49. Birthday Bash
Kathi Genervt parke ich meinen Wagen im Halteverbot vor Klinikum Stuttgart, wo drauf ich mir einen bösen Blick, von einer alten Oma einfange, die gerade ihre Rollator über den Gehweg schiebt. Ich beachte sie nicht weiter, sondern werfe einen Blick auf die Uhr in meinem Armaturenbrett, viertel vor eins. Gerade noch rechtzeitig geschafft. Sarah hat um halb eins Schluss und bis sie sich umgezogen und verabschiedet hat, ist bestimmt ein Uhr. Mit einem Klicken löse ich den Sicherheitsgurt und drehe mich um. Toni und Emil sitzen brav in ihren Kindersitzen auf der Rückbank. Die beiden beachten mich überhaupt, zu sehr ist ihr Blick auf die kleinen Bildschirme, an der Rückseite der vorderen Sitze, geheftet. Eigentlich halte ich ja nicht viel davon meine Kinder vor dem Fernseher abzuladen oder mit Filmen ruhig zu stellen. Aber auf einer sechsstündigen Autofahrt, kann man mal eine Ausnahme machen. Über den Bildschirm flimmert gerade Lauras Stern. Als ich auf den Play-Knopf drücke und damit den Film anhalte, hebt Toni empört ihren Kopf. „Wieder an!“, verlangt sie von mir und auch Emil schaut mich leicht vorwurfsvoll an. Auch wenn er sich einen Moment später schon wieder mit seinem Stück Zwieback beschäftigt. Ich übergehe Tonis Frage und lächele sie an. „Freut du dich auf Papa?“, frage ich sie und Toni nickt sofort. „Und auf Marli und Tido und Osci und Helga und Jojo und Kus und Tim und Flo!“, zählt Toni alle Personen auf, die ihr so schnell einfallen. Wobei es sich bei Helga um den Mischlingshund meiner Schwester und nicht um einen Menschen handelt. „Papa kommt erst morgen. Heute Abend hat er noch ein Konzert in Münster!“, erkläre ich Toni und ihre Begeisterung scheint ein wenig ab zu flauen. Ich kann Toni gut verstehen, auch ich würde Carlo lieber heute als morgen sehen. Die letzten zehn Tage ohne ihn haben sich gezogen wie Kaugummi. Das kombiniert mit einer kranken Toni, einem zahnenden Emil und unzähligen Nachtschichten von Sarah im Krankenhaus, war nicht wirklich geil. Ich vermisse Carlo schrecklich und kann es kaum erwarten ihn endlich wieder zu sehen. Trotzdem war die Zeit mit den Kindern und Sarah irgendwie auch ein bisschen cool. Es hat sich fast ein bisschen angefühlt, wie das WG-Leben, was Sarah und ich ins immer als Kinder ausgemalt haben. Naja abgesehen davon, dass meine beiden Kinder immer mit von der Partie waren und Sarah den halben Tag gepennt hat. Egal, jetzt freue ich mich auf die nächsten beiden Tage mit Carlo und den Kindern. Vielleicht schaffen wir es sogar ein bisschen Allein-Zeit ein zu planen. Immerhin sind mehr als genug Babysitter vor Ort. Fast genauso doll wie auf Carlo, freue ich mich auf meine große Schwester. Seit Weihnachten ist schon fast ein Monat vergangen und in der zwischen Zeit hab ich nicht viel von ihr gehört. Wie immer, wenn wir in Hamburg sind, wohnen wir für die Zeit bei Marli und Tido. Auch wenn es dieses Mal vielleicht ein bisschen voller wird als sonst. Eigentlich wollte Sarah zu Hause in Stuttgart bleiben, weil sie arbeiten muss. Aber nachdem sie die letzten sechs Tag fast komplett durch gearbeitet hat und vier Nachtschichten hinter sich hat, wurde sie für drei Tage vom Dienstplan gestrichen. Also hat sie doch Zeit mit nach Hamburg zu kommen und Carlos Geburtstag mit uns zu feiern. „Weißt du was Morgen ist?“, frage ich Toni und die Kleine beginnt sofort zu nicken. „Papas Burtstag!“, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen und beugt sie ein wenig vor. Aus der Sitztasche vor ihr zieht sie ein schon ziemlich ramponiertes Wasserfarbenbild und hält es mir stolz entgegen. „Für Papa!“, verkündet sie stolz und wie in den letzten drei Tage auch schon, begutachte ich das Bild voller Ehrfurcht. Auf dem Bild sind vier Strichmännchen zusehen, das eine hat anstatt eines Kopfes einen großen, schwarzen Kreis auf seinen Schulter, ein anderes hat keine Beine, wieder ein anderes steht auf einem großen, blauen Viereck und das letzte Männchen hat etwas unförmiges Rotes vor dem Bauch. Der gesamte Hintergrund war gelb ausgemalt und auch die Männchen hatten den ein oder anderen Klecks roter Farbe abbekommen. Nach einigem Raten erklärt Toni mir, dass es sich bei ihrem Kunstwerk um Carlo, Markus, Flo und Tim auf der Bühne handelt. „Das ist wirklich schön Motte, Papa wird sich riesig freuen!“, lobe ich sie und weiß, dass das verknitterte Bild wahrscheinlich wirklich Carlos schönstes Geburtstagsgeschenk wird. Egal mit was Toni vom Kindergarten nach Hause kommt, Carlo freut sich über jedes Stückpapier einen Ast ab und lobt Toni in den Himmel. Es ist purer Zucker den beiden dabei zu zusehen, wie sie minutenlang über Tonis bunte Malereien philosophieren und wie angeregt Carlo ihr bei ihren Erklärungen lauscht. Und jedes Kunstwerk wird natürlich auch an die Küchentür gehangen, von der fast nichts mehr zu sehen ist. Meine Gedanken wandern zu Tonis erstem Tag im Kindergarten, als Carlo und ich sie zusammen abgeholt haben, hat sie uns begeistert ein weißes Blattpapier entgegen gestreckt und erzählt, dass sie das für uns gemalt hat. Mittlerweile hängt das weiße Blattpapier eingerahmt in Carlos Studio über seinem Schreibtisch. „Sorry! Mein Chef musste noch was mit mir klären. Ich darf nächste Woche bei einer Oberschenkelamputation assistieren!“, flötet Sarah, nachdem sie die Autotür aufgerissen hat und pfeffert ihre Liebeskind-Tasche in den Fußraum. Kurz dreht sie sich zu Emil und Toni nach hinten um. „Hey Zwerge!“, begrüßt sie die beiden und dreht sich dann wieder zu mir um. „Musstest du lange warten?“, fragt sie und zieht mich in eine kurze Umarmung. Ich schüttele den Kopf und tippe den Rückwärtsgang an. „Alles gut, wir sind erst seit ein paar Minuten hier!“, beruhige ich sie und navigiere uns vom Parkplatz. Sarah lehnt sich im Sitz zurück und streift ihre grauen Roshe Runs von den Füßen. „Hast du schon was von Carlo gehört? Wo spielen die beiden heute Abend eigentlich?“, fragt Sarah und legt ihre Füße aufs Armaturenbrett. „Ne, Carlo hat den ganzen Tag Interviews!“, antworte ich abwesend und setze den Blinker um auf die A7 zu fahren. „Mama! Lauras Stern!“, kommt Tonis Stimme verlangend von hinten. Erst jetzt bemerke ich, dass ich den Film noch immer nicht wieder angeschaltet habe. „Sorry!“, entschuldige ich mich und drücke auf den großen Touchscreen in der Mitte des Armaturenbretts. Sarah dreht ihren Kopf nach hinten und grinst Toni an. Für eine ganze Weile ist es leise im Auto, nur Tonis Mitsingen und Emils Brabbeln ist zu hören. „Hab ich schon erzählt, dass ich bei einer Oberschenkelamputation assistieren darf? Der Professor hat mich heute Morgen zur Seite genommen und gefragt. Vielleicht darf ich sogar selbst sägen!“, Sarah hört sich ganz begeistert an und man könnte fast denken, dass sie sich wirklich darüber freut. In mir zieht sich alles zusammen, allein bei der Vorstellung kommt mir das Frühstück wieder hoch. Ich hab noch nie verstanden, wie Sarah sich so sehr für Zeug wie Blutabnehmen, OPs und Wunden jeglicher Art begeistern kann. „Toll!“, sage ich tonlos und halte den Blick auf die Straße gehalten. „Ja, das wird einfach so toll und dann müssen wir auch noch die ganzen Venen, Arterien und Gefäße geschlossen werden und so! Hach das wird toll!“, sagt sie begeistert und klatscht in die Hände. Ich stöhne auf und lege den Kopf in meine linke Hand. Sarah grinst mich an und hebt entschuldigend die Hände. „Sorry! Ich hör ja schon auf!“, sagt sie und ihr grinsen wird nur noch breiter. „Sehr gnädig von dir!“, bedanke ich mich und drücke ein wenig mehr aufs Gas. „Lucca hat mir geschrieben und gesagt, dass wir morgen alle in VioVio kommen, sollen. Weißt du warum?“, fragt sie mich und lehnt ihren Kopf gegen die Fensterscheibe. Ich zucke mit den Schultern, „Keine Ahnung, vielleicht weil er nichts anderes im Schrank hat!“, überlege ich und lächele über meinen eigenen Kommentar. Morgen Abend feiern wir nach dem Konzert in Hamburg Carlo siebenzwanzigsten Geburtstag und Lucca hat sich zusammen mit Jojo um die Planung des Abends gekümmert. Was mir ehrlich gesagt ein bisschen Bauchweh macht, da ich absolut keine Ahnung habe, was die beiden Chaoten sich ausgedacht haben. „Ich glaub ich zieh mein Flamingo Shirt an, weißt du welches ich meine? Das aus der ersten Kollektion!“, überlegt Sarah laut und schaut mich aufmerksam an. Natürlich weiß ich von welchem Shirt sie spricht. Wieso sagt Lucca eigentlich Sarah Bescheid, aber mir nicht. Alles was ich von Vio mithabe sind meine übergroßen Schlaf-T-Shirts. „Weißt du schon was du anziehst?“, fragt Sarah mich und tippt ein wenig auf dem Touchscreen rum, um eine neue Radiostation zu finden, anders als Carlo höre ich sogar manchmal Radio. Auch wenn ich im Moment eigentlich nur auf den Verkehrsfunk warte. „Ne, Lucca der Vollidiot hat mir nicht Bescheid gesagt und jetzt ich hab nichts dabei.“, erkläre ich ihr und verdrehe die Augen. „Oh man, dass muss Lucca voll vergessen haben!“, überlegt Sarah. Ich grinse sie an, irgendwie ist es fast schon süß, wie sie ihn in Schutz nimmt, obwohl ich gar nichts Böses über ihn gesagt habe. „Was geht da eigentlich zwischen dir und Lucca?“, frage ich sie breitgrinsend und pieke sie in die Seite. Sofort verschränkt Sarah die Arme vor der Brust und verdreht die Augen. „Gar nichts!“, sagt sie lang gezogen und schaut mir direkt in die Augen. „Ach komm schon!“, stochere ich ein bisschen nach, aber Sarah schüttelt wieder nur den Kopf. „Ne wirklich nicht, da läuft nichts. Lucca ist nicht wirklich mein Typ!“, sagt sie aufrichtig und nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. „Mh!“, mache ich, „Wieso nicht?“ Sarah zuckt die Achseln, „Ich weiß nicht. Er ist mega lieb. Aber eben auch nur lieb. Irgendwie zu lieb!“ Ich nicke wissend. „Aha und du stehst seit neustem eher so auf Bad Boys!“, stelle ich fest und wir beide fangen an zu lachen. „Nein!“, sagt Sarah lang gezogen und schiebt meinen Arm von der Mittelkonsole. „Aber nur nett reicht halt nicht! So ein bisschen böse ist ja okay!“, überlegt sie und scheint mehr mit sich selbst zu sprechen als mit mir. „So wie Jojo!“, sage ich nachdenklich und spüre im nächsten Moment sie Sarah mir mit der Faust gegen den Oberarm schlägt. „Ich habe von aufregend und keinem kleinekriminellen, drogenabhängigen Möchterngern-Gangster, der in seiner Freizeit Jura studiert gesprochen!“, fährt sie mich an und schaut mich streng an. „Sorry!“, entschuldige ich mich halbherzig und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Ich will jemand der mich so anguckt wie Carlo dich anguckt!“, sagt Sarah in einem ernsteren Ton und fährt sich durch die langen Haare. „Aha und wie guckt Sarah mich an?“, frage ich sie noch immer belustig. Sarah verdreht die Augen. „Boah Kathi, als wenn du das nicht wüsstest! Wenn der Raum voller Frauen ist schaut er trotzdem nur dich an und sobald du wieder so komisch nervig lachst, fangen seine Augen so bescheuert an zu strahlen, als wenn er irgendwas genommen hätte!“, klärt Sarah mich auf. Und ich bekomme ganz weiche Knie, als ich an Carlo kilometertiefen Schokoladenaugen denke. „Wenn ich dich nicht so lieb hätte, würde ich euch beide sowas von nervig finden. Ich will einfach jemanden für den ich auch die Einzig bin und der mich so bescheuert kitschig anguckt, dass es nicht aus zuhalten ist!“, sagt Sarah leise und senkt den Blick auf ihren Schoß. Ich greife mit meiner Hand nach ihrer und streiche mit meinem Daumen über ihren Handrücken. Ich weiß ganz genau, wie sehr sie die Trennung von ihrem letzten Freund mitgenommen hat. „Kathi vielleicht komm ich mit einem Ring am Finger zurück nach Deutschland!“, höre ich ihre aufgeregte Stimme am Telefon sagen, als wenn es gestern gewesen sei. Und nur zwei Monate später hat sie mich unter Tränen angerufen und von seiner Untreue erzählt. Am liebsten wäre ich sofort in den nächsten Flieger gestiegen und zur ihr geflogen, aber Sarah selbst und Carlo hatten mich davon abgehalten. „Den findest du auch noch Liebes. Es ist noch so viele gutaussende, Neurochirurgen mit Villa am Genfer See!“, versuche ich sie auf zu heitern und erinnere sie an ihre Vorstellung vom Traummann von früher. Sarah lächelt mich matt an. „Mal schauen ob das wirklich so kommt, immerhin hast du auch nicht deinen Bankdirektor mit Mercedes Sportwagen und Münchener Penthouse bekommen!“ Wir beiden fangen an zu lachen. „Naja wenigstens hat er mit dem Mercedes Sportwagen geklappt!“, grinse ich und streiche ihr über die Wange. „Wir finden deinen Prinzen schon noch und wenn alle Stricke reißen ist noch immer der nette Lucca übrig!“, zwinkere ich ihr zu. Nach einer kurzen Pause fürs Mittagessen wechseln Sarah und ich und sie fährt weiter. Währenddessen rufe ich Jule an und damit sie mir noch ein Tank von Vio in der richtigen Größe mitbringt. Natürlich endet das Gespräch nicht nach ein paar Minuten, sondern wir quatschen für geschlagene zwanzig Minuten. „Wir waren gestern beim Arzt und der Krümel ist jetzt siebenhundert Gramm schwer und dreißig Zentimeter groß! Kannst du dir das vorstellen!“, erzählt sie mich ganz begeistert. Natürlich konnte ich mir das vorstellen, immerhin war ich auch schon zweimal schwanger. Trotzdem höre ich Jule zu und freue mich für sie, denn ich weiß ganz genau wie aufregend diese Zeit für sie ist. „Wisst ihr schon was es wird?“, frage ich sie. Ich höre Jule seufzen, aber es ist eher ein freudiges Seufzen. „Ja, aber das will ich dir und Carlo zusammen sagen. Ich will dabei eure Gesichter sehen!“, erklärt Jule mir und ich kann sie gut verstehen, der Familie zu erzählen was man bekommt ist ein ganz besonders aufregender Moment. Als ich mit Toni schwanger war, ich Carlo beim Arzt fast umgekippt, als er uns offenbart hat, dass wir ein Mädchen bekommen. Was vielleicht auch damit zusammen hängt, dass Carlo bei diesem Termin unser Baby zum ersten Mal gesehen hat. „Dann erfahren wir es also morgen Abend?“, frage ich hoffungsvoll und höre Jule kichern. „So war der Plan! Mats kommt leider erst nach, ich hoffe ich halte bis dahin aus!“, jammert sie und ich kann mir Jule gerade genau vorstellen. Wie sie im Schneider sitzt bei ihren Eltern zu Hause auf der Couch sitzt und verzweifelt an die Decke starrt. Mit Geheimnissen ist keins der Waibel-Kinder wirklich gut. Was bei Geschenken und Überraschungen nicht immer nur von Vorteil ist. „Das schaffst du schon!“, spreche ich ihr gut zu. „Ich hoffe es!“, seufzt Jule leidend. Ich höre im Hintergrund eine Türklingel. „Du Kathi, ich muss mal an die Tür. Aber ich bring dir morgen das Camo-Top einfach mit zum Konzert und dann kannst du dich ja da umziehen!“, schlägt Jule vor. „Hört sich super an!“, pflichte ich ihr bei. „Okay dann bis morgen. Ich hab dich lieb!“, verabschiedet Jule sich von mir und hat schon aufgelegt, bevor ich irgendetwas erwidern kann. Es ist schon dunkel als ich meinen Wagen vor dem großen, alten Ziegelsteinhaus in dem Marli und Tido mit Oskar wohnen parke. Als die beiden nach Hamburg gezogen sind haben sie sich natürlich nicht für einen Neubau entschieden sondern für einen typischen Hamburger Backsteinbau, der um die Jahrhundertwende gebaut wurde. Was anderes würde auch gar nicht zu Marli passen. Auf der Kieseinfahrt erkenne ich Tidos graue C-Klasse und Marlis himmelblauen Trabi, den ich niemals freiwillig fahren würde. Anders als die meisten Menschen hielt Marli nicht viel von schnellen, schnittigen und vor allem neuen Autos. Nein für sie musste sowas Charakter und Geschichte haben. Das hatte die blaue Rostlaube auf jeden Fall. Auch wenn Marli das Ding nur noch für kurze Strecken innerhalb Hamburgs benutzt. Mehr als einmal hatte ihr Tido schon angeboten ihr einen neuen Wagen zu kaufen, aber meine große Schwester wollte davon nichts hören. Solange Manni, so hieß ihr Trabi, nicht irgendwann von selbst aufhören würde zu fahren, wollte sie ein neues Auto. „Da sind wir!“, verkünde ich und öffne die Fahrertür. Für einen Augenblick bleibt Sarah noch im Auto sitzen und scheint den spärlich beleuchteten Vorgarten zu betrachten. Kurz folge ich ihrem Blick und okay, man muss zugeben auf den ersten Blick sieht das ganze hier ein bisschen chaotisch aus, aber auch wirklich nur auf den ersten Blick. In dem alten Apfelbaum vor dem Esszimmerfenster schaukeln bunte Teelichter im Wind, der Weg zum Haus ist mit verschiedenen Steinen gepflastert und anstatt gerade zur Haustür zu führen, schlängelt er sich ein wenig durch den Vorgarten. Wobei ich bezweifele, dass irgendjemand wirklich diesen Weg benutzt, denn rechts und links davon verlaufen mehrere kleine Trampelpfad durch den Vorgarten. Aber am wohl ungewöhnlichsten ist wohl der Gartenzaun. Anstatt normal in braungestrichen zu sein, hat jede Latte ein anders Muster oder Farbe. Ich kann mich noch ganz genau an Oskars letzten Kindergeburtstag erinnern, an dem Marli alle Kinder aus der Nachbarschaft eingeladen hat und wir zusammen den Zaun bemalt haben. Es war ein herrlich warmer Sommertag, die Sonne schien und Carlo hatte wahrscheinlich mehr Spaß beim bemalen des Zauns als alle Kinde zusammen. Sofort erkenne ich die Zaunlatte mit dem bunten ‚VioVio‘ Schriftzug neben dem kleinen Gartentörchen. Während ich Emil aus seinem Kindersitz befreie, wird auch schon die Haustür aufgerissen und Marli eilt die Eingangsstufen hinunter. „Herzlich Willkommen“, ruft Marli begeistert und kommt auf uns zu. Sofort zieht sie mich in eine Umarmung. Ich erwidere ihre Umarmung und sauge den mir allzu bekannten Duft ein. „Hey!“, begrüße sie und will sie gar nicht mehr los lassen, „Ich hab dich vermisst!“ Marli löst sich von mir und streicht mir über die Wange. „Ich dich auch, Kleine!“, versichert sie mir und nimmt mir Emil vom Arm. Auf Höhe der Motorhaube treffen mir Sarah, die Toni an der Hand hat. „Marli!“, ruft Toni begeistert und wirft ihre kleinen Arme im nächsten Moment um die Beine ihrer Tante. „Hallo Toni!“, lächelt Marli und streicht Toni über den Kopf. „Halli Hallo!“, macht Sarah auf sich aufmerksam und umarmt Marli über Toni hinweg. Die beiden haben sich das letzte Mal auf Emils Taufe gesehen. „Schön dich wieder zu sehen! Wieder gut angekommen?“, fragt Marli und strahlt Sarah an. „Ja, es ist super toll wieder zu Hause zu sein. Ich hab zu Hause echt total vermisst!“, gibt Sarah zurück. Marli nickt und lächelt, „Ja, wir haben dich auch alle ziemlich vermisst!“ Sarah ist genauso mit Marli groß geworden wie ich. Wenn Sarah am Wochenende bei uns geschlafen hat, haben wir Samstagsabends bei Marli auf dem Bett gesessen und ihr dabei zugesehen, wie sie sich zum Ausgehen fertig gemacht haben. Marli war auch diejenige, die uns unserer erste Flasche Sekt gekauft hat, als wir gerade mal vierzehn waren und uns zu unserem ersten Konzert begleitet. „Wo ist Tido eigentlich noch?“, frage ich Marli und beobachte sie von der gemütlichen Bank in ihrer Küche dabei, wie sie heißes Wasser in drei vorbereitete Tassen kippt. Es ist relativ still im Haus, naja sagen wir mal es ist still für Marlis Haus. Leise dudelt Musik aus dem großen Küchenradio auf der Fensterbank und über uns höre ich Sarah über den Dielenboden laufen. Nach einer kleinen Pizza Orgie und einem Badefest in Marlis und Tido großer Eckbadewanne sind die Kinder endlich eingeschlafen und im Bett. Toni hat sich einen Ast abgefreut, als sie erfahren hat, dass sie die nächste zwei Nächte mit in Oskars Zimmer schlafen darf. Für sie ist ihr großer Cousins so ziemlich der coolste Mensch auf der ganzen Welt. Marli dreht sich zu mir und lehnt sich gegen die Küchenzeile aus hellem Nuss-Holz. „Er macht heute Bereitschaftsdienst in Kinderambulanz, denen fehlen im Moment ziemlich viele Ärzte! Aber er müsste eigentlich so um zehn hier sein!“, erklärte sie mir und wirft einen Blick auf die große IKEA Uhr über meinem Kopf. Ich verrenke meinen Hals so, dass ich die Uhrzeit erkennen kann. Viertel nach acht. Carlo geht also in genau sieben Minuten auf die Bühne. Mein Blick bleibt an einem der vielen bunten Bilderrahmen hängen, die um die Uhr herum hängen. Das Bild ist ein knappes Jahr alt und zeigt Carlo, Toni, Marli, Oskar, Tido und mich kurz nach Emils Geburt. Meine Haare sind total zerzaust und ich habe mich müde an Carlos Brust gelehnt. Aber meine Augen strahlen, sie strahlen mit Carlos um die Wette und mein Blick ist fest auf das kleine Bündel, das Emil ist, in Oskars und Tonis Armen gerichtet. Tido steht neben meinem Bett, hat sich ein wenig vorbeugt und scheint Oskar irgendwas zu erklären. Während Marli auf meiner anderen Seite sitzt und ihre Finger fest mit meinen verschlungen hat. Ich kann mich noch genau erinnern, was sie mir in dem Augenblick ins Ohr geflüstert hat, „Gut gemacht Schwesterchen!“ Das Bild ist nicht gestellt, sondern einfach nur ein Schnappschuss meiner Mutter, der entstanden ist, als sie uns aufgefordert hat, uns für ein richtiges Bild zu positionieren. Aber irgendwie ist es trotzdem total perfekt, weil es genau das einfängt, was in dem Moment wichtig war. Nämlich Familie. „Hier“, Marli reicht mir eine der Teetassen rüber und verschwindet dann für einen kurzen Moment in der kleinen Vorratskammer, die sich an die Küche anschließt. Ich lasse meinen Blick kurz durch die Küche schweifen, seit ich das letzte Mal hier war sich nicht viel verändert. Nur die selbst gemalten Bilder von Oskar, die an den Küchenschränken hängen, sind andere. Noch immer stehen die vier unterschiedlichen Stühle um den großen Küchentisch herum. Kein Stuhl passt zum anderen und trotzdem wirkt alles perfekt zum Tisch und der mintgrünen Bank auf der ich sitze. Die Bank haben Carlo und ich Marli zum fünfundzwanzigsten Geburtstag geschenkt. Naja eigentlich habe ich sie Marli geschenkt. Carlo und ich waren für ein paar Tage in Prag und dort habe ich auf einem Trödelmarkt die Bank entdeckt und mich sofort darin verliebt. Verrückt wie Carlo ist hat er die Bank gekauft und es irgendwie geschafft sie in unseren großen Geländewagen zu bekommen. Zu Hause hab ich die Bank angestrichen und neugepolstert und dann haben wir sie Marli geschenkt. Meine Fingerspitzen fahren über die Gravur im Kopfteil ‚Schwestern‘. Mehr steht da nicht. Mehr muss da auch gar nicht stehen. Weil damit alles eigentlich gesagt ist. „Ich hab noch einen halben Marmorkuchen oder Chips!“, kommt Marlis Stimme aus der Vorratskammer. „Bring beides mit!“, antworte ich ihr und einen Minute später lässt Marli zwei Tüten Chips neben mich auf die Bank fallen und stellt einen kleinen Teller mit Marmorkuchen auf den Tisch. „Oskar hatte im Kindergarten einen Trödelmarkt und dafür sollte ich einen Kuchen backen, aber am Ende sind wir einfach den ganzen Tag im Bett geblieben und haben den Kuchen selbst gegessen!“, erzählt Marli breitgrinsend und nimmt sich ein Stück von dem Kuchen. „Hört sich wesentlich besser an als Trödelmarkt im Kindergarten!“, pflichte ich ihr bei und reiße eine der Chips-Tüten auf. Bei dem Geraschel steckt Marlis Mischlingshündin Helga den Kopf in die Küche und beobachtet mich aufmerksam dabei, wie ich die Tüte auf den Tisch lege. Helga ist nach Wolle der wohl kinderliebste Hund auf der ganzen Welt, und Wolle ist auch nur auf Platz eins, weil er sich von Toni sogar das Fell stylen lässt. Vor vier Jahren haben Marli und Tido sie von einem Urlaub auf Gran Canaria mitgebracht und seit dem gehört der Straßenfeger, wie Tido sie immer nennt, einfach zur Familie. „Du bekommst nichts!“, erkläre ich der Hündin, die daraufhin die Haaren hängen lässt und zurück ins Wohnzimmer trottet. „Hat Sarah noch immer Angst vor Hunden?“, erkundigt Marli sich und beobachtet wie Helga sich wieder in ihr Körbchen legt. Ich nicke mit dem Kopf, „Ja aber es geht schon. Also solange die Hunde nicht bellen oder sie anspringen!“ „Dafür ist Helga viel zu faul, nicht wahr Dicke?“, grinst Marli und verstellt ihre Stimme, als sie mit dem Hund redet. „Wo steckt Sarah eigentlich?“, fragt Marli und legt ihren Kopf in den Nacken, als wenn sie Sarah durch die Decke durch beobachten könnte. Ich zucke die Schultern, „Wahrscheinlich ist sie noch duschen, wir sind direkt vom Krankenhaus aus los gefahren und sie hatte keine Zeit mehr sich noch wirklich um zu ziehen!“ Marli nickt wissentlich. „Achso, dann soll sie sich mal Zeit lassen. Wir haben ja noch den ganzen Abend zum Quatschen!“, sagt sie gutgelaunt, legt ihre in Wollsocken eingepackten Füße auf einen der Stühle und greift noch nach einem Stück Kuchen.
Carlo Als ich die Augen aufschlage, weiß ich für einen kurzen Moment nicht wo ich bin. Aber dann spüre ich den warmen Körper wieder neben mir und erinnere mich lächelnd an gestern Abend. Anstatt die Augen auf zu machen, entscheide ich mich dafür einfach ruhig liegen zu bleiben. Vielleicht schaffe ich es sogar noch einmal ein zu schlafen. Immerhin weiß ich nicht, wann ich das nächste Mal wieder ausschlafen kann und vor allem, würde ich ab morgen wieder alleine aufwachen müssen. Erst jetzt fällt mir ein was heute für ein Tag nicht. Der einunddreißigste Januar. Mein Geburtstag. Ich bin siebenundzwanzig. Überkrass, noch drei Jahre und ich dreißig. Also dann so richtig alt, wobei ich wirklich finde, dass sich siebenundzwanzig auch schon über alt anhört. Ich seufze und fahre mir mit der flachen Hand übers Gesicht. Auch wenn ich nicht mehr einschlafen kann, will ich trotzdem noch nicht aufstehen und mich zu viel bewegen. Immerhin könnte das die Gestalt neben mir aufwecken und sie hat sich den Schlaf mehr als verdient. Ganz still liege ich einfach nur da und hänge meinen Gedanken nach, eigentlich denke ich noch nicht einmal wirklich nach, sondern genieße die Leere in meinem Kopf. Einfach mal für einen Augenblick an nichts denken müssen, keine Setlisten, keine Soundschecks und auch keine Interviews. Sondern nur pure Stille und dieser wunderbar aufregende und liebliche Duft, gemischt aus ihrem Shampoo, Waschmittel und Liebe, in meiner Nase. Plötzlich beginnt sie sich neben mir zu bewegen, ich spüre ihren Ellbogen in meine Rippen stoßen und unterdrücke einen gequältes Stöhnen. Mit einem lauten Seufzer dreht sie sich auf den Rücken. Mittlerweile habe ich meine Augen wieder geöffnet und schaue sie aufmerksam an. Ihre seidigen Haare liegen wie ein Heiligenschein um ihren Kopf herum, ein relativ zerzauster Heiligenschein, aber trotzdem wunderschön. Als sie ihre Augen aufschlägt und direkt in mein Gesicht guckt, weicht sie überrascht ein Stück zurück und schaut mich aus großen Augen überrascht an. Blau trifft auf braun. „Carlo!“, sagt sie mit belegter Stimme und mein Grinsen wird nur noch größer. „Was machst du ihr?“, fragt sie verwirrt und setzt sich ein Stück weit auf und rutscht ein bisschen näher an die Wand, um sich daran zu legen. Aber ich lasse es nicht zu, dass sie noch mehr Abstand zwischen uns bringt und sie wieder an mich heran. Ohne ein Wort zu sagen, nehme ich ihr Gesicht in meine Hände und drücke ihr einen Kuss auf die weichen Lippen. „Ich wollte an meinem Geburtstag nicht alleine aufwachen!“, gebe ich ehrlich zu, „Ich wollte viel lieber neben meiner Frau aufwachen!“ Sie lächelt mich an und erwidert meinen Kuss. „Aber wann? Du hattest doch gestern noch ein Konzert?“, stammelt sie vor sich hin. Wahrscheinlich ist sie noch gar nicht richtig wach. Ich lehne mich in den Kissen zurück und ziehe Kathi mit mir mit. Sofort kuschelt sie sich an meine Brust und verschlingt ihre Finger mit meinen. „Ich hab Tido angerufen und ihn gefragt, ob es okay ist, wenn ich schon früher komme. Er hat mir den Haustürschlüssel in den Briefkasten gelegt und dann sind Jojo und ich einfach nach der Show in Steffens Autos gesprungen und hier in gefahren!“, fasse ich die Aktion von gestern Abend zusammen. Den Teil, dass Steffen erst erfahren hat, dass ich mir sein Auto ausgeliehen habe, als Jojo und ich schon ne Stunde unterwegs waren, lasse ich einfach mal aus. Dafür durfte Steffen heute in meinem großen Tourbus-Bett schlafen. „Du bist verrückt!“, Kathi stützt sich auf den Ellenbogen ab und schaut mir ins Gesicht. „Und dann bist du einmal quer durch Deutschland gefahren, nur um neben mir auf zu wachen?“, fasst sie alles nochmal zusammen und strahlt mich an. Ich kann nicht anders, als ihr Gesicht noch einmal zu mir heran zu ziehen und sie zu küssen. Zu sehr habe ich das in den letzten zehn Tagen vermisst. „Ich würd sogar halb durch Europa fahren um neben dir auf zu wachen!“, gestehe ich ihr und komme mir wie in einem dieser bekloppt romantischen Filme vor. Aber es ist nun mal die Wahrheit, selbst wenn es sich noch so kitschig anhört. Kathi schlingt ihre Arme um meinen Nacken und erwidert meinen Kuss. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag mein Schatz, ich liebe dich!“, flüstert sie an meinen Lippen und ich kann ihr Grinsen gerade zu spüren. Ich schlinge meine Arme um ihren Körper und drücke sie ganz fest an mich. „Ich liebe dich auch!“, versichere ich ihr und kitzele sie ein wenig. Kathi kichert und küsst mich wieder und wieder. Sie küssen werden immer intensiver und leidenschaftlicher und ich spüre mit einem Mal wie sehr ich sie wirklich vermisst habe. „Baby, ich habe dich so vermisst!“, hauche ich Kathi ins Ohr und küsse sie wieder. „Oh Carlo, ich dich auch!“, seufzt Kathi und fährt mit ihren Finger unter mein Shirt. Ich bin gerade bei Kathi das Shirt über den Kopf zu hören, als eine leise Stimme an mein Ohr dringt. „Papa! Papa! Papa!“, höre ich Emils Stimme und schaue an Kathis Gesicht vorbei auf das kleine Reisebettchen, dass vor dem Schrank aufgebaut ist. Fröhlich sitzt Emil in seinem Bettchen und kaut auf dem Ohr seines Kuscheltiers herum. Kathis und mein Moment zerplatzt wie eine Seifenblase und ich seufze kurz genervt auf. Einen Augenblick später überwiegt aber die Freude Emil wieder zu sehen. Behutsam schiebe ich Kathi von mir herunter und stehe auf. „Guten Morgen, Kumpel!“, sage ich fröhlich und hebe Emil aus dem Bettchen. Zusammen mit ihm lasse ich mich wieder zu Kathi ins Bett fallen, die gerade dabei ist ihr Shirt wieder grade zu sehen. „Guten Morgen mein kleiner Prinz!“, begrüßt Kathi ihn und drückt ihm einen Kuss auf den Kopf. Für einen kurzen Augenblick habe ich meine ganze Welt in der einer Nussschale und kann mir keinen besseren Ort vorstellen um siebenundzwanzig zu werden. Zusammen mit Kathi und Emil in Marlis und Tidos kleinem Gästezimmer, zugedeckt mit Bauernhofbettwäsche in einem kleinen eins-vierziger Bett. Kathi scheint für einen kurzen Moment zu überlege und fragt mich dann, „Hast du nicht gesagt Jojo ist mit dir mitgefahren? Wo ist er denn?“ Ich muss schmunzeln als ich an Jojo denke. Wahrscheinlich kann er sich an fast gar nichts mehr von gestern Abend erinnern, während ich Auto gefahren bin hat er sich die ein oder andere Flasche und das ein oder andere Gramm rein gezogen. Fragend legt Kathi den Kopf schief. „Der liegt oben im Wohnzimmer und pennt seinen Rausch aus!“, erkläre ich ihr. Jojo ist einfach sowas von ein über guter Freund. Nur damit ich die knapp vier Stunden nicht alleine fahren muss, ist er mitgefahren und hat sein weiches Bett gegen eine relativ unbequeme Couch getauscht. „Och der Arme!“, sagt Kathi. „Er hätte ja auch mit bei Sarah im anderen Gästezimmer schlafen können, aber ich glaub das hätte sie nicht so ganz cool gefunden!“, überlege ich laut und bringe Kathi damit zum Lachen. Sie streicht mir über die Wange und lehnt sich zu mir rüber. „Es ist wirklich schön, dass du hier bist!“, flüstert sie andächtig. Mit Emil auf meinen Schultern stampfe ich hinter Kathi her die Kellertreppe hoch in Erdgeschoss. Ein Blick in die Küche verrät mir, dass meine Schwägerin schon längst wach ist und dabei ist den Frühstückstisch zu decken. Sie jetzt in einem langen Shirt und bordeaux roten Leggins am Herd und rührt in einer Pfanne herum. „Guten Morgen!“, begrüße ich sie und mache auf mich aufmerksam. Marli dreht sich sofort zu mir um und kommt die wenigen Schritte auf mich zu. „Carlo!“, freut sie sich und zieht mich in eine ihrer berühmten Umarmung. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Tido hat erzählt, dass du gestern Abend noch gekommen bist. Dein Kumpel pennt noch im Wohnzimmer. Ich hab ihm mal ein Handtuch und eine Zahnbürste auf die Treppe gelegt. Tido ist noch im Bett. Aber Toni ist schon wach, sie ist mit Oskar und Sarah zusammen Brötchen holen. Ach es ist so schön dich zu sehen!“, wie ein Wasserfall prasselt ihr Redeschwall auf mich ein. Aber mittlerweile bin ich das schon von ihr gewöhnt und nicke einfach nur und höre zu. Sie tätschelt meinen Oberarm und nimmt mir dann Emil von den Schultern. „So Emil und ich kümmern uns mal ums Rührei und guckst mal ob du deinen Kumpel wach bekommst, Jojo oder? Dann können wir gleich alle zusammen Frühstücken! Du bekommst natürlich einen Ehrenplatz!“, verkündet sie und deutet in Richtung des Küchentisch an einem der Stühle hat sie ein paar bunten Luftballons befestigt. Hinter mir höre ich Kathi laut los prusten, aber irgendwie find ich’s cool. „Danke, Marli!“, lächele ich und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Zusammen mit Kathi betrete ich das Wohnzimmer, anders als der Rest des Hauses ist dieser Raum ganz klar Tidos Reich. An der Wand hängt ein großer Löwe Fernseher mit Boese Soundsystem und um einen schlichten Glastisch sind zwei schwarze Rolf Benz Sofas mit passenden grünen Sesseln gruppiert. Allein die Afrikanischen Masken an den Wänden und die großen schwarzweiß Photographien aus Tidos Heimat sehen nach Marlis Handschrift aus. Jojo liegt lang ausgestreckt über die größere Couch, seine Jeans hat er kreativ über eine der teuren Säulenboxen gehangen und auf dem Tisch liegt ein kleines Päckchen Gras, dass ich schnell in meiner Hosentasche verschwinden lasse, bevor Kathi es sieht. Nur in T-Shirt und Boxershorts schnarcht Jojo laut vor sich hin, dabei ist sein Mund weit geöffnet und sein rechter Arm hängt von der Couch runter. „Hey Jojo! Aufwachen!“, versuche ich ihn wach zu bekommen, aber er regt sich keinen Zentimeter. „Johannes, Frühstück!“, versuche ich es noch einmal. Aber noch immer passiert nichts. Kathi drückt sich an mir vorbei und setzt nicht neben Jojo auf die Couch. Mit zwei Fingern hält sie ihm die Nase zu und flüstert ihm dann ins Ohr, „Johannes, Güz ist alle!“ Als Jojo versucht durch die Nase zu atmen und es nicht funktioniert, reißt er plötzlich die Augen auf. Sofort lässt Kathi seine Nase los und steht auf. „Willkommen zurück im Reich der Lebenden, Herr Lieb!“, lächelt Kathi ihn an. Verwirrt schaut Jojo sich im Raum um und verfährt sich mit der flachen Hand über die verschlafenen Augen. „Was?“, fragt er und ist noch immer total neben sich. „Gleich gibt’s Frühstück!“, erkläre ich Jojo und klopfe ihm auf die Schulter. Wir sitzen alle zusammen am Frühstückstisch, als die Haustür aufgeschlossen wird und lautes Fußgetrappel zu hören ist. Eine Sekunden später erscheint Toni in der Tür und strahlt mich an. „Papa!“, ruft sie fröhlich und ich hebe sie auf meine Arme. „Na Kröte! Alles gut?“, begrüße ich sie und drücke ihr einen Kuss auf die Schläfe. Ohne mir zu antworten, fängt Toni an zu singen, „Zum Burstag viel Glück zum Burstag viel Glück!“ Bis Kathi sie unterbricht. „Motte, wollen wir nicht alle zusammen für Papa singen?“, schlägt sie vor und deutet auf den reichgedeckten Frühstückstisch und alle, die drum herum sitzen. Toni scheint für einen kurzen Moment über Kathis Vorschlag nach zudenken und nickt dann. Genau in diesem Komment kommt Sarah zur Tür rein. „Hey Carlo, Alles Liebe!“, freut sie sich und umarmt mich. Als sie sich jedoch zum Tisch umdreht und Jojo auf der Bank zwischen Kathi und Tido erkennt lächelt sie plötzlich nicht mehr so breit. „Du bist auch hier?“, sagt sie und es hört sich fast schon genervt an. Jojo aber grinst sie nur breit an und erwidert, „Ach Prinzessin tu nicht so, wir wissen doch alle, dass du mich ganz arg vermisst hast!“ Angeekelten verzieht Sarah das Gesicht und lässt sich neben Marli auf einen der Stühle fallen. „Geschenke!“, fordert Toni laut, nach dem Frühstück und circa fünf Mal ‚Happy Birthday‘ singen. „Okay!“, stimmt Kathi ihr zu, „Holst du vielleicht mal kurz den grünen Korb aus dem Flur?“ Sofort springt Toni auf und verschwindet im Flur. Oskar rennt hinter ihr her und kommt mit einem bunten Umschlag, noch vor Toni wieder. „Für dich von Mama, Papa und mir!“, verkündet er und zeigt auf Marli und Tido. Ich weiß genau was in dem Umschlag ist. Seit Kathi und ich zusammen sind bekomme ich jedes Jahr das gleiche von Marli und Tido und Tido bekommt dasselbe von uns. Musicalkarten, die Frage ist nur für welches. Aber nicht weil ich so unfassbar gerne singenden Schauspielern dabei zugucke wie sie durch die Gegend hüpfen, sondern weil Kathi und Marli Musical lieben. Und Tido und ich eh nie wissen was wir uns schenken sollen. Mir geht es eigentlich gar nicht um den Musicalabend, darauf könnte ich auch gut verzichten. Vielmehr geht es um die Zeit, die wir so mit den beiden verbringen können. Ohne Kindergeschrei und Unterbrechungen. Dieses Mal sind es vier Karten für Rocky. Natürlich in Hamburg. So lockt Marli uns nämlich schon im März wieder zu den beiden. Praktischer Weise am gleichen Wochenende, an dem Oskar auch Geburtstag hat. „Danke Kumpel!“, bedanke ich mich bei Oskar und gebe ihm ein Highfive. „Gerne!“, grinst er und schiebt dann hinterher, „Was haben wir dir denn geschenkt?“ Damit bringt er natürlich alle am Tisch zum Lachen. „Musicalkarten!“, erkläre ich und halte ihm die Karten vors Gesicht. „Jetzt ich!“, entscheidet Toni, schiebt sich an ihrem Cousin vorbei und hält mir ein selbstgemaltes Bild unter die Nase. „Du und Flo und Tim und Kus!“, erklärt sie mir und deutet auf die einzelnen Figuren. Ich betrachte das Bild und freue mich sowas von sehr über das Bild. „Und viel Musik!“, fügt sie noch hinzu. „Danke Kröte!“, lächele ich Toni an und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Toni bleibt gleich auf meinem Schoß sitzen und hilft mir dabei Sarahs Geschenk, ein Buch über Graffitikunst in New York, aus zu packen. Anstatt eines Geschenks hält Kathi mir nur ihr Handy hin. „Dein Geschenk wartet zu Hause auf dich! Ich konnte es schlecht mitnehmen!“, erklärt sie mir und gucke mir das Foto genau an. Das Foto zeigt ein dreireihiges Regal, dass über meinen PCs in meinem Studio hängt. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es aus Skateboard zu bestehen scheint. „Ich hab gedacht, damit deine ganze Preise endlich mal richtig zur Geltung kommt!“, sagt sie und scheint meine Reaktion abzuwarten. „Hast du das selbst gebaut!“, frage ich sie grinsend und Kathi nickt fröhlich. „Das ist der absolute Hammer!“, nicke und begeistert und ziehe ihren Kopf zu mir heran um sie küssen. „Freut mich, dass es dir gefällt!“, strahlt Kathi mich an, als sie sich von mir löst. Immer wieder bin ich fasziniert davon wie kreativ meine unkreative Frau sein kann.
Kathi Laute Musik dröhnt uns entgegen als wir den kleinen Club in Hamburg Altona betreten. Die Wände sind mit bunter Schwarzlichtfarbe voll gesprayt und überall hängen alte Konzertplakat. An einer der Wände erkenne ich sogar ein Fleetwood Mac Plakat von neunundsiebzig, darüber würde Carlos Papa sich freuen. Ich spüre Carlos Hand in meiner und ziehe ihn weiter durch den nebeligen Raum. Vor mir sehe ich Lucca und Sarah die dich durch tanzende Menschen drücken und auf eine Wendeltreppe im hinteren Bereich des Clubs zu steuern. Der Bass ist so laut, dass er meinen Magen durch zu schütteln scheint. Eigentlich wollte Carlo nachdem Konzert in Hamburg nur noch irgendwo einen Happen mit der Hand, Lucca, Sarah, Teesy und Jojo essen gehen. Aber da hatte er die Rechnung ohne Lucca gemacht. Der hat nämlich unseren halben Freundeskreis und Carlo Geschwister nach Hamburg gekarrt, für eine Überraschungsparty. Ich werfe einen Blick über meine Schulter und sehe wie Carlo sich genervt an einem jungen Pärchen vorbei drückt. Man kann gar nicht richtig erkenne wo das Mädchen anfängt und der Typ anfängt. Aber die beiden scheinen eh in ihrer ganz einen Sphäre zu sein. Ich lächele Carlo aufmunternd zu, gleich wird sich sein Gesichtsausdruck hoffentlich ändern. Im oberen Bereich des Clubs bleiben wir vor einer Tür stehen. „Und jetzt?“, fragt Carlo wenig motiviert, aber Luccas Grinsen ist breit genug für uns alle. „Mach doch mal die Tür auf!“, fordert er Carlo auf, der drauf hin nach der Klinge greift. Sobald Carlo die Tür aufgezogen hat, ist ein ohrenbetäubendes „Überraschung!“ zuhören und meine halben Tonne Konfetti, Luftschlangen und Ballons werden in unsere Richtung geschmissen. Fassungslos steht Carlo in der Tür und starrt in den großen Raum. Seine Geschwister winken im begeistert zu, Chelo, Sam und der Rest der Chimperator Gang schmeißen noch immer Konfetti in unserer Richtung und Marla stimmt zusammen mit Mona und Nele ‚Happy Birthday‘ an, in das innerhalb von ein paar Sekunden alle anderen mit einstimmen. Carlo grinst über das ganze Gesicht und drückt meine Hand. „Happy Birthday, Schatz!“, flüstere ich ihm ins Ohr, mache mich dann von ihm los und fange an unsere Freunde zu begrüßen. Carlo umarmt Lucca und bedankt sich für die geile Überraschung. Erst jetzt fällt mir auf, dass wirklich alle etwas von Vio anhaben. Sogar Jule und Marla haben ein viel zu großes Sweater über ihre Babybäuche gezogen. In dem Raum ist eine große Tafel aufgebaut, an dessen einem Ende eine große Torte, in Form eines VioVio Schriftzug, steht. In einer Ecke steht eine kleine DJ-Station und an die große, weiße Wand vor Kopf wirft ein Beamer verschieden Fotos aus Carlo Kindheit, seiner Jugend und der Zeit seit Cro und Vio. „Bin ich zu spät?“, kommt eine Stimme von der Tür und alle drehen sich zur Tür um. Jojo steht mit einem ziemlich verknautschtem Geschenk und einer Flasche Jägermeister in der Hand, in der Tür. „Das glaub ich jetzt nicht!“, höre ich Sarah zischen. Es dauert einen Augenblick, bis ich verstehe wo drüber sie sich jetzt schon wieder aufregt. Aus all den Vio Shirts, die in den letzten Jahren entstanden sind, hat Jojo sich das gleiche Shirt wie Sarah ausgesucht. Das einfache weiße Shirt mit Flamingo-Print. Während Sarahs ihr Shirt in die helle Marlene-Jeans gesteckt hat und dazu schwarze Boots trägt. Blitzt Jojos unter einem einfach, schwarzen Kapuzen-Sweater hervor. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und flüstere ihr leise ins Ohr, „Wenn das mal nicht Schicksal ist!“ Wodrauf hin sie mir mal wieder gegen die Schulter boxt. „Nein Jojo, bist du nicht!“, sagt Lucca leicht genervt und deutet dann in Richtung des langen Tisches, „Wollt ihr euch vielleicht alle hinsetzen, dann können wir Getränke und Essen bestellen!“ Großes Stühle-Rücken beginnt und es dauert eine ganze Weile bis alle etwas bestellt und ihren Platz gefunden haben. Lucca steht wieder auf und fängt an zu reden. „Ich weiß, dass du eigentlich dieses Jahr nicht groß feiern wolltest, Carls. Aber da wir deine Freunde sind und gerne feiern wollten. Interessiert uns deine Meinung recht wenig!“, fängt Lucca an zu reden und alle lachen. Lucca macht eine beruhigende Handbewegung, „Ja Leute ich weiß, ich bin mega witzig. Da kommt heute Abend noch einiges auf euch zu. Naja auf jeden Fall haben wir uns überlegt, dass wir dir so eine kleine Geburtstagsparty schmeißen und im Laufe des Abends warten noch ein paar Überraschungen auf dich! Aber erstmal finde ich, sollten wir jetzt erstmal auf den dünnsten Menschen der Welt trinken! Auf Carlo!“ Lucca hebt sein Cuba Glas und alle tun es ihm gleich. „Auf Carlo!“, ertönt es wie im Ohr und wir alle nehmen einen Schluck aus unseren Gläsern. Nachdem das Essen gebracht wurde, stehen Jojo, Markus, Tim und Flo auf und stelle sich vor die große Wand mit dem Beamer. „Was schenkt man eigentlich nem Typen der schon alles hat?“, Jojo schaut Carlo fragend an und legt den Kopf schief. „Ne geile Karre, ne Menge Geld, ne heiße Frau, zwei Nervensägen aus Eigenproduktion und so hässlich bist du ja jetzt auch nicht!“, zählt Tim auf und wieder geht ein Lachen durch den Raum. Carlo sitzt neben mir, seine Hand liegt ruhig auf meinem Oberschenkel und er hat den Kopf leicht zur Seite geneigt, um den Jungs aufmerksam zu zuhören. „Die Bild behauptet ja in zwischen immer, dass du voll abgehoben und arrogant bist. Und deswegen haben wir uns all im Internet so ein bisschen umgehört, was deine Fans wirklich über dich denken!“, erklärt Markus und tippelt von einem Bein aufs andere. „Cro kann zwar nicht rappen, dafür hat er das schönste Instagram Profil im Deutchrap!“, liest Flo als erstes vor und hinter ihm erscheint ein Screenshot von Carlos Instagramprofil. „Boah, schon seit drei Stunden nichts mehr hochgeladen, Brudi! Jetzt wird’s aber Zeit!“, ermahnt Markus ihn. „Soweit ich weiß hat Carlo mit Dajuan Stress, aber mit Danju ist er noch immer cool!“, liest Jojo laut vor und alle fangen an zu lachen. „Jetzt ist es raus, ich bin schizo!“, sagt Jojo und zuckt mit den Schultern. „Das glaub ich sofort!“, flüstert Sarah neben mir und bringt damit Marli, die auf ihrer anderen Seite ist nur noch mehr zum Lachen. „Cro muss seine Freunde bezahlen, damit sie mit ihm zusammen im Interview sitzen!“, sagt Flo mit ernster Miene und schaut dann Carlo genau in die Augen, „Heute kannst du mal das Portemonnaie stecken lassen. Zum Geburtstag sind wir mal umsonst!“ Markus nimmt Tim den zettele aus der Hand und sagt dann, „Bei Cro sind alle hässlich, aber ganz besonders dieser Psaiko Dino!“ Markus wischt sich eine imaginäre Träne von der Wange. „Endlich sagt es mal jemand laut!“, ruft Ben vom Tisch und fängt sich sofort einen bösen Blick von Marla ein. „Sorry, ich hab nichts gesagt!“, entschuldigt Ben sich sofort bei ihr und hebt die Hände. Nachdem essen räumen wir alle zusammen die Tische und Stühle zur Seite und Markus fängt damit an ein bisschen Musik zu machen. Bevor Carlo seinen Geburtstagskuchen anschneidet bekommt er noch von Kody, Steffen und Basti seine zweite Platinplatte für ‚Ton‘ überreicht, zusammen mit zwei Flugtickets und einem Gutschein für ein Wochenende in Helsinki. Nachdem die Jungs ein paar Fotos für Facebook und Instagram gemacht haben, pfeffert Carlo die Panda-Maske in die nächste Ecke und zieht mich zu sich heran. Er schlingt seine Arme um meine Hüften und drückt seine Lippen auf meine. Er schmeckt ein bisschen nach Zigarette, Rum und braunem Zucker. „Super Geburtstag?“, frage ich ihn lächelnd. Markus Musik dröhnt laut durch die Boxen und ich sehe wie Jojo, Caid und Teesy in einem kleinen Kreis stehen und sich gegenseitig an rappen. Anders kann man das gar nicht nennen, wie sie da stehen und nacheinander die Lyrics mitrappen. Carlo nickt und sagt zustimmend, „Super Geburtstag!“ „Könnt ihr vielleicht nochmal kurz zu hören?“, tönt Bens Stimme durch den Raum. Er steht zwischen Lena und Jule, neben Markus DJ-Pult. Carlos Eltern sind zu Hause geblieben und passen auf Marlon, Leon und Max auf, damit seine Geschwister heute Abend kommen konnten. Sobald Carlo wieder zu Hause ist, fahren wir aber auf jeden Fall für einen Nachmittag zu ihnen und holen den Geburtstag nach. Jule legt eine ihrer Hände auf ihren Babybauch. „Lumpi, wir haben lange überlegt was wir dir schenken sollen und dann hatte unser Papa die super Idee dir einen kleinen Film zu basteln, weil er es sich ja zur Aufgabe gemacht hat, sein ganzes altes Filmmaterial zu digitalisieren!“, fängt sie an zu sprechen und grinst Carlo an. „Weil Lena und Jule, aber irgendwie Papas Lieblingsmotiv in unserer Kindheit waren. Haben wir uns gedacht, schneiden wir gleich noch ein bisschen was aus diesem Jahrtausend dazu!“, führt Ben die kleine Rede fort. „Wir wünschen dir alles Liebe zum Geburtstag kleiner Bruder, wir sind so unfassbar stolz auf dich und alles was du geschafft hast. Und denk immer dran, ohne unser ganzes Mobbing wärst du nicht so toll geworden, wie du jetzt bist!“, beendet Lena den Vortrag und stürzt als erstes auf Carlo zu, um ihn zu umarmen. Ich weiche ein Stück zurück und lasse den vieren ihren Moment, als sich die einzelnen Umarmungen in eine riesengroße Gruppenumarmung verwandelt. „Bereit?“, fragt Benno und drückt auf eine kleine Fernbedienung. Ein unscharfes Bild erscheint auf der großen Leinwand und ich erkenne eine wesentlich jüngere Version von meiner Schwiegermutter. „Ganz vorsichtig, Carlo schläft!“, schon wieder höre ich ihre Stimme sagen. Die Kamera schwenkt von ihrem Gesicht auf das kleine Bündel in ihren Hände und die drei kleinen Kinder, die um ihre Mutter herum stehen, um den neuen Bruder zu betrachten. Das Bild ändert sich und zeigt einen Strand. „Boah Benno gib mir meinen Ball wieder!“, höre ich einen kleinen Jungen rufen, der sofort danach ins Bild rennt und seinen älteren Bruder jagt, der einen bunten Wasserball in den Händen hält. „Benno! Carlo! Teilen!“, ruft ein Mädchen, dass vielleicht zwölf ist und Lena sein muss. Es folgen Filmaufnahmen von Carlos Einschulung und Erstkommunion. Carlo im Teenageralter zusammen mit Lucca und Jojo auf Skateboard. Carlo und seine Geschwister in Badesachen auf irgendeinem Camping Platz in Italien. Verwackelte Filmaufnahmen auf denen Jojo und Carlo auf einer Bühne stehen und in Mikrofone mit Kabeln rappen. Carlo und Benno im Anzug, wie sie jeweils Jule und Lena im Arm halten und Ben ein Schild mit der Aufschrift ‚Abi 07‘ in der Hand hält. Ich drehe mich zu Carlo um und sehe wie sein Blick fest auf die Leinwand gerichtet ist, ein breites Grinsen auf den Lippen. „Jojo jetzt gibt die Autoschlüssel her!“, hört man Lucca rufen, kurz darauf zeigt das Bild einen alten Golf, Carlo lehnt an der Motorhaube Zigarette im Mund und eine bunten RayBan auf der Nase. Sofort erkenne ich den Wagen, sein erstes Auto, das muss an seinem achtzehnten Geburtstag gewesen sein. Jojo klettert durch das Schiebedach ins Innere des Wagens und zeigt Lucca den Mittelfinger. Als nächstes kommen Aufnahmen von Splash-Wochenende der Jungs, Skiurlauben von Carlo und seiner Familie und nächtliche Sprayer Aktionen von Benno und Carlo. Und dann erkenne ich mich selbst. „Carlo stell doch mal deine Neue vor!“, höre ich Luccas Stimme und er hält mir die Kamera direkt ins Gesicht. Alle Sachen auf der Aufnahme und in der Gegenwart. „Kann die selber!“, kommt Carlos Stimme und er versteckt sein Gesicht hinter meinem Rücken. Die nächste Aufnahme zeigt Carlo und mich in Vio Klamotten auf einer Präsentation für das Label. Danach kommt eine Handyaufnahme von Carlo mit Maske. „Ich bin Cro!“, mehr sagt er nicht. Dann wechselt die Aufnahme und man sieht Markus vor einem weißen Bulli stehen. „Hey was geht ab, ich bin Psaiko Dino und wir sind auf Madcon Tour!“, sagt er und grinst dämlich. Konzertaufnahmen folgen, erst nur vor kleinen Mengen, dann werden die Menschen Massen immer größer und Tim und Flo sind auf den Aufnahmen zu sehen. „Raop ist fertig!“, sagt Kody in die Kamera und schlägt sich mit Basti und Steffen ab. Als nächstes sind Carlo und ich zu sehen und Markus Stimme kommt aus dem Off. „Zeig doch mal deine Hand!“, fordert er mich auf und ich hebe meine Hand, an der ein kleiner Ring blitzt. „Wir heiraten!“, ruft Carlo und drückt mir einen Kuss auf den Mund. Bei dem nächsten Bild steigen mir Tränen in die Augen. Carlo und ich drehen uns langsam zu Marvins Gaye Stimme. Ich spüre wie Carlo meine Hand drückt und er mir einen Kuss auf die Wange drückt. Das Bild ändert sich wieder. Tim hält die Kamera, „Leute wir spielen jetzt gleich vor neunzigtausend Menschen und Carlo findet seine Maske nicht, wir werden alle sterben!“ Es folgen Bilder von Carlo Festival Auftritten und Weihnachten 2013. Wie Carlo meinen dicken Bauch streichelt und verkündet, dass wir bald nie wieder schlafen werden. Als nächstes erscheint Carlo in einem grünen OP Kittel im Bild und hält ein kleines Baby in die Kamera. „Toni Marlene Waibel, meine Tochter!“, verkündet er stolz und küsst ihren Kopf. Neben mir höre ich Marli schluchzen, so Gefühlzeug konnte meine Schwester noch nie gut für sich behalten. Ein paar Ausschnitte aus dem Traum Video, dem Tag am See und der Mello Tour folgen. Dann Tonis erste Schritte und Carlos Stimme, die sie hinter der Kamera anfeuert. „Komm Toni, du schaffst das.“, ruft er begeistert. Als die Kleine wirklich läuft, lässt Carlo die Kamera aber eifnach fallen. Wieder lachen alle. Und Carlo kratzt leicht verlegen am Hinterkopf. Bilder von Preisverleihungen, mehr Konzerten und Familientag bei Carlos Eltern flimmern über die Leinwand. Marlon und Leon jagen auf ihren Bobbycars durchs Bild und Toni schmeißt ein paar Nudeln auf den Boden. Dann kommen Aufnahmen von Carlo, Toni, mir und Emil im Krankenhaus. Toni verkündet stolz, dass sie jetzt einen kleinen Bruder hat und ihm immer ein Stück von ihrem Brötchen abgibt. Unser Sommerurlaub mit den Kindern in der Toskana. Emils Taufe und als letztes Aufnahme von den Festivals diesen Sommer. Dann wird die Leinwand wieder schwarz und in weißen Lettern erscheint ‚to be continued‘ Alle klatschen und Carlo zieht seine Geschwister noch einmal in eine Umarmung. „Danke Leute!“, flüstert er und ich sehe wie Tränen in Jules und Lenas Augen funkeln. „Die vier Waibels gegen den Rest der Welt!“, verkündet Ben und klopft Carlo auf die Schulter. „Okay, jetzt wars aber genug mit den Gefühlen! Jägermeister für alle!“, ruft Jojo laut und lockert damit die Stimmung sofort auf. Carlo aber zieht mich in seine Arme und drückt mir einen Kuss auf die Lippen. „Danke für alles Baby!“, ich erwidere seinen Kuss und würde am liebsten sofort mit ihm nach Hause abhauen, aber das geht noch nicht und wenn ich ehrlich bin genieße ich auch die Zeit mit unseren Freunden sehr. Ein wenig später sitze ich mit den Mädels zusammen an einem Tisch, als ich sehe wie Carlos Handy auf dem Tisch vor mir aufblinkt. Ohne darüber nach zudenken, nehme ich den Anruf an. „Waibel?“, melde ich mich und gehe kurz in den kleinen Flur, der zu den Toiletten führt, um irgendwas zu verstehen. „Carlo? Hier ist Jessi alles Liebe zum Geburtstag mein Süßer!“, meldet sich eine Frauenstimme und ich ziehe die Augenbrauen hoch.










