dokumentationen zu den Patienten weiter. Hier und da paar private GesprĂ€chsfetzen zwischen Kollegen, die den symmetrischen Takt des Tippens durchbrechen. Ansonsten Ruhe. Nur elektronische GerĂ€te wie Telefon, Drucker, FaxgerĂ€t und PC erzeugen eine permanent kaum wahrnehmbare Kulisse aus elektronischer Spannung. Nach ca. einer Stunde klopft ein Patient an der TĂŒr und fragt, ob er sich einen Rasierer ausleihen könne. Vincent steht von seinem Stuhl auf, beĂ€ugt den Dreitagebart des Mannes und sperrt den Sicherheitsschrank auf, in dem die Rasierer der Patienten nebeneinander aufbewahrt werden. Nach 20 Minuten bringt der Patient begleitet von einer Wolke aus herbem Aftershave den Rasierer zurĂŒck. Wieder Getippe fĂŒr die Patientenakten. Das stĂ€ndige Tippen der ENTER-Taste lĂ€sst im kleinen Finger in immer regelmĂ€Ăigeren AbstĂ€nden KrĂ€mpfe auftreten wĂ€hrend langes Ausharren auf dem BĂŒrostuhl die Blutzirkulation in den Beinen hemmt. Ein kurzer Spaziergang. Er steht auf, macht einen Kontrollgang durch den Korridor und wirft durch die Luken einen Blick in die Zimmer. Alles ruhig. NĂ€chster Absatz. Wieder tippen. Irgendwann kurz nach Mitternacht fragt der Kollege, ob er in die Pause gehen könne. "Klar, passt." Nachdem er von seinem verlĂ€ngerten Powernapping zurĂŒckkehrt, geht Vincent an die kĂŒhle Luft, um die drohende MĂŒdigkeit auf die lange Wartebank zu setzen. Um halb 2 klemmt er sich erneut vor den Computer und beginnt weiter an den Akten zu arbeiten. Zwischendurch fasst er in seinen Rucksack und bringt eine TĂŒte Pistazien zum Vorschein. Er steht auf, geht zum Schrank wo Tassen, GlĂ€ser und anderes Geschirr verstaut ist und holt sich einen kleinen Teller fĂŒr die Pistazienschalen. Wenig Abwechslung. Ein Griff in die TĂŒte, Pistazien aus der HĂŒlse befreien, tippen, zwischendurch witzige Videos auf Youtube, Pistazien, Brösel mit der Hand aufkehren, Schritte zum MĂŒlleimer und wieder auf den Stuhl. Um kurz nach 2 loggt er sich auf facebook ein. Ein vereinbartes Interview, in dem er ĂŒber seine Nachtschichtarbeit erzĂ€hlt.                               * * * Forschungsschwierigkeiten Das Vorhaben, die Nachtschichtarbeit in der Forensik zu untersuchen, birgt gleich zu Anfang mehrere Schwierigkeiten. Die Ausgangssituation besteht darin, dass ich als Feldforscher nicht das Gebiet der Forschung betreten darf. Der Zugang obliegt ausschlieĂlich dem Personal und Angehörigen. Im Klartext bedeutet das, ich kann die Nachtschichtarbeit des Interviewpartners nicht begleiten, ihn bei der Arbeit beobachten und somit persönlich Daten am Ort der Untersuchung erheben. Folglich bin ich auf die Erfahrungen und Wahrnehmung des Partners und Interviewten angewiesen. Diese AbhĂ€ngigkeit fĂŒhrt zur nĂ€chsten Frage. Wie gelange ich ĂŒberhaupt an so sensibles Material und welche Voraussetzungen sind zu erfĂŒllen? Gehe ich ergebnisorientiert vor oder versuche ich die PrivatsphĂ€re des Interviewpartners möglichst auĂen vor zu lassen, auch auf die Gefahr hin, dass relevante ZusammenhĂ€nge fĂŒr AuĂenstehende nicht erklĂ€rt werden. Wie behandle ich den 'ZwischenhĂ€ndler', der mir Informationen zu seiner Arbeit im allgemeinen und zu sich selbst als Untersuchungsobjekt verschafft.Â
Das Dilemma, das sich mir wĂ€hrend dieser Untersuchung auftat, rĂŒckt den Informant in zwei Rollen - Subjekt und Objekt, beziehungsweise Beobachter und Beobachteter. An diesem Scheideweg möchte ich zwar, soweit es geht, objektiv das vor mir liegende Material beschreiben, andererseits die Informationen mit höchster Sorgfalt ĂŒberprĂŒfen, da sich hinter dem Untersuchungsobjekt ein Mensch verbirgt, ohne diesen die Informationen erst gar nicht an die Ăffentlichkeit gelangt wĂ€ren. Intention oder Adressaten spielen eine nicht unwichtige Rolle bei der Bearbeitung der Daten. Die Frage fĂŒr wen dieses Material aufbereitet werden soll, drĂ€ngt sich in den Vordergrund und gleichzeitig die Frage wem gegenĂŒber ich mich mit dieser Arbeit verantwortlich fĂŒhle. Versuche ich die Situation des Partners allumfassend zu beschreiben und gegebenenfalls Abstriche bei Schilderungen seiner PrivatsphĂ€re zu machen, um dem Rezipienten, der keinen Zugang hat, einen prĂ€zisen Einblick zu geben oder verpflichte ich mich dem Interviewpartner und lasse sensibles Material auĂen vor? Das lĂ€sst mich als Forscher in eine ZwickmĂŒhle geraten - zwischen Ergebnissen, die fĂŒr die Wissenschaft relevant sind und der Wahrung ethischer Werte im Rahmen der Untersuchung. WĂ€hrend der Untersuchung und der Schreibphase stand ich in regem Kontakt mit meinem Interviewpartner und lieĂ mir in kleinen AbstĂ€nden und der Entstehungsphase von ihm Feedback darĂŒber geben, ob seine Selbstwahrnehmung in der Art und Weise, wie die Untersuchung veröffentlicht werden soll, mit dem Text ĂŒbereinstimmt.
Ich bin mir absolut darĂŒber im Klaren, dass diese Art der Datenerhebung keine allumfassenden und allgemein gĂŒltigen Aussagen darĂŒber treffen kann, wie Nachtschichtarbeit im generellen aussieht. HauptgrĂŒnde dafĂŒr sind, dass wenige Sichtweisen in dieser Untersuchung beachtet werden, nĂ€mlich meine Interpretationen auf Basis der Aussagen meines GesprĂ€chspartners. Das GesprĂ€ch mit einem Kollegen des Interviewpartners hĂ€tte sich vermutlich um andere Themen gedreht und wĂ€re anders verlaufen. Aber es bietet die Möglichkeit, sich an ein Thema anzunĂ€hern, das auĂerhalb des akademischen Kontextes unzugĂ€nglich erscheint und die Diskussion fĂŒr ein breiteres Publikum zu öffnet. Die Grenze zwischen 'mir' als Forscher/Interviewer und dem Interviewten stellt einen nahtlosen Ăbergang dar. Die Aufgabe den Raum in erster Instanz zu untersuchen und Daten zu erheben, ĂŒbernimmt der Partner. Jedoch bleibt es bei der Untersuchung, die erste Runde der Interpretation der Daten bleibt meine Aufgabe. Meine Erkenntnisse oder Interpretationen, die ich aus dem Gelesenen, Gehörten und ErzĂ€hlten schlieĂe, teile ich mit dem Interviewpartner und lasse mir seine Sicht der Dinge zu den bisherigen Daten erlĂ€utern. Bei einem ersten Durchlauf gab ich dem Partner ein AufnahmegerĂ€t mit zum Arbeitsplatz. Als ich am nĂ€chsten Tag die Sounddateien sichtete, saĂ ich ratlos vor den Boxen, da mir einige UmgebungsgerĂ€usche fremd waren und ich bei der Bestimmung der GerĂ€usche Hilfe von Vincent benötigte. Wir hielten also gemeinsam RĂŒcksprache ĂŒber das aufgezeichnete Material. Dabei war er selbst verwundert, in welcher Soundkulisse er arbeitet, an die er sich ĂŒber Jahre gewöhnte.
Anhand der Soundfiles fertigte ich ein Soundprotokoll an und schickte es ihm zur Korrektur bzw. falls es noch etwas zu ergĂ€nzen gab. WĂ€hrend er in der Arbeit saĂ, fĂŒhrten wir ein GesprĂ€ch via facebook. Ich filmte den Chatverlauf mit einer Kamera ab, die neben mir auf dem Schreibtisch postiert war. AnfĂ€nglich hatte ich vor, das Videomaterial zu veröffentlichen. Allerdings taucht dort sein richtiger Name und um seine AnonymitĂ€t nicht zu verletzen, kopierte ich das GesprĂ€ch in einen facebook-Message-Generator. Ich wĂ€hlte diese Art des Interviews und der Darstellung, um die Distanz und das AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis zwischen mir und dem GesprĂ€chspartner deutlich zu machen, aber auch die Unmittelbarkeit der Arbeitsumgebung, denn das GesprĂ€ch fand in Echtzeit wĂ€hrend seiner Nachtschicht statt. Bei Sichtung der Sounddateien stellte ich fest, wie er selbst Fragen formulierte und an seinen Kollegen richtete. Allerdings ist es unklar, ob der Kollege davon wusste, in welchem Rahmen diese Fragen stattfanden. Aus ethischen GrĂŒnden werde ich deshalb die von ihm erhobenen Daten von Dritten nicht berĂŒcksichtigen.
21:15 // 5:15
von Richard Osban, Katerina Shapiro "Hinten auf dem RĂŒcksitz sitzen dien beiden Studenten von der Uni, ganz still sind sie. Was sie wohl an unserer Arbeit so interessant finden? Heute haben wir einen Discoeinsatz - eigentlich sind wir zu wenig Leute fĂŒr eine GroĂraumdisco - nur zu dritt ... Der Chef meinte, es sei eine Goa-Party und wir werden âunseren SpaĂâ haben. Klingt nach viel Stress und bösen Ăberraschungen.â
Ihr 24h-Service
von Ger Duijzings, Katharina Haak Autohof Regensburg Ost. Diesen Eurorasthof gibt es 17x in Deutschland. Viele ParkplÀtze sind von Truckfahrern aus Osteuropa, wie Polen, Ungarn, Kroatien, Bosnien und Tschechien eingenommen.
Ihre Besitzer halten noch einen letzten Plausch mit den Nachbarn oder ziehen bereits ihre VorhĂ€nge vor die Frontschutzscheibe, um sich auszuruhen, bevor die Arbeit am frĂŒhen Morgen wieder weiter geht. Andere begegnen uns im HauptgebĂ€ude der RaststĂ€tte, wo ein Fernseher lautlos vor sich hin schreit. Er ist Teil des 24h-Service, der nichts zu wĂŒnschen ĂŒbrig lĂ€sst: 24h Shop, Bad, Biergarten, Bistro, BĂŒro-Service, Dusche, Geldautomat, Internet Hotspot, Restaurant, Spielecke, Spielplatz, Tagungsraum, Waschanlage, WC, Werkstattvermittlung, Wickelraum, Wohnmobil, und Zimmervermietung. Einige schlaflose GĂ€ste spielen auf den Spielautomaten. _______________________________________________________________________
Nachts im Fitnessstudio
von Ramona Ruf Endlich Feierabend. Die SpĂ€tschicht in einem Regensburger Bekleidungsladen ist fĂŒr heute geschafft. Jetzt noch eine kleine StĂ€rkung zuhause und dann mit dem Roller ab ins Fitnessstudio. Natalie trainiert seit drei Jahren regelmĂ€Ăig nachts, zwischen 23 Uhr und 1 Uhr.  Die Ăffnungszeiten ihres Fitnessstudios ermöglichen ihr diesen nĂ€chtlichen Zugang zu den GerĂ€ten und den TrainingsrĂ€umen. Das ist sehr praktisch, findet die 22-JĂ€hrige, denn so kann sie ihren Tag individuell gestalten. Auf die Frage ob sie nach der Arbeit nicht mal k.o. sei und den Tag lieber gemĂŒtlich ausklingen lassen wĂŒrde, antwortet sie: âWenn ich mich abends nicht noch einmal richtig auspowere, fehlt mir was. Sport gehört fĂŒr mich einfach dazu. Meist habe ich unter Tags keine Zeit, dann muss ich eben nachts ran.â Sie lacht. Natalie schĂ€tzt die nĂ€chtliche Ruhe im Fitnessstudio. âEs ist einfach viel weniger los. Du kannst an die GerĂ€te, an die du willst. Hörst nicht nebenbei den GesprĂ€chen anderer Leute zu, die dich eigentlich ja gar nicht interessieren. Ich konzentrier mich einfach auf mich und darauf kommts ja unterm Strich auch an.â Im Hintergrund lĂ€uft nun ein Song aus den Charts. Im vorderen Raum trainieren noch zwei junge MĂ€nner mit Gewichten. Natalie wĂ€rmt sich auf dem Crosstrainer im Takt der Musik auf. âDie Musik ist immer die gleiche, egal ob Tag oder Nacht, immer dasselbe Geduddel. Vielleicht hört man sie ein bisschen deutlicher, weil ja weniger Leute da sind, die NebengerĂ€usche verursachen. Meistens hab ich aber ohnehin meine Kopfhörer dabei und hör mein eigenes Zeug.â Sie erwĂ€hnt auch, dass sie froh ist, einen Roller zu haben. Denn mit den öffentlichen Verkehrsmitteln lieĂe sich um diese Uhrzeit das Fitnessstudio von ihrer Wohnung aus kaum erreichen. âKlar, nachts zu trainieren hat nicht nur Vorteile. Erstens musst du unabhĂ€ngig herkommen können. Zweitens kostet es vor allem am Anfang mehr Motivation, weil dir ja auch alle entgegnen âBoa nee, um die Uhrzeit wĂŒrd ich lieber schlafenâ. Man muss es schon wirklich wollen, sonst zieht man das nicht durch.â Sie trinkt aus ihrer mitgebrachten Wasserflasche. Im Eingangsbereich fĂ€ngt nun eine Reinigungskraft an den Boden zu saugen. Natalie trainiert unbeirrt weiter. Beim Blick aus dem Fenster erkennt man nichts als die Lichter vorbeifahrender Autos. Das Studio selbst ist hell erleuchtet. WĂ€re nicht so wenig los und könnte man nicht aus dem Fenster blicken, wĂŒrde niemand ahnen, dass es mitten in der Nacht ist. Auch Rafael macht sich nach der SpĂ€tschicht auf ins Fitnessstudio. Der 25-JĂ€hrige arbeitet in einem groĂen Elektrobetrieb und macht dort gerade seinen Meister. Zwischen Schule und Arbeit findet er nur nachts Zeit zum Trainieren. Er kommt circa jede zweite Nacht. âManchmal öfters, manchmal weniger.â Meistens fĂ€ngt er um Mitternacht an und bleibt zwischen einer und zwei Stunden. Fitness ist ihm wichtig, weil er spĂ€ter im Alter gesund sein will und er sich nach getaner körperlicher Leistung einfach besser fĂŒhlt. Direkt nach der SpĂ€tschicht ins Studio zu fahren, bietet sich bei ihm aus zweierlei GrĂŒnden an. Erstens liegt das Fitnessstudio auf seinem Nachhauseweg, er muss also keinen zusĂ€tzlichen Umweg in Kauf nehmen. Zweitens ist er direkt nach der Arbeit noch fit, morgen dagegen mĂŒsste er sich nach dem Aufwachen zusĂ€tzlich aufraffen. Mit ihm im Fitnessstudio sind um die nĂ€chtliche Uhrzeit meistens nur andere SpĂ€tschichtler, hauptsĂ€chlich junge MĂ€nner in seinem Alter. Er deutet auf einen jungen Mann, der gerade seine Beinmuskulatur trainiert. âZum Beispiel der da drĂŒben. Der arbeitet bei Sonti Schicht.â Ob man sich kennt, möchte ich wissen. âJa vom Sehen her meistens schon. Manchmal ergibt sich halt n kurzes GesprĂ€ch in der Anprobe oder so. Aber normalerweise grĂŒĂt man sich und das passt dann auch.â Viele haben Kopfhörer auf. Rafael versteht das als ein Zeichen, dass sie lieber fĂŒr sich sein wollen anstatt mit anderen zu ratschen. Auch er sei normalerweise so, aber heute mache er eine Ausnahme â nur fĂŒr mich versteht sich. Insgesamt ist weitaus weniger los als unter Tags, was aus Rafaels Sicht ein groĂer Vorteil ist. âWenn ich schon ins Fitness geh, dann will ich auch das trainieren, was ich will. Unter Tags kanns ruhig mal sein, dass man ne viertel Stunde warten muss, bis das GerĂ€t frei ist, das man braucht. [âŠ] Schau dich halt um, jetzt hat man komplett freie Auswahl.â Ein Trainer ist nur bis 22.00 Uhr da, wird aber laut Rafael nachts ohnehin nicht gebraucht. âWem Fitness so wichtig ist, dass er sogar nachts trainiert, der weiĂ wie der Hase lĂ€uft.â Er lĂ€chelt selbstbewusst. Bereits vor Rafaels Trainingsbeginn, kommen die ReinigungskrĂ€fte gegen 21.30 Uhr. âManchmal sind noch welche da, aber eher selten. Die laufen halt rum und machen bisschen sauber. Ist jetzt aber nicht so, dass die stören. Gelegentlich kommen sie ja auch untertags. Von dem hergesehen ist das jetzt kein Nachteil.â Er hebt noch eine Runde Gewichte bis er sich schlieĂlich zu Duschen beschlieĂt. âDas warâs fĂŒr heute - Feierabend.â Er wischt sich mit dem Handtuch ĂŒber die Stirn. âDen hast du dir verdientâ, entgegne ich und vergesse dabei ganz, dass er eigentlich schon seit zwei Stunden Feierabend hat.
Schichtarbeitersyndrom
von Katharina Haak NatĂŒrliches Licht bestimmt unser Leben. Licht heiĂt Tag, heiĂt Energie, WĂ€rme, Aktivsein, Orientierung, Aufbruch, Idee. Auf der negativen Seite der Assoziationen begegnet uns fast zwangslĂ€ufig die Dunkelheit. Dunkelheit beschreibt die Fremde, das Chaos, die Ungewissheit, Angst, KĂ€lte, Tod, Stillstand. Wenn die biologische SchwĂ€rze anbricht und das Licht erlischt, dann beugt sich der Körper des Melatonins. Er will Schlaf, will nicht alleine wach sein, wĂ€hrend alles in die DĂŒsterkeit gleitet.
Noch Mitte des 19.Jahrhunderts waren Menschen nur natĂŒrlichen Lichts ausgesetzt. Die Sonne fungierte als primĂ€rer Wegweiser durch die Zeit bis ihr 1880 das kĂŒnstliche Licht der GlĂŒhlampe Konkurrenz machte. Damals ging Thomas Alva Edisons GlĂŒhlampe als erste ihrer Art in kleiner StĂŒckzahl in die Serienfertigung. Sein Geschöpf aus Glas, Blech, Kupfer, Lötzinn und Wolframdraht legte in den NĂ€chten der GroĂstĂ€dte oder bei den Nachteulen am Arbeitsplatz eine steile Karriere hin. KĂŒnstliches Licht erweiterte die Sinne, war Rausch und Widerstand. Es verdrĂ€ngte das Melatonin und somit unsere Struktur und das Schicksal des Menschen, sich wehrlos der unbewussten Ebene zu beugen. Was frĂŒher fĂŒr die gelbe Erfindung sprach ist heute nicht mehr populĂ€r. Es ist zum Beispiel Fakt, dass kĂŒnstliches Licht den Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen stört bzw. verschiebt. Diese Störung wird auch als âSchichtarbeitersyndromâ (âshift work sleep disorderâ) bezeichnet. Nachtschichten verschieben die innere Uhr des Arbeitnehmers. Er arbeitet zur eigentlichen Schlafenszeit und schlĂ€ft dafĂŒr zur eigentlichen Tageszeit. Eine charakteristische Folge dafĂŒr ist das eigene Unvermögen in gewĂŒnschten Tages- und Nachtzeiten wach sein bzw. schlafen zu können, medizinisch ausgedrĂŒckt auch als âzirkadiade Schlaf-Wach-Rhythmusstörungâ bekannt. Die Verbindung zwischen der Schlafstörung, bei der man zur âfalschenâ Zeit schlĂ€ft oder wach ist, und der Bezeichnung âSchichtarbeitersyndromâ ist jedoch problematisch, da diese Störung bestimmt nicht nur auf die spezifische Berufsgruppe der (Nacht)Schichtarbeiter fĂ€llt. DarĂŒberhinaus gibt es den Schichtarbeiter in communi sensu nicht. Jede Nacht und jede Schicht ist anders. Unser Körper und Bewusstsein ist nicht nur Ă€uĂeren sondern auch beispielsweise sozialen EinflĂŒssen ausgesetzt, die den Tag und die Nacht prĂ€gen. Es gibt âLerchenâ und âEulenâ unter uns, die sich unterschiedlich an die Nacht oder den Tag, ans Wachsein oder Schlafen anpassen können. Auch die âNachtschicht an sichâ lĂ€sst eine Vielzahl an Interpretationen offen. In verschiedenen Einzelstudien konnten diese Definitionen sowohl âNachtschicht, die frĂŒhestens um 19:00 Uhr beginnt und bis zum nĂ€chsten Morgen dauertâ als auch âNachtschicht, die frĂŒhestens um 24:00 Uhr beginnt und bis 6:00 Uhr morgens dauertâ lauten. Der Nachtschichtarbeit und dem kĂŒnstlichen Licht wird in derer Verbindung im âSchichtarbeitersyndromâ beiden dasselbe schlechte Image aufgetragen. Ihr Ruf ist ins schlechte Licht gerĂŒckt. In der EuropĂ€ischen Union ist seit dem 1.September 2013 Schluss mit dem Verkauf von GlĂŒhlampen, heute findet man nur selten noch Restposten. Mittlerweile ist dieses erste kĂŒnstliche Licht in manchen Kreisen jedoch zur Ikone des Lichts aufgestiegen und hat ihren Ruf als Energiefresser ĂŒberstanden. Die Marktleute âAprill & Sohnâ, die zu den Ă€ltesten ihrer Art gehören und in der achten Generation durchs ganze Jahr in Deutschland reisen, verkaufen diese RaritĂ€t bereits seit zwei Jahren, erzĂ€hlte mir der Budenbesitzer auf der letzten Waren-Dult in Regensburg. Am Stand waren die Lampen in Kartons Palettenweise ĂŒbereinandergestapelt. Er verkaufe Restposten, habe da so seine Quellen. NĂ€heres wollte er mich aber nicht wissen lassen. Ich traf ihn kurz vor 22 Uhr, als die HĂ€ndler damit anfingen ihre Ware wegzupacken und die Buden abzuschlieĂen. Ăberall hörte man MetallstĂ€nder rollen. Die spĂ€te Nacht brach herein. Auch hier auf dem Volksfest verschieben sich Tag und Nacht und damit einhergehend auch die Tag- bzw. Nachtschichten, denn von 6 Uhr frĂŒh bis der letzte die TĂŒr und Theke abschlieĂt, wird hier gearbeitet, danach wird vielleicht noch gekehrt oder das Geld gezĂ€hlt. Der Mann, mit dem ich sprach schien mĂŒde und trostlos, obwohl er auf meine Frage, ob er denn in seinem Lebensablauf etwas vermisse oder Ă€ndern wollen wĂŒrde, mit Nein antwortete, denn er kenne schlieĂlich nichts anderes. Er hat sich vor langer Zeit damit arrangiert. Um uns herum blinkten aberhunderte Lampen in der Dunkelheit, wĂ€hrend noch gearbeitet wurde. Wir waren eingehĂŒllt in dieser kĂŒnstlichen Leuchtkraft der FahrgeschĂ€fte und den fast unsichtbaren Angestellten, die sich bereits hinter ihren Verkaufsbuden oder im Schatten der Ticketschalter versteckten und durch einen hindurch schauten, als wĂ€re man Geist und nicht Gast. An diesem Abend wurde mir ohne, dass ich mir dessen sofort bewusst war, das âSchichtarbeitersyndromâ wie ein Rausch dosiert im Bierkrug auf dem Tablett prĂ€sentiert.
DultgeschÀft
von Ger Duijzings, Katharina Haak Sie sitzen im Ticketschalter, vor den rasenden, umkreischten Kabinen, hinter dem GelĂ€chter des Spukschlosses und an den heiĂen Bratwurstpfannen und MaiskolbenstĂ€nden. Zwischen Warenbuden und Karussellen schauen sie durch einen hindurch, als wĂ€re man Geist und nicht Gast. Ein Ladenmitarbeiter mit festem Wohnsitz in Polen wird von seiner Chefin zu sich gerufen, unsere Fragen hören sich zu sehr nach Finanzamt an. Alle sind mĂŒde und warten auf ihren Feierabend. Man hört manche in osteuropĂ€ischen Sprachen mit einander reden, wĂ€hrend sie schnell und routiniert aufrĂ€umen. In einigen Stunden mĂŒssen sie wieder bereit stehen, wenn die Security um 6 Uhr morgens Dienstschluss hat. Sie alle gehören zum Repertoire wie die Verzierungen auf dem Dach der zuckersĂŒĂen HĂŒtte. Genau wie die drehende BuntlichtbĂŒhne sind sie Teil von diesem prekĂ€ren WandergeschĂ€ft, das nach zwei Wochen wieder einpackt und irgendwo anders aufbaut. _______________________________________________________________________
#maschinenfreunde
von Kerstin Gailer Millionen deutsche ErwerbstĂ€tige machen regelmĂ€Ăig die Nacht durch. Aber nicht weil sie Party machen oder nicht schlafen können, sondern weil sie arbeiten mĂŒssen. 24 Stunden, 7 Tage die Woche, rund um die Uhr verfĂŒgbar. Ob Fitnessstudio oder Kiosk, Notaufnahme oder Radio, hier wird nie geschlafen. Auch ich bin wach geblieben und hab einen jungen Mann, P.M., kurz vor seiner Nachtschicht um 22 Uhr in einem CafĂ© am anderen Ende der Stadt getroffen. Ich frage mich, was die Nachtarbeit fĂŒr Vor- und Nachteile mit sich bringt. Es ist Mittwoch, seine dritte Nachtschicht in dieser Woche. Die ĂbermĂŒdung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Jedoch ĂŒberspielt er diese mit einem kurzen Kommentar. âIch arbeite bei der Nachtschicht immer gegen die innere Uhr, aber die Kohle stimmt, da kann man sich nicht beschweren.â Der Nachtzuschlag betrĂ€gt 100% fĂŒr jede Stunde nach 22 und vor 6 Uhr morgens. An Feiertagen sogar zwischen 125% und 400%. Jedoch gibt es auch hier einige Kehrseiten. Das Sozialleben wird durch Nachtschichten stark beeintrĂ€chtigt. Der junge Arbeiter erzĂ€hlt uns, dass einige Freundschaften und Beziehungen dadurch kaputt gegangen sind. âMit meiner letzten Freundin war ich 1,5 Jahre zusammen, bis uns die UmstĂ€nde der Nachtschicht trennten. Sie konnte mit dem umgedrehten Tag/Nacht-VerhĂ€ltnis nicht leben. Meine jetzigen Beziehungen sind lose und emotionslos. Sie beschrĂ€nken sich auf meine wenigen freien Tage.â P.M. begrĂŒndet es sehr ausfĂŒhrlich. âIch gehe dann ins Bett, wenn andere aufstehen. Schlafe meistens bis in den Nachmittag, habe frei wenn andere noch arbeiten. Meine Hobbys beschrĂ€nken sich meistens auf Lesen und Fernsehen, Dinge, die ich alleine machen kann. Ich wĂŒrde viel lieber nur tagsĂŒber arbeiten, da die Nacht- und Wechselschichten nicht nur soziale, sondern auch körperliche Belastungen mit sich bringen. Der Schlafrhythmus muss sich immer wieder neu anpassen und je Ă€lter man wird, umso schwieriger wird es sich, wachzuhalten beziehungsweise dann auch einzuschlafen, nach den vielen Liter Kaffee, die in einer Nacht gekillt werden.â Durch eine Tonaufnahme aus der Produktionshalle, die mir P.M. mitbringt, bekomme ich einen auditiven Eindruck der Arbeit. Ein kontinuierliches Surren hallt durch die Nacht unterstrichen von den MotorengeschrĂ€uschen eines Gabelstaplers. Die 5:00 Uhr Nachrichten aus dem Radio schalen am Ende der Halle aus dem Radio und kĂŒndigen auch fĂŒr P.M. den bevorstehenden Feierabend an. In der heutigen Zeit wĂŒrde unsere Dienstleistungsgesellschaft gar nicht mehr ohne Nachtarbeit funktionieren. Non-stop Service und hohe FlexibilitĂ€t sind zum obersten Standard geworden. P.M. hat viel geopfert, aber hat gelernt seine Situation mit Humor zu nehmen. âIch habe durch die Arbeit in der Nachtschicht viel erlebt und gelernt. Auch ich hoffe irgendwann in normalen Arbeitszeiten zu arbeiten und meine eigene kleine Familie zu grĂŒnden.â Er steht auf, zahlt, zwinkert uns zu und verlĂ€sst den Tisch, um seine Schicht rechtzeitig anzutreten.
Die erste Nacht
von Ger Duijzings, Katharina Haak Der Regensburger Hafen befindet sich im östlich des Zentrums, fern ab von der altstĂ€dtischen Donaupromenade. Hier stapeln sich die Container, KrĂ€ne und Ladehallen. Es wĂ€re eine andere Stadt, wenn nicht von weitem wie zwei ZuckerhĂŒte die Spitzen des Regensburger Doms aufleuchtet wĂŒrden. Das GelĂ€nde, das wir umfahren, erstreckt sich vom östlichen Ende der Budapester StraĂe bis zum Odessa-Ring, der einen Blick von oben auf den Ălhafen erlaubt. Auch wenn dieser Flecken nachts wie eingefroren scheint, bewegen sich ab und an einige Tore auf und zu, um Autos oder LastwĂ€gen reinzulassen. In den eingezĂ€unten BĂŒros zwischen Stahl und Asphalt ist das Deckenlicht noch eingeschaltet. Andere HĂ€user am Rand beleuchten ihre Einfahrt mit pastellroten Laternen, um zu kommunizieren, dass hier noch gearbeitet wird. _______________________________________________________________________