Unter langen Fingernägeln sammeln sich Bakterien
Lange Fingernägel sind derzeit besonders beliebt, oft in knalligen Farben und mit aufwendigen Motiven. Nur was davon ist schädlich? Ein Dermatologe erklärt, worauf bei der Maniküre und Pediküre geachtet werden sollte und was schiefgehen kann.
Gel auf den Fingernägeln, Lack in bunten Farben, aufgeklebte Bildchen – Nagelstudios bieten Maniküren und Pediküren in allen möglichen Varianten an. Und die Nachfrage ist groß. Zum Dermatologen Jan-Olaf Piontek kommen viele, die plötzlich Veränderungen an ihren Händen feststellen.
WELT: Eine Studie hat gezeigt, wie schädlich UV-Lichtgeräte für die Nägel sind. Dadurch sterben Zellen und Hautkrebs kann entstehen. Was halten Sie von den Geräten?
Jan-Olaf Piontek: UV-Strahlung wird auch in medizinischen Bereichen eingesetzt, etwa in der Zahnmedizin zur Härtung von Füllungen. Per se hat diese Strahlung die Fähigkeit unser Erbgut – die DNA – zu verändern. Das bedeutet: Immer wenn UV-Strahlen auf Haut- und Schleimhaut treffen, resultieren Erbgutschäden. Entscheidet ist dabei die Leistung solcher Nagelhärtungsgeräte sowie ihre Wellenlänge, als UV-A oder UV-B, und wie häufig sie genutzt werden. Fakt ist: Egal welches UV-Spektrum bei den Geräten im Nagelstudio verwendet wird, es führt zu Veränderungen der DNA. Rein statistisch werden sich bei dauerhafter intensiver Nutzung Tumore bilden.
WELT: Sollte generell auf Maniküre mit den UV-Lichtgeräten verzichtet werden?
WELT: Auch herkömmlicher Nagellack ist beliebt, den gibt es mittlerweile auch vegan. Sind solche Alternativen besser?
Piontek: Menschen, die Nagellack tragen, sollte bewusst sein: Die Präparate bleiben eine ganze Weile auf dem Nagel beziehungsweise der Haut. In der Kosmetik werden sie deshalb als Leave-on-Produkte bezeichnet, auch Haarspray zählt dazu. Diese Produkte treffen nun auf das Immunsystem, und daraus resultiert oft eine Kontaktallergie. Acrylate, die in den Nagellacken enthalten sind, lösen weltweit sehr häufig Allergien aus. In meine Praxis kommen regelmäßig Patientinnen und Patienten, die plötzlich allergisch auf kosmetisch angewandte Stoffe reagieren. Den meisten ist die Ursache nicht bewusst, weil sie schon lange lackierte Nägel tragen.
WELT: Das bemerken sie erst nach Jahren?
Piontek: Genau, weil der Körper sich langsam sensibilisiert. Jede Allergie hat eine Vorlaufphase, in der das Immunsystem den Stoff kennenlernt. So ist es nicht nur bei einer Pollen-Allergie, sondern auch mit Duftstoffen in Cremes, Nickel in Schmuck oder eben Acrylaten in Nagellack. Diese Patientinnen, meist sind es Frauen, können dann lebenslang keinen Lack mehr tragen. Da Acrylate aber auch in Haarspray und vielen anderen kosmetischen Produkten enthalten sind, müssen sie darauf ebenfalls verzichten. Sonst juckt ihnen etwa die Kopfhaut.
WELT: Viele junge Frauen tragen ihre Nägel zurzeit besonders lang.
Piontek: Nicht ohne Grund sind lange Fingernägel in Medizinberufen verboten. Darunter sammelt sich ein Mikrokosmos von Bakterien und Pilzen. Neben dem Hygienerisiko wird der verlängerte Hebel des Nagels zum Problem. Fassen die Frauen mit den langen Nägeln etwas an, wird der Nagel nach und nach von der Nagelmatrix gelöst. Darunter entstehen Defekte und Luftblasen. Es kann zu dauerhaften Schäden des Nagelorgans kommen.
WELT: Wenn jemand trotzdem Nagellack tragen möchte: Hilft Unterlack oder regelmäßige Pausen?
Piontek: Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Man weiß nicht, wie häufig die Stoffe mit dem Immunsystem in Kontakt kommen müssen, damit eine Allergie ausgelöst wird. Jeder Mensch kann gegen fast alles allergisch werden. Von Nagellacken auf Acryl-Basis kann ich aus medizinischer Sicht nur abraten.
WELT: Wie schädlich sind Nagellackentferner?
Piontek: Meist ist darin Aceton oder Ethylacetat enthalten, die entfetten gnadenlos. Die Stoffe schädigen das Keratin der Nägel und die Haut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeine Variante von Nagellackentfernern gibt, die tatsächlich hautfreundlich sind.
WELT: Wie sehen kaputte Nägel denn aus?
Piontek: Die Nagelplatte wird brüchig, und es bildet sich eine Art Spliss. Besonders der ältere, herauswachsende Teil des Nagels ist stark beansprucht. Das lässt sich durch zwei Nagelschichten erkennen, oft reißt die obere ab. Zudem sind die Nägel spröde.
An der Nagelmatrix, also dem Halteapparat des Nagels, bekommen Menschen oft Hautekzeme oder Schuppen. Auch bilden sich dort Verdickungen der Haut, sodass sie einreißt. Wenn es juckt, besteht bereits ein ernsthaftes Problem.
WELT: Nagelhaut hochschieben – Ja oder Nein?
Piontek: Einige verteufeln das. Ich glaube allerdings nicht, dass das minimale Hochschieben ein großes Problem darstellt. Schlimm ist dagegen, wenn die Nagelhaut regelrecht in die Nagelwurzel hinein gestaucht wird. Das heißt: Die Haut wird in Richtung Wurzel unter der Haut versenkt. Dadurch wird immer wieder Druck auf das etwa drei Millimeter unter der Haut liegende Gewebe ausgelöst. Es kommt zu Rillen, Riefen, die Nägel wachsen langsamer oder können sogar ausfallen.
WELT: Was ist mit Pediküre, sollten die Füße anders behandelt werden?
Piontek: Zunächst muss definiert werden, was mit Pediküre gemeint ist. Darunter kann eine Behandlung fallen, durch die beispielsweise Hornhaut an den Füßen entfernt wird. Dagegen ist nichts einzuwenden. Für Podologen gelten klare Auflagen, sie haben eine mehrjährige Ausbildung durchlaufen und kümmern sich vor allem um kranke Füße. Etwa um die von Diabetes-Patienten. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei der medizinischen Fußpflege um keinen geprüften staatlichen Ausbildungsberuf. Die Auflagen sind weniger streng. Theoretisch kann das jeder machen und auch im Nagelstudio arbeiten. Für Nagelkosmetik an den Zehennägeln gilt wiederum dasselbe wie an den Fingern: am besten kein Lack. Auch enge oder zu kleine Schuhe können sich auf das Nagelwachstum auswirken. Deshalb sollte gerade bei Kindern auf passende Schuhe geachtet werden.
WELT: Welche Risiken drohen noch im Nagelstudio?
Piontek: Gerade an den Füßen gibt es eine Reihe sehr ansteckender Erkrankungen wie Nagel- und Fußpilze. Deshalb müssen die Hygieneregeln eingehalten werden. Werden Infektionsketten nicht unterbrochen, verbreiten sich ein Pilz schnell von Mensch zu Mensch. Das Behandlungswerkzeug muss aufbereitet werden, im besten Fall wird es nur einmal verwendet. Oft kommen Patienten zudem mit schlecht geschnittenen Nägeln in die Praxis: Ein Zehennagel muss gerade und ein Fingernagel rund sein. Vor allem Fußnägel wachsen sonst ein. Manchmal kommt es auch zu Entzündungen verursacht durch kleine Verletzungen.
Dr. Jan-Olaf Piontek, 51, ist Facharzt für Dermatologie und Venerologie bei Haut- und Laserzentrum in Rheinbach und Mechernich.