The Witcher: Nightmare of the Wolf, das neue Spin-off im Hexer-Universum, welches auf der berühmten Buchreihe Wiedźmin des polnischen Fantasie-Autors Andrzej Sapkowski basiert, ist ein von Netflix in Auftrag gegebener Animationsfilm von einer Spiellänge von 83 Minuten und erschien am 23. August 2021 online in Deutschland. Die durch Sapkowski geschaffene Welt um Hexer Geralt, welche auch schon durch die Videospiele vom polnischen Gamestudio CD PROJECT RED und der von Netflix adaptierten Buch-Serie The Witcher erweitert wurde, wird nun mit der Vorgeschichte von Geralts in die Jahre gekommenen Mentors Vesemir bereichert. Der junge Vesemir entflieht seinem tristen und armen Dasein als einfacher Diener einer niederen Adelsfamilie, nachdem er einem Hexer bei seiner Arbeit geholfen hatte und dessen Angebot, selber ein Hexer zu werden, annahm. Nach seiner Ausbildung in Kaer Morhem, der „Hexerschule des Wolfes“, welche eher ein hartes Survival-Bootcamp mit genmutierenden Experimenten gleicht, verdingt er sich nun als vollausgebildeter Monsterschlächter für Ruhm und Gold. Aber als neue mutierte Monsterarten das einfache Volk und somit das politisch-angeschlagene Königreich Redania bedrohen, war sofort klar, wer die Fadenzieher hinter dem Dilemma um Monster und Gold sein mussten: die Hexer. So findet sich Vesemir in einem Abenteuer voller Intrigen, alten Liebschaften, machtgeilen Zauberern und moralischen Konflikten wider.
Das Drehbuch von Beau DeMayo bezieht lose Zusammenhänge zu Sapkowskis Originalstory und fügt sich hölzern in die Welt der Geralt-Saga hinzu, da nur wenige Elemente aus der Vorlagen von Buch oder Spiel übernommen wurden. Es fehlt die erzählerische Tiefe der Handlung, welche man aus Spiel und Buch kennt. Es könnte an der Spiellänge liegen, dass keine Zeit für komplexe Storylines und schlüssige Wendungen fehlt. Als störend könnte man das Fehlen der Existenz von anderen Hexern und deren Institutionen in der Story-Welt empfinden. Auch wurde verschwiegen, dass Hexer, Zaubrerinnen, Magier und alle menschlichen Wesen, welche mit Magie hantieren, sehr unwahrscheinlich eigene Nachkommen zeugen können. Deswegen ist auch die Hintergrundgeschichte und somit der Rachegrund der Figur Tetra, der Beraterin des Königs und Zauberin, welche moralisch keinen Deut besser ist, als die von ihr verhassten und „geldgeilen“ Hexer, ziemlich vage und lächerlich. Auch war der Plot-Twist um Vesemirs alter Jugendliebe, welche in ihrem Leben einen Standesaufstieg erlebt hatte und während der Story zu seiner Verbündeten wurde, ziemlich erzählerisch flach und
klischeehaft. Auch das alle Hexer hauptsächlich als raffsüchtige und disloyale Mutanten dargestellt und auf diese Charaktereigenschaften degradiert werden, ist ein ziemliches schwaches Stilelement. Aber die Story hat neben ihrer offensichtlichen Schwächen, auch einige Stärken, wie z.B. das bittersüße Ende, welches in den Kanon und die allgemeine Attitüde des Originaluniversums passt. So wie die dargestellte Brutalität und der Verlust.
Das erste was einem beim Ansehen von Nightmare of the Wolf auffallen kann, ist die Musik. Leider wurde die Hintergrundmusik des Animationsfilms auf das typisch generische „Mittelalter Gestreiche“ heruntergebrochen. Es fehlen die distinktiven Töne einer Trommel, das Brummen und Summen der Drehleier und das Spiel von Flöten. Dafür hört man hauptsächlich Violinen und evtl. Gitarren. Das, was einige Fans beim Spielen des Dritten Witcher Videospiels am meisten begeistert hatte, war einfach der Music-Score. Ohne die Musik, würde man nicht so tief ins Geschehen der Handlung eindringen, und genau dies ist bei dieser Adaption geschehen. So wie das Drehbuch, war auch die Musik flach und langweilig. Anstatt das Geschehene zu untermalen und zu unterstützen, wurden an falschen Stellen Akzente gesetzt (z.B.: zu lange dynamische Musik bei Kämpfen) oder überhaupt keine Spannung aufgebaut. So kann man die Musik als die größte Enttäuschung dieses Films sehen. Als einziger Lichtblick am Himmel kann man das Titellied zählen, da es an Lullaby of Woes, dem Titellied des dritten Videospiels, ähnelt.
Produziert wurde der Film vom südkoreanischen Studio Mir, welches schon für Netflix die Animationsserie Castlevania, basierend auf dem gleichnamigen japanischen Videospielklassiker, animiert hat. Der Stil erinnert direkt an Castlevania, auch ohne das Vorwissen über die Produktionsstudio. Das Design von Architektur, Kleidung, Landschaft und Figuren sind an generische eurozentrische Mittelalter- und Fantasy-Elemente angelehnt. Auch hier fehlen einfach prägnante Stildetails, die in der Witcher Serie und den Spielen hervorragend dargestellt wurden. The Witcher: Nightmare of the Wolf könnte zeichnerisch ein Castlevania-Klon sein. Die Spiele haben architektonisch, kostümtechnisch und allgemein vom Design so einen distinktiven Charakter, dass der Animationsfilm blass und fade daneben wirkt (obwohl man eher die Wörter „zu dunkel und matschig“ wählen müsste). Für Castlevania hat dieser Animationsstil vollkommen ausgereicht, da das japanische Original ein generisches, aber auch ein teilweise exzentrisch angehauchtes mittelalterliches Europa geschaffen hatte. Da es aber schon mehrere westliche Adaptionen der Geralt-Saga gibt, fehlen die schon bekannten Designelemente und lassen die Zuschauende nicht wirklich fühlen, dass es sich um das Hexer-Universum handelt. Einzig und allein die Monsterdarstellungen, und auch die neuen Monster
mit eingeschlossen, waren hervorragend und haben zum Kanon der Welt gepasst. Bekannte Monster und deren Verhalten, Aussehen und Bewegungen wurden detailgetreu animiert und dargestellt.
Summa summarum ist The Witcher: Nightmare of the Wolf nicht zufriedenstellend. Die Netflix Real-Serie The Witcher konnte bis zur Dritten Staffel den Fans Hoffnung gegeben, dass auch diesmal Netflix eine tolle Erweiterung des Hexer-Universum schaffen würde. Die Story, Musik und die Designelemente könnten für alle großen Wiedźmin /The Witcher – Fans wenig überzeugend wirken. Auch eine Enttäuschung könnte für alle Polnischen Fans (genau wie in der Netflix Real-Serie) sein, dass es keine polnische Synchronisation gibt. Die original Buchreihe und der O-Ton der Spiele ist die Polnische Sprache, und bei beiden Medien sind Sprache und Synchronisation im Original hervorragend. Deswegen könnten Lore-Puristen und Hardcorefans den Animationsfilm für zu flach, generisch und als unnötig ansehen– und somit ist dieser auch für viele Fans kein Muss zum Anschauen. Anstatt das man sich mit Vesemirs „Albtraum“ beschäftigt, wird der Film zum Albtraum eines jeden Hardcore Fans. Aber, obwohl diesem Spin-Off nicht besonders überzeugend ist, kann es für alle Zuschauenden, die abends leichte Kost und Unterhaltung wollen, oder auch sich nicht zu sehr in der Witcher-Welt auskennen und/oder einfach nur gerne brutalen Anime mit Blut und Gemetzel schauen wollen, mit The Witcher: Nightmare of the Wolf ihr Fett wegkriegen.