Schichtarbeitersyndrom
von Katharina Haak Natürliches Licht bestimmt unser Leben. Licht heißt Tag, heißt Energie, Wärme, Aktivsein, Orientierung, Aufbruch, Idee. Auf der negativen Seite der Assoziationen begegnet uns fast zwangsläufig die Dunkelheit. Dunkelheit beschreibt die Fremde, das Chaos, die Ungewissheit, Angst, Kälte, Tod, Stillstand. Wenn die biologische Schwärze anbricht und das Licht erlischt, dann beugt sich der Körper des Melatonins. Er will Schlaf, will nicht alleine wach sein, während alles in die Düsterkeit gleitet.
Noch Mitte des 19.Jahrhunderts waren Menschen nur natürlichen Lichts ausgesetzt. Die Sonne fungierte als primärer Wegweiser durch die Zeit bis ihr 1880 das künstliche Licht der Glühlampe Konkurrenz machte. Damals ging Thomas Alva Edisons Glühlampe als erste ihrer Art in kleiner Stückzahl in die Serienfertigung. Sein Geschöpf aus Glas, Blech, Kupfer, Lötzinn und Wolframdraht legte in den Nächten der Großstädte oder bei den Nachteulen am Arbeitsplatz eine steile Karriere hin. Künstliches Licht erweiterte die Sinne, war Rausch und Widerstand. Es verdrängte das Melatonin und somit unsere Struktur und das Schicksal des Menschen, sich wehrlos der unbewussten Ebene zu beugen. Was früher für die gelbe Erfindung sprach ist heute nicht mehr populär. Es ist zum Beispiel Fakt, dass künstliches Licht den Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen stört bzw. verschiebt. Diese Störung wird auch als „Schichtarbeitersyndrom“ („shift work sleep disorder“) bezeichnet. Nachtschichten verschieben die innere Uhr des Arbeitnehmers. Er arbeitet zur eigentlichen Schlafenszeit und schläft dafür zur eigentlichen Tageszeit. Eine charakteristische Folge dafür ist das eigene Unvermögen in gewünschten Tages- und Nachtzeiten wach sein bzw. schlafen zu können, medizinisch ausgedrückt auch als „zirkadiade Schlaf-Wach-Rhythmusstörung“ bekannt. Die Verbindung zwischen der Schlafstörung, bei der man zur „falschen“ Zeit schläft oder wach ist, und der Bezeichnung „Schichtarbeitersyndrom“ ist jedoch problematisch, da diese Störung bestimmt nicht nur auf die spezifische Berufsgruppe der (Nacht)Schichtarbeiter fällt. Darüberhinaus gibt es den Schichtarbeiter in communi sensu nicht. Jede Nacht und jede Schicht ist anders. Unser Körper und Bewusstsein ist nicht nur äußeren sondern auch beispielsweise sozialen Einflüssen ausgesetzt, die den Tag und die Nacht prägen. Es gibt „Lerchen“ und „Eulen“ unter uns, die sich unterschiedlich an die Nacht oder den Tag, ans Wachsein oder Schlafen anpassen können. Auch die „Nachtschicht an sich“ lässt eine Vielzahl an Interpretationen offen. In verschiedenen Einzelstudien konnten diese Definitionen sowohl „Nachtschicht, die frühestens um 19:00 Uhr beginnt und bis zum nächsten Morgen dauert“ als auch „Nachtschicht, die frühestens um 24:00 Uhr beginnt und bis 6:00 Uhr morgens dauert“ lauten. Der Nachtschichtarbeit und dem künstlichen Licht wird in derer Verbindung im „Schichtarbeitersyndrom“ beiden dasselbe schlechte Image aufgetragen. Ihr Ruf ist ins schlechte Licht gerückt. In der Europäischen Union ist seit dem 1.September 2013 Schluss mit dem Verkauf von Glühlampen, heute findet man nur selten noch Restposten. Mittlerweile ist dieses erste künstliche Licht in manchen Kreisen jedoch zur Ikone des Lichts aufgestiegen und hat ihren Ruf als Energiefresser überstanden. Die Marktleute „Aprill & Sohn“, die zu den ältesten ihrer Art gehören und in der achten Generation durchs ganze Jahr in Deutschland reisen, verkaufen diese Rarität bereits seit zwei Jahren, erzählte mir der Budenbesitzer auf der letzten Waren-Dult in Regensburg. Am Stand waren die Lampen in Kartons Palettenweise übereinandergestapelt. Er verkaufe Restposten, habe da so seine Quellen. Näheres wollte er mich aber nicht wissen lassen. Ich traf ihn kurz vor 22 Uhr, als die Händler damit anfingen ihre Ware wegzupacken und die Buden abzuschließen. Überall hörte man Metallständer rollen. Die späte Nacht brach herein. Auch hier auf dem Volksfest verschieben sich Tag und Nacht und damit einhergehend auch die Tag- bzw. Nachtschichten, denn von 6 Uhr früh bis der letzte die Tür und Theke abschließt, wird hier gearbeitet, danach wird vielleicht noch gekehrt oder das Geld gezählt. Der Mann, mit dem ich sprach schien müde und trostlos, obwohl er auf meine Frage, ob er denn in seinem Lebensablauf etwas vermisse oder ändern wollen würde, mit Nein antwortete, denn er kenne schließlich nichts anderes. Er hat sich vor langer Zeit damit arrangiert. Um uns herum blinkten aberhunderte Lampen in der Dunkelheit, während noch gearbeitet wurde. Wir waren eingehüllt in dieser künstlichen Leuchtkraft der Fahrgeschäfte und den fast unsichtbaren Angestellten, die sich bereits hinter ihren Verkaufsbuden oder im Schatten der Ticketschalter versteckten und durch einen hindurch schauten, als wäre man Geist und nicht Gast. An diesem Abend wurde mir ohne, dass ich mir dessen sofort bewusst war, das „Schichtarbeitersyndrom“ wie ein Rausch dosiert im Bierkrug auf dem Tablett präsentiert.











