Neues Buch mit Beiträgen zur Mies-Forschung
Bereits vor zwei Jahren fand anlässlich des 125. Geburtstags von Ludwig Mies van der Rohe in Krefeld eine Tagung mit zahlreichen interessanten Vorträgen zur neueren Mies-Forschung statt. Organisiert wurde dieses Symposium vom Fachbereich Marketing und Stadtentwicklung der Stadt Krefeld in Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein, den Kunstmuseen Krefeld und dem Verein Projekt MIK, Mies van der Rohe in Krefeld e.V.
Die Beiträge zu diesem Symposium sind nun in einem Buch erschienen. Der Titel: „Mies van der Rohe im Diskurs. Innovationen – Haltungen – Werke. Aktuelle Positionen“. Herausgegeben hat den Sammelband Kerstin Plüm, Professorin an der Hochschule Niederrhein. Das Buch ist im transcript Verlag erschienen und kostet 24,80 Euro. Es enthält auch einen umfangreichen Aufsatz von Christiane Lange, Vorsitzende von Projekt MIK und Kuratorin von MIES 1:1 DAS GOLFCLUB PROJEKT. Sie beschreibt die Verbindungen der Krefelder Seidenindustrie zu dem berühmten Berliner Architekten Ludwig Mies van der Rohe und die einzelnen Bauprojekte von Mies in Krefeld, darunter auch seinen Wettbewerbsbeitrag für den Krefelder Golfclub.
Weitere Informationen und Bestellung unter:
www.transcript-verlag.de/ts2305/ts2305.php
In Krefeld ist das Erbe Mies van der Rohes bis in die Gegenwart präsent. Das einstige Zentrum der deutschen Seidenindustrie am Niederrhein war Schau- platz für sechs Bauprojekte des Architekten, beginnend im Jahr 1927 mit der Planung der heute als Museen für zeitgenössische Kunst international beachteten Häuser Lange und Esters, die zunächst als Wohnhäuser für die Familien der Textilfabrikanten Hermann Lange und Josef Esters konzipiert und genutzt wurden. 1930 realisierte Mies mit dem Färberei- und HE-Gebäude der Vereinigten Seidenwebereien AG (Verseidag) einen weiteren Auftrag der beiden Fabrikanten – Mies’ einziges Fabrikgebäude. Es folgten Planungen für ein Bürohaus (1937–1939), das jedoch nicht realisiert wurde. Im Umfeld Mies van der Rohes entstand 1932 in der Krefelder Gemeinde Hüls das Haus Heusgen. Nach jahrelangen Spekulationen wird es mittlerweile Mies’ ehemaligem Mitarbeiter Willi Kaiser zugeschrieben, der in zahlreiche Projekte Mies van der Rohes involviert war. Nicht realisiert blieben Mies’ Entwürfe für den Krefelder Golfclub (1930) und für das Wohnhaus Ulrich Langes (1934–1935).
Aus diesem unmittelbaren lokalen Bezug leitete sich die Idee ab, anlässlich des 125. Geburtstags Mies van der Rohes, aktuelle und innovative Perspektiven auf das Erbe eines Architekten zusammenzubringen, der die Architektur des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat. Die Beiträge von Vendula Hnídková, Ole W. Fischer, Christiane Lange, Lutz Robbers, Theres Rohde, Arne Schmitt, Anselm Wagner und Paul Weber präsentieren einen „Mies van der Rohe im Diskurs“ – aktuelle Forschungsergebnisse aus Architekturtheorie, Kunstgeschichte, bildender Kunst, Medien- und Kulturwissenschaft.
In ihrer rezeptionshistorischen Untersuchung skizziert die Architekturhistorikerin Vendula Hnídková „Die An- und Abwesenheit der Villa Tugendhat im Kontext der tschechischen Architektur“ und konturiert das Bauwerk als Schlüsselobjekt ideologischer Kontroversen. Ausgehend vom lokalen Bauwesen in Brünn analysiert sie – vor dem Horizont der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen – Wahrnehmung, Nutzung und Bewertung der 1930 fertig gestellten Villa von der Bauphase, über die Neubewertung in den 1960er Jahren und ihrer Aufnahme in das tschechische Denkmalregister 1963 bis in die Gegenwart.
Die direkte Bezugnahme zum Tagungsort findet sich in Christiane Langes Untersuchung „Die deutsche Seidenindustrie als Aufraggeber der Moderne“. Die Kunsthistorikerin rekonstruiert die Rolle der Krefelder Fabrikanten Hermann Lange und Josef Esters im Hinblick auf Mies van der Rohes architektonische Praxis in den 1920er und 1930er Jahren. Hierfür untersucht sie sowohl Mies’ Bauvorhaben in Krefeld als auch seine von hier aus in Auftrag gegebenen überregionalen und internationalen, mehrheitlich in Zusammenarbeit mit Lilly Reich entstandenen Projekte für Messen und Werbeschauen der Seidenindustrie.
Ganz unabhängig von Auftraggebern präsentiert die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Theres Rohde den Architekten selbst als Medienstrategen, der sich gezielter didaktischer Kunstgriffe bediente, um seine Vorstellungen vom „Neuen Wohnen“ nicht nur wirkungsvoll, sondern auch nachhaltig gesellschaftlich zu verankern. Ihr Beitrag „Zur Klärung des Wohnwillens. Ludwig Mies van der Rohe und die Strategien des Zeigens auf dem Stuttgarter Weißenhof“ spürt den „Wohnwillen“ in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts nach. Anhand von Dokumenten und Medien, die im Kontext der Stuttgarter Ausstellung von 1927 als Werbe- oder Infomaterialien in Umlauf gebracht wurden, entwickelt Rohde hier eine neue Perspektive auf die Funktion des Architekten und Ausstellungsleiters Mies van der Rohe.
Für Mies van der Rohe bildeten die reproduzierbaren Medien Instrumente, um seine Vorstellungen verbreiten zu können. Die Mystifizierung des Barcelona-Pavillons etwa steht in direktem Zusammenhang mit der medialen Verbreitung fotografischer Bilder. In der Phase seiner physischen Abwesenheit zwischen Abriss und Wiederaufbau prägten die zeitgenössischen Fotografien Sasha Stones sein imaginäres Image. Die stark retuschierten Bilder, die im Auftrag des Architekten entstanden und gezielt in Umlauf gebracht worden waren, antizipieren Motive von erhabener Reinheit, Hygiene und Präzision, die die kollektive Imagination des Bauwerks prägen sollten. Diese Mediengeschichte skizziert der Kunsthistoriker Anselm Wagner in seinem Beitrag „Duschen mit Mies. Zu Jeff Walls Morning Cleaning“, ausgehend von Jeff Walls monumentalem Großbilddia von 1999.
Während Mies also den mimetischen Charakter fotografischer Bilder gezielt ausschöpfte, um perfektionierte, gestylte Zwillinge seiner Bauwerke massenmedial zu verbreiten, hielt der Film auf anderer Ebene Einzug in seine Entwürfe – und umgekehrt, Mies’ Entwurfstechnik in den abstrakten Film. So perspektivisiert Lutz Robbers in seinem Beitrag „Filmkämpfer Mies“ den avantgardistischen abstrakten Film und Mies’ architektonisches Schaffen als wechselseitige Inspirationsquelle innerhalb des zeitlich bis in die frühen 1920er Jahre zurückreichenden Beziehungsgeflechts aus Architekten, Intellektuellen und künstlerischer Avantgarde, das sich um die Pioniere des abstrakten Films Hans Richter und Viking Eggeling, die 1923 gegründete Zeitschrift G: Material zur elementaren Gestaltung und die „Liga für den unabhängigen Film“ entwickelte.
Auch der Kunsthistoriker Paul Weber widmet sich Mies’ Entwurfstechniken. In seinem Beitrag „Ludwig Mies van der Rohes frühe moderne Architekturentwürfe und Hans Vaihingers Philosophie des Als Ob. Modellbildung als Technik der Invention“ untersucht Weber, wie Mies zu einem der bedeutendsten und wegweisenden Architekten der Moderne werden konnte. Die im gegenwärtigen Diskurs nur marginal berücksichtigten Untersuchungen des Kant-Forschers Vaihinger zur Funktion von Fiktionen im Erkenntnisprozess bilden den Ausgangspunkt für Webers Überlegungen zu Mies’ innovativen Entwürfen und Modellbildungen, wobei das Hochhaus Friedrichstrasse von 1922 und das Landhaus in Eisenbeton aus dem Jahr 1923 als Schlüsselprojekte gedeutet werden.
Mit seiner vergleichenden Studie zu Mies van der Rohes Farnsworth House in Plano, Illinois (1945–51) und Philip Johnsons Glass House in New Canaan, Connecticut (1946–1949) fokussiert der Architekturtheoretiker Ole W. Fischer zwei in den USA realisierte paradigmatische Bauprojekte, die als Ausdruck der späten Moderne gehandelt werden. Sein Beitrag „Reflexionen im Spiegelglas... Ludwig Mies van der Rohe, Philip Johnson und die Glashäuser. Eine kulturgeschichtliche Betrachtung“ stellt dabei ebenso wechselseitige Bezugnahmen und Einflüsse wie relevante Unterschiede zwischen beiden Projekten heraus. Aus- gehend von den Charakteristika der verwendeten Materialien liegt ein Schwerpunkt dabei auf der Verhandlung politischer Inhalte und Symbolbildung.
Diese Frage ist auch für die Arbeit Arne Schmitts zentral. Im Gegensatz zu den gefeierten Markenzeichen des Neuen Bauens geht es dem Künstler jedoch um architektonische Stiefkinder. Seit 2010 dokumentiert er Zweckbauten, Hochhäuser, Verwaltungs- und Geschäftsgebäude, die zwischen 1945 und 1970 entstanden sind. Diese fotografische „Essaysammlung zur Nachkriegsarchitektur der BRD“, aus der Schmitt hier Auszüge präsentiert, widmet sich der kontroversen Quintessenz des Erbes einer Architektengeneration, deren Karrieren nicht selten im Nationalsozialismus begonnen hatten und die nun, nach dem Ende des 2. Weltkriegs, das neue Profil deutscher Städte entwickeln und definieren sollten. Sein Beitrag „Baukunst und Zeitwille? Die Nachkriegsarchitektur der BRD im Lichte Mies’scher Architekturethik“ verknüpft diese Debatte künstlerisch-essayistisch mit der geistig-programmatischen Hinterlassenschaft des „Urvaters der Moderne“, Ludwig Mies van der Rohe.