Album des Jahres: Borknagar - True North (Progressive / Folk / Black Metal)
Wenn man mir gesagt hätte, dass am Ende dieses Jahres ausgerechnet Borknagar an der Spitze meines Rankings landen würden, wäre meine Reaktion vorsichtig formuliert wohl leicht skeptisch ausgefallen. Ich meine, natürlich - die Norweger sind eine fantastische Band mit einer an Highlights wirklich nicht armen Diskografie, aber es wirkte für mich immer, als hätten sie mit “Universal” ihren Zenit bereits im Jahr 2012 erreicht. Nach dem noch vergleichbar guten Nachfolger “Urd” ließ mich das bislang aktuellste Album, “Winter Thrice”, dann etwas ernüchtert zurück. Obwohl im Grunde alle Bausteine da waren, die Borknagar definierten und einzigartig machten, schien die Formel irgendwie auserzählt und ich kann mich mittlerweile nicht mehr an sonderlich viele Momente des Albums erinnern. Und jetzt das: Mit “True North” kehren Borknagar nicht einfach bloß zur alten Form zurück, nein, sie pulverisieren den Qualitätsstandard, den sie vor sieben Jahren gesetzt haben, scheinbar mühelos und liefern ihr absolutes Karrierehighlight ab. Von der ersten bis zur letzten der 59 Minuten sind Øystein G. Brun, ICS Vortex und Konsorten (Vintersorg ist nicht mehr dabei, was der Gesangsvielfalt aber kaum einen Abbruch tut) in absoluter Höchstform und lassen ein Ausrufezeichen auf das andere folgen. Und da es sich hierbei um mein Album des Jahres handelt, können wir uns ja ruhig mal Zeit für ein Track-by-Track-Review nehmen.
1. Thunderous (8:35)
Was für ein Auftakt. Kurz hören wir im Hintergrund ein Gewitter grummeln, dann steigt die gesamte Band - inklusive Gesang - ohne jegliche Vorankündigung direkt mit Vollgas ein. Hymnisch, melodisch, pfeilschnell und doch schwebend. “Thunderous” ist ein wilder Ritt durch alles, was die Band ausmacht, wechselt zwischen dem typischen mehrstimmigen Klargesang und beißenden Screams, ist mal folkig, mal pechschwarz, nimmt sich Zeit für eine Ruhepause, nur um dann Schritt für Schritt zum großen Finale emporzusteigen.
2. Up North (6:30)
Huch. Das war wohl die vorherrschende Reaktion, als “Up North” als Vorabtrack veröffentlicht wurde. Mehr rockig als metallisch swingen sich Borknagar unter brillierenden Hammondorgeln und großen Melodiebögen durch diese sechseinhalb Minuten. Auch wenn hier durchaus zwischendurch auch mal Doublebass und Blastbeat ausgepackt werden, hat dieser Song schon fast mehr von Deep Purple als von Emperor, und es funktioniert blendend.
3. The Fire That Burns (6:33)
Da schlägt der folgende Song schon eher in bekannte Kerben und hätte genauso auch auf “Urd” stehen können. Das bewährte Wechselspiel aus unnachgiebig durch die Landschaft pflügendem Black Metal und pathetischen Refrains (”The independent nature of maaaan - A creaaatoooor and destroooyeeeeer”) findet hier seine Perfektion und lässt sogar die, soviel muss man zugeben, etwas albern-klischeehafte Titelzeile “FIRE! FIRE THAT BURNS!” verzeihen. Ja, Feuer brennt und macht aua. Borknagar lassen hier hingegen nichts anbrennen (höhö... hö) und, ja gut, ich mach ja schon mit dem nächsten Song weiter.
4. Lights (5:04)
Vielleicht der Hit des Albums, und das, obwohl der Song gar nicht mal so unvertrackt strukturiert ist. Dafür warten aber Strophen, Bridge und Refrain jeweils mit derartigen Ohrwürmern auf, dass der Kopf sich gar nicht entscheiden kann, welchen Teil von “Lights” er einem gerade ungefragt vordudeln möchte. Ist es “My heeeros, they all died so long agooo”? Doch lieber “And the lights shone through forever, and the sky would never hold”? Oder doch einer der ungefähr siebzehn anderen Kandidaten?
5. Wild Father’s Heart (5:42)
Was wäre ein Metalalbum ohne seine Quotenballade? Okay, fies formuliert, aber ein bisschen ist da schon dran. Wo aber viele Songs nach “Wir brauchen unbedingt einen ruhigen Song irgendwo in der Mitte, so als Atempause und für die Vielfalt” klingen, ist “Wild Father’s Heart” ein unverzichtbarer, gleichberechtigter Stein im Fundament dieses Albums. Absolut herzzerreißend gesungen, liebevoll instrumentiert und gerade im Mittelteil geradezu unerträglich atmosphärisch. “Wild father’s heart, driven by nature’s excellence.”
6. Mount Rapture (6:08)
Dass ein Song in der Qualität von “Mount Rapture” auf diesem Album vielleicht der ist, an den man sich am wenigsten erinnert, spricht ja nur für das Gesamtwerk an sich. Einfach eine klassische Borknagar-Nummer, die auf keinem der letzten paar Alben fehl am Platz gewesen wäre und sich mit ihrer Stilvielfalt und den gelungenen Wechselspielen aus Epik und Härte nahtlos ins Bild einfügt.
7. Into the White (5:58)
Dieser Song hingegen ist wieder einer von denen, bei denen man sich einfach nicht entscheiden kann, welcher Part jetzt der hervorstechende ist. Ein absolutes Melodiefeuerwerk, das sich knapp vor der Fünf-Minuten-Marke mit den seltsam wabernden Synthesizern auch nochmal erfrischend abhebt.
8. Tidal (9:33)
Was wäre ein Borknagar-Album ohne ein Epos der Marke “The Winter Eclipse” oder “Abrasion Tide”? Und auch, wenn “Thunderous” natürlich rein längentechnisch in diese Kategorie passen würde, hatte es doch hauptsächlich den Job, das Album standesgrmäß zu eröffnen. “Tidal” hingegen gibt sich vollkommen der großen Geste hin und wäre ein absolut würdiger Abschluss für dieses Album, wenn, ja, wenn...
9. Voices (5:04)
...wenn da nicht “Voices” wäre. Mit nichts, das Borknagar jemals gemacht haben, wirklich vergleichbar (soweit ich weiß - mit den früheren Alben bin ich nicht sehr vertraut), aber vielleicht das Beste, was sie jemals gemacht haben. Durch den gesamten Song zieht sich eine einzige Gesangsmelodie, die klagend vorgetragen wird und zuerst (wie es typisch für mittelalterliche Musik oder aber auch den ursprünglichen Blues ist) über einen einzigen, unveränderten Akkord gesungen wird, der dann aber mit Einsetzen der Gitarren plötzlich aufbricht und dem Song eine unvergleichliche Weitläufigkeit und Dramatik verleiht, die ihn unendlich wirken lässt, gleichzeitig aber absolute Endzeitstimmung verströmt. Und spätestens, wenn Borknagar nach zwei Minuten zum finalen Crescendo ansetzen, öffnen sich alle Tore. Was für ein alles überstrahlendes Meisterwerk. Was für ein Ende für ein Album, das an sich schon so gut wie makellos war, aber mit “Voices” den allerletzten Funken entzündet, der es als klar bestes Album des Jahres zementiert. Vielleicht ist es genau dieser eine Augenblick nach 3 Minuten und 14 Sekunden, in dem die Zeile “They’ll always find me, oh yes, they’ll find me” gesungen wird und beim zweiten “me” nochmal um einen Ton nach oben steigt, in dem sich “True North” auf den Thron emporhebt. Was sollte auch ganz oben sein, wenn nicht der Nordpol? Eben.
Highlights:
Thunderous
Up North
Lights
Voices

















