Wie kann man das Risiko von Tintenmigration während eines restauratorischen Eingriffs einschätzen? 10. Vortrag von Oulfa Belhadj auf dem IADA Symposiums in Amsterdam
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Wie kann man das Risiko von Tintenmigration während eines restauratorischen Eingriffs einschätzen? 10. Vortrag von Oulfa Belhadj auf dem IADA Symposiums in Amsterdam
IADA Symposium Amsterdam 10. Vortrag: Assessing the Risk of Iron Migration von Oulfa Belhadj
Auf den meisten Manuskripten, welche restauratorisch oder konservatorisch bearbeitet werden, fanden Eisengallustinten Verwendung. Eisengallustinten reagieren sehr sensibel auf Wasser, sie sind in den wenigsten Fällen wirklich wasserfest, Migrationen und durchschlagende Tinten sind nach einer wässrigen Behandlung an der Tagesordnung. Oft sind diese Migrationen mit bloßem Auge nicht zu erkennen, aber im Laufe der Zeit würden dort Verbräunungen auftreten. In diesem Fall können wässrige Behandlungen das Gleichgewicht der Papierstruktur stark stören und vorher gut erhaltene Papiere beschädigen. Die Einwirkungen der Tinten sind jedoch natürlich sehr abhängig von Papierbeschaffenheit und Papierdicke. Bisherige Löslichkeitstest der Papierrestauratoren waren nicht sehr zielführend, bis 2011 von Jacobi und seine niederländischen Kollegen ein Test entwickelt wurde, um das Kleben von Rissen im Papier ohne eine Aktivierung der Eisengallustinte zu bewerkstelligen. Der Test wurde so entwickelt, das er die Auswirkungen beim Vorgang des Risschliessens selbst simuliert. Auf mit Bathrolophin getränktem und mit Eisengallustinte bestempelten Papier, wird die geplante Risschlissung vorgenommen, wenn zuviel Feuchtigkeit verwendet wird, bilden sich pinke Ausblutungen. Nur wenn bei der getesteten Technik keine pinke Verfärbung auftritt, kann man davon ausgehen, das die geplante Behandlung die Eisengallustinte nicht negativ beeinflusst. Im Vortrag wurde über weitere Untersuchungen berichtet, bei denen verschiedene restauratorische Behandlungen ( welche wässrige Interaktionen enthalten) mittels dieses “Dutch mending test” geprüft wurden. Richtige Badbehandlungen und Behandlungen mit Ethanol können so jedoch nicht zuverlässig getestet werden. Gut geeignet ist der Test aber für Behandlungen mit moderater Feuchtigkeitszufuhr. Sehr interessant war, das Ergebnis, dass bei recht hoher Luftfeuchtigkeit keine Migration stattfand. Der ausführliche Untersuchungsbericht ist in der aktuellen “Journal of Paper Conservation” veröffentlicht.
IADA Symposium Amsterdam 9. Vortrag von Clara de la Pena Mc Tigue: Van de Velde Drawings -A history of interventions
Die Restauratorin aus dem Royal Museum Greenwich/ National Maritime Museum UK berichtete von den historisch sehr wertvollen Zeichnungen der van de Veldes, ein Vater- Sohn -Gespann welche zusammen für die holländische und englische Marine als Zeichner arbeiteten und eine der größten bildnerischen Hinterlassenschaften des goldenen holländischen Zeitalters im 17.Jhd. hinterliessen. http://de.wikipedia.org/wiki/Goldenes_Zeitalter_(Niederlande) Das National Maritim Museum besitzt den größten Teil dieser Werke, im Ganzen ca. 1400 Stück und während eines dreijährigen, von der Esme Fairbairn Foundation finanzierten Projektes wurden die Werke gesichtet und konservatorisch bearbeitet. Zu Beginn der Bearbeitung wurden die Werke gründlich untersucht und fotodokumentarisch erfasst. Dabei wurden die Paperoberflächen auch mit verschiedenen Wellenlängen aufgenommen. Auch fanden sich sehr viele Verklebungen, Ergänzungen, Unterzeichnungen und Überzeichnungen im Werk wieder. Die Vorzeichnungen der Zeichnungen wurden ursprünglich mit einem Graphitstift aufgebracht, die Zeichnung selbst mit Tinten ausgeführt, welche oft Tintenfrass ( ca. 40 % betroffen) hervorbrachte. Auch wurden die Zeichnungen vielfach kopiert, da Spuren von Transfertechniken zu finden waren. Oft waren die Objekte zur Stabilisierung mit Papier kaschiert worden, leider wiesen diese Kaschierungen oftmals Verwellungen und Verwerfungen auf. Abschließend war festzustellen das die Sammlung über die Zeit oft bearbeitet würde, was auch ein Zeichen für den hohen Wert der Objekte darstellt. Als Restaurierungskonzepten entschied man sich für eine Abnahme der verworfenen Hinterklebungen sowie der nichtwässrigen Behandlung des Tintenfrasses mit einer Mischung aus Bariumhydroxid und Methanol ( sehr toxisch). Bei wässrigen Behandlungen benutzte man Cyclododekan um die Teilweise löslichen Tinten im Wasserbad vor einem Auslaufen zu schützen. Später wurden einige großformatige Zeichnungen gespannt montiert, um eine gute Planlage zu erreichen. Ziel des weiteren Projekt wird es sein, eine Platform zu diesem Werk zu Gründen um sich austauschen zu können und um relevante Informationen an einem Ort zusammenzutragen.
IADA Symposium in Amsterdam: Achter Vortrag: István Kecskemeti von den National Archives Helsinki Finnland " Crepeline lining: A harmful Methode from 1970's
Während der Siebziger Jahre war es in den National Archives in Helsinki Usus schimmelgeschädigte oder wasser- und brandgeschädigte Dokumente in Seide einzubetten. Dieses Seidengewebe (Crepeline) wurde auf die Rückseite der beschädigten Akten mit einem handelsüblichen Klebstoff “Hernia” geklebt. Dieser Klebstoff war ein Stärkekleister, haltbar gemacht mit Formaldehyd. 2008/2009 fand man bei einer Erhebung heraus, das viele der so behandelten Dokumente vergilbt und brüchig waren. Man erfasste das diese frühere Behandlung eine ernstzunehmende Gefahr für die langfristige Erhaltung der Blätter darstellte. Da diese Akten zu den bedeutendsten und wertvollsten der Sammlung gehörten ( es waren 11.000 Akten der Steuerbehörde von 1530-1630 sowie 1630-1809, welche das Alltagsleben in Finnland abbilden und teilweise zum Unesco Welterbe gehören) entscheid man sich diese Kaschierung langfristig abzunehmen und die Dokumente zu digitalisieren. Einige unbeschriebene behandelte Blätter wurde zu Testzwecken benutzt. Auch wenn das Formaldehyd den Klebstoff fast unlöslich gemacht hatte, ließen sich die Kaschierungen im Wasserbad ablösen. Der Klebefolie blieb jedoch darauf. Diesen löste man mit einem Enzymbad aus Amylase 0,1% + Phosphat Puffer erfolgreich ab. Ein kluger Grundsatz der restauratorischen und konservatorischen Bemühungen im Helsinkier Archiv ist: Wir unterstützen die Digitalisierung als eine der nachhaltigsten Konservierungsmethoden, jedoch nur, wenn sie auch mit einem Erhalt der Originalsubstanz einhergeht. Sie soll die Schonung des Originals gewährleisten, kann aber niemals das Original ersetzen. Sehr interessant und erschreckend zugleich war die Gegenüberstellung der benötigten Restaurierungszeiten. So dauerte das Kaschieren einer ca. 220 Blatt starken Akte etwa 32 Stunden. In etwa genauso viel, wie jetzt die Entrestaurierung nun braucht. Nach dem Entfernen der Kaschierung und der Kleberückstände wird das Blatt gut ausgewässert, aufgehärtet und dann die Kanten ( Schimmel- oder Brandkanten) mit Japanpaper gefestigt und geglättet. Eine Digitalisierung folgt danach. Die Digitalisierung wurde durch neuere und modernere Geräte immer mehr verbessert und beschleunigt. Es muss aber natürlich bei diesem Projekt auch gewährleistet sein, das man mit der Abnahme der alten Kaschierungen terminlich mit der Digitalisierung Schritt halten kann.
Nochmal Abendempang im Stadtarchiv Amsterdam. Einem sehr imposanten Gebäude mit viel Licht und Glas eingebaut in ein historisches Ensemble.
Siebenter Vortrag: " Reviewing the ,Utrechter Hängung' Mounting of parchment charters
Nadine Thiel - Chefrestauratorin des Historischen Stadtarchivs Köln und ihre Kollegin Jule Janssen berichteten über die Erfahrungen mit der im Stadtarchiv Köln viele Jahre angewendeten sogenannten “Utrechter Hängung” und den Weg zur Entwicklung einer neuen Urkundenaufbewahrung. Das Kölner Stadtarchiv verfügt über einen sehr großen Urkundenbestand aus Pergament mit einer Laufzeit von 922 bis 1729. An einer Urkunde können bis zu 30 Siegel hängen. Eine ganz alte Aufbewahrungsvariante der Urkunden war die Aufbewahrung in säurehaltigen Papiertaschen, welche übereinanderliegend in Kästen aufbewahrt wurden. Diese Variante brachte eine hohe Gefahr des Zerbrechens der Siegel mit sich. Eine neue Idee war in den 70ziger Jahren die Einführung der Utrechter Hängung. Die Urkunden werden dabei in einen Polyesterumschlag eingelegt und mit einer Schiene und Buchschrauben an der oberen Seite zusammengehalten. Die Siegel wurden mit Schalen oder gar Selbstklebebändern fixiert. Vorteile dieser Aufbewahrung war der Oberflächenschutz der Urkunden durch die Folie, die jedoch auch die Gefahr einer statischen Aufladung und die Bildung eines Mikroklimas barg. Vorteilhaft war auch die platzsparende Hängung und die unbestritten einfache Möglichkeit der massenhaften Bergung ( beim Einsturz wurden die Urkunden an Stangen herausgetragen). Diese geborgenen Urkunden sind im Moment in Schränken ausgelagert. Aufgrund der Nachteile dieser Hängung entschied man sich die Montierung der Urkunden in Wellkartons und auf Tablets zu ändern. Auch wenn bei dieser Variante die Urkunden frei liegen, ist die Baelastung der Urkunden geringer und die Nachteile der statischen Aufladung und der Bildung eines Mikroklimas fallen ebenfalls weg. Der platzbedarf ist etwas größer, es würde jedoch darauf geachtet, die Urkunden so platzsparende wie möglich zu verpacken. Der Arbeitsablauf sieht wie folgt aus: - Auspacken der Urkunden und Entfernung von Selbstklebestreifen - Trockenreinigung - alte Montierungen abnehmen - Digitalisierung - Neumontage mit Melinexstreifen, Siegelhalbmonden oder geritzten Wellkartonstreifen ( eine sehr gute und zeitsparende Variante die Siegel zu fixieren) auf Tabletts - Einschieben der Tabletts in Siegelkartonagen ( 3-6 Tabletts in einem Urkundenkarton übereinander) Kleinere Formate werden so versorgt, größere Formate ( es wurden 5 Standardmaße festgelegt) kamen einzeln in Kartons und wurden ebenfalls auf einem Tablett montiert. Die Boxen sind dann mir einer öffnenbaren Seite ausgerüstet. Die Melinexstreifen, welche die Urkunden halten wurden auf der Rückseite mit Filmoplast 90 zusammengeklebt. Jede Urkunden und jeder Karton erhält einen Barcode, so das Original und Digitalisat gut zuordnenbar sind. Zur Benutzung werden nur noch die Digitalisiate herausgegeben. Fragmente der Urkunden oder Siegel werden in Polyestertüten im Karton verpackt, zur Zuordnung werden die Tütchen auch mit einem Barcode versehen. Man entschied sich bewusst gegen Papierumschläge um die Sichtbarkeit des Inhaltes zu gewährleisten. Die Bearbeitung/ Montage einer Urkunde ( ohne Digitalisierung) dauert etwa 35 min. An Materialkosten wurden ca. 6 Euro pro Tablett veranschlagt. Um alle Urkunden umpacken zu können, wird ein Materialbudget von ca. 400.000 Euro benötigt.
Sechster Vortrag: Elizabet Nijhoff Asser, (University of Amsterdam) “Gilt leather in distress: Tensioning Systems of gilt- leather wall hangings”
Die Restauratorin berichtete von der Restaurierung und der Aufhängung von Ledertapeten früher und heute. Ledertapeten waren im 17./18. Jhd sehr beliebt und schmückten viele Häuser wohlhabender niederländischer Bürger. Ab 1750 begann der Niedergang der Ledertapetenindustrie, unterbrochen durch ein kleines Revival im 19. Jhd. Die Herstellung einer Ledertapete ist sehr aufwändig: nach dem gerben, zurichten und zuschneiden, wird es gefärbt, vergoldet und gepunzt. In den 1970ziger Jahren rückten die Ledertapeten in den Fokus der Denkmalpfleger und so wurden in den Niederlanden in rund 20 Jahren an die fünfzehn Ledertapetenensembles restauriert, alle zumeist von der gleichen Firma. Bei diesen früheren Restaurierungen entfettete die Firma das Leder, um es besser kleben zu können, brachte dann neuen Zusammenhängstreifen aus Polyester auf, welche mit PVC Leim geklebt wurde. Darauf benutzte man Lycra, geklebt mit Polyester (Tergal) um das Leder zu dehnen, auf Spannung zu bringen und um es an der Wand zu fixieren. Leider begann dieses aufgebrachte Material schnell zu altern und spröde zu werden und beschädigt jetzt, rund 30 Jahre nach der Behandlung, die historischen Ledertapeten. Heute versucht man diese Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und abzuändern und ganz neue Methoden der Lederspannung zu entwickeln. Sehr wichtig ist hierbei eine ästhetisch ansprechende Lösung zu finden, die das Leder so wenig wie möglich angreift. Die verwendeten Materialien sollen so alterungsbeständige wie möglich sein und keine Veränderung des Leders hervorrufen. Die Zugkraft der neuen Aufspannung muss auf das historische gealterte Leder abgestimmt sein. Altes Leder und neues Leder von Ergänzungen muss in Form und Festigkeit zusammenpassen. Dafür muss man die Dehnrichtungen eines Lederfells beachten, um das passende Stück zu finden. Man entwickelte zur Spannung der Tapeten ein neues System aus Holz und Metall, welches sehr leicht ist. Das System ist nachspannbar und somit Gegebenheiten anpassbar. Das Leder wird mittels Klettstreifen am Rahmen gehalten, die das Leder schnell abnehmbar machen, ein Umstand, der in einem Notfall sicher gute Dienste leistet. Die Klettstreifen wurden mit Beva aufgeklebt. Auf eine Nachfrage warum sie diesen Klebstoff verwendet hätte antwortetet die Restauratorin, das man sicher auch einen anderen hätte nehmen können, sie sich aber an den Veröffentlichungen von Prof. Dr. Andreas Schulze orientiert hätten.
http://www.hfbk-dresden.de/studium/studiengaenge/fakultaet-2/restaurierung/website-fachklasse-holz/publikationen-schulze/
Workshop 100 Years of Mounting: Traditions and Recent Developments of Mounting Works of Art on Paper and Photographs in the Rijksmuseum in Amsterdam
Bei diesem Workshop in der modernen Restaurierungs-werkstatt des Rijksmuseums stellten Idelette van Leeuwen, Peter Poldervaart, Martin Jürgens und Dionysia Christoforou, verschiedene Montagetechniken für Graphiken und Photographien vor. Dabei wurden Beispiele seit den 1930er Jahren, als im Rijksmuseum begonnen wurde die Objekte auf Karton zu befestigen, bis hin zu aktuellen Montagetechniken gezeigt. Anhand der vorgeführten Beispiele war die Entwicklung und Verbesserung der Montage, die immer den Schutz des Objekts bei der Aufbewahrung, aber auch während der Benutzung im Fokus hat, veranschaulicht. Beispielsweise fiel irgendwann auf, dass es bei Mezzotintodrucken im Laufe der Zeit beim Kontakt mit dem aufliegenden Karton einen leichten Farbabklatsch gibt. Daraufhin wurde eingeführt, dass auf den aufliegenden Karton ein weiches Papier (Bondinapapier) gespannt wird, das im Kontakt mit dem Original einen Farbabtrag verhindert.
Eine kleine Schauvorführung gab Peter Poldervaart, der auf beeindruckend präzise, schnelle und unterhaltsame Weise zeigte, wie man ein Passepartout von Hand schneidet und den Ausschnitt mit farbiger und vergoldeter Umrahmung verziert. Dieser kleine Exkurs gab Einblick in eine Handwerkskunst, die leider kaum noch Anwendung findet.
Martin Jürgens erläuterte Montagetechniken, die besonders für Fotografien geeignet sind. Dabei wurde natürlich vor allem auf die Verwendung von Fotoecken eingegangen. Als kleine Zugabe gab er Anleitungen zum Selbstherstellen von cleveren Fotoecken heraus.
Foto- und Filmmuseum Amsterdam
5. Vortrag, gehalten von Karin Scheper von der Universität Leiden.
Karin Scheper beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit den orientalischen Einbandtechniken. Sie begann ihren Vortrag in dem sie auf die gemeinsamen Traditionen der europäischen und islamischen Buchkultur hinwies, die beide ihren Ursprung in der koptischen Bindung haben. Die islamischen Bindungen können jedoch sehr gut von den westlichen Einbänden unterschieden werden. Eigen ist ihnen ein flacher und enganliegender Rücken, der Buchblock wird mit Langstichheftung ohne Bünde geheftet und die Deckel sind direkt mit dem Buchblock verbunden, jedoch nicht durch ein Vorsatz verklebt. Auch die Klappe am Buchblock ist sehr charakteristisch.
Bei der Bearbeitung islamischer Einbände wurde bisher immer davon ausgegangen, das diese Struktur eine frühe Zerstörung der Bände in sich birgt. Die Technik der Bindung wurde bei einer Restaurierung oft abgewandelt zu einem hohlen Rücken. Natürlich in bester Absicht um das Material zu schützen, aber ist dies wirklich nötig?
Karin Scheper rief dazu auf, die Besonderheiten der islamischen Bindestruktur zu respektieren und dieser keinen "westlichen Stempel" aufdrücken zu wollen. Denn mit dieser (sicher im besten Willen) geschehenen Veränderungen verliert man viele Informationen. Ein 08/15 Vorgehen ist in diesem Fall sehr gefährlich, man sollte bei Besonderheiten kritisch seine eigene Arbeit hinterfragen, sich mit Kollegen austauschen und über den eigene Tellerrand schauen um die bestmögliche Bearbeitung solcher speziellen Objekte sicherzustellen. Als besonders wichtig stellte sie auch die Dokumentation solcher Restaurierungen dar. Es wäre wahrscheinlich am besten bestehende Dokumentationsstrukturen zu erweitern und zu ergänzen wenn man es mit einer anderen Art von Bindung zu tun hat und nicht versuchen diese Bände in ein westliches Dokumentationsschema zu pressen. Sie forscht weiter auf diesem Gebeit und wird dazu eine Doktorarbeit verfassen.
Vierter Vortrag: Claudia Colini vom Zentrum für Handschriftenkunde, Universität Hamburg: ” When Conservation forgets Codicology”
Claudia Colini berichtete über Restaurierungen von orientalischen Bindungen an der Biblioteca Nazionale Dei Lincei e Corsiniana in Rom. Diese Restaurierungen wurden vor allem in den 70ziger Jahren ausgeführt und verfolgten vordringlich das Ziel die Bücher wieder benutzbar und “ordentlich” aussehen zu lassen. Dabei wurden leider viele Dinge nicht beachtet, die heute für uns Restauratoren von großer Bedeutung sind: die ausnahmslose Dokumentation des ursprünglichen Zustandes und aller Veränderungen während der Bearbeitung, die Verwendung aller Originalteile und der Anspruch die vorhandenen Technik wenn irgendwie möglich nicht zu verändern. Manchmal ist es zum Glück möglich Veränderungen nachzuvollziehen, aber oft gingen Informationen und Fragmente solcher alten Restaurierungen leider verloren. Es kam zum Verlust von Verzierungen, Inlays und Beschriftungen, zu Dimensionsänderungen oder einer falschen (nicht der ursprünglichen Heftung folgenden) Bindung oder gar der Verwechselung von Lagen. Um diese Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, schlägt Claudia Colini vor, uns mit aller Kraft zu bemühen, Verluste der Originalsubstanz auf ein Minimum zu reduzieren, die Dokumentationen und das Restaurierungsprotokollem so genau wie möglich zu verfassen, vor dem Beginn der Arbeiten sehr aufmerksam zu schauen, um den passenden Restaurierungskonzepten Folgen zu können. Des weiteren Besonderheiten, die nur bei der Restaurierung zu Tage treten ausreichend zu beschreiben und fotografisch festzuhalten, bei der Restaurierung soweit möglich das Vieraugenprinzip anzuwenden und das wir uns als Restauratoren auch kunsthistorisch weiterbilden sollten, um solche besonderen Bindungen wie z.B die arabischen so originalgetreu wie möglich restaurieren zu können.
Dritter Vortrag: Elmer Eusman Restaurator aus der Library of Congress in Washington DC, USA ” Unintended Consequences in Conservation- Personal Recollections in Conservations”
Elmar Eusman rekapitulierte in sehr anschaulicher Weise verschiedene Begebenheiten aus seiner restauratorischen Laufbahn, die er im Nachhinein als Fehler oder falsche Entscheidung sieht, die aber im Endeffekt natürlich dem Sammeln von Erfahrungen dienten. Er begann mit einem regelrechten Alptraum, der Erzeugung einer Fehlstelle in einer originalen Dürergrafik, die durch eine Unachtsamkeit passierte und die natürlich ein Schock für ihn als Student darstellte, ihm aber auch zeigte, das man immer mit großer Aufmerksamkeit bei heiklen Prozessen dabei sein muss. Das zweite Beispiel zeigte die Restaurierung einer vergilbten Grafik, die er wässerte und lichtbleichte und sich dann wunderte, das das Licht das Papier sehr unterschiedlich verändert hatte. Nach einiger Recherche im Archiv erkannte er, das es sich bei der Grafik nicht um eine reine Federzeichnung handelte, sondern um einen sehr blassen Salzpapierabzug, also eine fotografische Technik, die nachträglich weiter gezeichnet worden war. Diese Vorgehensweise würde bei Salzpapieren häufig angewendet und ist auf den ersten Blick sehr schwer zu erkennen. Das dritte Exempel nannte eine größere Aktion des Papierspaltens, bei welcher 2002 Zeitungspapiere des 19. Jhd. auf der Papierspaltmaschine im ZFB in Leipzig gespalten wurden. Neben einigen Nebenwirkungen, welche in diesem Umfang nicht ganz erwartet worden waren, die aber aufgrund des Massenverfahrens in Kauf genommen wurden, zeigt sich bei den gespaltenen Bänden heute nach 12 Jahren eine recht große Verwerfung zwischen dem neuen angefaserten Material und dem schwächeren originalen Zeitungspapier. Diese Tellerung der Blätter hatte man so nicht erwartet. Als letztes sprach Elmer Eusman schließlich über Experimente, die er rund um den Russel- Effect machte. Dieser Effekt besagt, das Schadstoffe bei einem halb in Wasser gehängten Papierstreifens immer zur “Tideline”, also zur Wasser/ Trockengrenze wandern. Diesen Effekt vermutete er auch bei Passepartouts und evaluierte dies mit einer sehr sensitiven Filmeinlage, an dieser dies abzulesen war. Und er wunderte sich im Nachhinein sehr , das dieser Effekt an der Grenze an der der obere und untere Karton übereinanderliegen klar erkennbar ist und die Verwendung von Passepartouts zur Diskussion stellt. In seiner Zusammenfassung ermutigte der Restaurator alle Kollegen, immer wachsam zu bleiben und sich Entscheidungen nicht zu leicht zu machen, da diese gerade in unserem Bereich weitreichende Folgen haben können. Man sollte sich selbst und erreichte Ergebnisse immer kritisch hinterfragen und sich von Rückschlägen nicht entmutigen, von Erfolgen aber auch nicht zu sehr euphorisieren lassen und dann jede Vorsicht vergessen. Sein Rat für Entscheidungen ist dreigeteilt: zum einen keinen Superioritätskomplex zulassen, also nicht denken das man alles weiß und alles kann, sich ein Quentchen Unsicherheit bewahren, der einen antreibt z.B. eine zweite Meinung einzuholen oder Sachverhalte noch mal genauer nachzulesen und zum letzten seine Impulse zu kontrollieren und nicht aus einer Euphorie oder auch Enttäuschung heraus vorschnell zu urteilen und zu handeln.
Tuschinski Pathe- wunderbares Art Deco Kino mitten in der Stadt. In den plüschigen Samtsessel im opernartigen Kinosaal versinkt sogar angeblich die Königsfamilie gern mal. http://de.wikipedia.org/wiki/Tuschinski-Theater
Etwas Sightseeing muss natürlich auch sein. #rembrandtsplein
Charakteristisch für Wohnhäuser in Amsterdam: leicht nach vorn und zur Seite geneigte Wände, damit das Regenwasser gut ablaufen kann und die recht dünnen Häuserwände keinen Schaden nehmen. Dann Lasthaken ganz oben an jedem Haus um bei Umzügen die Möbel in obere Stadtwerke zu transportieren, die Treppenhäuser sind nämlich sehr steil und eng um keinen Wohnplatz zu verschwenden. Solche interessanten Infos gab es auf der City Tour zu hören, bei der über den Büchermarkt, zu Rembrandts Wohnhaus oder einem städtischen historischen “Armenhaus”, welches heute von angehenden Nonnen bewohnt wird, geführt wurde.
Massenentsäuerung, Boxing und Digitalisierung
Im zweiten Teil des Workshops an der königlichen Bibliothek in Den Haag stellten uns drei Kollegen Aspekte der massenhaften Bestandserhaltung und deren Entwicklung im Laufe der Jahre vor. Den Anfang machte Paulien Rings mit der Schutzverpackung von Sammlungsgut. Sie berichtete das man in den 80/90 ziger Jahren in Niederlanden ein großes Projekt mit dem Namen Metamorphoze startete welches neben Entsäuerung und Notfallplanung u.a. auch das Boxing enthielt. Erste Versuche wurden mit Tyvekumschlägen gemacht, welche aber nicht passgenau waren und schnell verknitterten, sowie keinen ausreichenden Schutz boten. Es wurde damals viel diskutiert, ob man alles einhausen oder lieber die Klimaverhältnisse und die Hygiene in den Magazinräumen aufwändig verbessern sollte. Heute haust man vor allem empfindliche, seltene oder besonders wertvolle Objekte ein. Man benutzt dafür einfache Umschlag-Behältnisse aus Wellkartonagen, welche passgenau zum Objekt im Haus angefertigt werden. Henk Porck sprach über die Massentsäuerung. Die einzelnen Verfahren am Markt wurden lange Zeit eingehend geprüft und man hatte sich für das Bookkeeperverfahren entschieden. Damit wurden 4000 Bände behandelt. Man hat sich aber bis heute nicht zu einer großflächige Behandlung durchringen können. Denn dies ist keine reine fachliche Frage sondern auch eine finanzielle und politische. Das Thema “Cold Storage” würde auch von einigen Kollegen angesprochen und als Alternative, zur Entsäuerung diskutiert. Damit sind aber sehr hohe Lagerungskosten verbunden, auch sind die Bestände dann nicht wirklich nutzbar. Philosophiert wurde auch über eine ” Wundermaschine”, welche im großen Stil Blatt für Blatt reinigen, entsäuern, sowie festigen können sollte. Leider gibt es dies noch nicht wirklich, stellte die Runde enttäuscht fest. Das letzte Fachthema schnitt Gabrielle Bentjes mit der Digitalisierung an. Sie führte aus das kontinuierlich digitalisiert wird, das aber alles noch im Fluss ist, besonders die Strategie der Speicherung, der Struktur und der Metadaten. Es wird überwiegend mit tiff und jpeg2000 gearbeitet. Es entspannen sich lebhafte Diskussionen ( z.B. ” ist Digitalisierung nur ein Hype?”) zwischen den Teilnehmer und es wurde allen bewusst wie fruchtbar und hilfreich ein länderübergreifender Fachaustausch sein kann und das dies unbedingt weiter gepflegt werden sollte.